Krefeld, Ballett: „Der Sandmann“, Boris Randzio / „shift.er.s“, Hugo Viera

Im Jahr 2007 übernahm Robert North die Leitung der Ballettsparte am Theater Krefeld und Mönchengladbach. Entsprechend haben sich in dieser langen Zeit auch die Sehgewohnheiten des Publikums geprägt. Mit Beginn dieser Spielzeit hat Manuel Gross die Position des Ballettdirektors von Robert North übernommen. In dieser Position legt er besonderen Wert darauf, dem Publikum ein möglichst breites Spektrum des Tanzes vorzustellen. Das Theater hat sich dazu entschieden, zukünftig verstärkt auf Uraufführungen junger Choreografen zu setzen und den Gastchoreografen hierbei bewusst die Möglichkeit einzuräumen, im Sinne der Kunstfreiheit ohne großen Erwartungsdruck zu agieren. Nachdem die in dieser Spielzeit neu geschaffene Reihe KRMG.tanz mit den Übernahmepremieren von Carmen und Überraschung von Robert North gestartet wurde, folgte mit einer kleineren Studioproduktion im Theater Mönchengladbach ein erster Vorgeschmack auf die zukünftige Programmgestaltung. Nach einer weiteren North-Premiere im März in Mönchengladbach fand mit KRMG.tanz 5 am 23. Mai 2026 die erste große Bewährungsprobe des neuen Konzepts statt. Unter dem Titel Der Sandmann / shift.er.s stehen zwei Choreografien von Boris Randzio und Hugo Viera auf dem Spielplan.

Der Sandmann / © Matthias Stutte

Die Erzählung Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann ist über 200 Jahre alt. Mit ihr kam Boris Randzio erstmals als Schullektüre in Berührung. Er war schnell von der dunklen Geschichte fasziniert, in der die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. In seiner Arbeit für das Theater Krefeld und Mönchengladbach setzt sich der Choreograph nun tänzerisch mit dem Stoff auseinander und fokussiert sich hierbei vor allem auf das Schicksal des Studenten Nathanael. Da sich die Geschichte ohnehin nicht komplett in rund 50 Minuten verarbeiten lässt, erscheint dieser Ansatz logisch. Grundkenntnisse der Geschichte sind für Zuschauer allerdings sehr hilfreich, um tiefer in die Choreographie abtauchen zu können. Doch auch ohne diese wird Nathanaels ursprüngliche Liebe zu Clara auf der Bühne nachvollziehbar dargestellt, bevor er sich in die scheinbar perfekte, aber emotionslose Olimpia verliebt, die er zunächst gar nicht als künstlich geschaffene Puppe erkennt. Hier liegt ein Vergleich mit der aktuellen KI-Technik nahe, die dem Benutzer auch ein positives Feedback vermitteln will, obwohl in der Realität lediglich kalte und emotionslose Rechenoperationen durchgeführt werden. Eine Besonderheit dieser Choreographie ist, dass neben der Musik auch gesprochene Texte verwendet werden. Dies ist gleich zu Beginn des Abends der Fall. Einige Zuschauer sind sichtlich verwirrt, wenngleich Radoslaw Rusiecki zu den Auszügen aus dem Sandmann, von Boris Randzio atmosphärisch eingesprochen, eine starke tänzerische Leistung auf die Bühne bringt, die sich zudem von Szene zu Szene steigert. Das ist ganz große Tanzkunst. Ebenso beeindruckend ist das gesprochene Intermezzo, in dem es um den Tod des Vaters geht. Durch den gesprochenen Text erhält es einen sehr bedrohlichen Charakter. Hierzu steuert Rusiecki einen beweglichen Scheinwerfer wie einen Tanzpartner über die Bühne.

Der Sandmann / © Matthias Stutte

In den beiden weiblichen Hauptrollen wissen Jessica Gillo als Clara und Eleonora Viliani als Olimpia zu überzeugen. Stefano Vangelista tanzt leidenschaftlich in der Rolle des Lothar, während Alessandro Borghesani einen stellenweise angsteinflößenden Spalanzani verkörpert. Geschickt setzt Boris Randzio auch immer wieder die gesamte Ballettcompagnie in großen Gruppenszenen ein. Die Kostüme sind für die dunkle Geschichte auffallend bunt gestaltet. Kostümbildnerin Louise Flanagan erwähnt hierzu im Programmheft den Ansatz, dass das Gesicht und die Erscheinung von Coppelius mit vielen Farben beschrieben werden, die allesamt in das Kostümbild eingeflossen sind. Auch die Musikstücke sind passend ausgewählt und sorgen für gute Unterhaltung. Insgesamt ist Der Sandmann anders als vieles, was man in den letzten Jahren vom Ballett des Theaters Krefeld und Mönchengladbach gesehen hat. Zwar waren in der Pause auch kritische Stimmen von Abonnenten zu hören, dennoch war es interessant, viele Tänzer und Tänzerinnen einmal in völlig neuen und unerwarteten Choreografien zu erleben. Am Ende des ersten Akts gab es folglich großen Applaus für die Solisten, das Ballettensemble und das Kreativteam dieser sehenswerten Arbeit.

shift.er.s / © Matthias Stutte

Dies galt, um es vorwegzunehmen, auch für den zweiten Teil des Abends. Der Titel shift.er.s ist hierbei ein Wortkonstrukt, um die Themen Verlagerung (engl. „Shift”), Veränderung oder Transformation sowie die Akteure und Betroffenen dieses Wandels zu beschreiben. Auch hier wird die Musik durch Sprechtexte ergänzt, die vom Schauspieler Henning Kallweit vorgetragen werden. Er steht bereits vor Beginn des zweiten Akts auf der Bühne und läuft dort seine Runden. Die Bühnenarbeiter bringen unterdessen die letzten Platten des auf der linken Bühnenseite aufgebauten Podestes herein. Im Hintergrund befindet sich eine große Metallwand. Dazu erklingt ein eindringliches Brummen aus den Lautsprechern. Mit dem Erlöschen der Saalbeleuchtung beginnt Henning Kallweit einen längeren Monolog, in dem es um die Veränderung durch permanente kleine Bewegungen geht: „Shift ist kein Ereignis. Es ist ein Prozess. Ein Körper bewegt sich. Eine Kraft wirkt. Energie wird neu verteilt. Nichts verschwindet. Es ordnet sich neu. (…) Nichts bleibt unverändert. Nicht Materie. Nicht Erinnerung. Nicht der Blick auf sich selbst. Nicht das Verhältnis zu dem, was man liebt. Shift ist kein Fehler im System. Er ist das System in Bewegung.“

shift.er.s / © Matthias Stutte

Vor diesem Hintergrund schuf Hugo Viera eine Choreografie für einen Tänzer und eine Tänzerin, die Elemente des klassischen Balletts mit der ausdrucksstarken Freiheit des modernen Tanzes verbindet. Bei der Premiere tanzten Kotori Sasago und Marko Martic. Zunächst steht Kotori Sasago allein auf der Bühne und bewegt sich zu akustischen Geräuschen. Später kommt Marko Martic hinzu und die Geräusche machen der Musik Platz. Mal tanzen beide gemeinsam, mal tanzt jeder für sich. Und doch wirkt alles von vorne bis hinten gut durchdacht. Wie schon vor der Pause ist auch hier die Musikauswahl sehr gelungen. Hinzu kommt die starke Wirkung der Bühne, auf der viel Bühnennebel eingesetzt wird. Am Ende des Abends steht, wie bereits erwähnt, großer Jubel für die drei Akteure auf der Bühne und die Choreographie. Eine Besucherin fasste es beim Verlassen des Theaters wie folgt zusammen: „Das war ganz anders als erwartet, aber es war richtig toll.“ Das kann man in der Tat so sagen, und es zeigt, dass die Pläne der neuen Ballettleitung offenbar aufgegangen sind. Wenn es in dieser Form weitergeht, darf man sich in den kommenden Spielzeiten am Niederrhein auf viele spannende Ballettabende freuen. Allerdings dürfte der Erwartungsdruck für die Künstler dann doch etwas zunehmen – wenn auch nicht vonseiten der Theaterleitung, so doch vonseiten der Zuschauer –, da mit KRMG.tanz 5 die Messlatte gleich zu Beginn sehr hoch angelegt wurde.

Markus Lamers, 25. Mai 2026


Der Sandmann / shift.er.s
Ballettabend mit zwei Uraufführungen von Boris Randzio und Hugo Viera mit Musik von Ryuichi Sakamoto & Alva Noto, Animal Collective, Heinrich Ignaz Franz Biber, Lou Reed und Wolfgang von Schweinitz (Der Sandmann) sowie Ludwig Göransson, Dirk Maassen, Max Richter, Travis Lake und Christophe Zurfluh (shift.er.s)

Theater Krefeld

Uraufführung: 23. Mai 2026

Choreographie: Boris Randzio / Hugo Viera

Probeneinblicke

Weitere Aufführungen: 28. Mai, 31. Mai, 6. Juni, 7. Juni, 12. Juni, 21. Juni, 24. Juni. 10. Juli und ab dem 27. September 2026 im Theater Mönchengladbach