Bücherecke: „Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven“

„Um es gleich vorwegzunehmen: Es wäre falsch, Richard Wagner zum Tabu zu erklären. Man stelle sich einmal vor: Opernhäuser verbannen Lohengrin, Tristan und Isolde oder den Ring des Nibelungen aus ihren Spielplänen (…) Wäre das eine gerechte Strafe für seinen Antisemitismus? Oder der richtige Weg, fast 150 Jahre nach seinem Tod Haltung zu zeigen?“

Domokos Szabó hat Recht, womit er das Fragezeichen in Frage stellt, das den Titel eines neuen und gewiss nicht letzten Buchs über ein „unabschließbares Thema“ (Udo Bermbach) abschließt – als, das ist entscheidend, Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. Richard Wagner und die Juden / der Antisemitismus /  der NS: Es gibt in der Tat schon eine größere Bibliothek mit vielen deutschsprachigen und englischen sowie auffallend wenigen hebräischen Büchern und Aufsätzen, die ihr Thema mehr oder weniger Pro und Contra, manchmal auch abwägend, gelegentlich sektiererisch, bisweilen auch wissenschaftlich fahrlässig, also mehr oder weniger unwissenschaftlich abhandeln. In Tribschen, wo Wagner die um das Doppelte vermehrte und inhaltlich verschärfte Zweitauflage des Judenthums in der Musik schrieb, und in Graupa, wo Wagner den Lohengrin schrieb (den nur Hannes Heer vom Antisemitismus befallen sieht) und im Jagdschloss seit einigen Jahren eine erneuerte Wagner-Dauerausstellung und gelegentlich im ehemaligen Wagner-Wohnhaus Sonderausstellungen gezeigt werden, hat man sich nun von Neuem dem notorisch umstrittenen Thema zugewandt – doch unter einer Perspektive, die zwar nicht ganz neu, aber in dieser Öffentlichkeitspräsenz bemerkenswert ist. Haben seit Jahrzehnten schon Jakob Katz und andere jüdische Autoren, auch eine Ausgabe des wagnerspectrums (Jüdische Wagnerianer), die, wie Na’ama Sheffis Wagner in Israel und der Wiener Ausstellungskatalog, nicht im Literaturverzeichnis genannt werden, sich kritisch mit Wagners Haltung zu den Juden (falls es „die“ Juden überhaupt gibt…) befasst, wobei die Wirkung ihrer Schriften meist auf eine wissenschaftliche oder wenigstens wissenschaftlich interessierte community beschränkt blieb, so kann man die diesbezüglichen Ausstellungen an den Fingern einer Hand abzählen. Im Bayreuther Wagner-Museum wurde in den 80er Jahren die Erstfassung von Wagners berühmt-berüchtigtem (berüchtigt, weil nur die wenigsten Wagner-Kritiker ihn gelesen haben) Aufsatz vom Judenthum in der Musik in den Mittelpunkt einer latent apologetischen Schau gestellt, bevor im Wagner-Jahr 2013 das Jüdische Museum Wien die Ambivalenzen der Wiener Wagner-Rezeption zum Thema machte. Hier, in der Dorotheergasse, stand bereits eine vor Allem historische Perspektive im Vordergrund der jüdischen Auseinandersetzung mit einem Phänomen, für die das Schlagwort von der „Ambivalenz“ viel zu schwach ist. Es handelt sich in Wirklichkeit um ein Schlachtfeld, das doch, nach Lektüre der Texte, eine relativ klare Tendenz offenbart.

Der Katalog zur Graupaer Ausstellung versammelt nun, aus „konsequent jüdischer Sicht“, nicht weniger als 29 Positionen – 21 historische und acht gegenwärtige -, die die Wirkung Wagners auf jüdische Musiker, Künstler, Nichtmusiker und Nichtkünstler mit konzisen Porträts und Interviews beleuchten. Der Frage „Wie hältst du es mit dem bekannten Antisemiten Wagner“ wird zunächst ein dokumentarischer Teil vorgeblendet: mit einschlägig bekannten Zitaten aus dem Tagebuch Cosima Wagners, die nicht vergessen lassen sollten, dass sie niemals für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Wagners privates Denken, wie es – typisch Wagner, der ein Erregungskünstler ersten Ranges war – im „heftigen Scherz“ (O-Ton Cosima Wagner) offenbar wurde, demzufolge „alle Juden in einer Aufführung des ‚Nathan‘ verbrennen sollten“, in seinen publizierten Schriften keinen Widerhall fand. Trotzdem werden seine privaten Äußerungen immer wieder als Ausweis des Ursprungs der Wirkung von Wagners Antisemitismus gebrandmarkt, was historisch legitim ist, sachlich aber problematisch bleibt. Problematisch, weil radikal verkürzt, ist auch der eine schwache Kolumne umfassende Einführungstext: schon die Tatsache, dass Wagner Gobineaus Thesen von der „Ungleichheit der Racen“ in seinen eigenen Spätschriften fast aufhob, mitnichten also ein Jünger des im Übrigen nicht antisemitischen Franzosen war, sollte zur Vorsicht gegenüber verkürzenden Interpretationen mahnen. Dass Wagner Mime als „Jüdchen“ bezeichnet hat, ist gleichfalls eine Verkürzung: die Bezeichnung bezog sich auf den jüdischen Sänger, der nach Meinung Wagners der Figur etwas Jüdisches verliehen habe – was nicht ausschließt, dass Wagner bei seiner Konzeption der Figur an Spracheigenschaften des Ostjüdischen dachte, wie er sie im kurz vor dem Ring-Text entstandenen Judenthum in der Musik charakterisierte. Es ist eben, wie so oft bei Wagner, wieder einmal alles komplizierter, eben „ambivalent“.

Davon wissen auch die historischen und gegenwärtigen Zeugen etwas. Unter den Verstorbenen treten auf: Meyerbeer und Heine, Wagners Pianist, Bearbeiter und Helfer Carl Tausig und Lilli Lehmann, Hermann Levi und Theodor Herzl, Joseph Rubinstein und Leonard Bernstein, E.W. Korngold und Kurt Weill, Schönberg und Einstein, Bloch und Reich-Ranicki: also zumeist Männer aus dem unmittelbaren Umkreis Wagners und aus seiner Nachwelt. Das Bild ist relativ eindeutig: Einhellige Ablehnung Richard Wagners ist nur in wenigen Fällen zu beobachten: so, wenn der Sänger Heinrich Sontheim sich weigert, die Partien des Antisemiten zu singen und der Schriftsteller Berthold Auerbach die Inhumanität des Pamphletisten geißelt. Ansonsten herrscht bei den auf zwei Doppelseiten schön Porträtierten unterm Strich die Trennung von Person und Werk oder die Nichtzurkenntnisnahme und Relativierung der Texte des genialen Komponisten Richard Wagner: weit über 1945 hinaus. Das eben bleibt die Frage: Ob Person und Werk trennbar sind und wie die Wirkung der Musik von der Kenntnis – oder Unkenntnis – der Texte Richard Wagners, mehr noch aber von der Wirkungsgeschichte im NS bestimmt wird. Dass zumindest der Parsifal aufgrund seiner (natürlich auch umstrittenen) Mitleids-Ideologie an die mörderische NS-Ideologie nicht anschlussfähig war und sich auch sonst Züge in seinem Werk finden lassen, die dem Rassismus der Nazis widersprechen, während sie gleichzeitig im Kontext des Judenthums in der Musik diskutabel sind, macht die Sache nicht einfacher, zeigt nur, dass der „Missbrauch“, der allenthalben in Zusammenhang mit Wagners Werk zwischen 1933 und 1945 festgestellt wird, nicht leicht zu definieren ist. Wagner war, das nur am Rande, nicht das einzige Genie, das von den Nazis herbeizitiert wurde, um ein angebliches „Deutschtum“ nazistischer Prägung zu legitimieren.

Um nur einige zeitgenössische Positionen zu zitieren: Eva Engelmayer, Beruf: „Tochter einer Luzerner Großrätin, MPA“ (Medizinische Praxisassistentin), äußert sich widersprüchlich, wenn sie einerseits die Trennung zwischen Person und Werk behauptet, gleichzeitig aber die hybride Forderung aufstellt, dass „bei jedem seiner Werke auf seine menschliche Unzulänglichkeit, seinen tadelnswerten Charakter und insbesondere seine antisemitische Einstellung aufmerksam gemacht werden“ soll. Daniel Grossmann, Dirigent und Gründer des Jewish Chamber Orchestra Munich (das kürzlich mit Mendele Lohengrin in Bayreuth gastierte), weist auf die Tatsache hin, dass zwar viele über das Judenthum in der Musik sprechen, aber keiner es „wirklich gelesen“ hat. Im Übrigen findet er es schwierig, Bezüge zwischen einem Mann, der 50 Jahre vor der „Machtergreifung“ starb, und dem Regime, das 1933 begann, herzustellen. Moshe Zuckermann, Kritiker des israelischen Wagner-Banns, sagt, dass es eine „totale Idiotie“ sei, Wagner nicht in Israel zu spielen, wie es Barenboim und Mehta versuchten und ansatzweise realisierten. Interessant ist in diesem Zusammenhang folgende Bemerkung: „Ich habe Holocaust-Überlebende gefragt, wie sie zu Wagner stehen. Es waren einige wenige, die gesagt haben: ‚Den möchte ich auf keinen Fall hören und den möchte ich auf keinen Fall in Israel gespielt wissen.‘ Die meisten haben gefragt: „Was hat Wagner mit unserem Dasein als Holocaustüberlebende zu tun?“ Die Vermutung drängt sich auf, dass eine kleine uninformierte Minderheit, die sich weder mit Wagners komplizierten und widersprüchlichen Schriften befasst noch die Geschichte der Wagner-Wirkung im NS kritisch reflektiert hat, auf Kosten einer musikliebenden Mehrheit den live gespielten Wagner in Israel lautstark verhindert. Auch Ralph Friedländer, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, ist gegen eine Cancel-Kultur, in der weder historische Zusammenhänge noch Bedingungen eine Rolle spielen. Der Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov, kein Wagner-Freund, aber kritisch genug, um das Problem der Ambivalenz zu erkennen, plädiert für eine Balance „zwischen Musikgenuss und kritischer Distanz zu der Ideenwelt, die dahintersteckt“. Kritik und Genuss schließen sich auch bei der Komponistin Sarah Nemtsov nicht aus – „leichtes Wegreden“ gilt nicht, eine Position, die

auch der Dirigent Roberto Paternostro vertritt, der es gewagt hat, im Wagnerjahr 2013 mit dem Israel Chamber Orchestra in Bayreuth aufzutreten: mit Wagner, aber auch mit Mendelssohn und Mahler. Protestiert hat nur die israelische Medienöffentlichkeit, doch nicht das betroffene Orchester selbst. Auch dies sollte zu denken geben. Dagegen ist für Joshua Sternbuch, einem Augenarzt aus Zürich, Wagner nicht besonders wichtig, der – man lese und staune – „zum Teil gute Musik geschrieben“ habe. Zuletzt weist Michael Hurshell, wissenschaftlicher Kurator der Dauerausstellung in Graupa und Künstlerischer Leiter der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden, auch Vizepräsident der jüdischen Gemeinde zu Dresden, darauf hin, dass „keiner der großen jüdischen Dirigenten jemals aufhörte, Wagner zu dirigieren – gerade die Generation, die vom Holocaust betroffen war“. Gewiss, dies ist nur eine Meinung unter anderen – aber sie ist gewichtig und bedeutend, indem sie die Fakten berücksichtigt.

„Auch in Israel“, sagte Ralph Friedländer, sei „eine erneute Auseinandersetzung mit dem Erbe Wagners wahrscheinlich nötig“ – nicht, um ihn zu canceln, sondern die Blockade zu lösen, und dies nicht, weil er ein guter Mensch und wie auch immer zu beurteilender Theoretiker war, sondern schlicht und einfach, weil sein Werk seit der Premiere des Rienzi unendlich viele Menschen beglückt hat und ein Ende nicht absehbar ist. Der Vorhang also zu und alle Fragen offen? Wahrscheinlich gilt dieser Satz für Israel, doch nicht für die jüdische Allgemeinheit, insofern sie sich überhaupt für so etwas Exklusives wie Richard Wagner interessiert. Für sie gilt, was, wie gesagt: unterm Strich, fast alle Beiträger des neuen Buchs bezeugen: dass Wagner für die jüdischen Musikfreunde kein Tabu, sondern eine unschätzbare Bereicherung ist.

Frank Piontek, 11. Mai 2026


Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven

Hrg. von den Richard-Wagner-Stätten Graupa
und dem Richard-Wagner-Museum Luzern, 2025

111 Seiten, 98 Abbildungen