Hildesheim: „Guillaume Tell“ Gioachino Rossini

Nur sehr selten kann man Rossinis letzte, in Paris komponierte Oper erleben, was an den hohen Anforderungen an alle Ausführende liegen mag. Umso erfreulicher ist es, dass es sich bei der in Hildesheim seit einigen Jahren gewählten Trilogie diesmal um den schweizerischen Freiheitshelden Wilhelm Tell handelt. Später in der Spielzeit wird es das Schiller-Drama und ein Musical über den Tell-Stoff im Jungen Theater geben.

Zum Inhalt, der in seinen Grundzügen Schillers Drama folgt und nur in einigen Einzelheiten davon abweicht: Der österreichische Gouverneur Gesler mit seinem Hauptmann Rodolphe unterdrückt die Einwohner der besetzten Schweizer Kantone Schwyz, Uri und Unterwalden. Guillaume Tell, der allmählich zum Anführer der Aufrührer wird, kümmert sich besonders um Arnold, den Sohn seines Freundes Melcthal, der die habsburgische Prinzessin Mathilde heimlich liebt. Tell führt Arnold den Zwiespalt zwischen dieser Liebe und der Treue zu seinem Vaterland wiederholt vor Augen. Aber Arnold lässt sich endgültig erst überzeugen, als er erfährt, dass sein Vater auf Geslers Geheiß ermordet wurde. Anschließend erfolgt der historische Rütli-Schwur der Eidgenossen. Später kommt es bei einem Fest zu Ehren der Habsburger zu dem berühmt-berüchtigten Apfelschuss. Obwohl Tell das Kunststück gelingt, wird er dennoch von Gesler festgenommen. Nachdem Arnold seines toten Vaters gedacht hat, ruft er zum Kampf gegen die habsburgische Herrschaft auf. Indessen bringt Mathilde Tells Sohn Jemmy zu seiner Mutter Hedwige in Sicherheit. Während Tell von Gesler und seinen Soldaten über den See transportiert wird, bricht ein Sturm los, in dem nur Tell das Schiff noch steuern kann. Von seinen Fesseln befreit, lenkt er das Schiff ans Ufer und springt an Land. Den ihn verfolgenden Gesler erschießt er mit seiner Armbrust. Schließlich haben die Aufständischen gesiegt und feiern im jubelnden Schlusschor ihre Freiheit.

© Tim Müller

In Hildesheim hatte man sich für die vier-aktige und damit originale Fassung der Oper entschieden, die allerdings von rund fünf auf drei Stunden Spieldauer gekürzt war; dem fielen leider auch das schöne Terzett der drei Frauenstimmen Mathilde, Tells Frau Hedwige und Sohn Jemmy („Je rends à votre amour“) und Hedwiges Dankgebet vor dem großen Finale zum Opfer. Wie bei bisherigen Trilogien hatte Lars Linnhoff wieder für die drei Projekte ein einheitliches Bühnenbild geschaffen, das im Zentrum aus einer Art Monument, das mit Flugblättern versehen wird, und wackeligen, kahlen Baumstämmen besteht. Es wirkt reichlich düster, was ebenso wie die grau-blaue Einheitskleidung der Bevölkerung wohl die bedrückte Stimmung im Dorf unterstreichen soll (Kostüme: Moritz Haakh). Die Inszenierung von IsabelOstermannkann nicht durchweg überzeugen: Wie man aus ihren Braunschweiger Regiearbeiten noch in Erinnerung hat, ist ihr allerdings die Führung der Hauptakteure wieder insgesamt gut gelungen. Auch die Chöre werden sinnfällig bewegt, wenn man von unverständlichen Segnungshandlungen bei den gefeierten Hochzeiten zu Beginn absieht. Auch andere Einzelheiten befremden, wie z.B. das Hantieren mit einem kleinen Teddybär durch die Liebenden jeweils bei ihren großen Arien oder der Umstand, dass es Geslers Hut auf einer Fahnenstange nicht gibt, sondern stattdessen einem Coffee-to-go-Becher gehuldigt werden muss. Ihr ist dagegen nicht anzulasten, dass der in Hildesheim bewährte Sänger Tobias Hieronimi gleichzweiPartien, Melcthal und Walter Furst, ausfüllenmusste. Dass er bald nach Melcthals Tod äußerlich kaum verändert als Furst auftrat, konnte man nicht recht verstehen – es wirkte so, als ob Melcthal auferstanden sei.

© Tim Müller

In der besuchten Nachmittagsvorstellung fand Rossinis Grand Opéra musikalisch eine Wiedergabe vom Feinsten. Das lag zunächst an Chordirektor und GMD-Stellvertreter Achim Falkenhausen, der nach der prächtig musizierten Ouvertüre die tüchtige TfN-Philharmonie ebenso wie den klangausgewogenen Chor und Extrachor zu durchweg ausgezeichneten Leistungen zu animieren wusste. Er setzte deutlich auf zügige Tempi, ließ aber auch genügend Raum für das Auskosten der Gesangslinien in den ruhigeren Passagen der Partitur.

In der Titelrolle erlebte man Eddie Mofokeng, der nun endlich einmal eine größere Partie ausfüllen durfte. In der prachtvollen Mittellage und in den Höhen gefiel sein angenehm timbrierter Bariton besonders, den er durchgehend in schönen Bögen auf Linie führte. Als Arnold Melcthal gestaltete Leilei Xie glaubhaft die Zerrissenheit zwischen Liebe und Heimattreue. Stimmlich ist die Partie mit Schwierigkeiten höchsten Grades gespickt, die der junge Chinese verblüffend sicher bewältigte, von sauberen Spitzentönen bis hinauf zum Cis und auch in den ruhigen Phasen, bei denen er dann doch einige Male unnötig zu sehr forcierte. Gabrielė Jocaitė bestach mit ihrem blitzsauberem, klug geführten Sopran bereits von ersten Moment ihrer Auftritts-Romanze an („Sombre forêt“), für die sie verdienten Szenenapplaus erhielt; diese Arie und das folgende Liebes-Duett („Oui, vous l’arrachez à mon âme“) mit Arnold waren musikalische Glanzpunkte der Aufführung.

© Tim Müller

Mit klarem, feinem Sopran überstrahlte die junge Juline Florentino als Tells Sohn Jemmy die Ensembles des ersten Teils. Als eitler Reichsvogt Gesler präsentierte sich Andrey Andreychik mitunnachgiebigem Gestus und passend herrischem, markantem Bariton. Sein Hauptmann Rodolphe wurde von Julian Rohde mit lockerem Tenor erfüllt. Von Neele Kramer als Tells Frau Hedwige hätte man gern noch das gestrichene Gebet gehört; es gelang ihr in den kurzen Beiträgen, ihren charaktervollen Mezzo ansprechend einzusetzen. Die Chorsolisten Yajun Yu (Ruodi) und Teaseop Kim (Leuthold) ergänzten sicher mit ihren kräftigen Stimmen.

Von den Chören war schon die Rede; es soll aber ergänzt werden, dass neben der Ausgewogenheit auch die Sicherheit und große Klangfülle beindruckten.

Das Publikum war begeistert und feierte alle Mitwirkenden mit starkem, lang anhaltendem Beifall.

Gerhard Eckels, 26. Oktober 2026


Giullaume Tell
Oper von Gioachino Rossini

Hildesheim, Theater für Niedersachsen (TfN)

Besuchte Vorstellung am 25. Oktober 2026
Premiere am 3. Oktober 2026

Inszenierung: Isabel Ostermann
Musikalische Leitung: Achim Falkenhausen
TfN-Philharmonie

Weitere Vorstellungen in Hildesheim: 22. November + 11., 17. Dezember 2026 + 9., 15. Januar 2027 und öfter im Jahr 2027