Am 25. Juli ist es wieder so weit: Die Bayreuther Festspiele beginnen traditionell jedes Jahr an diesem Datum und dauern bis Ende August. Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der ersten Festspiele im Jahr 1876 wird in diesem Jahr ein „Gesamtkunstwerk Bayreuth“ anberaumt, ein stadtweites Festival. Begleitend zu den Jubiläums-Festspielen 2026 auf dem Grünen Hügel werden hundertfünfzig Bühnen im gesamten Stadtgebiet und im Landkreis von Januar bis Dezember bespielt. Mit einer kulturellen Vielfalt, die den Bogen von Wagners Werk bis in die Gegenwart spannt.

Hier die wichtigsten Veranstaltungen:
Umstritten, ja abgesagt war bis vor kurzem die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ mit einer Gedenkrede von Prof. Dr. jur. Dr. phil. Michel Friedman: „Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse“. Nun findet sie doch statt. Eingerahmt ist sie mit dem Bläserquintett op.10 von Pavel Haas und dem Klavierquartett a-Moll von Gustav Mahler:
In „DISKURS BAYREUTH“, dem seit 2017 existierenden Rahmenprogramm Katherina Wagners soll auch in diesem Jahr wieder künstlerisch und wissenschaftlich das kulturhistorische Phänomen „Richard Wagner“ reflektiert und kontrovers erörtert werden.
„REALITÄT ODER WAGNER IN ENDZEITSTIMMUNG“ lautet ein performativ-wissenschaftlicher Exkurs in die Untiefen des „Meisters“, kuratiert vom Berliner Musiktheaterkollektiv „Hauen und Stechen“, das seit 2012 ein radikal zugängliches, genreübergreifendes Musiktheater entwickelt. Seine Arbeiten verbinden Oper, Schauspiel, Film, Philosophie, bildende Kunst und Performance zu einer eigenwilligen und publikumsnahen Theatersprache. Das Ensemble ist zum ersten Mal zu Gast bei den Bayreuther Festspielen und lädt ein zu einem immersiven Diskursprogramm über die Kraft der Überlieferung und den Mythos der Erlösung.
Nach den erfolgreichen OPEN-AIR-KONZERTEN der vergangenen Jahre wird das Festspielorchester auch 2026 wieder zweimal auf dem Hügel vor dem Festspielhaus zu erleben sein – bei freiem Eintritt und für alle Besucherinnen und Besucher. Für das leibliche Wohl vor Ort ist gesorgt, zudem besteht die Möglichkeit, eigene Picknickkörbe mitzubringen und die besondere Atmosphäre des Grünen Hügels in entspannter Umgebung zu genießen. Sicher, dann hat Bayreuth, das sich ja schon künstlerisch mehr und mehr vom anspruchsvollen und exklusiven Gedanken festspielwürdiger Aufführungen verabschiedet hat – inzwischen sieht und hört man überall sonst auf der Welt besseren Wagner als in Bayreuth – dann hat es auch massenmedial endlich erreicht, was bei Love-Parades, was bei Papstbesuchen, in Freilichtkinos, bei Politikerreden und in unzähligen Fußballstadien längst gang und gäbe ist. Hurra! Bayreuth ist endlich dort angekommen, wo Richard Wagner nie sein wollte.
„VENUS, ENGEL & DIE NACHT“ ist eine Performance betitelt, eine Kasperliade die im Parkhaus der Oberfrankenhalle stattfinden soll. Nach seinem Abstieg unter die Hochbrücke Bayreuth und einer einjährigen Kreativpause kehrt Bayreuths rot-gelb bekappter Held zurück – dorthin, wo man ihn nicht erwartet: ins Parkhaus der Oberfrankenhalle. Zwischen Sünder und Heiligem, Mensch und Tier sucht er gemeinsam mit einem Kammerensemble sowie Rollkunstläuferinnen nach Komplizenschaft. Pünktlich zum Anbruch der Nacht beginnt ein Spiel von Verzweiflung und Auflösung: sich aufgeben, zerteilen, zusammensetzen – und vielleicht endlich eins werden. Angekündigt wird eine 60-minütige „Revue Noire“B für einen Schauspieler, einen Sänger, Kammerensemble sowie Rollkunstläuferinnen zwischen Pop und Wagner, Venus und Nacht, Engeln und Abgrund.
Die Veranstaltungfindet ohne klassische Aufteilung in Zuschauerraum und Bühne statt, sodass sich das Publikum mit der Performance bewegt. Es steht nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen zur Verfügung, ansonsten Stehplätze für hartgesottene Wagnerianer.
„150 JAHRE BAYREUTHER FESTSPIELE MIT ALLE FARBEN“. Im Jubiläumsjahr der Bayreuther Festspiele findet am historischen Tag des Richtfests des Festspielhauses eine besondere Veranstaltung statt: „FABRIK präsentiert – 150 Jahre Bayreuther Festspiele“ mit dem international erfolgreichen Künstler Alle Farben. 150 Jahre nach dem Richtfest wird dieser historische Ort zum Schauplatz eines außergewöhnlichen musikalischen Abends, der eine Brücke zwischen klassischer Tradition und elektronischer Musik schlägt. Ausgewählte Motive und Elemente aus den Werken Richard Wagners werden in das musikalische Konzept integriert und verbinden das musikalische Erbe der Bayreuther Festspiele mit zeitgenössischen elektronischen Klängen. Für die Veranstaltung wird die Hauptbühne des Festspielhauses nach hinten geöffnet. Der DJ spielt aus dem Festspielhaus heraus in Richtung des überdachten Vorplatzes, während die historischen Sitzreihen des Festspielhauses eine einzigartige Kulisse bilden.
Aller Augen und Ohren richten sich gespannt auf ein besonderes Experiment, dasBayreuth zu seinem 150-jährigen Bestehen wagt. Unter dem Titel „RING 10010110 – VOM MYTHOS ZUM CODE“ wird eine Inszenierung gezeigt, die Wagners Musikdrama mit seiner Rezeptionsgeschichte verbindet. Es ist das experimentelle Jubiläumsprojekt der Bayreuther Festspiele 2026. Kuratiert von Marcus Lobbes und musikalisch geleitet von Christian Thielemann, wird Richard Wagners monumentale Tetralogie erstmals in der Festspielgeschichte durch eine live auf der Bühne agierende Künstliche Intelligenz (KI) visuell generiert. Dabei erweitert erstmals eine durch KI erzeugte visuelle Ebene den Bühnenraum. Geplant sind drei „Ring“-Zyklen unter der Leitung von Christian Thielemann. Es handelt sich um eine Kooperation der Bayreuther Festspiele und der Akademie für Theater und Digitalität.
Auch Wiederaufnahmen stehen 2026 auf dem Spielplan: Am 31. Juli folgt „PARSIFAL“ in der Inszenierung von Jay Scheib unter der musikalischen Leitung von Pablo Heras-Casado. Bereits ab dem 29. Juli wird zudem „DER FLIEGENDE HOLLÄNDER“ gezeigt, inszeniert von Dmitri Tcherniakov und dirigiert von Oksana Lyniv.
Die gefeierte Brünnhilden-Interpretin steht am 6. und 11. August 2026 im Mittelpunkt einer Konzert-Veranstaltung imMarkgräflichen Opernhaus Bayreuth: „CATHERINE FOSTER AND FRIENDS“.
Zum ersten Mal überhaupt auf dem Grünen Hügel aufgeführt wird Richard Wagners frühe Oper „RIENZI“ in diesem Jahr. Ein Tabubruch. Doch das eherne Gesetz, wonach nur die zehn Opern und Musikdramen vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ als Richard Wagners eigentliches, festspielwürdiges Werk gelten, ist längst fragwürdig. Zumal der Brief Wagners an Ludwig II. vom 18. November 1882, auf den sich der bis heute gültige Bayreuther Kanon stützt, keineswegs endgültigen Ausschlusscharakter hat. Gerade das frühe Werk, nicht zu reden vom unvollendeten Werk Wagners, zeigt ihn doch als Europäer durch und durch und bestätigt seinen jugendlichen Ausspruch: „Hinweg aus Deutschland gehöre ich!“ Nietzsches Diagnose war richtig, Wagner sei „unter Deutschen bloß ein Missverständnis“. Es gibt bei Wagner noch ein Werk neben dem offiziellen Œuvre. Wo wenn nicht in Bayreuth sollte es aufgeführt werden? Auch für den „Rienzi“ gilt das, zumal Wagners dritte Oper einst sein größter Erfolg war und sein „Entreebillet“ als Hofopernkapellmeister in Dresden. Das effektvolle, Grand-Opéra-hafte Stück über den verblendeten römischen Volkstribun inszenieren Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. Die musikalische Leitung hat Nathalie Stutzmann.
Darüber hinaus verzeichnet das Festspielprogramm erstmals eine Uraufführung: Mit „BRÜNNHILDE BRENNT“ präsentieren die Festspiele ein Auftragswerk von Bernhard Lang (Musik) und Michael Sturminger (Libretto). In Koproduktion mit der Oper Dortmund wird ein Stück vorgestellt, das verschiedene Realitätsebenen verknüpft. Die Frage nach dem Umgang mit kulturellem Erbe stellt ein alter Ego der Brünnhilde. Die Opernsängerin Hermine (gesungen von Catherine Foster) durchlebt einen Albtraum im Bann des „Rings.
Zu schweigen von einer neuen Ausstellung des Richard-Wagner-Museums. Vor 150 Jahren fand mit der Uraufführung von Richard Wagners Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabendim eigens dafür und ausschließlich für das eigene Werk in Bayreuth errichteten Festspielhaus die „erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst“ statt, wie Friedrich Nietzsche – damals noch sehr enthusiastisch – schrieb. Und anlässlich des Zentenariums der Bayreuther Festspiele im Jahr 1976 wurde vor genau 50 Jahren das Richard-Wagner-Museum in Wahnfried eröffnet. Dieses Doppeljubiläum, das als zeitenüberdauerndes Echo auf die ästhetische Utopie Richard Wagners verstanden werden kann, fasst das Richard-Wagner-Museum im Übertitel seiner Angebote in diesem besonderen Jahr: „50/150 – UTOPIE UND ECHO“. Das Museum also gleichsam als das die 150 Jahre Bayreuther Festspiele reflektierende Drittel. 150 Jahre Theatergeschichte, in denen sich zugleich 150 Jahre deutscher Geschichte in allen Höhen und Tiefen wie in einem Brennglas bündeln.
Neben zahllosen Events, Vorträgen und diversen musikalischen Veranstaltungen der Klaviermanufaktur Steingraeber im Steingraeber-Palais an der historischen Friedrichstraße im Zentrum Bayreuths werden dort auch diesen Sommer zur Festspielzeit Wagnerpersiflagen der studiobühne bayreuth gezeigt. Der Bayreuther Regisseur, Autor und Schauspieler Uwe Hoppe schreibt seit 44 Jahren für das Steingraeber Hoftheater und machte sich zum siebten Male über die Tetralogie her. „DER RING – REBOOTET“ will mit spielerischem Spaß und Tollerei, Gelächter, Schmunzeln und Überraschungen den ganzen „Ring“ neu erzählen und einen „vergnüglichen“ Weltuntergang auf die Bühne zaubern.
Revolutionär und Antisemit
So viel diverser Wagner war noch nie in Bayreuth. Und doch begleitet die Nornen-Frage „Weißt du, wie das wird?“ aus Wagners „Götterdämmerung“ die Bayreuther Festspiele seit ihrer Gründung 1876. Entstanden aus revolutionären Ideen Wagners wurde Bayreuth zum Mythos, zur Kultstätte und zum Spiegel deutscher Geschichte – mit künstlerischen Triumphen, finanziellen Krisen und dem dunklen Kapitel der NS-Zeit. Zum 150. Jubiläum steht der „Grüne Hügel“ erneut an einem Wendepunkt: zwischen Tradition und Erneuerung, künstlerischem Anspruch und wirtschaftlichen Zwängen.
Wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seinem freundlichen Geleitwort zu den diesjährigen Bayreuther Festspielen betont: „Als Richard Wagner hier 1876 sein neuartiges Festspielhaus eröffnete, blickte ganz Europa auf dieses Experiment. Seitdem ist der „Grüne Hügel“ zu einem der bedeutendsten Orte der Musikgeschichte geworden – einem Ort, der Menschen aus aller Welt anzieht. Einem Ort, der allein dafür gemacht wurde, die unvergleichlichen Werke Richard Wagners zu hören. Das 150. Gründungsjubiläum ist ein schöner Anlass, diese Faszination zu feiern. Es ist zugleich ein Zeitpunkt, um innezuhalten und zurückzublicken – auf die Geschichte dieses Ortes in all seinen Facetten, auf seine Überhöhung als deutscher Mythos und auf seine seit eineinhalb Jahrhunderten andauernde Bedeutung für die Welt der Musik und auch für unser Land. Die Festspiele waren bei ihrer Entstehung ein Hort künstlerischer Erneuerung. Richard Wagners Idee zielte auf die Erschaffung eines Gesamtkunstwerks, das Musik, Drama und Architektur zur Gemeinschaftserfahrung verbinden sollte. Diese Idee fasziniert die Menschen bis heute. Die Geschichte des Grünen Hügels ist allerdings nicht frei von Schatten. Der Antisemitismus Wagners, die Verstrickung der Festspiele mit dem Nationalsozialismus, die Bereitschaft, diesen Ort dem verbrecherischen Regime zur Selbstinszenierung darzubieten – dies alles gehört zu einem aufgeklärten Bild der Tradition Richard Wagners in Bayreuth. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Vergangenheit bleibt ein notwendiger, bis heute nicht abgeschlossener Prozess. Wer für die Zukunft diesen Ort mit seiner Kraft und Magie erhalten und würdigen will, darf seine dunkle Geschichte nicht ausblenden. Beides gehört zu Bayreuth.“
Einer von Steinmeiers Vorgängern, der ehemalige deutsche Bundespräsident Walter Scheel hat in seiner brillanten Rede zur Hundertjahrfeier Bayreuths am 23. Juli 1976, den Nagel auf den Kopf getroffen, als er sagte: „Bayreuths Geschichte ist ein Teil deutscher Geschichte. Seine Irrtümer sind die Irrtümer unserer Nation gewesen. Und in diesem Sinn ist Bayreuth eine nationale Institution geworden, in der wir uns selbst erkennen können. Die dunklen Kapitel deutscher Geschichte und Bayreuther Geschichte können wir nicht einfach wegwischen.“
Zu diesen dunklen Kapiteln Bayreuther Geschichte gehört vor allem die Rolle, die Bayreuth während des Dritten Reichs spielte. Unmengen von Publikationen haben sich damit befasst. Allerdings sind bis heute die Wagner-Debatten immer noch parteiisch und emotional, unsachlich und von Vorurteilen geleitet. Oftmals beteiligen sich erstaunlich Uninformierte an Auseinandersetzungen über Wagner. Aber selbst renommierte Wissenschaftler „verlieren zuweilen bei Wagner den Verstand“, wie der Wagnerspezialist Dieter Borchmeyer einmal zu Recht schrieb.
Auch Walter Scheel hat darauf hingewiesen: „Ich glaube nicht an die direkte Linie Wagner-Hitler. Man hat noch mehr solche ‚historischen‘ Linien gezogen. Sie beruhen alle auf Geschichtsbildern, die allzu simpel sind.“ Walter Scheel fügte hinzu: „Sicher, Wagner war ein Antisemit. Aber es ist einfach falsch, zu behaupten, Hitler habe seinen Antisemitismus von Wagner übernommen. Beide, Hitler und Wagner, sind Teil einer unheilvollen antisemitischen Unterströmung des europäischen Geistes. Aber Hitler wäre sicher auch ohne Wagner Antisemit geworden.“
Zurück zu Steinmeier: „Was die Festspiele lebendig hält, ist die Spannung zwischen Tradition und Wagnis. Wagners Werk ist kein Museum. Es wird hier jedes Jahr neu befragt, neu gedeutet, neu gehört. Regisseure, Dirigenten und Sängerinnen und Sänger aus aller Welt bringen jedes Jahr neue Lesarten auf die Bühne des Festspielhauses – und zeigen damit die Kraft zur Erneuerung.“
Geschichte der Festspiele
Das ist nett gesagt. Doch was hat es mit dieser „Erneuerung“ tatsächlich auf sich? Ist sie eine Erneuerung oder doch eher eine Entfremdung? Dazu ist ein Blick auf die Geschichte der Bayreuther Festspiele unumgänglich:
Festspiele als Utopie
Die Bayreuther Festspiele sollten von Anfang an „die Utopie einer totalen Alternative“ sein – wie es Oswald Georg Bauer einmal formulierte. Eine Alternative zum vorherrschenden, kommerziell orientierten Theaterbetrieb – jenseits der Metropolen! Sie sollten dem, was wir heute Entertainmentindustrie nennen, diametral entgegenstehen. Wie auch dem Eventtourismus. Wagner verabscheute die Routine und die Konventionen des europäischen Repertoiretheaters seiner Zeit. Sein Theater sollte ein Fest sein. Wie bei den Alten Griechen. Das Festspielhaus sollte ein provisorisches Theater sein, „so einfach wie möglich, vielleicht bloß aus Holz, und nur auf künstlerische Zweckmäßigkeit des Innern berechnet“, so Wagner. Wagners Festspielhaus mit seinem amphitheatralisch ansteigendem Zuschauerraum, der inspiriert wurde durch die antiken griechischen Theaterbauten, so wie das Wagnersche Musikdrama sich ideell am Drama des Sophokles und Aischylos orientierte, war ein demokratischer Gegenentwurf zum vorherrschenden aristokratischen Logentheater. Das unsichtbare Orchester sollte in einen, von einem Schalldeckel überwölbten „mystischen Abgrund“ verbannt werden, um nicht vom Geschehen auf der Bühne abzulenken.
Die ersten Festspiele wurden 1876 mit der ersten kompletten Aufführung des „Nibelungenrings“ gegeben. Aus der Schweiz schrieb der wegen seiner Teilnahme an der Dresdner Revolution ins Exil geflüchtete Wagner im Jahre 1851 an seinen Dresdner Freund Theodor Uhlig einen Brief, in dem es heißt: „Mit dieser neuen Konzeption trete ich gänzlich aus allem Bezug zu unserem heutigen Theater und Publikum heraus. An eine Aufführung kann ich erst nach der Revolution denken, erst die Revolution kann mir die Künstler und Zuhörer zuführen. Mit dem Werk gebe ich den Menschen der Revolution dann die Bedeutung dieser Revolution, nach ihrem edelsten Sinne, zu erkennen. Dieses Publikum wird mich verstehen; das jetzige kann es nicht.“
Die Alternative, die Wagner mit der Verwirklichung eigener Festspiele vorschwebte, umfasste denn auch ein alternatives Publikum, den Menschen der Revolution, dem er die Bedeutung dieser Revolution, nach ihrem edelsten Sinne, zu erkennen geben wollte! Zwar blieb die von Wagner ersehnte gesellschaftliche Revolution aus. Aber an der Idee seiner Festspiele und der Revolution des Musiktheaters zur mustergültigen Aufführung seines Œuvres hielt Wagner fest.
Als ihm die Stadt Baden-Baden angeboten hatte, ein Festspielhaus für ihn zu bauen, schrieb Wagner den Stadtvätern des berühmten Kurbades, er wolle nicht „für badereisende Faulenzer“ Theater machen. Sein Theater sollte etwas ganz und gar Anderes sein. Und das sind die Bayreuther Festspiele bis heute. Die Anfahrt nach Bayreuth gleicht einer Pilgerreise. Die exponierte Lage des Festspielhauses auf einem Hügel, Fanfarenbläser vor Aktbeginn, einstündige Pausen, in denen das Publikum in den Park des Festspielhügels entlassen wird, das Verstreichen der Zeit vom Nachmittag bis in die Nacht. All das ist ungewöhnlich. Die Bayreuther Festspiele waren von Anfang an ein Ritual im Dienst eines Werks.
Der Tagesrhythmus des Festspielbesuchers in Bayreuth bemisst sich ganz und nur nach Wagner. Die Stadt war jedenfalls zu Wagners Zeiten, manche empfinden es noch heute so, ein Provinznest ohne gesteigerte gesellschaftliche oder kulinarische Anziehungskraft. Bei diesen Festspielen gilt es ausschließlich der „Sache Wagner“. Das überwiegende Publikum reiste – vor allem in der Vergangenheit (einmal abgesehen vom Premierenpublikum) in Jeans und Alltagskleidung an, ein – verglichen etwa mit Salzburg – überwiegend inhaltlich, künstlerisch, nicht am gesellschaftlichen Event interessiertes Publikum.
Anfänglicher Misserfolg
Übrigens waren die ersten Bayreuther Festspiele kein ungetrübter Erfolg. Das gesellschaftliche Echo war zwiespältig, die Pressereaktionen waren überwiegend ablehnend. Ein Wiener Kritiker beispielsweise sprach von einer „Affenschande“ für das deutsche Volk. Aber selbst der damals sehr populäre Schriftsteller Paul Lindau, ein erklärter Wagner-Verächter, gab zu: „Wagner hat erreicht, was noch kein Künstler vor ihm auch nur anzustreben sich vermessen hätte. Bayreuth ist unzweifelhaft die stärkste individuelle Leistung, die zu denken ist.“ Vor allem aber waren die ersten Bayreuther Festspiele ein gewaltiges finanzieller Reinfall. Wagner zweifelte grundsätzlich an seiner Festspielidee. Später, in Berlin, beim „Ring“ Angelo Neumanns gestand er: „Ich glaube, Bayreuth war ein Irrtum“. Ganz davon abgesehen, dass er die vordergründig historisierende szenische Umsetzung für so missraten hielt, dass er nach der Erfindung des „unsichtbaren Orchesters“ auch noch das „unsichtbare Theater“ erfinden wollte. An eine Wiederaufnahme der Festspiele war nicht zu denken. Erst mit dem „Parsifal“ kam der langersehnte Erfolg und der Durchbruch der Bayreuther Festspiele, kurz vor Wagners Tod.
Cosimas Grundlegung des Wagnerkults
In der „Wagnerstadt“ Bayreuth hinterließ Wagner mit dem Festspielhaus „ein leeres Gefäß“. Die Aufgabe, dieses Gefäß zu füllen, übernahm Wagners Witwe Cosima. Als „Gralshüterin“ leitete sie die Festspiele über 23 Jahre und etablierte die Bayreuther Festspiele als feste Institution. Sie baut das Repertoire auf, das wir heute kennen.
Allerdings weihte sie das „Kunstwerks der Zukunft“ nach seinem Tod zum Tempel und entgrätete Wagner in teilweise geradezu gottesdienstähnlichen Aufführungen, verharmloste, enterotisierte, entpolitisierte und verklärte ihn. Womit sie einer fatalen Wirkungsgeschichte des Missbrauchs Tür und Tor öffnete, die in der perversen Usurpation Wagners durch die Nationalsozialisten und ihrem gruseligen Wagnerkult endete.
Auf Cosima folgte zuerst ihr Sohn Siegfried. Dann kam die Stunde Winifreds. Die Siegfried-Witwe und Herrin des Hügels war eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers. Mehr noch: Sie wurde zur persönlichen Freundin und Vertrauten des Führers. Winifred machte das Bayreuther Festspielhaus zur nationalsozialistischen Kultstätte, die Festspiele zur NS-Propaganda-Bühne – und jüdische Musiker, Sänger und Mitarbeitende entlassen und ausgegrenzt.
Bayreuth im „Dritten Reich“
Winifred Wagner machte sich ganz bewusst zum Steigbügelhalter für Hitler und den Nationalsozialismus. Wie die Großwirtschaft Hitler finanziell unterstützte, so half ihm Bayreuth ideologisch: indem es ihn bürgerlich respektabel machte. Und Hitler revanchierte sich: Die materielle Situation der Festspiele war keineswegs rosig. Adolf Hitler stellte die Bayreuther Festspiele unter seinen persönlichen Schutz und griff Winifred finanziell und propagandistisch kräftig unter die Arme. Es war eine reine Zweckehe, die da geschlossen wurde. Mit Geistesverwandtschaft zwischen Wagner und Hitler hatte das nichts zu tun. Neben der rein taktischen Überlegung, durch den Schulterschluss mit Bayreuth bürgerliche Reputation zu erlangen, war Hitler zweifellos beseelt von einer inbrünstigen Wagner-Schwärmerei. Wobei er in Wagner wohl nur den schwülstig-bombastischen Verherrlicher eines Teutonentums sah, den erhebenden Instrumentator des altgermanischen Mythos, den musiktheatralischen Illustrator der mittelalterlichen Sage. Dass Hitler von Wagners Musik, wie von Musik an sich, im Grunde nicht viel verstanden hat, bezeugen zahllose seiner Zeitgenossen. Musik war ihm nicht viel mehr als ein überaus wirkungsvolles akustisches Mittel zur Steigerung theatralischer Effekte. Wagners Werke dienten denn auch in Hitlers Drittem Reich vornehmlich als Untermalung von Wochenschauen, Parteifilmen und als Begleitmusiken von Parteitagen und ähnlichen Veranstaltungen. Musik, auch Wagnermusik war vor allem „ästhetisches Herrschaftsmittel in der Theatralik des deutschen Faschismus“ (Andrea Mork).
Neubayreuth
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch Wieland und Wolfgang „Neubayreuth“ ins Leben gerufen. Der Spruch, den die Brüder als Leitsatz ihrer neugegründeten „Neubayreuther“ Festspiele im Festspielhaus anbrachten „Hier gilt’s der Kunst“ , war eine Verharmlosung, ja eine Lüge, die den ganzen Bodensatz, alles Scheußliche, Inhumane, Faulige des Nazismus der Wagner-Familie aufscheinen ließ, von der Bayerns Finanzminister Konrad Pöhner schon 1968 urteilte: „Man weiß nicht, ob in der Familie die Dummheit oder die Gemeinheit größer ist.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte man über die braune Geschichte der Festspiele am liebsten den Mantel des Schweigens ausgebreitet – und eine neue Ära eingeläutet. Aber: Der Wagner-Enkel Wieland, der ab 1951 die künstlerische Leitung übernahm, war ein Günstling Hitlers gewesen. Während Wieland und Wolfgang Wagner am Haupteingang die Repräsentanten der demokratischen neuen Republik empfingen und sich die ehemalige Festspielleiterin Winifred am Seiteneingang von Alt-Nazis die Hand küssen ließ, wurde der „Grüne Hügel“ zur politikfreien Zone proklamiert.
Perspektiven
Und heute? In den letzten Jahren war viel die Rede von Verjüngung des Festspielpublikums und von Repertoire-Erweiterung. Für eine Repertoireerweiterung müsste allerdings die Satzung geändert werden, das heißt alle Mitglieder der Bayreuther Festspiele GmbH müssten zustimmen. Bayern hat sich klipp und klar dagegen entscheiden. Damit dürfte sich eine Repertoireerweiterung erledigt haben.
Es gehe um die „Zukunftsfähigkeit“ der Festspiele, betonte die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth, darum, „die Rahmenbedingungen für künstlerisch attraktive Inszenierungen zu schaffen“. Künstlerisch attraktive Inszenierungen? Man muss sich doch fragen: Warum dürfen eigentlich in Bayreuth oft so unerfahrene, ja unbedarfte Regisseure, die keine tiefere Affinität zur Oper im Allgemeinen, zu Wagner im Besonderen zu haben scheinen, die eigentlich nur ihre Befindlichkeit, allenfalls Kommentare, aber nicht das Werk auf die Bühne bringen, sich in Bayreuth versuchen. Bayreuth ist kein Versuchslabor für Anfänger, kein Spielplatz zum Ausprobieren. Früher ging man als Anfänger in die Provinz.
Es ist nicht zu überlesen und zu überhören, dass die Öffentlichkeit – trotz kosmetischer Aufpäppelungen der Festspiele und fragwürdiger Kinderopern (die an jedem Stadttheater Gang und Gäbe sind) sich mehr und mehr um die künstlerische Gefährdung des Fortbestandes der Festspiele sorgt. Viele Kenner und Beobachter der Bayreuther Festspiele bekennen (wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand) dass es womöglich ein großer Fehler war, aufs dynastische Erbfolgeprinzip der Festspielleitung gesetzt zu haben. Die Abwanderung eines großen Teils der Wagnerianer, ich meine der echten Wagnerenthusiasten, spricht für sich. Längst ist Bayreuth nicht mehr das Maß aller Dinge in Sachen Wagner.
Es singen dort zwar reisende Stars der Wagnerszene, die Kartenpreise sind gewaltig gestiegen, sie reichen jetzt von elf bis 459 Euro. Bayreuth ist inzwischen zu einem Ort für Opern-Events geworden. Das neue Bayreuther Publikum kommt ein, zwei Mal, dann zieht es zu anderen Events weiter.
Die Bayreuther Festspiele legitimieren sich nur dadurch, dass sie etwas Einmaliges sind. Und das sollte doch nicht nur das Festspielhaus samt authentischer Umgebung und Villa Wahnfried sein! Bayreuth sollte dem Publikum etwas bieten, was es nicht überall geboten bekommt, musikalisch, sängerisch, regielich. So wollte es Richard Wagner. Dazu müsste es aber ein inhaltliches Konzept der Festspiele geben. So etwas wie ein Grundsatz-Programm. Eine Vision. Einen Plan, ein künstlerisches Credo. Doch genau das vermisst man bei der heutigen Festspielleitung. Sie jagt Regie-Moden oder Moderegisseuren nach.
Wenn das heutige Bayreuth den Weg weitergeht, den es in den letzten Jahren beschritten hat, könnte es sein, dass ihm in absehbarer Zeit das Publikum fehlt. Längst weiß der Opern- und Festivaltourist, zumal der Wagnerinteressierte, wo er zu welchem Preis welche Qualität bekommt. Und wo er Besseres, Interessanteres als in Bayreuth bekommt für sein Geld.
Bayreuth soll für alle da sein, wird immer wieder gesagt. Gewiss. Bayreuth soll bunter werden, diverser und jünger. Schön und gut. Katherina Wagner will ein jüngeres Publikum zu den altehrwürdigen Festspielen locken. Sie will am Puls der Zeit sein. Doch sie hinkt ihm meist hinterher. Das heutige Bayreuth, das von ihr seit 2015 im Alleingang geleitet wird, befindet sich – man muss es leider so sagen – auf steiler Talfahrt nach unten, auch wenn inzwischen Dirigentinnen am Grünen Hügel dirigieren. Aber Geschlechtszugehörigkeit ist kein Qualitätsbeweis. So wenig wie Regie-Spektakel es sind. Katharina Wagners Vertrag als Festspielchefin in Bayreuth ist nun bis 2030 verlängert worden. Der Bayrische Kunstminister Markus Blumeist der Meinung: „Für die Bayreuther Festspiele als herausragendes nationales Kulturgut brauchen wir künstlerisch und strukturell die beste Aufstellung – und diese haben wir jetzt! … Mit Katharina Wagner… so dass die Festspiele weiterhin weltweit Maßstäbe in der zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem Werk Richard Wagners setzen können.“ Sein Wort in Gottes Ohr.
Man vergesse bitte nicht: Richard Wagner hat immer wieder bemängelt, dass Politiker nur selten etwas von Kunst verstünden. Er hat sich maßlos über die Kunstunverständigen, die Philister, speziell die deutschen Politiker geärgert. Seine kritischen Äußerungen über die Deutschen und das manifeste Misstrauen gegenüber der deutschen Staatsmacht und dem preußischen Machtstaat sind bekannt. Ganz zu schweigen von Friedrich Nietzsche. Er bezeichnete in der „Fröhlichen Wissenschaft“ Politik als „Prostitution des Geistes“. Im „Antichrist“ geißelte er „das erbärmliche Zeitgeschwätz der Politik.“ In seinem Nachlass sprach er vom „nationalen Schwindel“ der Politiker. Nietzsche hat vor der „Diktatur des Zeitgemäßen“ gewarnt. Eben diese aber scheint im heutigen Bayreuth Programm zu sein. Bayreuth ist heute leider nur noch ein Zeitgeist-Event und eine Spielwiese sich ideologisch als verblendet erweisenden Regietheaters, das Wagners Stücke auf der Bühne regelmäßig bis zur Sinnlosigkeit verhackstückt, um sich dabei an einem ,deutschen‘ Mythos‘ abzuarbeiten. Es ist nach wie vor so, wie Martin Gregor-Dellin schon vor Jahren betonte: „Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu Richard Wagner ist das gestörte Verhältnis zu ihrer Geschichte.“
Die Ferne von jeder „Utopie einer totalen Alternative“ um noch einmal an das Zitat Oswald Georg Bauers zu erinnern, diese austauschbare zeitgeistige Regietheater-Mittelmäßigkeit ist nicht nur eine große Gefahr für die Zukunft der Bayreuther Festspiele, es ist vor allem das größte Missverständnis dessen, und der weitest entfernte Punkt von dem, was Richard Wagner mit seiner Festspielidee ursprünglich vorschwebte. Man darf dafür wohl das Wort Niedergang verwenden.
Übrigens liegen der Bund und der Freistaat Bayern – wie man hört – bezüglich der Übernahme der Mehrkosten der Jubiläumsspielzeit im Streit. Zum 150. Jubiläum der Festspiele gibt es unter manchem Fragwürdigem einen „Ring“, generiert von künstlicher Intelligenz. Das sei der Verlust der klassischen Erzählkunst des Theaters und Verfall der mythischen Aura auf dem Grünen Hügel, empören sich so manche Wagnerianer. Wie auch immer: Die 150. Bayreuther Festspiele bewegen sich künstlerisch und finanziell auf so schwankendem Boden wie vor 150 Jahren!
Dieter David Scholz, 20. Juli 2026