Düsseldorf: „Surrogate Cities“, Ballettabend von Demis Volpi

Mit Surrogate Cities schuf Heiner Goebbels 1994 als Auftragswerk zum 20-jährigen Bestehen der Jungen Deutschen Philharmonie und zum 1200-jährigen Jubiläum der Stadt Frankfurt einen Liederzyklus, der sich dem Kosmos Stadt aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln nähert. Die Komposition ist durchaus experimentell und herausfordernd, gleichzeitig aber auch sehr modern und stellenweise sogar sehr melodiös. An anderen Stellen dominieren dagegen die typischen Geräusche einer Großstadt. Insgesamt kann man Surrogate Cities in gewisser Weise als zeitlos bezeichnen, da man dem Werk sein Alter von mittlerweile 30 Jahren in keiner Weise anhört. Eine Besonderheit der Komposition ist, dass sie aus sieben Stücken besteht, die in variabler Zusammenstellung immer wieder neue Synergien ergeben können. In der Düsseldorfer Aufführung kommen sechs der sieben Musikstücke zum Einsatz, die übrigens allesamt im Programmheft ausführlich erläutert werden.

© Bettina Stöß

Zu dieser Komposition hat Demis Volpi eine Choreographie für das nahezu komplette Ballettensemble geschaffen, denn insgesamt stehen rund 40 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne. Da diese Uraufführung zugleich Volpis letzte Arbeit als Ballettdirektor und Chefchoreograph des Balletts am Rhein ist, bevor er zur neuen Spielzeit nach Hamburg wechselt, ist diese Produktion zugleich ein positiver Leistungsnachweis der gesamten Compagnie, die sich in der Spielzeit 2024/25 unter neuer Leitung an einigen Positionen verändern wird. Beim Betreten des Zuschauerraums fallen sofort die großen Konstruktionen rechts und links der Bühne auf, die an die bekannten Außentreppen und Feuerleitern aus der West Side Story erinnern. Ansonsten ist das Bühnenbild von Katharina Schlipf eher schlicht gehalten und überlässt den Tänzern den vorderen Teil der Bühne. Die hintere Bühnenhälfte beherbergt das Orchester mit rund 80 Musikern, abgerundet wird das Gesamtbild durch einen durchaus ansehnlichen Hintergrund, der weitere Elemente der Großstadt darstellt. Ein entsprechendes Lichtdesign von Elana Siberski sorgt für die passenden Stimmungen zu den jeweiligen Werken.

© Bettina Stöß

Zu Beginn des Abends betreten alle Tänzerinnen und Tänzer sowie die Musiker des Orchesters nacheinander die Bühne und sorgen so bereits für das erste typische Großstadtfeeling auf den vollen Straßen der Stadt. Matthias Muche sorgt als Soloposaunist für eindrucksvolle Geräusche der Stadt, wie vorbeifahrende Autos oder ein Hubschrauber, der über den Häusern schwebt. Im weiteren Verlauf des Abend setzt Volpi auf eine sehr umfangreiche Choreographie, die allerdings nicht immer schlüssig oder nachvollziehbar erscheint. Das mag anders sein, wenn man sich als Zuschauer vorher intensiv mit den sechs Einzelstücken der Komposition auseinandergesetzt hat. Aber auch ohne diese Vorbereitung kann man das Geschehen auf der Bühne einfach auf sich wirken lassen. Alle Musiker und Tänzer liefern in dieser Produktion eine starke Leistung ab, so dass man sich auch hierauf konzentrieren kann und sich entsprechend schauend und zuhörend an der Produktion erfreuen kann, anstatt nach irgendwelchen Interpretationen zu suchen. Besonders beeindruckend ist zum Beispiel der Pas de deux von Joaquin Angelucci und Evan L’Hirondelle sowie eine Choreographie in der eine Tänzerin mit meterlangen blonden Haaren von vier Männern umschwärmt wird. Auch die Darstellung einer großen Frau im Mantel, bei der eine Tänzerin auf den Schultern ihres Tanzpartners den oberen Teil der Dame verkörpert, während der Mann gleichzeitig die Tanzschritte ausführt sorgt für einen optischen Wow-Moment. Bleibenden Eindruck hinterlässt am Ende des Abends Jack Bruce, den es zum Ende der Spielzeit ebenfalls nach Hamburg zieht. Ausgestattet mit einem Mikrophon nutzt er die gesamte Bühne, um sich tänzerisch und gesanglich zu entfalten, leidenschaftlicher Tanz par excellence.

© Bettina Stöß

Alles in allem ist Surrogate Cities ein rund zweistündiger, sehr abwechslungsreicher Ballettabend. Die Düsseldorfer Symphoniker spielen in großer Besetzung unter der Leitung von Vitali Alekseenok. Auch das Schlagwerk hat an diesem Abend viel zu tun. Dazu kommen immer wieder Sampler-Einspielungen von Hubert Machnik und die Sopranistin Tamara Lukasheva sorgt für einen weiteren Höhepunkt des Abends. Außerdem kann sich das Publikum noch einmal von einigen herausragenden Talenten verabschieden, die das Ballett am Rhein in den nächsten Monaten verlassen werden. Demis Volpi ist hier mit Hilfe vieler Künstler ein Abschied gelungen, an den man sich noch lange positiv erinnern wird.

Markus Lamers, 7. Mai 2024


Surrogate Cities
Ballett von Demis Volpi

Ballett am Rhein, Opernhaus Düsseldorf

Premiere: 27. März 2024
besuchte Vorstellung: 5. Mai 2024

Choreographie: Demis Volpi
Musikalische Leitung: Vitali Alekseenok
Düsseldorfer Symphoniker

Trailer

Weitere Aufführungen: 9. Mai / 11. Mai / 19. Mai