Wäre Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth – oder „Wilhelmine“, wie man und frau sie gelegentlich und der unreflektierten Einfachheit halber distanzlos zu nennen pflegt, worüber sich die auf höfische Etikette überscharf bedachte Fürstin höchlichst gewundert hätte -, wäre die Markgräfin von Bayreuth an diesem Abend glücklich gewesen? Gewiss, denn auf der Bühne stand nicht allein ein Superstar von Counter oder Pseudo-Kastrat, sondern ein ganzes Terzett. Sie, die über die Ankunft eines neuen italienischen „Tenoristen“ Tränen vergießen konnte, wenn er Zaghini oder anderswie prominent hieß, wäre vermutlich auch in jene Beifallsstürme ausgebrochen wie die im September 2026 nach Bayreuth gereisten Italiener, die nach fast jeder Arie lautstark ihr „Bravo!“ in jenen Saal riefen, der aus Anlass der Hochzeit der einzigen Tochter Markgräfin Wilhelmines und Markgraf Friedrichs II. von Brandenburg-Bayreuth im Jahre 1748, u.a. mit einer Oper von Hasse, „dem“ Hasse, eröffnet wurde.
Nun also stehen mit Federico Fiorio, Maayan Licht und Dennis Orellana The Sopranos auf der Bühne. Mit dem Programm bietet das Festival Bayreuth Baroque nicht allein eine Kompilation dreier Soprane, sondern auch eine Art Rückblick auf Tendenzen des Festivals, das heuer ins 7. Jahr geht. Händel, von dem, wie vor zwei Tagen, auch bei den Sopranos ein Ausschnitt aus Aci, Galatea e Polifemo auf dem Programmzettel steht, ist nicht zum ersten Mal der durchaus unheimliche Star des Festivals. Aus Hasses Serenata Marc‘Antonio e Cleopatra sang Bruno de Sá erst kürzlich zwei Arien, nachdem Siroe, re di Persia schon vor Erfindung des Festivals mit Max Emanuel Cencic im Opernhaus zu erleben war. Nicola Porpora war mit Carlo il Calvo der Höhepunkt des ersten Festivals und erhielt noch in den nächsten immer wieder attraktive Auftritte, nun ist ein Ausschnitt aus Ifigenia in Aulide zu hören, die wir schon von einer Produktion des Festivals kennen. Bleibt Riccardo Broschi, der Bruder Farinellis: dieser war der Titelheld des gleichnamigen und zugleich letzten Spielfilms, der je in diesem Haus gedreht wurde. Von heute aus gesehen war der vor gut 30 Jahren in die Kinos gekommene Film ein Ansporn, nach der Restaurierung des Hauses das künstlerisch Beste und Angemessenste in dasselbe zu holen. Riccardo spielte übrigens auch eine Hauptrolle im Streifen.

Drei Soprane hintereinander zu hören bedeutet, keine drei gleichen Soprane zu hören. Fiorio hat eine weiche Stimme, die selbst in plötzlich ausschlagenden Koloraturspitzen (Spesso tra vaghe rose aus Hasses Siroe) nicht aggressiv klingt. Wunderbar die völlige Innerlichkeit, die, auch dank Solovioloncello, in Händels Streicher- und Todesarie Verso già l‘alma col sangue aus dem Aci waltet, aber schon Morte col fiero aspetto aus Hasses Marc‘Antonio e Cleopatra kommt ausdrucksstark, also nicht als bloßer Beleg für eine geläufige Gurgel. Es fällt auf, dass die lyrischsten, zärtlichsten, zeitvergessensten Arien regelmäßig den stärksten Applaus provozieren: wie nach Nel già bramoso petto aus Porporas Ifigenia, einer Arie in süßem Sechsachteltakt, „dedicated to my mom“, die, mit demselben Interpreten, schon während der Wiederaufführung der gesamten Oper größtes Entzücken erntete. Maayan Licht ist der extrovertierteste unter den drei Künstlern: flamboyant, showmäßig versiert – und stimmlich mit totaler agilitá gesegnet, so dass das Finalstück, Farinellis Prunkarie Son qual nave, zum besten Rausschmeißer wird. Lichts Stimme ist eine Art Synthese aus der weichen und relativ (!) leisen Kopfstimme Fiorios und der hellen, relativ lauten Bruststimme Dennis Orellanas. Der führt sich mit einer dunklen Arie in Moll ein, dessen Rezitativ, über schweifenden Streichern, nahtlos in die Arie übergeht. Die Kunst Händels – Orellana singt zunächst Non so sempre vane larve aus dem Arminio – erfährt ihre Vivace-Entsprechung, wenn Licht, quecksilbrig wie Puck, Un pensiero nemico di pace aus Il trionfo del tempo e del disinganno performt. Dafür darf Orellana mit Aure, andate e baciate aus Albinonis Nascimento dell‘ Aurora eine wahre Freudenarie zum Besten geben, die von forte zu gelegentlichen fortissime changiert: alles im Dienst des Ausdrucks, bei dem die technische Vollkommenheit „nur“ die Grundlage für die barocke Klangrede zu sein scheint.
Auch das Orchester versteht sich auf die Klangrede, beginnend mit der Sinfonia zu Hasses Marc‘Antonio e Cleopatra. Die Kunst des Wroclaw Baroque Orchestra besteht darin, dass sie die an sich konventionelle Form der Abfolge einer langsamen Einleitung und eines schnellen Satzes durch genaue Artikulationen mit einem genauen Sinn erfüllt: Nichts ist hier „nur“ Klang, mehr oder weniger triviale Melodie oder tausendmal benutzte Form. In der Tat: Man hört durch die bewegten Stimmen hindurch die Ouvertüre zu einer Oper, in der lebende und affektbesetzte Figuren die Hauptrollen spielen. Stimmt das Orchester das Concerto op. 5/6 von Evaristo Felice Dall‘Abaco an, begreift man, dass das Konzert aus dem Tanz entsprang, der wiederum eng mit dem Gesang zusammenhängt, oder anders: Alles an diesem Abend ist Gesang.
Erst recht in der Zugabe. Natürlich gibt es ein Terzett; die drei Sopranos singen Pur ti miro, pur ti godo aus Monteverdis L‘Incoronazione di Poppea, an deren Ende Nerones und Poppeas Stimmen sich wundersam verschlingen. Völlig gleichgültig, ob Monteverdi oder ein Schüler – wohl Francesco Cavalli, dessen Pompeo Magno beim letzten Bayreuth Baroque eine glanzvolle Wiederauferstehung erfuhrt – das Duett geschrieben hat: Fiorio, Licht und Orellana machen aus dem Duett eine zauberhafte Menage à trois, ja, die Unisoni haben bei ihnen die Schönheit eines alpenländischen Dreierg‘sangs.
Spätestens jetzt wäre die Markgräfin nicht glücklich, sondern überglücklich gewesen.
Frank Piontek, 14. September 2026
Georg Friedrich Händel:
Non se sempre vane larve aus Armino
Un pensiero nemico di pace aus Il trionfo del tempo e del disinganno
Verso già l‘alma col sangue aus Aci, Galtea e Polifemo
Care selve, ombre beate und Si, sì mei raccorderò aus Atalanta
Johann Adolf Hasse:
Sinfonia und Morte, col fiero aspetto aus Marc‘Antonio e Cleopatra
Tomaso Albinoni:
Aure, andate e baciate aus Il nascimento dell‘ Aurore
Nicola Antonio Porpora:
Nel già bramoso petto aus Ifigenia in Aulide
Riccardo Broschi:
Son qual nave aus Artaserse
Francesco Cavalli (?):
Pur ti miro aus L‘Incoronazione di Poppea
Evaristo Felice Dall‘ Abaco:
Concerto op. 5/6
The Sopranos
Festival Bayreuth Baroque
Markgräfliches Opernhaus
11. September 2026
Federico Fiorio, Maayan Licht 6 Dennis Orrellana
Leitung: Markellos Chryssicos
Wrocław Baroque Orchestra