Als am Donnerstag, dem 15. Dezember 2022, Charles Tournemires La Légende de Tristan am Theater Ulm ihre Uraufführung – nicht bloß ihre deutsche Erstaufführung – erlebte, ahnte kaum ein Besucher, dass dem Sensationsfund ein zweiter folgen würde. Tournemire war den Kennern der französischen Orgelmusik ein Begriff, auch wusste man, dass Oliver Messiaen so etwas wie Tournemires Schüler gewesen war und er vier Opern hinterlassen hatte, wenn man die rare einschlägige Literatur zum Komponisten kannte. La Légende de Tristan, das war keine Oper in der Nachfolge Richard Wagners, also das Werk eines Wagnérien, sondern Frankreichs Beitrag zum Tristan-Mythos auf der Opernbühne: stofflich Frank Martins Vin herbe und den mittelalterlichen Legenden, doch nicht Tristan und Isolde verwandt, auch nicht in musikalischer Hinsicht (unsere Kritik der CD-Veröffentlichung).

Damals wussten vielleicht nicht einmal die Ulmer, dass eine zweite – und gleichfalls noch nie gespielte – Oper Charles Tournemires in Ulm das Licht der Bühnenwelt erblicken sollte, und auch dieses Werk ist so originell wie es an ein anderes, bekannteres Werk eines eigentümlichen Musiktheaters, diesmal der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erinnert. Tournemire hatte seine Operüber den Heiligen Franziskus 1939, kurz vor seinem Tod, vollendet, 40 Jahre später schrieb Oliver Messiaen seine Franziskus-Oper, die sich mit ihrer äußeren Handlungslosigkeit (wenn Franz den Aussätzigen küsst, ist dies der „dramatische Höhepunkt“) gängigen Kriterien entzieht – und doch ein vollgültiges musikdramatisches Bühnenwerk ist. Nun konnte man noch 1998, im Katalog der Wanderausstellung Olivier Messiaen. La Cité céleste, lesen, dass der Jüngere wohl nicht die Franziskus-Oper des Älteren gekannt habe, doch sei dieser sein „Vorbild“ gewesen. Dass er es tatsächlich war und er Tournemires Oper kannte, kann nun, nachdem man das Werk endlich hören konnte, als sicher gelten, denn mehr als eine Stelle verweist auf das „Vorbild“, ohne dass sich Messiaen mit seinem ihm eigentümlichen Stil verleugnet hätte, ja: Es ist schlichtweg faszinierend, mit den beiden Franziskus-Oper nun zwei starke Musiktheateradaptionen eines Stoffs zu haben, dessen Figur nach wie vor bewegt. Im Büchelchen zur Ersteinspielung des Kleinen Armen von Assisi weist der regieführende Intendant Kay Metzger auf die Ideale des Heiligen hin, die noch für uns konsumgeschädigte Kinder der Moderne von Bedeutung sind. Felix Bender, der Dirigent, der bereits die Tristan-Oper uraufführte, sprach von der „eigenwilligen Partitur“. Tatsächlich hat man es mit einer schwer zu definierenden Mischung aus Archaik (d.h.: Gregorianik) und einer französischen Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun, deren Stilmittel von einem kammermusikalisch ausgedünnten Satz bis zu farbenfrohen Orchesterklängen reichen. Zum Instrumentarium gehören eine Celesta, Cembalo, Gitarren, natürlich auch die Orgel. Tournemire beherrschte das Prinzip der Steigerung: Beginnt das Stück mit einer fröhlichen und klanglich sparsamen wie rhythmisch heiteren Straßentheaterszene, so wölbt sich der Bogen über die zentrale Stigmata-Szene hin zu Franziskus’ Tod. Die Oper endet nicht, wie Messiaens Großwerk, mit einem alles überstrahlenden Dur-Akkord des totalen Lichts, also in forte, sondern im sehr leisen Sound des irdischen Entschwindens des Heiligen im Tod. Verglichen mit Messiaens Stationendrama aus Gebeten, Gesprächen, Chorsätzen, einer (beim Ornithologen Messiaen obligatorischen) Vogelpredigt und einem schlichtweg betörenden Engelskonzert kommen Tournemires Szenen, präziser: seine vom Esoteriker Joséphin Péladan gedichteten Fünf lyrischen Episoden in sieben Bildern, wie ein Krimi daher. Tournemire malte den Streit des jungen Mannes mit seinem Vater, der es skandalös findet, dass sein Sohn Mönch werden will, und die Begegnung mit der (späteren Heiligen) Clara, die Franziskus auf seinem Wege folgt, theaterwirksam aus, bevor er seinen geistlichen Helden auf die letzte Reise schickt.
Schade nur, dass das Booklet und die Hülle der wertvollen Ersteinspielung zwar elf Farbbilder der Ulmer Uraufführung aufweist, aber kein Platz für ein Libretto da war, auch, wie es inzwischen gelegentlich gemacht wird, kein Hinweis auf ein im Netz stehendes Textbuch platziert wurde. Egal – denn die Inhaltsangaben der sieben Bilder genügen zunächst einmal, um den groben Rahmen dessen zu erforschen, den der tiefgläubige Tournemire mit großer Ernsthaftigkeit und ebenso großem handwerklichen Können für seinen Heiligen gezimmert hat. Tournemires Musik ist, bei aller mitschwebenden Geistigkeit, deutlich genug, um die Handlung und die Affekte der Figuren verstehbar zu machen. An der Spitze des Ensembles steht Samuel Levine, der die große Partie mit einem angenehmen wie sicheren, die dramatischen Impulse wie die innerlichen Momente gültig gestaltenden Tenor ausfüllt. Hier wie bei der Partitur, die vom Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm unter Felix Bender sehr transparent (ein Lob für den Tonmeister: Stefan Antonin) ins Heute gebracht wird, kann ein Wort in Anschlag gebracht werden: Sensibilité. Maryna Zubko singt die Claire d’Assisi, also die Frau, die ins Kloster geht und sich von Franziskus die Haare schneiden lässt: ihr beweglicher heller Sopran passt trefflich zu Levines jugendlichem wie erfahrenem Tenor. Erwähnt seien noch Cornelius Burger als Franziskus’ Vater, Dae-Hee Shin als Vater der weiblichen Novizin und I-Chiao Shih in der kleinen, aber wesentlichen Rolle der Bettlerin, an der Franziskus demonstriert, was Menschenliebe heißt. Insgesamt hat das Ensemble des Theaters Ulm einschließlich des Opernchors eine äußerst homogene Leistung veröffentlicht.
Als am Donnerstag, dem 8. Mai 2025, Charles Tournemires Le petit pauvre d’Assise am Theater Ulm ihre Uraufführung – nicht ihre deutsche Erstaufführung – erlebte, wusste man, dass man in Ulm ein zweites Mal fündig geworden war. Wie schön, dass auch diese Franziskus-Version nun auf einem Tonträger verewigt wurde – denn das Werk gehört, wie die Aufführung selbst, in die nicht allzu große Abteilung „Relevante Ausgrabungen“.
Frank Piontek, 22. Juli 2026
Charles Tournemire: Le petit pauvre d’assise
Mitschnitt der UA vom 8. Mai 2025
Philharmonisches Orchester der Stadt Ulm
Dirigat: Felix Bender
Label: Theater Ulm