Meiningen: „Flavio, Re de’ Longobardi“, Georg Friedrich Händel

Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: Die Musik, die in ihrer barocken Akkuratesse zu Händels Juwelen zählt, die prächtigen Kostüme eines hochkarätigen Ensembles oder den geschmeidigen Ablauf einer Vielzahl von kurzen Szenen, die stets mit einem geschickt inszenierten und intonierten Umbau der Bühne vonstattengehen.


© Marie Liebig

Drei Stunden darf das Publikum, Voyeuren gleich, die Ausschreitungen und Mätressenwirtschaft Flavios, eines schwanzgesteuerten Regenten nach dem Vorbild von Stuartkönig Charles II. und Langobardenkönig Flavius Cunincpertus beäugen. Der Hof wird zur Manege. Menschliche Schwächen, Korruption, Liebe und Streit, und vor allem das gestelzte Hofleben im 17. und 18. Jahrhundert, wo nichts privat bleibt und keiner eine weiße Weste oder ein weißes Mieder hat, sind der Zündstoff in dieser Satire und Parodie. Es wird Zeuge von zotigen Exzessen, Liebesleid, tragischen Ereignissen und ungeniert zur Schau gestellten Beischlaforgien und Busenwundern. Die Seitenhiebe auf einen schweinheiligen Katholizismus sind überdeutlich, denn Priester und Nonne sehen weg und nur ein klein wenig hin. Doch nichts wirkt billig, denn die Musik adelt alles. Kaum eine Szene entbehrt der Komik, und Regisseur Max Emanuel Cencic trifft hier den damaligen politischen und gesellschaftlichen Nerv – und vielleicht auch den heutigen.

1723 uraufgeführt, fand das Werk trotz musikalischer und schauspielerischer Glanzleistung wenig Publikum. Wen wundert’s? Politik und Establishment wurden gnadenlos ausgezogen, vorgeführt und veralbert. Auch die Parodie auf die übliche Opera seria war wohl für die Musikszene ein No-Go. Aber Händel konnte sich diesen Coup leisten, da er Londons erfolgreichster Opernunternehmer mit einflussreichen Kontakten war.

Erst als Cencic, der Star in der internationalen Barockopernszene, den Flavio 2023 in einer Neuinszenierung auf dem Bayreuth Baroque Opera Festival präsentierte, war es ein Riesenerfolg.

Nun bereichert er in einer Kooperation mit dem Meininger Theater die Spielzeit 2026/27. Es agiert die Meininger Hofkapelle unter dem Dirigat von Camille Delaforge, die sich auf das Barockrepertoire spezialisiert hat.  Countertenor Max Emanuel Cencic führt nicht nur Regie, sondern übernimmt auch die Rolle des Guido. Aber auch das Meininger Ensemble wirkt bei dieser Produktion mit.

  • Guido und Emilia freuen sich auf ihre Hochzeit. Sogar König Flavio ist eingeladen. Ihre Väter, Ugone und Lotario, fungieren als dessen Berater. Dort findet er Gefallen an Ugones Tochter Teodata, die ein heimliches Verhältnis mit Vintige, seinem Adjutanten, hat. Als er eine Personalentscheidung zu Ungunsten Lotarios fällt, streiten sich die beiden und Ugone kassiert eine Ohrfeige. Sein Sohn Guido soll die Ehre wieder herstellen und killt Lotario im Duell, was seine Beziehung zu Emilia schwer beschädigt. Er bietet ihr deshalb seinen Tod an. Inzwischen hat Vintige Teodata überredet, Flavio scheinbar zu Willen zu sein.

In diesen Liebes- und Ehrkonflikten wechseln Komik und Tragik in rasantem Tempo, forciert von permanentem Szenenwechsel höchst unterhaltsam und das Publikum spart nicht mit Szenenapplaus und am Ende – wie in jeder Schnulze – könnte noch alles gutgehen.


© Marie Liebig

Imposant und sehr leicht zu verändern kreierte Helmut Stürmer für Bayreuth 2023 große Klappwände, die leicht falt- und schiebbar sind und in dezenter barocker Gestaltung einen edlen Rahmen geben. Auch der Zuschauer richtet sich schnell ein und empfindet die immer wiederkehrenden Interieurs positiv. Man kennt sich schnell aus. Sitzgruppen, Sessel und Tische sind unaufdringlich funktionell und in warmen Rottönen. Ein Prachtexemplar von rotem Himmelbett muss so manches aushalten, wenn König oder Königin und die jeweiligen Favoriten teils vor aller Augen, teils hinter einem Vorhang zugange sind. Abgesehen vom schlichten Nachthemd des Königs entwarf Corina Grămoșteanu prachtvolle Krinolinen aus edelsten Stoffen. Hier bestechen nicht nur die Damenroben, auch die höfischen Kostüme der Männer sind in Samt und Seide mit Spitze auf die Spitze getrieben. Originelle Details veralbern die Prunksucht. Funktionelle Spielereien lassen auch mal schnell die Busen blitzen oder die Höschen rutschen.

Countertenor Rémy Brès-Feuillet hat äußerlich so gar nichts von einem absolutistischen Herrscher. Die Rolle karikiert sich selbst. Er lebt das herrlich affig, albern aus und lässt die Stimme Purzelbäume schlagen. Ganz anders seine Gattin Elke Müller, die sich stumm nur über ihre Mimik mitteilt. Aber die rührt. Ob es Demütigung oder Verachtung ist, Versteinerung oder dezente Zuneigung zu ihrem kleinwüchsigen Höfling, Mick Morris Mehnert, – sie hat Haltung. Regisseur Max Emanuel Cencic stellt in seiner Doppelfunktion als Guido sein perfektes Stimmpotential als Countertenor unter Beweis und erntet tosenden Applaus. Keith Klein hat als Lotario zwar nur einen begrenzten Auftritt, weil er ja stirbt, doch sein Bassbariton ist gewaltig und markant. Lubov Karetnikova, Sopran, hat als Emilia ein gewaltiges Repertoire. Koloraturexzesse, die Liebe und Verzweiflung, aber auch Hass und Rage glaubhaft und stimmlich umwerfend meistern, machen sie zum Star des Abends. Nicht minder eindrucksvoll und in allen Gefühlslagen echt erscheint Julianna Smith als Teodata. Witzig und frivol, aber durchaus tonangebend und Herrin der Lage, punktet sie mit einem facettenreichen Mezzosopran und stampft ihren Vintige auch schon mal in Grund und Boden, düpiert Flavio und genießt ihre Rolle sichtlich. Sara-Maria Saalmann, super in der Hosenrolle, lässt Vintige in diesem Ereignischaos erstaunlich echt erscheinen und macht so den dritten Counter mehr als überflüssig. Tobias Glagau, Tenor, meistert souverän seine Rolle als königlicher Ratgeber und überzeugt als Vater.


© Marie Liebig

Man kann hier wirklich von einer gelungenen Koproduktion beider Häuser sprechen, die Protagonisten sind ebenbürtig und die Veränderungen zur Aufführung 2023 sprechen für eine gelungene Weiterentwicklung dieser Oper. Dramaturgin Julia Terwald und Regisseur Cencic schufen mit Herzblut und Verstand eine Fassung, die den Publikumserfolg garantiert. Dass die Meininger Hofkapelle Händels Werk in dieser eigentlich einfachen Orchestrierung, in der überwiegend Streicher und Basso Continuo vorkommen, so vollkommen inhaltlich abgestimmt umsetzt, ist nicht nur einer außergewöhnlichen Dirigentin zu verdanken.

Inge Kutsche, 25. Oktober 2026


Flavio, Re de’ Longobardi
Oper von Georg Friedrich Händel

Staatstheater Meiningen
Premiere am 23. Oktober 2026

Koproduktion mit dem Bayreuth Baroque Opera Festival

Regie: Max Emanuel Cencic
Musikalische Leitung: Camille Delaforge
Meininger Hofkapelle

Weitere Vorstellungen: 1., 5. und 22. November, 16. und 25. Dezember 2026, 16. Januar, 20. Februar, 2. März 2027