Berlin: „Die Entführung aus dem Serail“, Wolfgang Amadeus Mozart

Zwischen Arte und RTL

Tief eingegraben in das Gedächtnis der Historiker hat sich das Jahr 1780, denn da begann es in Berlin auf Anweisung Friedrichs des Großen mit der Arbeit der Kaffeeriecher, die jeden Bürger zur Anzeige brachten, der das braune Gesöff zubereitete, das des Königs Ziel, Preußens Bilanzen durch eine Überzahl von Ausfuhren und geringe Zahl von Einfuhren im Sinne des Merkantilismus zu verbessern, zu gefährden schien. Bis in die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts wachte die Sittenpolizei in Berlin darüber, dass in den Straßen von Westberlin nichts Anstößiges, oder was man damals dafür hielt, geschah. Heutzutage fragt man sich offenbar in den Büros der Operndramaturgen und nicht nur dort, was überhaupt noch auf der Opernbühne, aber nicht nur dort gezeigt, werden kann und darf. Es mussten schon viel Straßen, Restaurants und Apotheken ihren einst mit M beginnenden Namen einbüßen, ein Ausflugslokal und eine U-Bahn-Station um den ihren, Onkel Toms Hütte, bangen, Karl-May-Festspiele zittern, ob sie nicht auch irgendjemandem als missliebig erscheinen. Fast immer sind es übrigens nicht die Betroffenen, die sich empören, sondern die sich damit als Vormund und Bevormunder aufspielenden Weltkümmerer und -verbesserer.

© Stephan Rabold

Auch in der Berliner Staatsoper machte man sich natürlich Gedanken darüber, wie man Mozarts Die Entführung aus dem Serail auf die Bühne bringen könne, ohne dass jemand gekränkt wird, welches Vorrecht bekanntlich nur alte weiße Männer genießen. Zwar nicht so schlimm wie Die Zauberflöte mit ihren frauenfeindlichen wie rassistischen Sprüchen, aber doch nicht ganz koscher mit einem rachsüchtigen Moslem namens Osmin und einem edlen orientalischen Fürsten, der sich dann aber als Europäer entpuppt, sollte die Oper aber nicht, wie in letzter Zeit üblich, einer „Überschreibung“ unterzogen werden, was „mit einem Blick auf Fragen von Fremdzuschreibung, Projektion und kultureller Identität“ nahe gelegen hätte. Keine Rolle spielte bei diesem Verzicht allerdings dabei die vielfach belegte Realität von Piratenüberfällen, Versklavungen der unglücklichen Opfer und ihr Verschwinden an den Höfen, in den Serails orientalischer Potentaten. Die Regie stellte immerhin verabscheuungswürdige Ismen wie „Sexismus, Rassismus und Klassismus“ fest, wobei doch die kesse Blonde eine für die Entstehungszeit des Werks erstaunlich selbstbewusste, geradezu feministische Haltung vertritt.

© Stephan Rabold

Statt alles Problematische zu eliminieren, so Dirigent Thomas Guggeis, habe man sich dazu entschieden, aus dem Bassa Selim eine zugleich darstellende wie kommentierende Figur zu machen. Für ein geeignetes Instrument, den heiklen Vorgang der brechtschen Verfremdung in die Tat umzusetzen, hielt man den türkischstämmigen deutschen Komiker Bülent Ceylan, ansonsten comedy-unkundigen Menschen immerhin durch sein langes, üppiges, gern um den Kopf gewirbeltes Haupthaar bekannt. Das gab es tatsächlich zu Beginn von „Martern aller Arten“ zu bewundern. „Die Inszenierung setzt auf Tiefe, Aktualität und Unterhaltung“, hatte der Comedian vorab angekündigt, und er spiele quasi eine Doppelrolle, den Bassa und in eingefügten Stand-ups sich selbst, so aus seinem Programm Diktatürk. Nun ja, es gibt immer noch Opernbesucher, denen vor allem der Genuss der Musik wichtig ist, die nicht in die Oper gehen, um sich aufklären, sondern um sich berühren, ergreifen zu lassen, in Schönheit zu schwelgen und Kunstfertigkeit bewundern zu lassen, in der Staatsoper aber stellt man sich hinter das erklärte Ziel, zu erreichen, „dass das Publikum gesellschaftliche Mechanismen erkennt.“

© Stephan Rabold

Auch und besonders in der Oper wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Mozarts Musik und schöne Stimmen, so meint man, „überschreiben“ triumphierend alle ideologischen Anwandlungen und Umsetzungen. Trotzdem wurde es schwer zu ertragen, wie schlimmste RTL-Plattitüden („Belmonte und nicht Belmondo“, „Singspiel, nicht Karaoke! “ nach einem aufmunternden „Hallo, Berlin“, nach der Pause der Gang ins Publikum und die Belästigung eher mehr als weniger verdutzter bzw. verärgerter oder auch belustigter Zuschauer) um sich griffen, ein türkisches Milchprodukt der Erwähnung für wert befunden, der Originaltext des Bassa jeder Suggestion beraubt, die Figur aber bereits durch die Regie lächerlich gemacht wurde, so wenn ein Briefmarkenalbum Konstanze trösten soll. Auch mit der Musik und den Sängern wird nicht respektvoll genug umgegangen, wenn zur technisch überaus schwierigen Baumeister-Arie Pedrillo mit der Leiter kämpft und fast von ihr erschlagen wird. Irgendwie gerät der Abend zum Schwank, lässt sich das Publikum teilen in schenkelklatschende Ceylan-Fans und mehr oder weniger pikierte Opernbesucher, die immerhin dankbar dafür sind, dass die Sänger weitgehend unbehelligt ihre Arien singen können.

© Stephan Rabold

Über die Verlegung in die Jetztzeit verliert der genervte Kritiker kein Wort mehr, das ist wohl einfach nicht mehr abzuwenden, wohl aber über die Qualität der Bühne (Raimund Bauer), hier ein Schiff des Bassa, in dessen unterem Deck Osmin, auf dem Oberdeck der Bassa einquartiert ist, so dass man entweder das eine oder das andere oder aber gleichzeitig beide sehen kann. An der Seite werden auf zwei kleinen Leinwänden von einer Live-Kamera aufgenommene Szenen gezeigt, darunter auch die Kontaktaufnahme mit dem Publikum, das Orchester oder der Monologe haltende Bülent Ceylan. Ohne Video (Andrea Gabriel) geht es nicht, da kann das Meer im Hintergrund wogen und wabern. Die Kostüme von Anja Rabes charakterisieren die Figuren auf angenehme Art und Weise, die Optik ist zwar keine den Zuschauer verzaubernde, durch eine besondere Ästhetik verführerische, aber auch keine verstörende, die es den Sängern schwer machen würde, ihre Figur glaubwürdig zu verkörpern, es ihnen aber auch nicht erleichtert.

Dabei hätte es die Musik, die aus dem Orchestergraben erklingt, verdient, ein optisches Äquivalent zu erhalten, so voller Brio, so elegant, spritzig, filigran und farbig wie unter Thomas Guggeis hört man Mozart selten, der sich zudem noch als alleraufmerksamster Sängerbegleiter erwies und eine Zugabe „alla turca“ lieferte.

© Stephan Rabold

Am wenigsten von den Zuschauern gewürdigt wurde ausgerechnet der herausragendste aus der Solistenriege. Der südafrikanische Tenor Siyabonga Maqungo verfügt optisch eher über eine Statur, die man vom Osmin erwarten würde, zeigte sich auch recht unbeholfen in der Darstellung, verfügt aber über kostbares Tenormaterial mit einem verführerischen Timbre fern aller trockenen aus dem englischen Sprachraum stammenden Mozartstimmen. Dass sich nach seiner ersten Arie keine Hand rührte, nachdem man, oder Teile des Publikums, sich vor Lachen kaum halten konnten über Ceylans Sprüche, zeigt, mit welchen Kalamitäten der musikalische Teil des Abends zu kämpfen hatte. Für das seltene Fach des Spieltenors ist mit dem Pedrillo von Michael Laurenz eine beachtliche Stimme herangewachsen, schauspielerisch lässt er nichts zu wünschen übrig . Eine schöne Konstanze ist Adela Zaharia mit atemberaubenden Koloraturen, tragisch umflortem Timbre und nur in der Extremhöhe manchmal etwas spitz. Serafina Starke ist als Blonde ebenfalls optisch eine Idealbesetzung und klettert unangefochten in die höchsten Höhen ihrer in dieser Hinsicht anspruchsvollen Partie. David Steffens schöpft mit hörbarer Wonne aus der tiefen Bassfülle seines Stimmmaterials für den Osmin.

Die Deutsche Oper hat für die kommende Spielzeit eine neue Così fan tutte vorgesehen. Hoffentlich kommt sie nicht noch darauf, Mario Barth samt T-Shirt-Aufschrift „Männer sind Schweine“ zusätzlich zu verpflichten.

Ingrid Wanja, 27. Juni 2026


Die Entführung aus dem Serail
Wolfgang Amadeus Mozart

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Premiere am 27. Juni 2026

Regie: Andrea Moses
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Chor und Orchester der Staatsoper Unter den Linden