Was ist das Gegenteil von Rausch? Nüchternheit. Wo „Rausch“ drauf steht, sollte allerdings auch „Rausch“ drin sein, nicht nur ein Verrauschen von Eindrücken.
Was hatte sich das Staatstheater Nürnberg im Rahmen des Theaterfests vorgenommen bzw. angekündigt? Ein „immersives Theaterereignis“ (immersiv: eines der neueren Schlagworte aus dem Baukasten von Kunstkuratoren), ja: ein „einzigartiges Gesamtkunstwerk“, ein „besonderer Moment, in dem das Staatstheater als besondere Gemeinschaft erlebbar wird“, bevor das Haus am Ring für mindestens elf Jahre (also mehr als ein Dutzend Jahre; Köln lässt jetzt schon schön grüßen) seine Pforten schließen wird. Kunstkuratorisch gesprochen: „Das Ergebnis ist weder eine Rückschau noch ein Abschied. Es ist die Chance, dieses Haus noch einmal mit gesteigerter Aufmerksamkeit zu beleben, ehe es sich leise in Erinnerung verwandelt.“ Dazu taten sich das Schauspiel, die Oper, das Ballett, das Orchester und nicht zuletzt der Chor zusammen, um ein, wie gesagt, „immersives Theaterereignis“ kreieren zu wollen. Was herauskam, war allerdings nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Fragmenten, die nur mühselig durch die Dramaturgie zusammengehalten wurden.

Das Schönste des 50minütigen Programms kam zum Schluss: ein von Chorleiter Tarmo Vaask einstudierter Ausschnitt aus Peteris Vaks meditativen Plainscapes für gemischten Chor, Violoncello und Violine. Was vorher war, war diffus: ein Rundgang durch die inneren Kammern des Hauses, dann auf die Bühne, wo man dicht gedrängt stand, um, je nach Standpunkt, die Tänzer Richard Siegals, der als künstlerischer Leiter für den dramaturgisch dünnen und künstlerisch bisweilen erstaunlich schwachen Abend verantwortlich ist, zu sehen oder eher nicht zu sehen. Die üblichen Siegal‘schen nervös-dekorativen, von Lorenzo Bianco Hoeschs Klangwolken begleiteten Zuckungen des Corps wurden unterbrochen vom balsamischen Schlussduett aus Monteverdis Incoronazione di Poppea, Corinna Scheuerle und Julia Grüter wandten sich da sehr emphatisch zu, um dem größten Teil des Publikums vor Allem auf der Liveprojektion sichtbar zu sein. Offensichtlich, dachte ich, geht es nicht allein um Stille, sondern auch um Nichtsehen. Denn wer geht schon gern ins Theater, um auf ein Videobild zu starren?

Dann wieder Zuckungen einzelner Mitglieder des Bewegungscorps, dann, zugegeben, der grandiose Chaos-Satz aus des französischen Revolutionärs Jean-Féry Rebels Elements-Symphonie: eine Musik, wie geschrieben wie für die Jahrzehnte später entfachte Revolution, eine von GMD Roland Böer dirigierte Musik aus dem Orchestergraben hinter dem plötzlich geöffneten Vorhang, der den Blick in den Zuschauerraum freiließ. Dann Meredith Monks öde-minimalistischer wie schütter beklatschter Last Song mit einer zuckenden und jaulenden Pseudo-Sängerin an den Tasten, bevor ein latent infantiler Dialog über die Stille (Leo Meiers 5 Minuten Stille) einige Mitglieder des Schauspielensembles, sitzend in der Mitte des dritten Rangs, in den Mischmasch integrierte. Dann schon, nach endlosen 40 Minuten, das Grand Finale: der Chor des Staatstheaters auf dem ersten Rang, Peteris Vasks verzaubernden Vokalisenchor anstimmend, ein herrlicher Ausklang vor der Stille.

Das Publikum könne die Künstler, heißt es auf der Homepage des Staatstheaters, „dabei beobachten, wie aus dem einmaligen Zusammenspiel der verschiedenen Kunstformen eine rauschhafte Energie entsteht“. Soweit der „Rausch“ laut Duden mit einer mehr oder weniger starken „Verwirrung der Gedanken und Gefühle“ verbunden ist, mag die Definition stimmen. Soweit damit Ektase, Glücksgefühle, außergewöhnliche Emotionen verbunden sind, bleibt der Titel der Veranstaltung ein Rätsel.
Kurzer Beifall nach einem Abend der Enttäuschungen – und wenigen erfüllenden Kunstmomente, die allein der klassischen Musik und der klassischen Moderne gehörten.
Frank Piontek, 20. September 2026
Rausch
„Ein singuläres Theaterereignis von Ballett, Oper, Schauspiel und Konzert im Rahmen des Theaterfests“
Staatstheater Nürnberg
19. September 2026
Vokalsolisten: Corinna Scheurle, Julia Grüter
Künstlerische Leitung: Richard Siegal
Dirigat: Roland Böer
Chor, Orchester und Ballettcompagnie des Staatstheaters Nürnberg