Kopenhagen: „Il Viaggio a Reims“, Gioachino Rossini

Premiere am 12. März 2017

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Ein Mordsspaß in der Galerie

„Das ist ein Geschenk und kein Geschenkgutschein“ soll der greise Milliardär Maersk McKinney Moeller, Chef der weltweit größten Transportfirma, ärgerlich von sich gegeben haben, als die Stadtverwaltung Kopenhagen immer wieder Einfluss auf Architektur und Ausstattung der neuen Oper nehmen wollte. Hatte doch der patriarchalische Unternehmer 2005 der Stadt ein Opernhaus auf einer eigens von ihm gekauften Insel für schlappe 335 Millionen Euro „geschenkt“, allerdings mit einer steuerlichen Meisterleistung für seine Stiftung und erheblichen Folgekosten für die Stadt bezüglich Betrieb und Umfeld. So stellt der 41.000 Quadratmeter große graue Kasten am Wasser das Schloss Amalienborg, welches seit 250 Jahren das Stadtbild prägt, in den Schatten, ist schwer zu erreichen und wäre in diesen Dimensionen von den Dänen niemals gebaut worden. Die Akzeptanz bei der Presse und der Bevölkerung geht daher für „Moellers Mausoleum“ ziemlich auseinander.

Anfahrt mit dem Wassertaxi

Auf dem Spielplan stand die Premiere von Rossini´s letzter, weitgehend handlungsarmer, musikalisch aber ganz vorzüglicher Oper „Il Viaggio a Reims“, eher nur dann und wann aufgeführt, da mit vierzehn (!) Solisten eine selten große Anzahl an herausragenden Sängern benötig wird. Das kann für kleinere Häuser schon finanziell unerreichbar sein. Natürlich nicht für Wien, wo 1988 das Werk in stupender Güte herauskam; unter Claudio Abbado und der Regie von Luca Ronconi spielten und sangen u.a. nicht Geringere als Cecilia Gasdia, Lucia Valentini-Terrani, Monserat Caballé, Samuel Ramey, Ruggero Raimondi und der unverwüstliche Enzo Dara. Der hervorragende Mitschnitt ist erhältlich bei der Deutschen Grammophon. Die damalige Life-TV-Übertragung war so anregend, dass der Rezensent probierte, kurzfristig noch Eintrittskarten zu bekommen – leider vergebens. Vielleicht gibt es ja irgendwo noch einen TV-Video zu ergattern.

Die zahlreichen Solistenrollen machen diese Oper interessant für die Life-Präsentation von jungen Sängern; so geschieht es in Pesaro, dem Geburtsort von Rossini. Hier können seit 2001 die jährlichen Absolventen der „Accademia Rossiniana“ im Rahmen des „Rossini Opera Festivals“ ihre szenischen und musikalischen Qualitäten in einer Inszenierung von Emilio Sagi zeigen, aufmerksam beobachtet von zahlreichen „Voice-huntern“ aus ganz Europa. Im Gegensatz zur klassischen Inszenierung, wo eine internationale Reisegruppe auf dem Wege zur Krönung von Karl dem X. in Reims in einem vornehmen Hotel gestrandet ist, weil keine Pferde zur Verfügung stehen, befindet man sich hier auf einem Schiff. Das aber kommt auch nie an; so wechseln die Seereisenden vom Bademantel in schicke Abendgarderobe und feiern ausgiebig unter sich.

Nun zu Kopenhagen. Der venezianische Regisseur Damiano Michieletto hat zusammen mit der deutschen Revivaldirektorin Meisje Barbara Hummel, derzeit federführend in der Oper Amsterdam, aus dem Libretto eine alternative und sehr originelle Geschichte herausgekitzelt. Die Wirtin des eigentlichen Hotels Madame Cortese ist jetzt Chefin einer großen, extravaganten Kunstgalerie, wo eine neue Ausstellung vorbereitet wird. Man schleppt riesige Bilder hin und her, Schwadronen von Reinigungsfrauen feudeln, was das Zeug hält; der Raum ist eine einzige Baustelle mit zahlreichen hektischen Arbeitern, elektrischem Hubwagen, diversen Leitern und sogar einem Laser-Meßgerät für die Bildjustage.

Aus diversen Transportkisten werden Statuen hervorgeholt, die sich ihrer Schutzhüllen entledigen und plötzlich ein Eigenleben führen: Jetzt wird es surreal. Sie werden mit Preisschildern ausgezeichnet und präsentieren sich zum Kauf in einem großen Rahmen. Einige der Figuren finden sich in den aufgehängten berühmten Gemälden an den Wänden wie die Infantin von Velasques, Frieda Kahlo, Otto Dix und Van Gogh u.a. Ein Treffen zwischen Kunst und Alltag, zwischen realistischen und imaginären Menschen. Gemälde werden auf einmal lebendig, die Objekte mischen sich unter die Menschen. Der Auktionator Don Profondo waltet umtriebig und mit herrlich flexiblem salbungsvollem Bass seines Amtes. Später reißen die Figuren Löcher in eine riesige weiße Leinwand, klettern dahinter und ziehen dann die komplette Leinwand runter. Dahinter erscheinen verhüllte Objekte, Kulisse für das kommende Bild.

Übervolle Einführung in die Oper

In der Pause bot sich die Gelegenheit, das Handling der Oper mit dem Publikum zu erkunden. Es gibt ein kostenloses Wassertaxi für die Anfahrt. Erstaunlich war, dass die Einführung in die Oper übervoll war, die Besucher standen auch auf den Treppen bis hoch oben. Sehr praktisch ist, dass große Garderobenanteile kostenfrei zugänglich sind, dass große Tische mit bereits bezahlten Getränken die Drängelei an der Theke entbehrlich machten, und dass die Garderobe der Besucher trotz Premiere nur als sehr zivil bezeichnet werden konnte. Das sieht in Bayern sicherlich ganz anders aus.

Im zweiten Teil wurden die verhüllten Objekte entblättert, herauskam die Szenerie des berühmten Gemäldes von Francois Gerard „Die Krönung von Karl X in Reims von 1827. Aber noch ganz ohne die zugehörigen Figuren. Nur ein Haufen Restauratoren pinselt und schabt alles auf Neue. Die Figuren bekommen ihre Kostüme, nehmen ihre Plätze in Zeitlupe auf der Gemäldebasis ein und erstarren zum bekannten Bild von Gerard, welches dann ganz langsam in das projizierte Originalbild übergeht. Man weiß nicht genau – ist es noch echt oder schon Projektion?

Damiano Michieletto hat eine lebendige, äußerst amüsante Geschichte geschaffen, in der sich alle Sänger und Sängerinnen herrlich austoben können. Ganz köstlich die Szene, wo die Nationalhymnen angestimmt werden, es gibt wunderbare Aktionen zwischen Galeriebesuchern und den Figuren auf den Bildern. Man hat Mühe, alle feinsinnigen Gags überhaupt registrieren zu können. Rossini´s Musik ist wie Champagner oder Kir Royal, spritzig, durchsichtig und fein gezeichnet. Der Dirigent Thomas Sondergard schafft eine sensible Balance zwischen den stark beschäftigten Sängern und seinen Musikern, immer bedacht auf ausgewogene Lautstärke und angenehmes Tempo. Sein königliches Orchester war bestens in Form, federnd, mit präzisen Bläsern und einem wunderbaren Rossini-Klang.

Auch der Chor, der szenisch stark gefordert ist, singt perfekt und spielt vor allem köstlich; es ist eine reine Freude ihm zuzusehen (Marco Ozbic). Von den vielen hervorragenden Sängern, die überdies auch noch genial und mit großer Spielfreude auf der Bühne agierten, können hier nur einige aufgezählt werden: Anke Briegel, Elisabeth Jansson, Rebeca Olvera, Henriette Bonde-Hansen, Gert Henning-Jensen, Levy Sekgapane, Mirco Palazzi, Nicola Ulivieri, José Fardikha und Davide Luciano. Die überaus originellen Kostümeaus zwei verschiedenen Zeitaltern stammen von Carla Teti.

Diese Produktion wurde vor zwei Jahren bereits in Amsterdam gezeigt und wandert von Kopenhagen weiter nach Rom. Ein ganz großer Opernspaß, der die Reise allemal gelohnt hat. Und durchaus ein Grund für einen Besuch der ewigen Stadt sein könnte.

Hier der Trailer:

https://kglteater.dk/det-sker/sason-20162017/opera/rejsen-til-reims/#galleri

Wer mal in die Amsterdamer Produktion reinschauen möchte:

https://www.youtube.com/watch?v=WSsvg0iWRcY