Die Premiere von Die Meistersinger von Nürnberg gerät zu einem Triumph des Richard Wagner Verbandes Minden e.V., der es geschafft hat, den Bayreuther Kanon komplett im Mindener Stadttheater auf die Bühne zu bringen. Es begann 2002 mit einer Co-Produktion des Theaters, der Nordwestdeutschen Philharmonie und der örtlichen Wagner-Freunde von Der fliegende Holländer anlässlich des 90-jährigen Jubiläum des Verbandes. Wegen des großen Erfolges folgten weitere Produktionen von Wagners Bühnenwerken, und nun steht mit Die Meistersinger von Nürnberg das letzte der zehn bei den Bayreuther Wagner-Festspielen regelmäßig aufgeführten Werke auf dem Programm im mittlerweile so genannten „Bayreuth des Nordens“. Mit insgesamt siebzehn Rollen und großem Choranteil ist es die herausfordernste Oper Wagners und ermöglicht auch diesmal jüngeren Sängerinnen und Sängern ebenso wie gestandenen, mit Rollendebuts eine wichtige Stufe auf der Karriereleiter zu erklimmen.

Die musikalische Gesamtleitung liegt dabei von Anbeginn an in den Händen von Frank Beermann, dem mit der Nordwestdeutschen Philharmonie ein vorzügliches Ensemble zur Verfügung steht. Auch für deren Musikerinnen und Musiker wird der Abend zu einem Triumph. Unter dem Wagner-erfahrenen Dirigenten überzeugen sie mit transparentem, weichem und flüssigem Spiel. Von den Holzbläsern erklingen klangschöne Passagen und Soli, die Trompeten strahlen; auch sonst ist das Blech voll, rund und sicher. Alle Stimmgruppen bleiben in der weiten Dynamik ausgeglichen. Beermann gelingt es, Spannungsbögen aufzubauen und zu halten, Übergänge klug zu gestalten und Tempi unauffällig zu modifizieren. Weil das Orchester ansteigend auf der Hinterbühne platziert ist, hat Beermann die Sänger im Rücken, was jedoch zu keinen erkennbaren Problemen führt, denn er scheint ihnen über Monitore zugewandt zu sein. Andrerseits bemerkt der Zuschauer, dass die Orchesterbesetzung mit nur doppeltem Holz (plus Piccoloflöte) eher klein ist; die Meistersinger also nicht unbedingt für großen Pomp taugen, sondern eher für beschwingte Komödie. So kann man sehen, was man auch hört, wenn nicht gerade ein Gazevorhang den Blick auf das Orchester verschleiert.
Das gründerzeitliche Mindener Theater ist auch gar nicht auf große Oper angelegt. Vierzehn Reihen im Parkett und ein paar Reihen in zwei Rängen steht eine sechzehn Meter breite Bühne mit nur gut sechs Meter breitem Portal gegenüber. Die parkettbedeckte Spielfläche überdeckt den kleinen Orchestergraben; die Sängerinnen und Sänger befinden sich somit in engem Kontakt zum Publikum.
Regisseur Jakob Peters-Messer betreibt denn auch nicht Vergangenheits-Aufarbeitung, sondern erzählt eine zeitlose, im Hier und Heute spielende Künstlergeschichte. Die Meister schlüpfen in ihre Rollen, indem sie sich von Kleiderständern Halskrausen und historische Hüte nehmen und zur Festwiese am Ende sich auch historische Gewänder von der Stange holen (Kostüme: Angela Schuett). Nur wenige Möbel und Requisiten erlauben ein lebendiges Spiel der Protagonisten. Allerdings wird der Zuschauerraum mit einbezogen, wenn rundum Projektionen zur Verstärkung eingeblendet werden oder während der Prügelfuge David den Beckmesser durch den ganzen Saal jagt und dabei die erste Reihe des ersten Rangs Platz machen muss (Bühnenbild, Licht, Video: Guido Petzold). Viele klug überlegte Szenen und Details in der Interaktion der Protagonisten verdeutlichen die Entwicklung derselben innerhalb der Handlung. Besonders eindrücklich sind die Albträume im zweiten Akt, die Sachs und Beckmesser erleiden. Gleich zu Beginn deuten die Meister während Veit Pogners Ansprache an, dass Humor nicht zu kurz kommt, denn sie schauen gelangweilt weg oder nicken sogar dabei ein. Das könnte auch an Christoph Seidl liegen, der allzu hell und leicht singt. Im zweiten Akt wird er „bassiger“. Johannes Schwarz als Fritz Kothner klingt gebieterischer. Auch die übrigen Meister füllen ihre Rollen prägnant aus (Kunz Vogelgesang: Leon Noel Wepner, Konrad Nachtigall: Frieder Flesch, Balthasar Zorn: Václav Vallon, Ulrich Eisslinger: Ilya Silchuk: Augustin Moser: Steffen Schantz, Hermann Ortel: Mykola Piddubnyk,Hans Schwarz: Oscar Marin-Reyes, Hans Foltz: Maurice Giancarlo Avitabile). Pogners Tochter Eva wird aufgewertet, indem sie sichtbar verliebt um den jungen Walther von Stolzing kämpft. Die Texanerin Emma McNairy verfügt zwar über große Bühnenpräsenz, bleibt aber stimmlich zunächst unauffällig, wird vor dem zweiten Akt allerdings als leicht indisponiert entschuldigt. Erst in der vierten Szene des dritten Aktes lässt sie ihren Sopran lyrisch-dramatisch aufleuchten, jedoch mit großem Vibrato. Darunter leidet dann das folgende Quintett, bei dem es nicht gelingt, die einzelnen Stimmen miteinander klanglich zu verschmelzen und trotzdem einzeln hörbar zu lassen. Das liegt zum Teil auch an Jussi Myllys. Der spielt und singt keinen stolzen Ritter, sondern einen netten, schlanken, jungen Mann, der auf eine Musikerkarriere hofft. Dazu passt sein leichter und lyrischer, nicht ganz klar fokussierter, man möchte fast sagen: verweichlichter Tenor. Doch er besitzt genug Ausdauer, um schließlich das Preislied sauber und gewinnbringend vorzutragen. Sein Kontrahent ist Sixtus Beckmesser, der fatal zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung pendelt und sich damit Stress aussetzt, die zu Panik führen kann. Michael Borth ist ein unglaublich agiler Darsteller ohne jede beamtenhafte Bräsigkeit, sondern mit Intelligenz ausgestattet und mit dem festen Willen, Eva zu erobern. Das verdeutlicht er mit mächtigem Bass, der leider mehr bellend deklamiert als singt und dabei Silben verschluckt. Bei seiner Serenade im zweiten Akt hört man ihn „Sparschwein“ singen statt „Den Tag seh ich erscheinen“. Beim finalen Vortrag seiner missglückten Version des Preisliedes hingegen darf er zeigen, dass er mit Legato und schön singen kann – leider zu spät sowohl für Beckmesser als auch für Borth. Erfahren in ihren Rollen sind Stephen Chambers, der den David schon in Kay Metzgers wunderbarer Detmolder Inszenierung sang, und Kathrin Göring als Magdalene. Beide sind ein munteres, verliebtes Paar. Hier seien noch die Kostüme von Angela Schuett erwähnt, die alltäglich wirken, aber auf die Rollen zugeschnitten sind und farblich von fast weiß bei Stolzing über gemischtes schwarz-weiss bis zu schwarz mit roten Socken bei Beckmesser reicht.

Schließlich ist diese Produktion auch ein Triumph für Simon Bailey in seinem rundum (neuerdings sagt man „vollumfänglich“) überzeugendem Rollendebüt als Hans Sachs. Mit klarem, gut verständlichem Bassbariton hat er die Partie voll im Griff. Er singt und spielt einen selbstbewussten, mitunter zweifelnden, fürsorglichen Schuster-Poeten, dessen Stimme unauffällig durch alle Register fließt. Menschliche Reife und stimmliche Mittel ergänzen sich bei Bailey auf ideale Weise zu einem Glücksfall von Rollenportrait. Bleiben noch der von den Rängen mit mächtigem Bass gesungene Nachtwächter von Peter Lobert und der coruso e.V., ein Profi-Theaterchor (Leitung: Raymond Hughes), der vom Rang hinter dem Orchester tadellos einen wichtigen Beitrag liefert, ohne spielerisch in Erscheinung zu treten. Er übernimmt auch akustisch die Lehrbuben, während einige Meister deren Handlung übernehmen.
Insgesamt ist diese Inszenierung eine gelungene Alternative zu den jüngeren durchaus notwendigen Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte im Allgemeinen und der Bayreuther Festspielgeschichte im Besonderen sowie zu aktuellen bunten Bayreuther Produktion. Einige Buhs muss man überhören können . Auch die musikalische Leistung seitens des Orchesters und des Chores und einiger wichtiger Protagonisten gehören in die Spitzenkategorie. Dass andere Hauptrollen nicht ganz überzeugen, mag der Premierensituation geschuldet sein und würde nur an ganz großen Opernhäusern für Kritik sorgen, während es für Minden und seinen Richard Wagner Verband wie eingangs erwähnt zu Recht ein großer Triumph ist und dem Publikum einige glückliche und lange Theaterabende beschert.
Bernhard Stoelzel, 12. September 2026
Richard Wagner
Die Meistersinger von Nürnberg
Stadttheater Minden
Besuchte Premiere am 11. September 2026
Regie: Jakob Peters-Messer
Dirigent: Frank Beermann
Nordwestdeutsche Philharmonie