Bregenz: „La traviata“, Giuseppe Verdi (zweite Besprechung)

Sehr gut, aber zu viel Show!

Der international renommierte italienische Opernregisseur Damiano Michieletto, der sich besonders im italienischen Fach einen Namen gemacht hat, wurde mit der erstmaligen Inszenierung der Oper La traviata von Giuseppe Verdi auf der Seebühne in Bregenz betraut, die auch noch im kommenden Jahr laufen wird. Auch wenn sich dieses Stück nicht gerade für die Dimensionen der Seebühne und ihre Entfernung zum Publikum anbietet, wurde es ein großer Erfolg, vielleicht sogar ein großer Wurf. Das soll gleich zu Beginn gesagt werden!

Mit einem einfallsreichen und auch interessanten Bühnenbild von Paolo Fantin zog man sich geschickt aus der Affäre, die eher kammermusikalisch konzipierte Traviata auf der Seebühne zu klein werden zu lassen. Man kam auf die Idee, einen riesigen Spiegel gewissermaßen auf den Bodensee stürzen zu lassen. Dabei stellt er sich nun zersplittert, aber noch nicht ganz zerfallen dar. Der Spiegel soll den Moment des Endes von Traviata als Metapher in einem kurzen Augenblick zeigen. Wenn die Oper beginnt, ist de facto also schon alles zu Ende. Im Zeichen dieses zerschmetterten Spiegels geht das ganze Leben noch einmal an Violetta vorbei – mit all den Höhen und Tiefpunkten, den Tücken und Widerwärtigkeiten, die es für sie bereithielt. Und natürlich auch mit den gesellschaftlichen Zwängen, denen ihre Liebe zu Alfredo zum Opfer fällt. In dem Spiegel wurden effektvoll auch kleine Nebenschauplätze sichtbar, die für den Fortgang der Handlung besonders relevant erschienen.

© Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann

Was zumindest etwas übertrieben wirkte, war wie im letzten Jahr bei Freischütz, das gleich zu Beginn in dieser Traviata albern wirkende Bespielen eines großen Wasserbeckens vor der eigentlichen Seebühne, einer Art zusätzlicher bewässerter Plattform. Zu den Szenen des Festes gleich mit dem Auftakt tauchen da in der Choreographie von Thomas Wilhelm die Tänzer der Bregenzer Festspieleauf, als Freizeitschwimmer mit aufblasbaren Schwimmreifen, Luftmatratzen und ähnlich banalem Zubehör, ebenso wie in geschmacklich vielfach grenzwertigen Badeanzügen. Einige Schwimmerinnen vollführten im Wasser Bewegungen, die dem olympischen Synchron-Schwimmen recht nahe kamen.

Damit ging die Konzentration auf das eigentliche Geschehen auf der Hauptbühne verloren, wo ebenfalls eine große Gruppe von Choristen und Statisten im riesigen und bisweilen über das geschmackliche Ziel hinaus schießenden „Kostümverleih“ von Carla Teti agierte. Diese Akteure hätten eigentlich für diesen dramaturgischen Akt genügt. Aber es ist wohl so, dass mit solch rein Show- und Event-orientierten Zusatzaktionen die Erwartungen eines gerade auch wegen der großen Show nach Bregenz kommenden Publikums befriedigt werden sollen, oder gar „müssen“. Für einen passionierten Opernbesucher ist das dann manchmal einfach „too much“.

Auch später bei recht intimen Momenten stehen Protagonisten weit entfernt von Traviata im vorderen Wasserbecken. So Giorgio Germont, der mit einem leeren Koffer kommt und praktisch die ganze Szene vorn im Wasser steht, weit weg von Violetta auf der Hauptbühne. Und dabei wollte Michieletto gerade die Intimität im Stück zeigen. Dann sollte er die Figuren wohl nicht so weit auseinander platzieren. Man hätte in diesem ebenso interessanten wie phantasievollen und viele Assoziationen bietenden Bühnenbild mit einer intensiveren Personenregie weit mehr machen und erreichen können. Auch die sehr gute Lichtregie von Alessandro Carletti und die erfreulicherweise in Grenzen gehaltenen Videos von Roland Horvath hätten das sehr unterstützt! Vielleicht im kommenden Jahr?

© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Marjukka Tepponen sang eine hervorragende Violetta Valérie. Wunderschöne Intonation, sehr klangvolle Piani, aber auch die gute Attacke, alles hat bei dieser Sängerin gestimmt. Hinzu kam ein großes und sehr differenziertes Engagement in der Darstellung. Julian Behr als Alfredo Germont war hingegen stimmlich nicht so souverän. Es klang einiges bisweilen etwas gepresst, auch sein Spiel war zu zurückhaltend. Vladimir Stoyanov war hingegen ein überaus souveräner Giorgio Germont mit kraftvoller Stimme, leider in seiner Positionierung auf der nassen Vorderbühne benachteiligt.

Rinat Shaham sang eine gefällige Flora Bervoix und Taytan Reinhard einen guten Gastone. Die weiteren Nebenrollen waren ansprechend besetzt. Der Bregenzer Festspielchor unter der Leitung von Benjamin Lack und der Prager Philharmonische Chor unter Leitung von Lukáš Kozubik waren wesentliche Träger des musikalischen und dramaturgischen Geschehens.

© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Pietro Rizzo dirigierte an diesem Abend die Wiener Symphoniker. Der Orchesterklang wirkte sehr weiträumig und war damit akustisch durchaus interessant. Aber es wurde doch immer wieder etwas zu laut. Vielleicht können die Tontechniker Alwin Bösch und Clemens Wannemacher daran noch etwas ändern. Es sei denn, Rizzo hätte in der Tat zu laut dirigiert. Im ebenfalls österreichischen Steinbruch von St. Margarethen am Neusiedler See auf der ganz anderen Seite des Landes hat man das perfekt gelöst.

Klaus Billand, 31. August 2026


La Traviata
Giuseppe Verdi

Besuchte Aufführung am 14. August 2026
Premiere am 22. Juli 2026

Inszenierung: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: Pietro Rizzo
Wiener Symphoniker