Prag: „Dialogues des Carmélites“, Francis Poulenc

Angst, Hoffnung und Mut nicht nur hinter dem Eisernen Vorhang

In der Opernsaison 2025/26 führten mehrere Opernhäuser Poulencs Dialogues des Carmélites auf. Auch die Prager Staatsoper präsentiert eine neue Inszenierung. Diese verlegt das Martyrium der Ordensschwestern aus der Zeit der französischen Terrorherrschaft in die tschechoslowakischen 1950er Jahre. Zwar ist diese Rekontextualisierung oft etwas ästhetisch aufdringlich, doch gelingt es der Oper, ein überzeugendes Zeugnis von dem zeitübergreifenden Gewissenskampf zwischen Angst und Mut abzulegen.

© Petr Neubert

Der Weg der Karmelitinnen durch die Geschichte

Am 17. Juli 1794 wurden in Paris 16 Karmelitinnen hingerichtet, die sich geweigert hatten, ihr Ordensgelübde zu brechen. Auf dem Weg zum Schafott und während der Hinrichtung sangen die Nonnen Psalmen und Hymnen. Diese Geschichte nahm die deutsche katholische Schriftstellerin Gertrud von le Fort zur Grundlage für ihre Erzählung Die Letzte am Schafott (1931). Georges Bernanos griff die Erzählung auf und veröffentlichte den Text nach dem Krieg als Drehbuch unter dem Titel Dialogues des Carmélites. Schließlich nahm sich Francis Poulenc des Drehbuchs an, dessen Oper 1957 uraufgeführt wurde.

Als gläubiger Katholik versucht Poulenc in seiner Oper, der Ernsthaftigkeit des Themas gerecht zu werden, und möchte dem Publikum neben der Katharsis auch Ehrfurcht vor den im Jahr 2024 heiliggesprochenen Ordensschwestern vermitteln. Textlich bleibt er dem Drehbuch von Bernanos treu, kürzt dieses jedoch, um es für die Opernbühne geeigneter zu machen. Musikalisch stellt ‚Die Karmelitinnen‘ keine bahnbrechende Oper dar. Sie ist regelrecht melodisch und basiert auf thematischen Motiven, was bedeutet, dass sie im Vergleich zu den zur gleichen Zeit entstandenen Zwölftonopern sehr traditionell ist. Wenn Poulenc von sich selbst behauptet, er sei „halb Schelm, halb Mönch“, so tritt in Dialogues des Carmélites nur seine mönchische Seite zutage.

Zur gleichen Zeit, als Poulenc die Oper komponiert, ist in der Tschechoslowakei eine gewaltsame Verfolgung der Kirche im Gange. 1950 kommt es zur sogenannten Aktion Ř: Frauenklöster werden gewaltsam geräumt und ein Teil der Ordensschwestern in Arbeitslager deportiert. Vor diesem Hintergrund versetzt die Regisseurin Barbora Horáková Joly ihre Inszenierung. Die Hauptfiguren sind also nach wie vor Ordensschwestern und der Unterdrücker ist der Staat, wenngleich nicht das Frankreich unter Robespierre, sondern die stalinistische Tschechoslowakei. Trotz dieser Aktualisierung geht die Inszenierung nicht so weit, einen völlig neuen Handlungsrahmen zu schaffen, wie es beispielsweise bei der neuen Stuttgarter Inszenierung der Fall ist, in der die Karmelitinnen explizit eine revolutionäre feministische Gemeinschaft darstellen.

© Petr Neubert

Gärten und Gräber

Beim Betreten des Saals der Prager Staatsoper wird das Publikum von einem auf den heruntergelassenen eisernen Vorhang projizierten Text begrüßt. Dieser stellt die Geschichte der sechzehn in Paris hingerichteten Karmelitinnen sowie die Aktion Ř vor und versteht sie als Teil des Kampfes des Gewissens: „In der Geschichte wechseln die Kulissen. Das Wesen des menschlichen Kampfes bleibt jedoch dasselbe.“

Nach dem Heben des Vorhangs, der der abgeriegelten Grenze zwischen Ost und West ihren Namen gab, sehen wir denselben Text auf einem durchsichtigen Vorhang. Durch die zwei Vorhänge – einen, der ausschließlich an das Publikum gerichtet ist, und einem, der die Beziehung zwischen Publikum und Bühne herstellt – zeigt sich schon die Absicht, das Publikum in das ethische Drama hineinzuziehen.

Die Bühnenbildgestaltung (Ines Nadler) hält sich an den Minimalismus und die Kraft der Symbolik. Die Szenen im Schloss der Familie de la Force spielen sich in einer Bibliothek ab, die lediglich aus einem großen Bücherregal und einem Pietà-Gemälde besteht. Somit fehlt der Bibliothek jegliche Opulenz eines Rokoko-Schlosses des 18. Jahrhunderts und sie könnte genauso gut die Bibliothek tschechoslowakischer katholischer Intellektueller sein.

Alle anderen Szenen werden von 16 quadratischen Plattformen dominiert, die an Seilen hängen. Von oben betrachtet sind es Gärten, von unten Spiegel. Im ersten Akt bearbeiten die Schwestern die Beete auf den Ebenen, was nicht ganz zum Libretto passt, in dem sie vom Bügeln von Kleidung singen. Die Bedeutung des Wechsels der Arbeitstätigkeit wird jedoch deutlich, als am Ende des ersten Akts die Priorin stirbt und einer der Gärten zu einem Grab wird.

© Petr Neubert

In einem Interview mit dem Tschechischen Rundfunk sagte die Regisseurin der Inszenierung, die Arbeit der Nonnen im Garten sei eigentlich das „Graben ihres eigenen Grabes“. In der letzten und vielleicht eindrucksvollsten Szene der gesamten Oper stehen die Karmelitinnen nämlich jeweils auf einem Beet. Vor ihnen stehen weiße Kreuze und über ihnen leuchten Scheinwerfer. Der gemeinsame Gesang der Hymne Salve Regina wird wiederholt von der Guillotine unterbrochen: Bei jedem Klingen der Guillotine erlischt ein Scheinwerfer und die Karmelitin darunter fällt in das von ihr selbst gegrabene (und bepflanzte) Grab.

Zu Beginn der Hinrichtungsszene ist die einzige leere Plattform die, auf der sich das Grab der Oberin befindet. Erst während des Gesangs stellt sich die Hauptfigur der Oper, Blanche de la Force, darauf. Dadurch wird auch räumlich die Beziehung zwischen Blanche und der Priorin unterstrichen. Die Priorin erkannte nämlich in der Novizin eine Seelenverwandte, da sie von einer ähnlichen Todesangst geplagt war. Während die Priorin bei ihrem natürlichen Tod dieser Angst erliegt und sich dem Tod um jeden Preis widersetzt, schreitet Blanche mutig ihrem tragischen Schicksal entgegen und schließt sich ihren Schwestern auf dem Schafott an.

Die Nonnen begegnen der Todesangst durch einen festen Glauben an die Auferstehung. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Arbeit in den Gärten nicht nur das Graben der eigenen Gräber, sondern auch ein Ausdruck der Hoffnung auf die Auferstehung. Diese Hoffnung kommt am Ende gerade auch in den Blumen zum Ausdruck, die auf den Gräbern der Nonnen blühen.

© Petr Neubert

Bäuerinnen und Schweine

Die Inszenierung spielt nicht nur hervorragend mit den inneren Zusammenhängen innerhalb der Opernhandlung (wie dem gemeinsamen Grab der Priorin und Blanche), sondern auch mit Bezügen zum historischen Kontext. So tragen die Nonnen neben ihren Ordensgewändern auch Arbeitskleidung. Diese ähnelt der Kleidung der Menschen in den aufgeregten Menschenmengen auf den in der Oper gezeigten schwarz-weißen historischen Aufnahmen aus den 1950er Jahren. Der einfache, arme Bauer war nämlich eine der führenden Figuren des kommunistischen Regimes. Die Besetzung der Nonnen in den Rollen armer Bäuerinnen unterstreicht die tyrannische Willkür und damit die Tragik ihres Todes.

Die aufgebrachte Menge funktioniert gut, solange sie im Hintergrund projiziert wird. Sobald jedoch die Milizionäre und die manipulierte Menschenmenge selbst die Bühne betreten, um die Karmelitinnen zu verhaften, wirkt sie unglaubwürdig, stellenweise nahezu parodistisch. So hätte sich die ansonsten sehr intim-spirituelle Inszenierung beispielsweise die Szene sparen können, in der die Milizionäre die Ordensschwestern entkleiden und sexuell belästigen. Ebenso hätte man die Andeutungen einer inzestuösen Liebe von Blanches Bruder, Chevalier de la Force, weglassen können.

Die Schwarz-Weiß-Projektion im Moment der Verhaftung der Karmelitinnen weicht einem Farbvideo mit Schweinen. Dies könnte eine Anspielung auf Orwells Farm der Tiere sein. Diese hat mit der Inszenierung zwar das Thema der stalinistischen Machtergreifung gemeinsam, aber sonst nichts. Die Karmelitinnen sind nämlich vom Rest der Welt abgeschnitten, und die Oper behandelt daher eher intimere politische Themen, vor allem die Angst und den Mut, sich einer tyrannischen Macht entgegenzustellen. Deshalb wirkt diese Projektion eher störend.

Im Gegensatz dazu heben die Projektionen mit den Titeln „Das Evangelium nach …“ mit jeweils einem Namen der Heldinnen auf eindrucksvolle Weise den weiblichen Widerstand und die weibliche Spiritualität in der Oper hervor. Im Laufe der Dialoge mit Blanche stellt sich nämlich jede der Hauptfiguren vor und präsentiert dabei auch ihre Sicht auf Glauben, Angst, Tod, Mut und letztendlich den bevorstehenden Märtyrertod. Die auf den Hintergrund geworfenen Nahaufnahmen der einzelnen Heldinnen im Stil der tschechoslowakischen Neuen Welle unterstreichen die vielfältigen und kontrastierenden Weltanschauungen und Todesbetrachtungen der Ordensschwestern.

Insgesamt ist die Projektion ein legitimer ergänzender Bestandteil der minimalistischen Inszenierung. Sie beeinträchtigt jedoch manchmal den intimen Charakter der Oper. Die Entscheidung, die Hinrichtungsszene ohne Video zu belassen, ist definitiv richtig. Vielleicht hätte die Regie diese Entscheidung auch in anderen Fällen treffen sollen.

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Musik der Frauen

Jana Sibera übernimmt die Hauptrolle der Blanche de la Force und liefert eine hervorragende schauspielerische Leistung ab. Gesanglich liegen ihr die intimen, lyrischen Passagen, also die Dialoge der Karmelitinnen im engeren Sinne, am besten. In den emotional aufgeladenen Forte-Passagen kann sie sich jedoch manchmal nicht gegen das Orchester durchsetzen. Ekaterina Krovateva verkörpert die kindliche Schwester Constance vom heiligen Dionysius, die grenzenlos an Gottes Güte glaubt, sehr treu. Ihr Sopran ist durchdringend, wenn auch stellenweise intonatorisch ungenau.

Eine stabile vokale Leistung zeigt Tamara Morozová als Priorin de Croissy. Ihr schauspielerischer Einsatz beim hoffnungslosen Sterben wirkt jedoch weniger überzeugend. Aus den Nebenrollen ist Paul Gay als Marquis de la Force hervorzuheben, der sowohl stimmlich als auch schauspielerisch der Rolle des strengen und fürsorglichen Vaters von Blanche gerecht wird.

Dialogues des Carmélites ist eine der wenigen Opern, in denen Frauen die Hauptrolle spielen: Die Auftritte männlicher Figuren sind hier nur episodisch. Bei einigen Vorstellungen leitet die Dirigentin Anna Pozidis das Orchester anstelle von Hermann Bäumer, der die Oper einstudiert hat. Sie hetzt das Orchester nicht unnötig und schleppt auch nicht, was Gesang und Orchester zu einer Einheit vereint. Das Orchester der Staatsoper zeigt eine gute Leistung und abgesehen von einigen ungeschickt abgeschnittenen Phrasen in den lyrischen Zwischenspielen gibt es daran nicht viel auszusetzen.

Spiritualität und Gewissen

Die Dialogues des Carmélites an der Staatsoper in Prag verlagern das Drama der ermordeten Ordensschwestern hinter den Eisernen Vorhang. So gekünstelt diese Aktualisierung auch wirken mag, so gelingt es ihr doch, mit minimalistischen, symbolischen Mitteln die Zeitlosigkeit des inneren Gewissenskampfs in Zeiten der Tyrannei zu vermitteln – sei es die französische Terrorherrschaft, die stalinistische Tschechoslowakei oder ein ganz anderes Regime. Die Inszenierung nimmt die Spiritualität der Geschichte und die Heiligkeit der Karmelitinnen ernst. Zugleich zieht sie durch die intime Darstellung der inneren Kämpfe der einzelnen Figuren jeden von uns in ihre Dilemmata hinein. Denn die Entscheidung zwischen Unterwerfung unter die Tyrannei und dem Finden von genügend Mut, ein reines Gewissen zu bewahren, kann jeden Menschen betreffen.

Šimon Kinc 3. Juni 2026 (Gastkritik)


Dialogues des Carmélites
Francis Poulenc
Prager Staatsoper

31. Mai 2026

Regie: Barbora Horáková Joly
Dirigentin: Anna Pozidis
Orchester der Staatsoper Prag

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