Mit der neuen Choreografie zu Prokofjews Ballettmusik Romeo und Julia ist dem Braunschweiger Ballettdirektor Gregor Zöllig gemeinsam mit dem Tanzensemble eine dichte Umsetzung des Stoffes gelungen. Geschickte Straffung und Eliminierung einiger Randfiguren des Geschehens halfen dabei; leider verzichtete auch Zöllig – wie die meisten Choreographen seit Cranko – auf den versöhnlichen Epilog Shakespeares, der dem schrecklichen Tod zweier Liebender zwischen gegensätzlichen Welten wenigstens einen Sinn gibt. Hank Irwin Kittel schuf mit verschiebbaren, leicht geschwungenen grauen Wänden kleinere oder größere Räume für den Tanz. Fein ausgeklügeltes Lichtdesign (Daniel Bock) sowie moderne zeitlose Kostüme in überwiegend Schwarz-Weiß-Tönen, ohne eine Clan-Zugehörigkeit zu unterstreichen (Imme Kachel),verdeutlichten Zölligs Interpretation.

Prokofjews eindringliche, interessant instrumentierte Musik – z.B. Saxophon und Mandoline – kam durch das bestens disponierte Staatsorchester unter der stringenten, anfeuernden Leitung des Gastdirigenten David Niemann ausgezeichnet zur Geltung. Der Bogen zur Jetztzeit wurde beim Fest der Capulets mit eingespielter Discomusik des britischen Gitarristen und Vertreters des „Classic Metal“ Marcin Jakubek geschlagen.
Intensive Momente schuf Zöllig vor allem für die Liebenden, wobei ihm exzellente Protagonisten zur Verfügung standen. Maria Gabriela Luque entwickelte die Julia eindringlich von der ersten scheuen Annäherung über einen wilden Tanz unter der Blitze-werfenden „Discokugel“ und den kessen Abschiedskuss bis zur liebesfähigen jungen Frau. Ihre ausdrucksstärkste Szene gelang ihr, als sie mit sich rang, ob sie den Schlaftrunk anwenden sollte oder nicht. Das war hohe Gestaltungskunst!
Als Romeo war ihr Giovanni Fumarola ein kongenialer Partner, der auch in den kämpferischen Szenen kräftig mitmischte. Beeindruckend war neben den zärtlichen pas-de-deux mit Julia einschließlich des letzten gemeinsamen Moments auch sein pas-de-trois mit den Freunden Mercutio (Dariusz Nowak) und Benvolio (Franky Drousiot), der mit dem Übereinanderturnen und Verschlingen ein wenig an verspielte junge Tiere erinnerte.

Pater Lorenzo war hier Sozialarbeiter und Vermittler zwischen den zerstrittenen Familien, den Tiziano Pilloni mit viel Einfühlungsvermögen gab. Aber auch die übrigen Rollen waren treffend besetzt: Als Paris machte Michael D’Ambrosio gute Figur; Rei Okunishi versuchte als Julias Freundin Alessia, diese vergeblich vor den Folgen ihres Tuns zu warnen. Noriko Nishidate war ein quicklebendiger Tybalt; warum Zöllig diese Figur von einer Frau tanzen ließ, hat sich mir nicht erschlossen.
Mitreißend und spannungsgeladen waren die vom Ensemble getanzten Kämpfe der Familien, getragen von außergewöhnlicher Präzision. Da zeigte sich die hervorragende Zusammenarbeit von Choreograph und Compagnie.
All das honorierte auch das Braunschweiger Publikum mit begeistertem, anhaltendem Applaus.
Marion Eckels, 2. November 2026
Romeo und Julia
Sergei Prokofjew
Staatstheater Braunschweig
Besuchte Vorstellung am 1. November 2026
Premiere am 30. Oktober 2026
Inszenierung und Choreografie: Gregor Zöllig in Zusammenarbeit mit dem Tanzensemble
Musikalische Leitung: David Niemann
Staatsorchester Braunschweig