Am liebsten kluckt er mit einem Bier vor dem Fernseher, und bahnen sich Konflikte an, geht er den Weg des geringsten Widerstands. Ein tschechischer Prototyp ist dieser Herr Brouček, den der Dichter Svatopluk Čech einst ins Leben rief, nicht unweigerlich. Man könnte ihn ebenso gut für einen deutschen Kleinbürger halten, das macht ihn zu einer zeitlosen Figur. Auch wenn es den Fernseher, der auf Jon Bausors Bühne im Bregenzer Festspielhaus zum Inventar des Prager Hausbesitzers dazugehört, in den 1880er Jahren noch nicht gegeben hat, als die Erzählungen über ihn als eine Art Serie erschien, die sich in Tschechien großer Beliebtheit erfreute. Das Libretto, das Janáček zusammen mit einigen Mitautoren, allen voran F. S. Procházka, schrieb, ist davon inspiriert.

© Bregenzer Festspiele / Anja Köhler
Die Ausflüge des Herrn Brouček fand entgegen den optimistischen Erwartungen des Komponisten zur Uraufführung wenig Beachtung. Bis heute steht die Oper im Schatten von Janáčeks Frauendramen Jenufa, Katja Kabanowa und Die Sache Makropoulos, die sich längst im Repertoire großer und mittlerer Opernhäuser etabliert haben. Über die Gründe und einen womöglich zu harmlosen satirischen Biss mag man spekulieren, dem Profil der Bregenzer Festspiele, die im Haus stets im Kontrast zu den populären Opern auf der Seebühne vergessene, unterschätzte, spröde oder verkannte Werke ansetzen, entspricht die Oper damit jedenfalls ganz und gar.
Lilli Paasikivi hat nicht nur eine gute Spürnase für solche musikdramatischen Juwelen, sie findet dafür auch die geeigneten Partner, gelingt doch bereits zum zweiten Mal nach dem grandiosen Oedipe im Vorjahr eine faszinierende Produktion, bei der Musik und Szene eine Einheit bilden, was sich über die erste Seebühnen-Neuproduktion unter ihrer Leitung, Verdis La Traviata nicht sagen lässt. Bei ihrer Vorgängerin Elisabeth Sobotka war es genau andersrum: Sie punktete stets mit großen Hingucker-Produktionen auf der Seebühne, holte für die Aufführungen im Haus aber überwiegend Regisseure und Regisseurinnen, die für die ausgewählten Stücke ein überzeugendes Konzept vermissen ließen.

© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann
Regisseur Yuval Sharon erscheint mit seiner fantasiereichen Umsetzung jedenfalls als der richtige Mann für die Janáček-Rarität. Sein Brouček ist ein Mann, dessen geordnetes Leben nichts stören soll, bis auf einmal sein vertrautes Bild ins Rutschen gerät, sein Haus Kopf steht und zu einer Rakete mutiert. Unversehens findet er sich auf dem Mond wieder, wo er auf kistenförmige Roboter trifft, die absurde Tänze vollführen. Und in ihrer vergeistigten Liebe so gar kein Verständnis dafür haben, dass der kleinkarierte Banause nach Fleisch und Bier verlangt. Die Komik resultiert dabei aus dem Zusammenprall der Beschränktheiten des ignoranten Stubenhockers und der selbstverliebten Künstlerwelt.
Der zweite Teil katapultiert Brouček mitten hinein in den Hussitenkrieg im 15. Jahrhundert. Auf dieser Zeitreise blamiert sich der Protagonist als ein Feigling, der sich aus den Prager Kämpfen heraushält und sich – nach dem Sieg in seinem Versteck aufgespürt – mit Heldengeschichten zu rechtfertigen sucht, die aber als Lügen entlarvt werden.
Getragen wird die Geschichte, die wieder einmal aufzeigt, wie erschreckend wenig sich die Welt verändert hat, von Peter Hoare, der den Opportunisten keineswegs als einen trotteligen Clown verkörpert, sondern als einen Strategen, der alles was er tut, genauestens kalkuliert. Mit seinem in allen Lagen agilen Tenor und großer Strapazierfähigkeit meistert er seinen Antihelden, der neben Dutzenden von Nebenfiguren permanent im Zentrum des Geschehens steht. Die mannigfachen kleinen Rollen haben die übrigen zehn Mitwirkenden unter sich aufgeteilt, jeder übernimmt mehrere. Der Aufführung in tschechischer Sprache kommt es dabei zugute, dass sich im Ensemble überwiegend Tschechen versammeln.

Mit Robert Jindra stand bei alledem ein gebürtiger Prager am Pult, der die Wiener Symphoniker und den blendend einstudierten Prager Philharmonischen Chor sicher, dynamisch und farblich aber auch etwas gleichförmig durch die Partitur führte. Selten einmal wurde es knisternd leise am Premierenabend. Dass sich Janáček eine überwiegend laute bis mittellaute Oper vorgestellt haben mag, lässt sich schwer denken und man ahnt, dass einige Gestaltungsräume nicht genutzt wurden.
Aber das hat den insgesamt erfreulichen Gesamteindruck dieses Abends nicht geschmälert, der dem Publikum à la Shakespeare den Spiegel eigener Schwächen vorgehalten hat und das auf vergnügliche Weise.
Kirsten Liese, 26. Juli 2026
Die Ausflüge des Herrn Brouček
Leoš Janáček
Bregenzer Festspiele
Premiere am 23. Juli 2026
Inszenierung: Yuval Sharon
Musikalische Leitung: Robert Jindra
Wiener Symphoniker