Hannover: „Pique Dame“, Pjotr Tschaikowsky

Tschaikowskys dramatischste Oper Pique Dame steht immer noch deutlich im Schatten seines Eugen Onegin, obwohl die Geschichte um den spielsüchtigen Außenseiter Hermann teilweise äußerst spannend ist. Das Spektakulärste an der Neuinszenierung in Hannover durch den inzwischen international renommierten Regisseur Roland Schwab ist eindeutig das Bühnenbild von Piero Vinciguerra, das von einer steilen, ins Unendliche führenden Treppe beherrscht wird. Dort entstehen, variiert durch raffinierte Lichteffekte (Andreas Schmidt) und die silbern glitzernden Seitenvorhänge, höchst eindrucksvolle Bilder.Nur für das Ufer der Newa, in die sich Lisa nach dem Libretto eigentlich stürzen soll, muss der Eiserne Vorhang herhalten.

© Bettina Stoess

Fast durchgehend einleuchtend wird die im Zentrum der Oper stehende Besessenheit Hermanns herausgearbeitet, die sich zunächst auf die Sehnsucht zur für ihn unerreichbaren Lisa und dann nur noch auf die drei angeblichen immer erfolgreichen Spielkarten bezieht, die ihn schließlich bis zum Verderben völlig beherrscht. Dass er letztlich keine Chance hat, wird auch an der ihn verachtenden Gesellschaft der „upper class“ gezeigt, die sich, stets in detailreiche festliche Gewänder aus allen Jahrhunderten von Rokoko bis zur Moderne gekleidet (Kostüme: Gabriele Rupprecht), nur ihrem Vergnügen widmet. Das geht manchmal doch zu weit, wenn beispielsweise zum Herrenchor über die Spielleidenschaft in der letzten Szene junge Mädchen geradezu gejagt werden. Auch einige Einzelheiten sind zumindest erklärungsbedürftig: Warum zieht am Schluss des ersten Bildes eine spärlich bekleidete Jugendliche ein weißes Kissen stumm über die Bühne oder warum wird die idyllische Szene, wenn Lisa und Paulina zusammen mit Freundinnen musizieren, dadurch gestört, dass Lisa irgendwie blutet, was man an dem blutig verschmutzten Kissen sieht? Unnötig ist auch, dass zum bedrohlichen Ostinato der Bratschen aus dem Orchestergraben der sich in das gräfliche Zimmer schleichende Hermann von Tschekalinski und Surin begleitet wird, die beide auf Streichinstrumenten spielen. Aber sei’s drum, insgesamt gibt es starke Bilder, wie beispielsweise beim Schäferspiel mit der großen, blumenumkränzten Schaukel.

© Bettina Stoess

Die musikalische Verwirklichung hatte herausgehobenes Niveau: Das lag auch an dem neuen GMD Hannovers Francesco Angelico, der durch sein präzises und zugleich animierendes Dirigat die vielen unterschiedlichen Aspekte der Komposition wie z. B. Lautmalerisches beim Gewitter sowie Schwelgerisches ebenso wie Hochdramatisches mit dem in allen Instrumentengruppen ausgezeichneten Niedersächsischen Staatsorchester Hannover beeindruckend zur Wirkung brachte. Fast ständig war mit vollem darstellerischen Einsatz Xavier Moreno als Hermann auf der Bühne. Der Spanier führte seinen starken, baritonal getönten Tenor sicher durch alle Lagen, wobei er teilweise mit Stentor-Stimme das Orchester zu übertönen wusste. Er kann grundsätzlich auch Lyrisches klingen lassen, tat es aber leider zu selten. Kiandra Howarth nahm wieder für sich ein, wie sie mit ihrem farbenreichen, intonationsrein geführten Sopran gesanglich und gestalterisch die Stimmungen der Lisa ausdeutete, von dem stimmschönen Duett mit Polina über ihre Zweifel in der großen Einzelszene bis zum leidenschaftlichen Duett mit Herrmann.

© Bettina Stoess

Mit lebhaftem Spiel und flexiblem Bariton gefiel als Graf Tomski Philipp Jekal von der Deutschen Oper Berlin, der auch mit den tiefen Lagen seiner Partie gut zurechtkam. Der weiche, geradezu belkantistisch geführte Bariton von Matteo Guerzè passte gut zu Lisas Verlobtem Fürst Jelezki. Für die erkrankte Helen Donath gab Kammersängerin Ulrike Schneider aus dem Leipziger Opernensemble die alte Gräfin mit kräftigem Mezzo und fast ohne Gebrechlichkeit. Als Lisas Freundin Polina und im Schäferspiel gefiel die Deutsch-Australierin Cassandra Doyle mit frischem Mezzo und munterem Spiel. Im Übrigen bewährten sich rollengerecht in den vielen kleineren Partien Daniel Eggert (Surin), Michal Prószynski (Tschekalinski), Mark Serdiuk (Tschaplitzkij), Yannick Spanier (Narumow), Viola Westhues (Mascha/Prilepa) und Constantin Bauer (Festordner). Lebhaft trat der von Tatiana Bergh einstudierte Kinderchor zu Anfang der Oper auf, während der Opernchor in der bewährten Einstudierung von Lorenzo di Rio wie gewohnt mächtige Chorklänge entwickelte.

In der besuchten zweiten Vorstellung belohnte starker, lang anhaltender Beifall alle Mitwirkenden.

Gerhard Eckels, 18. September 2026


Pique Dame
Oper von Peter Tschaikowsky

Staatsoper Hannover

Besuchte Vorstellung am 17. September 2026
Premiere am 12. September 2026

Inszenierung: Roland Schwab
Musikalische Leitung: Francesco Angelico
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Weitere Vorstellungen: 26. September, 4., 9., 21. Oktober, 7., 15. November 2026