Zwei Minuten nach dem Beginn des Schlussapplauses sehe ich draußen vor der Tür, gleich vor dem Opernhaus am Richard-Wagner-Platz, zwei junge Frauen tanzen. Für den Sound genügt ein Handy. Kurz zuvor sah ich ähnliche Bewegungen und Schritte auf der Bühne. Die Produktion scheint also das zu halten, was es titelmäßig verspricht: Es definiert sich als „aktuell“.

Gezeigt werden, als dritte Produktion des in der Saison 2025/26 nach Nürnberg gekommenen Compagnie-Chefs Richard Siegal, also drei Stücke einer Choreographin und zweier Kollegen, die sich als gegenwärtig vorhanden, bedeutsam für die unmittelbare Gegenwart, gegenwartsbezogen und -nah, zeitnah und zeitgemäß verstehen. Fragte man, so Siegal, in seiner ersten Produktion nach der Zukunft und thematisierte man mit der zweiten, also mit Strawinsky und den Ballets russes die Vergangenheit, so nähert man sich nun der Gegenwart. Die Anbindung an irgendein Heute schafft schon der Soundtrack; mit Justin Pecks Hurry up, we’re dreaming, uraufgeführt vor acht Jahren, also 2018, bewegt man sich allerdings in eine Zeit zurück, die zwar auch ihre Probleme hatte, aber im Gegensatz zu den Katastrophenmeldungen der unmittelbaren Gegenwart wie das Paradies auf Erden erschien – denn das Album der Band M83, das der Tonspur der Choreographie zugrunde liegt, wurde bereits vor 43 Jahren veröffentlicht. Die Musik klingt auch danach: Nach einem beeindruckenden klanglichen Crescendo (Raconte-moi une histoire) entwerfen die ausgekoppelten Electro-Songs das unkomplizierte Bild einer unkomplizierten Welt. „It’s very funny to be a frog“, sagt eine Kinderstimme. Vielleicht sollte man einmal den Frosch fragen, wie lustig es aktuell ist, heute Frosch zu sein. Die Choreographie ist danach: das „Fest der Lebensfreude“ (O-Ton Dramaturgie) ist als ein Ballett auf Sneakern ein nettes Showtanz- und Wohlfühl-Ballett für die jüngere Generation, die durchaus noch einige klassische Posen (die Arabesquen und Hyper-Arabesken: ein Bein weit nach oben gestreckt) nutzt, um die U-Musik aus dem Rockpalast zu bebildern. Das Ganze ist tänzerisch anspruchsvoll und ästhetisch simpel, das Publikum rast vor Begeisterung. Dass der Choreograph 2021 Steven Spielbergs Verfilmung der West Side Story (nichts gegen die geniale West Side Story!) gemacht hat, passt ins Populärbild, aber immerhin fallen einige Tänzerinnen und Tänzer auf, unter denen stellvertretend nur der Rotschopf Abigail Weber genannt sei. Sie wird am Ende des dritten Teils einen Veitstanz buchstäblich auf die Bretter legen.

Teil II des Abends ist, laut Titel Overcast, „bewölkt“ oder „trübe“, aber von dieser Stimmung ist auch in Kirsten Wicklunds Arbeit nichts zu spüren, auch wenn im ersten Teil die beiden Schatten des Tänzerpaars eine wichtigere Rolle zu spielen scheinen als die Tänzer selbst, was Rückschlüsse auf das zusammenhängende Konzept des gesamten Abends zulässt. Zumindest werden, zur geräuschhaften Musik von Niharika Senapati, die Tanzenden so imaginativ von einer Verfolgerin nachtleuchtend bestrahlt, dass man schlicht und einfach sich schön, also eher ruhig bewegende und miteinander kommunizierende Körper in einem schönem Raum zu betrachten hat, bevor, in einem eigens für Nürnberg erarbeiteten zweiten Teil, weitere Ensemblemitglieder hinzustoßen, um sich durchs Halbdunkel fortzubewegen. Aktuell? Mag sein, wenn „l’art pour l’art“ heutig sein sollte und man aus Wicklunds Stil die Fragen abzuleiten bereit ist, die im Programmheft als Charakteristika des Nürnberger Ballet of Difference genannt werden: „die Beziehung des Balletts zu Identität, Form und Geschichte – sowohl zu unserer Geschichte als auch zu Geschichte im erweiterten Sinn des sozialpolitischen Kontexts, in dem Ballett aufgeführt wird“. Kleiner hat man es nicht, allein man sieht auf Körper, die sich elegant durch einen leeren Raum bewegen, dem das Licht einige schimmernde Konturen verleiht.
Teil III: Richard Siegals My Generation, mit elf Jahren auch eine nicht mehr ganz „aktuelle“ Arbeit, obwohl die Beobachtung, dass sich alle „Generationen“ im Kern ähneln, nicht von der Hand zu weisen ist – Siegels Choreographie findet schließlich, musikalisch ausgestattet mit Pete Townshends My Generation und Klängen von AtomTM, sofort den Weg zurück zur ersten Choreographie des Abends. My Generation präsentiert hedonistische Figuren, irgendwo zwischen Disko und Laufsteg abgelegt, die einzeln und im Corps zu harten beats zackig über die Bühne laufen, sich begegnen und energetisch, als würden Stromschläge durch sie hindurchzucken, begegnen. Wie schon in seiner ersten Nürnberger Arbeit, Noise Signal Silence, schauen wir auf einen Showtanz, dessen textlich-musikalischer Untergrund erst gar nicht verhehlt, dass wir es kaum oder nur in Ausnahmefällen mit Individuen zu tun haben. „Ich bin Maschine“, sagt AtomTM so oft, bis es der letzte Besucher vielleicht verstanden hat. Die farblichen Akzente werden durch die Kostüme Flora Mirandas gegeben, die bereits Siegals Petruschka-Interpretation ausstattete: eine nette Interpretation, wie erinnerlich.
Abigail Weber aber sorgt kurz vor Schluss mit ihrem Furientanz dafür, dass doch noch so etwa wie eine radikale Individualität sichtbar wird, auch wenn der dialektisch geschulte Tanzprofessor Theodor W. Adorno gemutmaßt hätte, dass der getanzte Protest gegen (tänzerische) Konventionen seinerseits schon ein Teil jener (Tanz-)Kulturindustrie sei, gegen die die Tänzerin vergeblich antritt. Ist das nun „aktuell“? Falls es zeitnah und zeitgemäß ist, repräsentiert es weniger Lebensfreude als, unterm berühmten Strich, das Einverständnis mit einer Maschinenmusik und maschinellen Bewegungen, die so leicht für eine inhaltsleere Unterhaltungs-Show herhalten und das, was anders aktuell ist, komplett ignorieren (dass auch eine Schar Wiener Walzer tanzender Paare in die Nähe der Maschinen geraten, gehört freilich zur Wahrheit dazu). Nach mehreren betrachteten Nürnberger Choreographien kommt zumindest mir die Frage, wieso die Compagnie die Difference im Titel trägt. Dem jungen Publikum aber gefällt das Maschinen- und Laufstegballett ausnehmend gut; die Begeisterung für den technischen Einsatz des Ensembles ist groß. Also „aktuell“? Zweifellos.
Die beiden fröhlichen Mädchen, draußen vor der Tür des Staatstheaters, erhielten keinen Applaus, aber auf ihre Weise waren sie, zugleich individuell und als Teil einer gesellschaftlichen Gruppe, denkbar aktuell.
Frank Piontek, 2. Juli 2026
Les Ballets Actuels
Choreographien von Justin Peck, Kirsten Wicklund und Richard Siegal
Staatstheater Nürnberg
Besuchte Vorstellung: 1. Juli 2026
Premiere: 2. Mai 2026