Buchkritik: „Die Wagners. Eine Familie zwischen Musik und Macht“, Michael Lemster

Familienportrait

Bereits mehreren Familien aus dem deutschen Sprachraum, deren nicht nur eines, sondern mehrere , Mitglieder erfolgreich künstlerisch tätig waren, hat sich der Kulturwissenschaftler Michael Lemster gewidmet, den Grimms, den Mozarts und den Straußens. Nun sind Die Wagners an der Reihe, in denen er Eine Familie zwischen Musik und Macht sieht, wobei die Musik ganz entschieden Richard und Siegfried betrifft, die Macht über ein Kulturunternehmen wie die Bayreuther Festspiele Wieland, Wolfgang und Katharina, sieht man von den angeheirateten Cosima und Winifred ab. Nach sich bewährt habenden Rezept beginnt es mit einer Landkarte, in der die Wirkungsorte des Personals rot markiert sind, und endet mit einem Stammbaum, der den Betrachter darüber staunen lässt, wie fruchtbar die Familie Wagner gerade zu der Zeit war, als in Europa vor allem gestorben wurde, um das Jahr 1945 herum aber sehr viele Wagners geboren wurden.

Das Buch umfasst gut 400 Seiten plus Anhang, von denen es bis zu Seite 355 um Richard geht, sicherlich der bekannteste Wagner, aber auch der am besten dokumentierte, in vielen Büchern interpretierte, sezierte , verdammte und verherrlichte. Da kann man viel lesen, aber auch feststellen, dass man es schon ein- oder vielmals erfahren hat, dass man aber enttäuscht ist, weil weder über die Besonderheiten von Wielands Regiestil, noch über die musikalischen Qualitäten der zahlreichen Opern Siegfrieds außer eines pauschalen Urteils, nichts über die Regiehandschriften, die Katharina nach Bayreuth holte, zu vernehmen ist, obwohl doch explizit von der Familie Wagner die Rede sein sollte.

Der Verfasser geht chronologisch vor und zugleich thematisch, indem in die Zeitenfolge jeweils ein oder mehrere Themen eingebettet sind, die relevant scheinen. Bei diesen handelt e sich oft um das gerade in Kompositionsarbeit befindliche Werk oder um eine mit Wagner in Verbindung stehende Person, so sehr umfangreich der Philosoph Friedrich Nietzsche, der den häufigen Wohnungswechsel mit vollzieht, ehe sich die Wege der beiden Egozentriker voneinander trennen. Bei Ausflügen in Philosophie und Geschichte geht es nicht durchweg ohne Unfälle ab, wenn der Philosoph Feuerbach den Idealisten zugeordnet, die Zeit Bismarcks als Kanzler, also auch die 80er des 19. Jahrhunderts, als eine gesehen wird, in der Deutschland des Strebens nach Weltmacht bezichtigt werden muss.

Mit sichtlicher Freude am Gebrauch von Substantiven und ihrer lustvollen Häufung befleißigt sich Lemster eines zitatenreichen, manchmal salbungsvollen Stils, lässt poetisch Wagner „auf seinem Liebesschiff die Segel auf Kurs Untreue“ setzen, Freunde „an der Tafel seines Lebens sitzen“, „in dem giftigen Gebräu aus Pleite und Kabale herumrühren.“ So bewegt sich das Buch unterhaltsam zwischen wissenschaftlicher Abhandlung und Roman, der den Leser den Regen gegen die Fensterscheiben des Palazzo Vendramin plattern hören , ihn aber auch erstaunt zur Kenntnis nehmen lässt, dass ihm in Venedig missgelaunte Kellner „dünnen Milchkaffee auf den Tisch knallen“. Sollte damit der ehrenwerte Cappuccino gemeint sein?

Man kann also immer auch einmal wieder schmunzeln, was angesichts der Darstellung vom Sterben Richards und der Reaktion Cosimas, aber auch an anderen Stellen, durchaus willkommen ist, und man sollte als Leser willig der Forderung des Autors nachkommen: „Wir können gar nicht anders, als uns vorzustellen“, was das auch immer sei. Dazu gehören ebenso des Großvaters Beruf Lohgerber wie die Verschleierungstaktiken (eventuell!), was den wahren Vater Richards wie die unwahre Schwester Minnas betrifft, die „jüdischen Abstammungsverhältnisse“, während die Vorstellung einer noch existierenden Richard-Wagner-Straße im heutigen Kaliningrad auf einem Wunschtraum beruht.

Wie bereits bei den anderen Musikerfamilien, die Lemster zum Thema hatte, wird zwar über den Inhalt der Opern einiges, ihre Musik aber sehr wenig berichtet. Pfündiger wird der Leser, wenn es um die unendlich vielen Schriften, natürlich auch um die über das Judentum geht. Streckenweise greift der Verfasser, was dieses Thema betrifft, auf die Nachkommen vor, begründet Siegfrieds Antisemitismus mit dessen Versuch, seine Homosexualität zu verschleiern. Irgendwo wird die Liste der durch den Nationalsozialisten Korrumpierbaren noch um Egk, Pfitzner, Knappertsbusch und Furtwängler erweitert.

Interessiert es noch, ob Wagner mit Mathilde, Winifred mit Tietjen oder gar Hitler geschlafen, Cosima mit Nietzsche zumindest geturtelt hat? Eher schon, ob Hanslick das Vorbild für Beckmesser war. Es bleibt halt vieles, und das bekennt auch der Autor, im Ungewissen, im „mochte Richard bisweilen gedacht haben“ oder auch nicht, „warum sollte nicht…“, aber doch eher nicht. Immerhin bekennt sich Lemster zur Quellenunsicherheit und zum Zweifel an der Wahrheit dessen, was er als nur möglich darstellt.

Für die Gleichberechtigung der Frauen wird selbstverständlich eine Lanze gebrochen, das haben Cosima und Winifred durch tatkräftiges Handeln verdient, wenn im Falle Letzterer auch in unangefochtener Verblendung. „In amouröser Hinsicht waren die meisten Wagners Spätentwickler“ trifft allerdings gerade auf den prominentesten nicht zu, eher ist der Feststellung zuzustimmen, dass die Langlebigkeit der Wagner-Gattinnen ein Verhängnis für die Familie darstellte.

Nur bedauern kann man die Tatsache, dass Die Wagners für den Verfasser im Wesentlichen nur aus Richard bestehen, dass Siegfrieds Opern, der Doppelintendanz der Halbschwestern Eva und Katharina und letzterer Festspielführung kaum Platz eingeräumt wird. Es ist wenig, wenn mitgeteilt wird, Christian Thielemann sei zurückgekehrt. Darüber hinweg trösten muss den Leser der Umgang mit Richard. Viele Zitate geben Einblick in die Gedankenwelt des Nicht-Nur-Komponisten. Auch dessen Nöte, Schreibblockaden eingeschlossen, werden einfühlsam beschrieben. Der mit Abstand weiteste Raum wird gerechterweise und gestützt durch viele Zitate den Vorstellungen Richards von einer neuen Oper eingeräumt und das in einer farbigen, leicht zugänglichen und auch den bisherigen Nicht-Wagner-Freund ansprechenden Weise.

Ingrid Wanja, 1. Juni 2026


Michael Lemster: Die Wagners. Eine Familie zwischen Musik und Macht

Red Bull Media House GmbH 2026
420 Seiten
ISBN 978 3 7109 0168 3