Gelsenkirchen: „Wozzeck“, Alban Berg (Zweite Besprechung)

Der Empfehlung für die Gelsenkirchener Inszenierung des Wozzeck von Alban Berg durch unsere erste Kritik kann ich nur zustimmen. Die musikalische Seite ist fabelhaft. Sogar Matthew Peña als Hauptmann erscheint mir nicht kritikwürdig. Seine leichte, helle und scharfe Stimme passt hervorragend zu seiner Physiognomie wie zu seiner Rollengestaltung als charakterliches Leichtgewicht. Ein Platz im Seitenrang ermöglicht ein direktes Klangerlebnis aus dem Orchestergraben, das eine farblich vielschichtige, gar gleißende, dynamisch sehr differenzierte und transparente Umsetzung der expressionistischen Partitur erfahrbar macht; zugleich mit John Warner einen kontrollierten und kontrollierenden, somit souveränen Organisator der virtuos aufspielenden Neue Philharmonie Westfalen, der Solisten und Chöre zeigt. Gespielt wird eine leicht reduzierte Version mit zumeist drei- statt vierfacher Bläserbesetzung. Trotzdem scheinen sich die Phonstärken mitunter jenseits des Erlaubten zu bewegen, denn man sieht schon mal Musiker, die sich die Hände vor die Ohren halten, wenn sie gerade nicht ihr Instrument in den Händen  halten. Gibt es keine Schutzwände aus Plexiglas oder ähnliches am Musiktheater im Revier?

© Björn Hickmann

Berg komponierte den Wozzeck rund achtzig Jahre nachdem Georg Büchner das Drama entworfen hatte. Uraufgeführt wurde er im Dezember 1925, gut sieben Jahre bevor Adolf Hitler mit der Reichsregierung beauftragt wurde und er umgehend von den Spielplänen verschwand; in Berlin wurde er schon 1932 abgesetzt. Da große Kunstwerken durchaus prophetisch sein dürfen, hat Regisseurin Ilaria Lanzino richtig getan, indem sie die Handlung in die ersten vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt. Ihr Konzept (und den Inhalt der Oper) hat Šimon Kinc in seiner oben verlinkten Besprechung erläutert und braucht hier nicht noch einmal wiederholt zu werden; außerdem enthält das Programmheft, das als Download erhältlich ist, ein erläuterndes Interview mit ihr, und es gibt vor der Aufführung eine Einführung. Das Konzept kommt stimmig über die Rampe in Verbindung mit den erweiterten Visionserlebnissen Wozzecks. Denn die Szene Marie-Tambourmajor (1.Akt 5.Szene) wird von ihm geträumt. Tatsächlich erhält Marie die Ohrringe (und andere kostbare Sachen) von einem Händler, der das Eigentum deportierter Juden verkauft. Das Geld hierfür bekommt Wozzeck vom Doktor für seine Hilfsdienste: “…denn das Menage Geld kriegt das Weib.“ Dies ist nur ein Beispiel für die kluge Ausdeutung des Textes durch die Regie. Auch der vom Libretto abweichende Selbstmord Maries ist zumindest musikalisch stimmig, denn er erfolgt auf einem orchestralen Höhepunkt.

© Björn Hickmann

Nach Verdis Nabucco an der Deutschen Oper am Rhein ist somit eine weitere beachtenswerte Inszenierung Lanzinos in Nordrhein-Westfalen zu erleben.  Nächstes Jahr darf sie in Bayreuth den Lohengrin gestalten. Wenn er einigermaßen erfolgreich sein wird – ihre Arbeiten sind durchaus umstritten – , wird sie sich hier wohl rarmachen. Wer ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts als packende Geschichtsstunde erleben möchte, ist am MIR deshalb gut aufgehoben. Weil die besuchte Vorstellung nicht annähernd ausverkauft war, wurden die Inhaber der Rangplätze schon beim Einlass ermuntert, einen Platz im Parkett einzunehmen – ein sehr freundliche Geste des Theaters.

Bernhard Stoelzel, 2. November 2026


Wozzeck
Alban Berg

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
Besuchte Aufführung 31. Oktober 2026
Premiere: 27. September 2026

Regie: Ilaria Lanzino
Musikalische Leitung: John Warner
Neue Philharmonie Westfalen

  1. Besprechung