Hagen: „Ich, ich, ich – Je suis narcissiste“, Raquel García-Tomás

„Komische Oper“ ist eine etwas untertriebene Bezeichnung für diese rasanten pausenlosen neunzig Minuten, in denen die spanische Komponistin Raquel García-Tomás (*1984) das Publikum auf eine Zeitgeist-Analyse mitnimmt. Diese könnte man auch ernst vornehmen, befreiendes Lachen ist jedoch manchmal hilfreicher, und dazu gibt es in der gemeinsam mit der Librettistin Helena Tornero erstellten und 2019 uraufgeführten Revue reichlich Gelegenheit trotz der bitteren Erfahrungen, die Klothilde darin erleiden muss. Nach ein paar Schicksalsschlägen an einem einzigen Tag sucht sie Hilfe bei einem Arzt und landet beim Psychiater Dr. Giovanni Tempesta. Dieser erkennt Narzissmus in ihr und sieht es sowieso als Grundübel und die eigentliche Epidemie der Gegenwart und behauptet, die Lösung dafür zu haben. Als Beispiele für narzisstische Personen präsentiert er einen Promi-Künstler, der Schicksale von Flüchtenden für seine Selbstdarstellung ausnutzt, eine rechtsradikale Erfolgsbloggerin und einen querdenkenden Poser. Dreimal ich, ich, ich

©Leszek Januszewki

Klothilde erkämpft sich Gelegenheiten, von ihren Schicksalsschlägen zu erzählen, die in Rückblenden gezeigt werden. Zunächst stirbt ihr Kater, erschlagen von einem Wollknäuel. Sie sucht Trost bei ihrem Freund Guido, einem Musiker, bei dem sie nur feste Besuchszeiten hat. Gemeinsam mit dem Liftboy muss sie unüberhörbar erfahren, dass er bereits Damenbesuch hat. Der Liftboy erklärt ihr daraufhin, wer wann Besuchszeiten bei Guido hat. Nur der Sonntag ist für die Musik reserviert. Weiter fährt sie, Kunstmanagerin, zu einer Vernissage mit einer Performancekünstlerin. Von der wird sie gefeuert, weil ihr Handy noch nicht einmal einen originellen Klingelton hat. Dann bekommt sie einen Anruf vom Liftboy, Guido sei während eines Damenbesuches gestorben. Es schließt sich eine skurrile Begräbnisszene an, in der Klothilde neben zwei anderen Liebhaberinnen Abschied von Guido nehmen. Auf Empfehlung einer Freundin begibt sie sich, um Abstand zu gewinnen, in ein Meditations-Zentrum, in dem nach Plan entspannt wird („Prayamana um sechs Uhr im Pyjama“), damit der Guru sich an den Frauen vergehen kann. Von dort flüchtet sie sich in die Praxis von Dr. Tempesta. Der wird allerdings von einem anderen gleichnamigen Protagonisten der Hochstapelei beschuldigt. Die Krankenschwester beschwert sich über miese Arbeitsbedingungen. Die Oper endet so, wie sie begonnen hat: die zwei Sängerinnen und zwei Sänger singen, ganz in schwarz gekleidet, in einer revuehaften Choreographie „bla, bla, bla, ich bin Narzisst“.

©Leszek Januszewki

Diese Abfolge von schicksalhaften Ereignissen erinnert zunächst an das Drama Peer Gynt von Ibsen oder die Satire Candide von Bernstein. García-Tomás und Tornero stellen sie ironisch bis sarkastisch dar. Wortwitz, Situationskomik, freche musikalische Ausgestaltung und die punktgenaue Inszenierung von Ute M. Engelhardt gehen dabei Hand in Hand. Die Inszenierung am Theater Hagen ist eine Übernahme der erfolgreichen deutschen Erstaufführung im Stadttheater Gießen und wurde hier positiv besprochen. Beteiligt an dem Erfolg ist natürlich die kongeniale Übersetzung von Arno Lücker, der auf deutsches Kulturgut zurückgreift („Hurz“) oder aktuelle Debatten aufgreift, wenn die Krankenschwester „Nutznießerin“ und „Systemrelevanz“ zitiert. Auch die beiden Hauptfiguren sind von Gießen nach Hagen gereist und bringen souverän ihr Können und ihre Erfahrung mit dem Stück mit. Es sind Polina Artsis als Klothilde und Tomi Wendt als Dr. Giovanni Tempesta und Zen-Guru. Nike Tiecke und Anton Kuzenok vom Theater Hagen übernehmen die übrigen vierzehn völlig unterschiedliche Rollen ganz virtuos mit stets angepasster Stimmführung und schauspielerischer Darstellung sowie rasanten Kostümwechseln – eine beeindruckende Leistung! Alle singen unauffällig mikrofonverstärkt.

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Die Komposition ist sängerfreundlich, und aus dem Orchestergraben vernimmt man den souveränen Umgang der Komponistin mit verschiedenen Stilen und Instrumentationstechniken. Das Philharmonische Orchester Hagen in kleiner Besetzung realisiert virtuos die farbenfrohe, abwechslungsreiche und raffiniert gesetzte Partitur.  Steffen Müller Gabriel hat den musikalischen Ablauf sicher im Griff. Die Musikerinnen und Musiker dürfen den verdienten Schlussapplaus auf der Bühne entgegennehmen. Am Ende ist klar, dass der vermeintliche Dr. Tempesta zwar im Bilde über die Epidemie des Narzissmus ist, aber selbst ein Beispiel dafür ist. Und man fragt sich, ob wir nicht alle – mehr oder weniger – Narzissten sind und – anknüpfend an Candide – wir damit trotzdem in der bestmöglichen Welt leben können. Dazu gehört aber, dass man darüber lachen kann, wofür dieser Opernabend sorgt.

Bernhard Stoelzel, 13. September 2026


Ich, ich, ich!
(Je suis narcissiste)
Komische Oper von Raquel García-Tomás
Text von Helena Tornero, Übersetzung von Arno Lücker

Theater Hagen

Premiere am 12. September 2026

Inszenierung: Ute M. Engelhardt
Musikalische Leitung: Steffen Müller Gabri
el
Philharmonisches Orchester Hagen