Was war das doch wieder für ein phantastischer Opernabend! Absolut toll! Was einem das Badische Staatstheater Karlsruhe hier auf höchstem Niveau präsentierte, ging in jeder Beziehung ungemein unter die Haut. Hier haben wir es mit einer echten Rarität zu tun, einem Meisterwerk allererster Güte, das hoffentlich noch von vielen anderen Opernhäusern nachgespielt wird. Und da sage noch einmal jemand, Frauen könnten nicht komponieren. Nun, die 1858 in London geborene Ethel Smyth konnte es, und zwar ganz hervorragend. Ihrer auf einem Libretto von Henry B. Brewster beruhender Oper The Wreckers kann man sich nur schwer entziehen. Der Eindruck von der Musik war ganz gewaltig und erweckte den Wunsch, mehr von dieser grandiosen Komponistin zu erleben. Nach ihrem Tod im Jahre 1944 gerieten Ethel Smyth und ihr Werk leider in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren begann man sich an diese Tonsetzerin wieder zu erinnern. The Wreckers wurden in den letzten Jahren bereits an drei deutschen Theatern gespielt. Damit haben diese einen lobenswerten Zug getan. Eine Smyth-Renaissance war schon lange überfällig. Und es ist sehr zu begrüßen, dass ihre Kompositionen, insbesondere The Wreckers, wieder den Weg in das allgemeine musikalische Bewusstsein gefunden haben. Diese Oper ist wahrlich etwas ganz Besonderes. Von ihr existieren mehrere Fassungen: Eine französische, eine deutsche und eine englische. In Karlsruhe zu erleben war die englische, 1909 in London unter der Leitung von Thomas Beecham aus der Taufe gehobene Fassung, die bereits in der vorletzten Spielzeit am Badischen Staatstheater für Furore sorgte und jetzt mit großem Erfolg wieder aufgenommen wurde. Der Schlussapplaus des begeisterten Publikums war sehr freundlich. Leider war der Zuschauerraum bei dieser bemerkenswerten Aufführung nicht sonderlich gut besetzt. Es blieben noch etliche Plätze frei. Das haben The Wreckers nicht verdient. Liebe Opernfreunde, geht in diese wunderbare Aufführung. Ihr werdet es garantiert nicht bereuen! Es lohnt sich! Bei einer derartigen Rarität darf das Theater einfach nicht so leer bleiben. Es sollte immer ausverkauft sein!

Der musikalische Gehalt der Oper ist enorm. Hier warf die Komponistin mit Bravour ihr ganzes Können in die Waagschale und schuf ein Werk, das bei der bejubelten Karlsruher Premiere vor zwei Jahren einen Sensationserfolg darstellte und auch bei der hier zu besprechenden zweiten Aufführung der Wiederaufnahmeserie vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Ethel Smyth hat eine sehr eindringliche, stark der Spätromantik huldigende Musik geschrieben, die von großer Intensität und einem enormen Farbenreichtum geprägt ist. Es gibt vor allem in den gewaltigen Chorszenen des ersten Aktes viele harte und schroffe Klänge, aber auch zarte und weiche Klänge kommen nicht zu kurz. Das große Liebesduett im zweiten Akt, für das wohl Wagners Tristan Pate gestanden hat, ist ein Inbegriff melodiösen Schönklangs. Darüber hinaus werden Anklänge an andere Opern spürbar. So wird beispielsweise in der Ouvertüre die Nähe zum Fliegenden Holländer offenkundig. Der versierte Opernfreund wird auch Anleihen an Bizets Carmen erkennen. Die hier von der Komponistin ins Feld geführte Leitmotivtechnik gemahnt ebenfalls an den Bayreuther Meister. Aber auch der Einfluss eines Brahms, eines Tschaikowsky und eines Schumann macht sich bemerkbar. Es ist eine recht vielschichtige, in hohem Maße expressive Partitur, mit der Frau Smyth hier aufwartet. Ausgeprägte Dramatik, lyrische Eleganz und volksliedhafte Elemente reichen sich hier einvernehmlich die Hände und formen sich zu einem musikalischen Ganzen von ausgeprägtem Glanz, das einen regelrecht mitreist. An letzterem hatte auch Ulrich Wagner am Pult einen großen Anteil. Zusammen mit der bestens disponierten Badischen Staatskapelle gelang es ihm, das Auditorium in einen regelrechten musikalischen Rausch zu versetzen. Die Schönheiten der Partitur wurden von ihm bestens ausgelotet und famos vor den Ohren der Besucher ausgebreitet. Zudem gelang dem Dirigenten eine exzellente Herausarbeitung der spezifischen Coleurs. Auch in der Erzeugung ansprechender Stimmungsbilder, dem Aufbau gewaltiger Spannungsbögen und der Strukturierung von Ethel Smyths grandioser Musik zeigte sich der Dirigent sehr versiert. Der gewaltige Schlussapplaus, der ihm am Ende entgegenschlug, war nur zu berechtigt. Gleichzeitig war Herr Wagner für die Einstudierung des ausgesprochen kraftvoll und markant singenden Badischen Staatsopernchores sowie des Extrachores verantwortlich.

Angesichts des ausgemachten Raritätencharakters seien hier einige Worte zum Inhalt erlaubt: The Wreckers sind eine eingeschworene Gemeinschaft an der Küste von Cornwall lebender verarmter Fischer. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie sich mit der Ausplünderung gestrandeter Schiffe und der Ermordung überlebender Schiffbrüchiger. Der Pfarrer Pascoe segnet diese Vorgehensweise religiös ab. Verheiratet ist er mit der sehr viel jüngeren Thirza, die ihn indes nicht liebt und sich dem Fischer Mark zugewendet hat, dem in Wirklichkeit ihr ganzes Herz gehört. Mark verurteilt das verbrecherische Vorgehen der Strandräuber und entzündet an der Küste immer wieder Leuchtfeuer, um vorbeifahrende Schiffe zu warnen. Thirza ist ihm bei seiner Opposition gegen die verbrecherischen Dorfbewohner behilflich. Damit werden die beiden jungen Leute zu Verrätern an der Gemeinschaft. Deren Handeln ist kriminell, dasjenige des Liebespaares dagegen moralisch gerechtfertigt. Dennoch fliegen ihr Verhalten sowie der Ehebruch schließlich auf. Thirza und Mark werden von dem wütenden Mob zum Tode verurteilt und finden ihr Ende gemeinsam in den Fluten des Meeres. Sie sterben gleichsam einen Liebestod. Auch hier fungiert ein Handlungsmotiv aus Wagners Tristan als Vorbild.

Diese Geschichte um die ausgeprägte moralische Komplexität, dass alle Beteiligten von ihrem ganz persönlichen Standpunkt aus das Richtige tun (vgl. Programmheft S. 16), ist von Regisseur Keith Warner brillant umgesetzt worden. Zusammen mit seiner Regie-Mitarbeiterin Katharina Kastening, dem Bühnenbildner Tilo Steffens sowie den für die Kostüme verantwortlichen Julia Müller und Verena Polkowski hat er das Werk geschickt modernisiert, ohne dabei dessen Kern anzutasten. Anknüpfungspunkt war für den Regisseur die Lektüre des Buches Die unbewohnbare Erde von David Wallace-Wells, in der der Autor schonungslos gegen die Folgen und Auswirkungen des Klimawandels ins Feld zieht. Hier knüpft auch Warner mit seinem Konzept an. Er und sein Team verlegen die Handlung in eine nicht allzu ferne Zukunft und lassen das Ganze in einem bunkerartigen, ausgedienten Forschungszentrum mit riesigen Bullaugentüren spielen. Die Umwelt wurde durch die Sünden an der Natur zerstört. Wer sie betritt, muss bei Warner eine Gasmaske anlegen. Die Folgen des Klimawandels haben die schrecklichsten Wirkungen auf die Menschheit. Die Außenwelt existiert im zweiten Akt nur noch in Form von einigen wenigen Erinnerungsfetzen. Laut schreit der Regisseur seine Warnung vor dieser Entwicklung in die Welt hinaus. Was er zeigt, geht uns alle an. We are the Wreckers, auf Deutsch Wir sind die Strandräuber, stellt er auf S. 28 des Programmheftes fest. Damit hat er nur allzu recht. Sein Ansatzpunkt ist durchaus nachvollziehbar und berechtigt. Abgesehen davon inszeniert er das Werk sehr geradlinig und gut am Libretto entlang, ohne dabei mit einer Reclam-Heft-Inszenierung aufzuwarten. Im Gegenteil: Seine Regiearbeit ist gut durchdacht, abwechslungsreich, spannungsgeladen und bezieht zudem gekonnt die Lehren eines Sigmund Freud und C. G. Jung mit ein. Aber die aufkommende Psychoanalyse hatte bereits Ethel Smyth in ihre Oper integriert. Da erscheint es nur werkgerecht, dass sich auch Warner der Psychoanalytik bedient und The Wreckers zu einem ausgeprägten psychologischen Drama macht.

Das wird insbesondere im zweiten Akt deutlich, wenn sich eine Reihe von Kisten vom Schnürboden herabsenken, deren Inneres die verschiedensten Impressionen aufweist. So erblickt man darin eine Landschaft, das Meer, einen Sternenhimmel, einen Galgen und zwei Gräber. Diese Bilder sind indes nicht real zu deuten, sondern innerlich, als Projektionen der Wünsche und Sehnsüchte des Liebespaares, zu interpretieren. Das ist eine vortreffliche Idee seitens der Regie. Trefflich mutet auch Warners Regieeinfall an, das apollinische und das dionysische Prinzip zueinander auf Konfrontationskurs gehen zu lassen. Mit großem Einfühlungsvermögen stellt der Regisseur bereits im ersten Akt die die Menschen durch strenge Regeln unterjochende Kirche den Vergnügungen eines ausgelassenen Partylebens gegenüber. Immer wenn man sich an den Schätzen eines aufgelaufenen Schiffes bereichert hat, geht es groß ans Feiern, was absolut verwerflich ist. Diese Auswüchse werden von Warner eindringlich beleuchtet und bis in die letzte Konsequenz zu Ende gedacht. Vehement stellt er die Frage nach den gesellschaftlichen und moralischen Pflichten in den Raum. Die sind für eine Gesellschaft bitter nötig. Hier führen sie aber zu ihrer Zerstörung. Dieses Konzept des Regisseurs ist äußerst überzeugend und mit Hilfe einer stringenten Personenregie auch abwechslungsreich umgesetzt. Besonders beeindruckend gerät Warner das Schlussbild, in dem das gleichsam in der Luft schwebende Liebespaar von auf Tücher projizierten Wellen gleichsam verschlungen wird. An dem großen Erfolg der Inszenierung hat auch Magdalena Rybicka teil, die die szenische Einstudierung besorgte.

Ebenfalls auf hohem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. Es wurde durchweg vorbildlich im Körper gesungen. Einen sehr wohlklingenden, bestens fokussierten und bis zu den Spitzentönen kraftvollen und durch alle Lagen sicher geführten Mezzosopran brachte Ann-Beth Solvang für die Thirza mit.
Die hohe Tessitura der Rolle, die sie differenziert und nuancenreich ausdeutete, bereitete ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten. Auch schauspielerisch zeigte sie sich sehr intensiv. Neben ihr überzeugte mit gut sitzendem, ansprechendem lyrischem Tenor und einfühlsamer Linienführung Brett Sprague. Seine große Arie im zweiten Akt war ein Höhepunkt der Aufführung. Ralitsa Ralinova hat die böse Seite der als schwarz gekleidete Rockerin gezeichneten Avis trefflich ausgelebt. Stimmlich wartete sie mit einem gefälligen, gut ansprechenden, höhensicheren Sopran auf. Mit vollem und rundem, dabei schön sonorem Bass-Klang sang Ks. Konstantin Gorny den Pascoe. Mit profundem, kräftigem Bariton gab Ks. Armin Kolarczyk den Lawrence. Ks. Klaus Schneider war ein solide intonierender Tallan. In jeder Beziehung vorzüglich schnitt Liangliang Zhao als Harvey ab. Nichts auszusetzen gab es an dem Jack von Melanie Lang.
Fazit: Eine hochkarätige, ungemein faszinierende Aufführung, deren Besuch dringendst empfohlen wird! Die Fahrt nach Karlsruhe hat sich wieder einmal voll gelohnt!
Ludwig Steinbach, 25. Oktober 2026
The Wreckers
Ethel Smyth
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Premiere: 29. September 2024
Besuchte Aufführung: 24. Oktober 2026
Inszenierung: Keith Warner
Musikalische Leitung: Ulrich Wagner
Badische Staatskapelle