Bayreuth: „Brünnhilde brennt“, Bernhard Lang

Seltsam: Bevor noch ein Ton erklingt, ahnt man schon, was man zuerst hören wird: das Vorspiel zum ersten Akt der Walküre. Denn die Szenenanweisung der neuen Oper sagt ja eindeutig, dass „ein stürmisches Vorspiel anhebt“. Und tatsächlich: Wir hören, gespielt von 14 Musikerinnen und Musikern, eine Variante der Sturmmusik, mit der Wagners „Erster Tag“ der Ring-Tetralogie anhebt. Schon kurze Zeit später haben die Hörer, die den Ring kennen, begriffen, dass die Eröffnung der Oper, die am 3. August 2026, acht Jahre nach der ersten nachwagnerschen Opernaufführung bei den Bayreuther Festspielen (2018 kam Klaus Langs Der verschwundene Hochzeiter heraus), hier uraufgeführt wurde, kein Zufall ist.

Brünnhilde brennt, so heißt das Musikalische Spiel mit dem Feuer, wie der Untertitel der „Oper in 2 Akten“ lautet. Beginnt es mit den schubertnahen (Erlkönig!) Sturmklängen, endet es zwei Stunden später (fast) mit dem Feuerzauber – bevor die letzten Takte des Parsifal das „musikalische Spiel“ beenden. Dazwischen liegen jede Menge Zitate, Ausschnitte und Variationen nicht allein aus der Walküre, sondern aus dem gesamten Ring; Brünnhilde brennt, ein Werk des Komponisten Bernhard Lang, ist mehr eine Collage als eine eigenständige Arbeit, die nicht allein uminstrumentierte Musikdramenvariationen, -ausschnitte und Variationen bietet, sondern auch Passagen aus dem Siegfried-Idyll, das Sehnsuchtsmotiv aus dem Tristan, Wagners Vielliebchenwalzer, romantisches Liedgut und ein paar Takte der stilistisch fremden Entführung aus dem Serail: „Ich gehe, doch rate ich Dir“ erweist sich in Langs Collagekonzept als „typische“ Opernnummer eines „typischen“ Operntenors, der in Brünnhilde brennt Wagners Siegfried imitiert und parodiert. Kaum ein Takt, der nicht direkt oder mehr als indirekt mit Wagners Motiven, Passagen, Klangflächen und schlicht kopierten Harmonieflächen zusammenhinge, denn selbst dann, wenn Lang eigenständige, meist auf einem Perkussionsgrund basierende, jazzhaft ausgreifende Musik integriert, die man nur als „Zwischenstücke“ bezeichnen kann, dürfte kein Hörer sicher sein, nicht auch in diesen scheinbar freien Musikstrecken Wagner verborgen zu hören.

© Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Rund 70 Prozent echter und nur knapp camouflierter Wagner: Es ist einfach zu viel, um dem im Friedrichsforum konzertant uraufgeführten Werk den Rang eines eigenständigen Opus zuzuschreiben – es sei denn, man begriffe die schiere Imitation und gelegentliche Variation weiter Teile der Musik schon als autonome Kunstübung. Dass in Michael Sturmingers Libretto die gelind konfuse, mit mehreren Traumzuständen ausgestattete Handlung, deren Surrealität mit eben diesen Träumen legitimiert werden soll, eine Sängerin namens Hermine in Bayreuth die Walküre singen soll, macht Anspielungen auf das Original natürlich naheliegend, aber mehr als einmal hat der kritische Zuhörer den Eindruck, dass sich der Komponist schlicht und einfach auf Kosten Wagners bei dessen Meisterwerken bedient hat. „Nicht zu unterscheiden. Man erkennt das Original nicht“, wie die „drei Dramaturginnen“ im Terzett so sinnig singen. Das stimmt so freilich nicht: „Das Original“ schimmert nicht nur durch, sondern bietet über zu weite Strecken die Grundlage für die Komposition, die als originell zu bezeichnen äußerst schwer fällt, so brillant auch das Original für die 14 Instrumente eingerichtet wurde. Und hätte man dem Komponisten nicht den guten Rat geben müssen, dass ein Parsifal-Zitat bei „reiner Tor“ nicht witzig, sondern nur billig ist? Sturminger nennt Brünnhilde brennt eine „Paraphrase“, auch eine Verneigung. Man kann sich auch zu viel verneigen.

Worum also geht’s inhaltlich? Zitat: „Brünnhilde träumt. Es plagt sie ein unruhiger Schlaf. Es quält sie das Feuer rund um den Walkürenfelsen, auf den Wagners Ring – das ewige Werk – sie für alle Zeiten gebunden hat. Dazu verdammt, immer und immer wieder die gleiche Opferrolle zu spielen. Es erwacht – Hermine, die Opernsängerin, schweißgebadet in ihrem Hotelzimmer. Zwei Frauenfiguren, in Wahrheit ein und dieselbe Person, uneins mit sich selbst, in ihrem fortwährenden Ringen mit dem Ring, dem ewigen Kampf mit den übrigen Gestalten aus Wagners Figurenkosmos, und doch voller Leidenschaft und Hingabe für das eine Ziel: die Bühne, die das Leben ist. Brünnhilde brennt.“ Die Idee, die Interpretin mit ihrer Figur, damit auch mit Wotan (und mit Alberich, den Rheintöchtern und Erda) zu konfrontieren, ist nicht schlecht; hört und liest man den Text, sollte man nicht über seine Manierismen schimpfen, sondern seine Stellung in Bezug auf die Musik beachten. Auch für Brünnhilde brennt gilt das alte Wort: „Prima la musica, dopo le parole.“ Sturminger variiert durchaus geschickt und hintersinnig die Ring-Motive, um seine Protagonistin schließlich, das ist die trübe Aussicht und das Ende einer gescheiterten Emanzipation, von Wotan anzünden zu lassen. Richard Wagner scheint zufrieden zu sein, auch wenn ihn die abgehende Brünnhilde ohrfeigt: als Sängerin? Als Brünnhilde?

Richard Wagner? Brünnhilde brennt bringt, nach Bent Lorentzens A wondrous love story – Tristan Variations von 1979 und Jonathan Harveys Wagner Dream von 2007, den Meisters selbst auf die Bühne – nun passend zum Jubiläum der Bayreuther Festspiele, wenn auch, siehe Traum, stark verfremdet und lustige Reimverslein singend. Dass vielen Zuhörern das Ganze Spaß macht, ist eine Vermutung, die am Abend durch den relativ kurzen, aber freundlichen Applaus genährt wird; schließlich bietet die Musik ja auch nicht die Schwierigkeiten, die „normale“ „neue“ Musik zu bieten hat. Dies eben ist der Pluspunkt des Stücks: dass es den, der sich im Ring gut auskennt und wenig Ansprüche an musikdramatische Originalität stellt, mit technisch gut gemachten und leicht durchhörbaren Erinnerungen an das Original erfreut. Dies eben ist auch – für diese Bemerkung muss man nicht einmal ein Anhänger des Materialfetischisten Theodor W. Adorno sein – sein unüberhörbares Manko. Mag sein, dass eine szenische Aufführung, die die Ansätze zum Spiel, wie sie in der konzertanten Fassung schon sichtbar waren, die Musik anders gewichten würde. Vom Charakter des Soundtracks wird auch dann nichts abgeschnitten werden; die Sache bleibt nicht epigonal, sondern eine erstaunlich naive Wagner-Kopie. Fragt sich nur, wie der, der keinen Takt vom Ring kennt, die Musik hört? Wird sie ihm als Wirrwarr erscheinen? Es steht zu befürchten.

Immerhin spielt und singt Catherine Foster die Hermine alias Brünnhilde, also jene Sängerin, die im „Schwarz-Ring“, der ihr alle Entfaltungsmöglichkeiten bot, die Brünnhilde ihres Lebens sang. Wer den Text nicht versteht, sondern „nur“ Miss Fosters Vokalisen genießt, bekommt das Libretto in die Hand gedrückt oder liest die Übertitel mit. Neben ihr steht ein Wotan, genauer. Der „Sänger des Wotan“ von hohen Graden: Der Bassbariton Mandla Mndebele, wie seine Kolleginnen und Kollegen und Musiker Ensemblemitglieder der koproduzierenden Oper Dortmund, singt deklamatorisch stark: bis in das Falsett hinein. Weniger profiliert, dafür unangemessen rau klingend: Morgan Moody als „Sänger des Alberich“ (nebenbei: Dass die Namen „Alberich“ und „Richard“ so eng zusammenhängen und mit „Alberichard“ ein faszinierend-sinnreiches Kompositum bilden, ist eine hübsche Entdeckung). Nefeli Kotseli ist eine gut grundierte Erda, Sungho Kim agiert als aufgeregter „Sänger des Siegfried“. Die Miniatur-Kollektive der Dramaturginnen, Walküren und Rheintöchter – betörende Terzette singend – werden von Nefeli Kotseli, Sooyeon Lee und Tanja Christine Kuhn im betörenden Outfit weißer Abendkleider betörend gemacht. Ja, es macht Spaß, ihnen zuzuhören, zumal dann, wenn sie sich in eine leichtbeschwingte Populärklassik von Heute hineinbegeben – aber mit welchen Hintergedanken!

Die Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker, unter denen auch zwei Synthesizer-Spieler sitzen, die dem Spiel den Sound der Gegenwart verleihen, werden endlich von Jonathan Stockhammer durch die zwischendurch auch mal rhythmisch komplex scheinende Partitur geleitet. Der Rest ist nicht Schweigen, sondern ein elektronisch verstärkter Feuerzauber der unmerklich in das Parsifal-Finale übergeht. Ist das schön? Natürlich ist das „schön“. Wie der Sänger des Wotan schon im ersten Akt so klug bemerkt: „Denn wenn es uns an diesem Orte nicht um Größe ginge, / wir müssten am geringsten ehrlos scheitern, / verschwinden von dem grünen Hügel lieber, / unverricht’er Dinge, / als selbst uns zu betrügen und die Kritik zu erheitern, / da scheitern wir doch ehrlich allemal und lieber echt!“

Kein Zweifel: Der beste Wagner ist immer noch der originale. Brünnhilde brennt beweist ungewollt, dass er auch der einzige Wagner ist, der der Kritik standzuhalten vermag.

Frank Piontek, 4. August 2026


Brünnhilde brennt
Oper in zwei Akten von Bernhard Lang

Bayreuther Festspiele

Konzertante Uraufführung, 3. August 2026

Dortmunder Philharmoniker
Leitung: Jonathan Stockhammer