CD: „La légende de Tristan“, Charles Tournemire

Man kann es kaum glauben: Fast 100 Jahre nach ihrem Entstehen hebt das Theater Ulm am 15. Dezember 2022 die Oper La légende de Tristan von Charles Tournemire (1870 bis 1939) aus der Taufe und punktet auf der ganzen Linie. Die Kritiker der Zeitschrift Opernwelt küren die Produktion zur Uraufführung des Jahres.

Charles Tournemire ist einigen vielleicht durch sein umfassendes Oeuvre für Orgel bekannt, er selbst war lange Jahre Organist in der Basilika St. Clothilde in Paris. Aber als Opernkomponist? Fehlanzeige. Die 1926 entstandene Oper La légende de Tristan sollte an der Pariser Oper uraufgeführt werden, man ließ dann von dem Projekt ab, und die Partitur verschwand buchstäblich in der Schreibtischschublade. Später landete sie mit vielen anderen Manuskripten im Archiv. Vom Komponisten Alexander Muno aufmerksam gemacht, beschaffte sich der Intendant des Theaters Ulm, Kay Metzger, 2016 die Partitur. Überzeugt, hier eine echte Trouvaille für das Opernrepertoire zu entdecken, gewann er den ehemaligen Studienleiter und Kapellmeister Michael Weiger dazu, im Auftrag des Theaters Ulm eine Edition des Werkes zu erstellen.

Und es hat sich gelohnt. Wie schon oben erwähnt fand die Uraufführung bei Publikum und Presse großen Anklang. Nachvollziehen kann man dieses Ereignis jetzt als CD-Einspielung, die aus Aufnahmen der Generalprobe und der Premiere zusammengestellt wurde.

Schon beim erstmaligen Hören fragt man sich, wie so ein Werk unbeachtet geblieben sein kann. Tournemires Tristan, ganz anders als bei Wagner gedacht, hält sich in der Szenenfolge an den 1900 erschienenen Roman Tristan et Iseut von Joseph Bédier, der die vielen Überlieferungen der Sage in eine dem Mittelalter angepasste stimmige Erzählweise übertragen hat. Tristans Geschichte, seine Leiden, seine Liebe, sein Tod bilden die Stationen dieser Legende. Wie schon im Titel ist er der Protagonist.

Die Musik klingt neu, frisch, rätselhaft, ja im wahrsten Sinne des Wortes ungehört, sie ist avantgardistisch, aber niemals anstrengend. Vom ersten Ton an ist man in dem Stück. Die Musik nimmt uns mit auf den Weg in andere Zeiten, die Zeiten der Legenden, des Mittelalters. Und das auf ganz moderne Weise. Tournemires Orchestersprache flirrt, säuselt, fährt groß auf, nimmt sich zurück, immer ganz am Text und den Vorgängen auf der Bühne. Und sie erzählt von tiefen Gefühlen, unerträglichen Sehnsüchten und von einer Liebe, die unerfüllt bleiben muss. Immer wieder treten Soloinstrumente in den Vordergrund, aber auch die Mischung der Holzbläser schafft verblüffend neue, faszinierende Klänge. Oft herrscht eine nervöse, unheimliche Spannung innerhalb einzelner Szenen. Schnelle Rhythmuswechsel führen uns atemlos durch die Geschichte, an deren Ende Tristan, vom Chor hymnisch untermalt, durch den Tod in eine andere, bessere Welt hinüberwechselt. 

Von einer überwältigend lautmalerischen Erzählweise sind die sinfonischen Zwischenspiele, die eine wichtige Funktion im Verlauf der Handlung übernehmen: vom Unwetter über dem Meer, Waldeinsamkeit, Wellengeplänkel oder dem Glitzern des Mondes auf dem Meer. Hier ist alles mit großem bildhaftem Ausdruck komponiert, ohne plakativ oder gar kitschig zu klingen.

GMD Felix Bender und das Philharmonische Orchester des Theater Ulm nehmen sich mit hörbarer Begeisterung diesem Werk an. Die unterschiedlichen Klangfarben werden genussvoll ausgespielt, die Soloinstrumente nehmen sich mit großer Hingabe ihrer nicht immer einfachen Aufgaben an. Bender atmet mit den Sängern, lässt der Musik aber auch gerne die Zügel locker, um die bis zur freien Atonalität gesteigerten Klangbilde rauschhaft auszukosten. Eine mustergültige Darbietung, die diese Musik mit alle ihren Stimmungswechsel zum Leuchten bringt.

Der Chor, mal kommentierend mal handelnd, spielt in diesem Werk eine wichtige Rolle. Der Opern- und Extrachor des Theater Ulm begeistert mit großer stimmlicher Intensität und Homogenität.

Aus dem Solistenensemble ragt Markus Francke als Tristan besonders heraus. Die Rolle ist riesig, der Sänger den ganzen Abend auf der Bühne. Francke besitzt einen hellen, klaren, wie für das französische Fach geschaffenen Tenor. Und so ist er für diese Rolle prädestiniert, denn ihm stehen die zarten und lyrischen Klangfarben genauso wie die heldischen zur Verfügung. Eine überzeugende, mitreißende Leistung. Die Iseut tritt in dieser Oper etwas in den Hintergrund, was An de Ridder durch die Intensität ihres jugendlich-dramatischen Soprans wett machen kann. Der alles begreifende und verzeihende König Mac wird von Dae-Hee Shin mit samtigem, kraftvollem Bass und großer Sensibilität verkörpert. Die anderen Partien sind rollendeckend besetzt.

Leider fehlt der CD ein Libretto, was bei einem neuen Werk zum Verständnis besonders wichtig wäre. Vielleicht könnte man das Libretto, das in der Originalsprache und deutscher Übersetzung vorliegt, zusammen mit dem sehr informativen Programmheft des Theaters Ulm als Download zur Verfügung stellen.

Olivier Messiaen, der wohl berühmteste Schüler Tournemires, sagte einmal über seinen Lehrer: „Eines Tages wird man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen“. Vielleicht ist diese Zeit jetzt endlich gekommen. Ein Komponist ist zu entdecken, dessen Facetten schier unbegrenzt und kaum zu fassen sind. Mittlerweile liegt auch der Uraufführungsmitschnitt von Le petit pauvre d’Assise von Tournemire aus dem Theater Ulm vor (unsere Kritik). Jetzt sind andere Häuser aufgefordert, diese Kompositionen dem Publikum zur Diskussion vorzustellen, damit Charles Tournemire und seine Werke einen festen, verdienten Platz im Opernrepertoire und in den Konzertsälen erhalten. Da gibt es noch so viel zu entdecken.

Axel Wuttke, 22. Juli 2026


Charles Tournemire: La légende de Tristan

Philharmonische Orchester des Theater Ulm
Dirigent: Felix Bender

CPO 12527099