Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach dem Staatstheater Hannover blicken wir heute auf die Komische Oper Berlin.

Bereits die dritte im Ausweichquartier Schiller-Theater verbrachte Spielzeit hat die Komische Oper hinter sich gebracht, sich daneben viele weitere regelmäßig angesteuerte Spielplätze wie einen Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof oder in der Neuköllner Oper erschlossen und ist der bisherigen erfolgreichen Spielplangestaltung treu geblieben, zu der ein spektakuläres Ereignis im Hangar, eine Kinderopern-Uraufführung, Halbszenisches vor Weihnachten, Händel, eine Kosky-Inszenierung und Musik aus der DDR gehören. Vor dem Opernhaus liegen sicherlich noch mehr als die bereits hinter sich gebrachten Spielzeiten in Charlottenburg, wenn man die üblichen Pleiten und Pannen im Berliner Baugeschehen zum Maßstab nimmt. Im Blick zurück stellt man aber fest, dass man meistens froh gestimmt und entspannt das Haus verließ, sich fragte, warum sich nicht wie nach den Besuchen in den beiden anderen Opernhäusern der Stadt leider oft Missmut über ideologiebeschwerte Deutungssucht breit machte, sondern eine dem munteren Komödiantentum, der Freude am Spiel zu verdankende Entspanntheit, die ein Nachdenken über das Erlebte durchaus nicht ausschloss.
Beste Produktion:
Richard Strauss, Salome
Größte Enttäuschung:
blieb der Rezensentin wegen Krankheit erspart, war aber wohl Olga Neuwirth, Orlando
Beste Regie:
Jevgeny Titov für Salome
Bestes Dirigat:
James Gaffigan für Lady Macbeth von Mzensk
Beste Chorleistung:
Chorsolisten der Komischen Oper in Händel, Belshazzar
Beste Bühne:
Philipp Stölzl für Jesus Christ Superstar
Beste Kostüme:
Herbert Fritsch für Belshazzar und Frank Wilde für Jesus Christ Superstar
Beste Sängerin:
Nicole Chevalier als Salome und Ambur Braid als Katerina Ismailowa
Bester Sänger:
Philipp Maierhöfer als Gobrias in Belshazzar
Die Bilanz zog Ingrid Wanja.