Zürich, Ballett: „Romeo und Julia“, Sergej Prokofjew

Wer kennt Sie nicht, die dramatische Geschichte der zwei Liebenden aus verfeindeten Familien in Verona? Die Tragödie von William Shakespeare wurde unzählige Male als Theaterstück, Ballett und im Film verewigt und ist bis heute ein romantisches Sinnbild für die große Liebe

Das Szenarium stammt von Cathy Marston und Edward Kemp. Das Bühnenbild und die ästhetischen Kostüme stammen von David Fleischer und für die Lichtgestaltung war Martin Gebhard zuständig. So entstand ein ansprechender Raum für die Handlung. Für die choreographische Inszenierung des Stoffs verzichtet Cathy Marston auf einige gängige Klischees, welche mit der Handlung verbunden sind. So erleben wir keinen großen Kampf mit Schwertern und kein Giftflacon, welches Pater Lorenzo Julia reicht, um sie in einen Scheinschlaf zu versetzen.  Auch werden einzelnen der bekannten Figuren andere Rollen zugeteilt.

© Carlos Quezada

So erscheint Romeos Cousin Benvolio nicht als Mann, sondern als Benvolia, eine sehr kämpferische Frauengestalt. Zusammen mit ihr kommt eine andere Energie ins Spiel. Die Feindschaft der Capulets und der Montagues lässt keinen Raum für Romantik. Es geht um die Vermählung Julias mit einem für sie ausgewählten Adeligen. Man kennt keine Kompromisse und lässt dies die Tochter des Hause brutal spüren. Julia, welche sich zu Romeo innig hingezogen fühlt und ihre erste Erfahrung mit großen Gefühlen erlebt, wird durch ihre Hingabe ein Opfer ihrer Emotionen.

Der erste Akt beginnt mit dem Treiben auf einem fröhlichen bunten Blumenmarkt, voller Heiterkeit und mit vielen Farben. Hier werden raffinierte Tänze und Ensembles getanzt. Romeo und seine beiden Freunde mischen hier kräftig mit und sind immer zu Späßen und Provokationen bereit. Tybald und seinen Kumpane lassen sich zu Kämpfen hinreißen. Auf dem großen Ball, welcher hier virtuos mit prächtigen Kostümen vorgeführt wird, kommt es zu der Begegnung Julias mit Romeo, welche sich sofort ineinander verlieben. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Im großen Pas de Deux, der Balkonszene, wird man berührt von der großen Emotion dieser Szene.

Bei der nachfolgenden heftigen Auseinandersetzung zwischen Anhängern von Romeo und denjenigen von Tybald, erleben wir nicht die üblichen Kämpfe mit Schwertern, sondern eine virtuos gestaltete Choreografie, welche darin endet, dass Tybald Mercutio in einen großen Spiegel stößt, der in viele Teile zerbirst. Mercutio erliegt seinen Verletzungen. Romeo rächt sich für diesen Mord und tötet Tybald. Das Licht erlischt.

Nach der Pause befindet man sich in einem kahlen schwarzen Raum mit nur einem Treppenelement. Romeo und Julia sind Beisammen. Er muss den Ort verlassen, da die Amme mit dem Brautkleid für die Hochzeit mit dem Grafen Paris erscheint. Julia weigert sich und wird unter Drohungen der Eltern alleine gelassen. Heimlich traut Pater Lorenzo das Paar und spendet ihnen seinen Segen. Anstelle des Trunks aus dem Giftflacon erscheint eine Scherbe des zerbrochenen Spiegels durch welchen Julia hypnotisiert und in einen todähnlichen Schlaf versetzt wird. Die Trauer ist groß als man die scheinbar tote Julia in der Gruft beisetzt. Als Romeo erscheint, ist seine Verzweiflung grenzenlos. Mit der Spiegelscherbe verletzt er sich selbst. Julia erwacht aus ihrem Schlaf und sieht entsetzt den neben ihr liegenden Romeo im Todeskampf. Sie muss feststellen, dass es keine Rettung gibt und folgt Romeo ebenfalls in den Tod. Eine bewegende Szene.

Cathy Marston gelingt mit ihrer neuen Choreografie eine sich vom fröhlichen Tanz bis hin zum tragischen Ende entwickelnde eindrückliche Geschichte. Einmal mehr staunt man über die außerordentliche Qualität des Ensembles des Zürcher Balletts.

Karan Azatyan ist ein starker Romeo, welcher seine Emotionen nicht verbergen muss. Voller Energie nimmt er das Publikum vom ersten Augenblick an für sich ein. Herrlich auch Ayaha Tsunaki als die zierliche Julia. Sie wirkt federleicht und man nimmt ihr die unschuldige junge Frau ab. Die beiden verschmelzen im Laufe des Abends zu einer Harmonie, welche die Zuschauer berührt und für diese Partien die Idealbesetzung sind.

Als Mercutio überzeugt Charles-Louis Yoshiyama mit perfekten Sprüngen und großem Charisma. Er, zusammen mit Breanna Foad als Benvoglia, bilden ein energiegeladenes Freundespaar. Nach der Ermordung ihres geliebten Tybald durch Romeo zeigt Angelica, Julias Amme, eindrucksvoll den Wandel von der treuen Amme zur Feindin. Tybald, welcher von Esteban Berlanga, sehr energisch und kraftvoll getanzt wurde, bot ein überzeugendes Rollenporträt.

Brandon Lawrence als Pater Lorenzo beeindruckt ebenfalls durch seine Bühnenpräsenz und bringt das neue Element der Hypnose, welche Julia in den Schlaf versetzt, gekonnt in den Focus. Jesse Fraser, Lord Capulet und Yun-Su Park als Lady Capulet und Sean Bates als Paris werden hier gekonnt in den Vordergrund gerückt und ergänzen mit ihrer hohen tänzerischen Präzision die Solistenrollen.

© Carlos Quezada

Zusammen mit den Tänzern des Zürcher Balletts und des Junior Balletts, welche einmal mehr den Beweis als eine führende Kompanie erbracht haben, erlebt man einen hinreißenden Ballettabend.

Doch all dies wäre ohne die herausragende Leistung des Orchesters der Oper Zürich unter dem Prokofjew-Experten und Generalmusikdirektor des Hauses Gianandrea Noseda nicht möglich gewesen. Wann hat man diese Musik derart präzise und mit allen in der Komposition enthaltenen Ecken und Kanten derart hervorragend gespielt gehört. Ein Hörgenuss allererster Güte.

Das Publikum feierte alle Beteiligten mit wohlverdientem starkem Applaus und Bravorufen. Es gibt nur noch ganz wenige Karten für die folgenden Vorstellungen, welche in wechselnder Besetzung aufgeführt werden. Auch in der kommenden Saison wird es eine Wiederaufnahme geben.

Marco Stücklin 4. Juni 2026

Besonderen Dank an unsere Freunde und Kooperationspartner vom OPERNMAGAZIN


Romeo und Julia
Sergej Prokofjew

Zürich

23. Mai 2026

Choreografie / Inszenierung: Cathy Marston
Solisten Zürcher Balletts und des Junior Balletts

Dirigat: Gianandrea Noseda
Orchesters der Oper Zürich