
Eine sensationelle, gleichwohl ungemütliche Produktion der Salome von Richard Strauss gelingt dem Theater Hagen. Regisseurin Noa Naamat löst die Figuren aus ihrem orientalischen Kontext; stattdessen analysiert sie ihre von Liebe, Erotik und Sexualität geprägten Beziehungen zueinander. Damit katapultiert sie das einstige Skandalstück in die Gegenwart und stellt die nötigen Fragen nach Werten und Verantwortung. Mit höchster sängerischer und darstellerischer Intensität realisieren alle Ausführenden ihr Konzept, allen voran Serenad Uyar in der Titelrolle, die als Opfer von kindlichem Missbrauch durch Herodes (großartig: Richard van Gemert) nach Liebe sucht, die ihr von Jochanaan (eindrucksvoll: Insu Hwang) verweigert wird, und zur Rächerin wird. Das Philharmonische Orchester Hagen unter Sebastian Lang-Lessing liefert dazu einen famosen Soundtrack. Ein spektakuläres Bühnenbild verdeutlicht, wie die Figuren auf sich geworfen und voneinander abhängig sind. Diese knappen zwei Stunden mit einem furiosen Finale sind aufregender als jede Kino- oder Netflix-Produktion und wirken noch lange nach.
Bernhard Stoelzel, 26. Mai 2026