Wenn die Tage kürzer werden und die Regale im Supermarkt mit den Leckereien für die Weihnachtsfeiertage fast leergekauft sind, ist es auch Zeit für liebgewonnene Traditionen. Für viele Menschen gehört dazu auch der Film Drei Haselnüsse für Aschenbrödel aus dem Jahr 1973, eine tschechisch-deutsche Koproduktion, die inzwischen zu den bekanntesten Märchenfilmen überhaupt zählt. Neben Deutschland ist der Film u. a. auch seit vielen Jahrzehnten fester Bestandteil im vorweihnachtlichen Fernsehprogramm in Tschechien, der Slowakei und Norwegen. Für die Landesbühnen Sachsen entstand im Jahr 2013 ein Musical, das die wunderbaren Filmmelodien von Karel Svoboda mit neuen Kompositionen von Thomas Zaufke verbindet. Dies gelingt ausgesprochen gut. Die Handlung des Musicals orientiert sich dabei recht nah an der Filmvorlage, die das bekannte Märchen von Aschenputtel in einer etwas anderen Variante erzählt. Nach dem Tod ihres Vaters lebt Ella, das Aschenbrödel, auch in dieser Version mit ihrer strengen Stiefmutter und ihrer Stiefschwester Dora auf dem Hof des verstorbenen Vaters. Während „Dorchen“ von ihrer Mutter rundum verwöhnt wird, muss Ella als Dienstmagd auf dem Hof arbeiten. Ihre besten Freunde sind hier der treue Schimmel Nikolaus und die kluge Eule Rosalie. Als das Königspaar eines Tages auf Durchreise auf dem Gut zu Gast ist, trifft Ella im Wald zum ersten Mal auf den Prinzen. Dieser hat sich mit seinen Begleitern Willi und Karlchen davon geschlichen, da ihm seine Freiheit und das Vergnügen wichtiger sind als die Etikette am Königshof. Es folgen weitere Treffen der beiden, auch weil Aschenbrödel die Magie der Haselnüsse entdeckt, die ihr als letztes Geschenk ihres Vaters geblieben sind. Natürlich darf auch der verlorene Schuh in dieser Geschichte nicht fehlen, der ein wesentlicher Bestandteil des Happy Ends ist.

Trotz der bekannten Geschichte gelingt es der Musicalversion, die Zuschauer in der rund zweistündigen Aufführung (zuzüglich einer Pause) gut in die Handlung hineinzuziehen und immer wieder zu überraschen. Dies liegt auch an der gelungenen Buchadaption von Katrin Lange, die eine sehr bühnentaugliche Version des Films geschaffen hat. In Verbindung mit den Songtexten von Edith Jeske entwickelt das Stück einen ganz eigenen Humor, der überraschend gut unterhält. Auch die Kompositionen von Thomas Zaufke sind gut gelungen. Es gelingt ihm, die neuen Stücke passend mit der Originalmusik abzustimmen. Nachdem die eingängige Filmmusik gleich in der Ouvertüre erklingt, ist der musikalische Grundstein des Abends gelegt. Im Verlauf des Abends erinnern einige neue Melodien von Zaufke fast etwas an Sergei Prokofjew oder Béla Bartók, während andere Lieder im typischen Musicalsound erklingen. Besonders schön ist hierbei der Song Ruckediguh, in dem sich Aschenbrödel mit den Tauben unterhält, die ihr beim Sortieren der Erbsen helfen. Die Lieder gehen musikalisch gut ins Ohr und wissen durchgängig zu gefallen.

Gefallen kann auch die optische Umsetzung, die für eine Tourproduktion, die in vielen kleineren Hallen aufgeführt wird, recht überzeugend ist. Im Hintergrund der Bühne sorgt eine große LED-Fläche für die jeweiligen Örtlichkeiten. Diese werden immer wieder passend mit realen Bühnenelementen wie Kisten, Zäunen, Tischen oder Stühlen ausgestattet. Je nach Hallengröße kann die Bühne allerdings etwas klein wirken, wie auch bei der besuchten Vorstellung im recht großen Bochumer RuhrCongress. Zudem sind hallenbedingte Sichteinschränkungen auf den Randplätzen, insbesondere bei breiteren Hallen, wohl nicht zu vermeiden. So verdeckt der Zaun hier hin und wieder mal die LED-Wand komplett. Trotzdem weiß das Bühnenbild von Walter Vogelweider in der Summe positiv zu überraschen. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ShowSlot zwei Versionen der Tour auf die Reise schickt: Die besuchte Rosalie-Tour gastiert derzeit an über 60 Orten, von Aschaffenburg bis Zwickau. Die Nikolaus-Tour bespielt zusätzlich ab dem 18. November 2026 die größeren Städte und Theater mit mehrtägigen Gastspielen und ist dabei u. a. in Duisburg, Frankfurt, München, Stuttgart, Bremen, Wien und Graz zu sehen. Neben einer anderen Besetzung soll hier auch ein etwas größeres Bühnenbild zum Einsatz kommen.

Ein großer Pluspunkt dieser Tournee sind die hervorragenden Darstellerinnen und Darsteller. In der besuchten Vorstellung waren sie allesamt bestens zu verstehen und überzeugten mit klarem Gesang. Diese Qualität ist bei Tourproduktionen anderer Anbieter leider nicht selbstverständlich. Dass die Musik in Drei Haselnüsse für Aschenbrödel vom Band kommt, muss man dagegen hinnehmen. An der Abmischung mit dem Livegesang gibt es allerdings nichts auszusetzen. Cassandra Schütt steht als Aschenbrödel fast durchgängig auf der Bühne und setzt die Rolle mit ihrer vielseitigen Stimme absolut „märchenhaft” um. Mit Paul Aschenwald steht ihr ein Prinz zur Seite, der wie sie seine Musicalausbildung in Wien absolvierte und an der dortigen Volksoper als Melchior in Spring Awakening zu sehen war. Für die humorvollen Momente im Stück sorgen vor allem Timna Engelmayer als Stiefmutter und Melina Niccum als Dorchen, die ein gutes Gespür für das richtige Timing haben. Aus den weiteren acht Ensemblebesetzungen übernehmen Pascal Giebel als Willi, Henk Nagel als Karlchen, Alexander Bambach als König und Christine Toft als besonders sympathische Königin zudem größere Solopartien.

Insgesamt ist ShowSlot mit der Umsetzung dieses Märchenklassikers eine stimmige Produktion gelungen. Es kommt nicht oft vor, dass man sich als Kritiker auf ein Stück mit bekannter Handlung einlässt, dessen Musik einem vor dem Besuch völlig unbekannt ist. Erschwerend kommt hinzu, dass sich kaum musikalisches Material zu diesem Musical finden lässt. Dies ist sehr schade bei der gebotenen musikalischen Qualität der Lieder. Da wünscht man sich in diesem Jahr zu Weihnachten doch einfach mal eine CD-Aufnahme dieser Produktion, auch wenn dieser Wunsch wohl nicht in Erfüllung gehen wird. Live zu erleben ist Drei Haselnüsse für Aschenbrödel auf jeden Fall noch bis Ende Februar 2027.
Markus Lamers, 22. Oktober 2026
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel
Musical von Thomas Zaufke (Musik), Edith Jeske (Gesangstexte) und Katrin Lange (Buch) nach dem gleichnamigen tschechisch-deutschen Märchenfilm von Václav Vorlíček und František Pavlíček mit der Filmmusik von Karel Svoboda
ShowSlot Touring GmbH
Premiere: 16. Oktober 2026 in Mainz (Rheingoldhalle)
besuchte Vorstellung: 19. Oktober 2026 in Bochum (RuhrCongeress)
Inszenierung: Rita Sereinig
Musikalische Leitung: Hans Rose / Luis Richter
Weitere Aufführungen bis zum 21. Februar 2027 in über 70 Städten in Deutschland und Österreich; genaue Termine und weitere Informationen unter www.aschenbroedel-musical.de.