Am 19. März 2023 fand im Berliner Theater des Westens die Uraufführung des Musicals Romeo & Julia – Liebe ist alles statt. Wie der Titel bereits vermuten lässt, wird darin die bekannte Geschichte von William Shakespeare erzählt. Die erfolgreichen Komponisten Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die über Jahrzehnte die deutsche Pop-Musikszene prägten, wollten diese große Liebestragödie jedoch nicht einfach nur nacherzählen, sondern für ein heutiges Publikum neu erlebbar machen. Hierzu verknüpften sie die Handlung mit eingängigen Popsongs. Auch wenn der Titel des Musicals den wohl bekanntesten Rosenstolz-Song enthält, stammen tatsächlich nur wenige Lieder im Stück wirklich von dem bekannten Musikduo. Alle weiteren Songs wurden von Peter Plate und Ulf Leo Sommer neu für das Musical komponiert und getextet. Dabei wurden sie von Joshua Lange unterstützt, der ebenfalls an der Komposition beteiligt war. Doch auch wenn die Lieder neu sind, fühlen sie sich gleich sehr vertraut an, was in dieser Form und Konsequenz tatsächlich selten der Fall ist. Nach zwei sehr erfolgreichen Spielzeiten in Berlin und mehr als einer halben Million verkaufter Tickets ist Romeo & Julia – Liebe ist alles nun erstmals in der Originalinszenierung – mit kleineren, tourneebedingten Anpassungen – auf großer Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz zu sehen.

Die Tourpremiere fand am vergangenen Donnerstag im Rahmen des diesjährigen Kölner Sommerfestivals in der Philharmonie statt. Im Beisein der Komponisten und Autoren wurde die Aufführung vom Publikum frenetisch gefeiert. Verantwortlich hierfür ist auch das sehr spielfreudige, junge Ensemble, das dem klassischen Werk tatsächlich eine neue Lebendigkeit einhaucht. Julia ist eine junge, selbstbewusste Frau und Romeo ist kein schüchterner Romantiker, sondern ein junger Draufgänger. Auch einige kleine Anpassungen der Geschichte wissen zu gefallen: So ist beispielsweise der junge Mercutio ebenfalls in Romeo verliebt, was dieser in seiner blinden Verliebtheit allerdings nicht wahrnimmt. Diese kleine Anekdote wird ganz nebenbei und nicht aufdringlich erzählt, was dem Stück sehr entgegenkommt. Ebenfalls gelungen ist, dass viele Texte in der historischen Shakespeare-Sprache erklingen, sodass sie einen besonderen Kontrast zu den modernen Songs bilden. Erwähnenswert sind auch die Arien des Todesengels, in denen Giuseppe Dulcetta als Countertenor absolut begeistert und vom Balkon aus im wahrsten Sinne des Wortes die Strippen zieht.

Allgemein ist die Besetzung bei dieser Tournee bis in die kleinste Rolle gelungen. In den Titelpartien sind Laura Schatz als Julia und Mats Visser als Romeo zu sehen, die diese Rollen bereits 2025 in Berlin verkörpern durften. Im Verlauf der Zeit entwickelte sich die Rolle der Amme mit ihrer lustigen Art in Berlin fast zu einem kleinen Kult. Mit Beatrice Reece hat man eine Darstellerin gefunden, die diese Powerrolle mit dem notwendigen Schwung und einem guten Gespür für den vorhandenen Humor auf die Bühne bringt, was sie ebenfalls in Berlin bereits unter Beweis stellen durfte. Neu dabei bei dieser Tour sind unter anderem Pascal Cremer als Pater Lorenzo, Cedric Schröter als Mercutio und Christian Bock als Tybalt, die ebenfalls von Beginn an voll in ihrer Rolle sind. Abgerundet werden die Hauptrollen durch Sophie Mefan und Fredy Kuttipurathu als Lady und Lord Capulet sowie durch Dominik Räk als Benvolio. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch das weitere Ensemble mit sieben exzellenten Darstellerinnen und Darstellern. Die Besetzung zeigt einmal mehr, wie gut die Casting-Abteilung von ATG Deutschland derzeit offenbar aufgestellt ist. Bereits die letzten Produktionen haben in diesem Bereich stets überzeugt, was an dieser Stelle auch einmal festgehalten werden soll.

Auch die Choreografien von Jonathan Huor können in Romeo & Julia – Liebe ist alles überzeugen. Insbesondere die größeren Massenszenen und die Kämpfe zwischen den Familien Montague und Capulet bringt er eindrucksvoll auf die Bühne. Das Bühnenbild von Andrew D. Edwards besteht aus einem halbrunden Raum mit einer großen Balustrade und einer großen Drehbühne davor, wodurch Platz für die verschiedensten Räume geschaffen wird. Ob beim Ball der Familie Capulet, in Julias Schlafgemach oder in der Kirche von Pater Lorenzo – immer wieder verändern geschickt platzierte Kleinigkeiten den Raum in den passenden Ort. Auch für die Kostüme ist Edwards verantwortlich. Sie verbinden geschickt das Historische mit dem Modernen, ohne dass es gewollt wirkt. Die Geschichte ist dramaturgisch natürlich sehr bekannt, sodass es vielleicht zu Beginn des zweiten Aktes ein wenig die Fahrt aus dem Stück nimmt, wenn hier viel geplant werden will. Trotzdem sorgt das Musical für drei unterhaltsame Theaterstunden, was auch an der gelungenen Inszenierung von Christoph Drewitz liegt. Das Stück beginnt quasi mit dem Ende, bei dem Romeo und Julia bereits leblos übereinander liegen. Anschließend nimmt Pater Lorenzo die Zuschauer und Zuschauerinnen mit dem Song Kein Wort tut so weh wie vorbei zurück zum Beginn der Geschichte, wo mit Wir sind Verona gleich ein großer Hit des Musicals erklingt. Eindrucksvoll ist das Finale, das mit Der Krieg ist aus den Abend mit einer bewegenden Anti-Kriegs-Aussage abrundet. Dabei entledigen sich alle Darsteller ihrer Kostüme, die zum Ende auf einem großen Haufen liegen – genau an der Stelle, an der das Stück mit den beiden toten Liebenden begann.

Nach der Premiere richteten Peter Plate und Ulf Leo Sommer sichtlich gerührt noch einige Worte an das Publikum, das von diesem Musical sichtlich angetan war. Wenn im Verlauf der Tour die Scheinwerfer noch etwas besser eingestellt werden, dürfte auch der einzige kleine Kritikpunkt an diesem Abend behoben sein. Denn wie diese insbesondere in der Balkonszene immer wieder über die Bühne huschten, um die Darsteller in den Spotlight zu setzen, vermittelte den Eindruck, dass hier noch nicht alles passte. Dass man hier bewusst ein Spiel aus Licht und Schatten veranstalten wollte, dürfte bei dieser Umsetzung der oft suchenden Lichtkegel wohl eher nicht gewollt gewesen sein. Dass kleinere Probleme aber schnell gelöst werden können, zeigte sich auch gleich zu Beginn des Abends. Als die Tonabmischung bei Wir sind Verona mit einem viel zu leisen Ensemble zu kämpfen hatte, wurde am Tonpult direkt reagiert und noch während der laufenden Show hörbar nachgebessert. Auch das gehört eben zum Livetheater dazu. Das Musical ist nach weiteren Aufführungen in Köln bis zum 23. August 2026 noch bis Februar 2027 in acht weiteren Städten zu sehen, wobei Düsseldorf gleich im Anschluss eine besonders lange Spielzeit erhält. Insgesamt bietet Romeo & Julia – Liebe ist alles eine erfrischende Umsetzung des historischen Stoffes mit hervorragenden Darstellern und eingängigen Songs, die von einer fünfköpfigen Liveband treffend dargeboten werden. Sehenswert!
Markus Lamers, 15. August 2026
Romeo & Julia – Liebe ist alles
Musical von Peter Plate und Ulf Leo Sommer
Philharmonie, Köln
Tourpremiere: 13. August 2026
Inszenierung der Uraufführung: Christoph Drewitz
Musikalische Leitung: Justin Lehmann-Friese
Capulet-Kapelle: Peter Geltat, Paul B. Keeves, Marcin Nowak, Anni Müller
Weitere Aufführungen in Köln bis zum 23.8.2026, anschließend in Düsseldorf (26.8.2026 – 25.10.2026), München (10.11.2026 – 22.11.2026), Zürich (24.11.2026 – 29.11.2026), Frankfurt (16.12.2026 – 3.1.2027), Duisburg (6.1.2027 – 10.1.2027), Baden-Baden (12.1.2027 – 16.1.2027), Bremen (19.1.2027 – 24.1.2027) und Wien (27.1.2027 – 7.2.2027); weitere Einzelheiten unter https://www.atgtickets.de/musicals-shows/romeo-und-julia-musical/.