Der kürzlich verstorbene Musikkritiker und „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting hatte zu Jahresbeginn in einem schlecht gelaunten Zeitungsbeitrag den Mangel an „big voices“ beklagt, welche die großen Zuschauerräume etwa der MET in New York oder das Festspielhaus in Salzburg akustisch füllen könnte. Das ist für den Alltag der Musiktheater aber kein tauglicher Maßstab, denn hier hat man es selbst an bedeutenden Häusern wie Frankfurt, Stuttgart, Dresden, der Lindenoper oder gar in Zürich mit vergleichsweise kompakten Zuschauerräumen zu tun, bei denen das Stimmvolumen nicht die entscheidende Kategorie ist. Immerhin hatte der Großkritiker in dem besagten Artikel eingeräumt, daß „Mozart und seine barocken Vorläufer … heute oft wunderbar gesungen [werden], besonders in kleineren Theatern“. Das kann man für die letzte Produktion der zurückliegenden Saison in Wiesbaden doppelt unterstreichen. Hier war in allen Partien eine Besetzung am Start, wie man sie sich kaum rollendeckender und ausgewogener hätte wünschen können.

Josefine Mindus (Despina), Jack Lee (Guglielmo), Camille Sherman (Dorabella), Hovhannes Karapetyan (Don Alfonso), Lena Geiger (Fiordiligi), Katleho Mokhoabane (Ferrando)
© Max Borchardt
Besonders hatten wir uns auf den Ferrando von Katleho Mokhoabane gefreut, den wir im vergangenen Jahr in Haydns Schöpfung mit seinem strahlend hellen, lyrischen Tenor kennengelernt und zuletzt in den kleinen Partien des Seemanns und des Hirten in Tristan und Isolde bewundert hatten. Der junge Sänger hat die dadurch geweckten Erwartungen erfüllt. Schon in „Una bella Serenata“ am Anfang überzeugte er mit frischem, leidenschaftlichem Vortrag. Der Prüfstein für den Ferrando ist jedoch „Un aura amorosa“. Hier muß ein Sänger zunächst die lyrische Grundstimmung treffen, dann den heiklen Übergang nach dem Mittelteil zur Reprise des ersten gestalten und schließlich in der Reprise den Ton untergründiger Melancholie erfassen, der deutlich macht, daß hier eben nicht nur der erste Teil wiederholt wird. Das alles ist Mokhoabane fabelhaft gelungen. Leider wurde die Freude daran in der besuchten Vorstellung von einem jener rücksichtslosen Dumpfbacken erheblich eingetrübt, die aus Ignoranz, Respektlosigkeit, Asozialität oder Blödheit trotz der Aufforderungen zu Beginn der Vorstellungen nicht ihr Smartphone ausschalten. So dudelte punktgenau in die wunderbar schwebend gesungene Übergangsphrase ein Klingelton hinein, der schier nicht mehr aufhören wollte. Und weil das des Banausentums noch nicht genug war, tönte es in die innig gestaltete Reprise gleich noch einmal hinein. Wäre es zu viel verlangt, für derartige Störungen Hausverbote zu verhängen?
Zu großer Form lief auch Hovhannes Karapetyan als Don Alfonso auf. Schon im Libretto von Lorenzo Da Ponte fungiert die Figur als Strippenzieher eines nur vordergründig lustigen Spiels um Treue, Verstellung und Verrat, das in Wirklichkeit ein grausames Menschenexperiment ist, welches am Ende seine Protagonisten desillusioniert und seelisch verwundet zurückläßt. Marie-Ève Signeyrole zeigt dieses Menschenexperiment tatsächlich als akademische Versuchsanordnung. Sie verlegt die Handlung in die Gegenwart und läßt sie an einer Kunsthochschule spielen. Don Alfonso ist hier ein Professor, der seinen Studenten das Menschenexperiment um Verführbarkeit und Treue präsentiert. Das Bühnenbild zeigt dazu aufsteigende Ränge eines Hörsaales. Diese in schlichtem Holz gehaltenen Stufen dienen als Sitzplätze für die Studenten, lassen sich in der Mitte teilen und auseinanderschieben, so daß ohne aufwändige Umbauten immer wieder neue Raumeindrücke entstehen. „Professor“ Alfonso erläutert zu Beginn den Versuchsaufbau in unbegleiteten Sprechtexten und kommentiert ebenso das Geschehen über den gesamten Verlauf des Abends. Der Text dazu ist auf Italienisch verfaßt, so daß hier kein Bruch zu den Rezitativen und Arien entsteht. Karapetyan trug diesen Text engagiert und mit einer Selbstverständlichkeit vor, die dabei half, den Eingriff in die Originalgestalt des Librettos als überzeugende Weiterentwicklung wahrzunehmen. Sein kerniger Baßbariton paßte zudem musikalisch ausgezeichnet zu der Partie, so daß insgesamt eine fabelhafte sängerisch-schauspielerische Gesamtleistung zu bewundern war.

Auch das von uns immer wieder kritisch gesehene Regiemittel der Einblendung von Aufnahmen einer Livekamera wird sinnvoll eingesetzt. Wenn etwa im zweiten Akt Guglielmo der gelungenen Verführung seiner Verlobten durch Ferrando zusehen muß, sieht man Jack Lee in der Rolle des Betrogenen scheinbar regungslos auf einer der Stufen sitzen. Die Kamera aber nimmt dazu sein Gesicht in den Fokus, das zugleich als Projektion zu sehen ist. Darin spiegeln sich Fassungslosigkeit, Wut, Verzweiflung und Trauer zugleich. Daß es dem jungen Sänger gelungen ist, dies in seiner Mimik aufzufangen, hätte man ohne Kamera-Zoom vom Zuschauerraum aus nicht bemerkt. Auch bei ihm: Darstellung und musikalische Gestaltung mit einem saftig-virilen Bariton treffen sich in einer überzeugenden Gesamtleistung.
Zuvor hatten die Kamerabilder Nahaufnahmen von reifem Obst gezeigt, das den Studenten als Anschauungsobjekt und Vorlage für Zeichnungen dient. Immer wieder greifen sie in die prallen Früchte hinein, so daß deren Saft austritt und das Fruchtfleisch hervorquillt. Die Projektionen inszenieren das in einer Sinnlichkeit, die sehr gut zu dem sich immer stärker erotisch aufladenden Geschehen paßt. Auch die Präsentation von nackten Statisten als Modelle für Aktstudien wirkt in diesem Zusammenhang nicht als willkürliche Regiezutat. Die Wiesbadener Dramaturgie hat wieder ein informatives Begleitheft erstellt, das den Regieansatz anschaulich und plausibel erläutert. Das hilft bei der Vertiefung und Einordnung der Eindrücke. Zu den Qualitäten der Produktion gehört aber, daß sie aus sich heraus verständlich ist und die Handlung im gewählten Setting flüssig erzählt.
Die in der Vorankündigung etwas vollmundig als „hochgradig immersiv“ angekündigte Einbeziehung von Teilen des Publikums wirkt in der Umsetzung (glücklicherweise) harmlos und den Handlungsverlauf kaum berührend: Es wurden im Vorfeld einfach einige junge Paare ausgewählt, die als Statisten auf den Hörsaalstufen der Bühne Platz nehmen und dort die Studenten darstellen. Nur an wenigen Stellen werden sie einbezogen, etwa wenn der librettogerechte Topf mit der flüssigen Schokolade, welche Despina zu rühren hat, durch die Reihen zum Naschen gereicht wird.
Man kann der Hausleitung insgesamt bescheinigen, daß diese Übernahme einer Produktion der Opera national de Lyon gelungen ist. Zuletzt war ja wieder die Rede davon, daß angesichts angekündigter Sparmaßnahmen bei den hessischen Staatstheatern das Wiesbadener Haus verstärkt auf Koproduktionen und Übernahmen setzen wird. Bei der Così hat die Intendanz dabei wie im vergangenen Jahr bei den Perlenfischern eine glückliche Hand bewiesen. Wenn man dadurch die Mitglieder des hauseigenen Ensembles halten und ihnen attraktive Rollen anbieten kann, ist das eine Win-Win-Situation für Publikum und Künstler. Neben den bereits genannten männlichen Protagonisten waren das hier Lena Geiger als Fiordiligi mit blühendem Sopran, Camille Sherman mit klarem und höhensicheren Mezzo als Dorabella sowie Josefine Mindus, deren glockenhelle und koloraturgeläufige Stimme ideal zur Despina paßte.

Schließlich zeigte sich auch das Staatsorchester unter der Leitung seines Chefs Leo McFall in guter Form. Wie vor einem Jahr in Haydns Schöpfung machten die Musiker die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis für sich fruchtbar mit sparsam dosierten Vibrato bei den Streichern, sprechender Phrasierung und großer Transparenz. McFall wählte dabei mitunter rasche Tempi und arbeitete dynamische Kontraste deutlich heraus. Delikate Holzbläserfarben und knackige Akzente von Trompeten und Pauke fügten sich in einen gut ausbalancierten Gesamtklang.
Das Staatstheater Wiesbaden hat mit dieser Produktion eine kontrastreiche Spielzeit erfolgreich abgeschlossen.
Michael Demel, 18. Juli 2026
Così fan tutte
Dramma giocoso in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Staatstheater Wiesbaden
Besuchte Aufführung: 21. Juni 2026
Premiere am 17. Juni 2026
Inszenierung: Marie-Ève Signeyrole
Musikalische Leitung: Leo McFall
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden