Frankfurt: „Der ferne Klang“, Franz Schreker

Warum versuchen sich Dirigenten wie Regisseure immer wieder an einer Schreker-Renaissance und warum kommt diese trotz vielbeachteter Wiederbelebungsversuche einfach nicht in Gang? Für beides kann man nun an der Oper Frankfurt, dem Uraufführungsort seiner Hauptwerke, wieder exemplarische Gründe besichtigen. Zu hören ist eine opulent orchestrierte Musik, die harmonische Impulse des Impressionismus aufnimmt und mal mit persiflierten Tanzformen, mal mit romantischem Balladenton und oft mit nach-wagnerscher Spätestromantik mischt. Das Ohr wird geflutet mit dieser faszinierenden klanglichen Überfülle. Allerdings: Die Musik neigt mit all ihren durch Sept- und Nonenakkorde geschärften Dauerspannung, mit der durch Ganztonreihen und Pentatonik erzeugten spukhaft-surrealen Atmosphäre zu einer Überreizung der Aufnahmefähigkeit des Zuhörers. In der Premierenkritik hatten wir seinerzeit geschrieben, die Musik wirke wie schweres Parfüm, das dem Zuhörer auf Dauer den Atem nehme. Das Frankfurter Opernorchester unter der Leitung von Florian Erdl knüpft in der nun begonnenen Wiederaufnahmeserie an seine vorzügliche Leistung aus der Premierenserie an, die zu Recht auf Tonträger dokumentiert wurde. Wieder wird das Parfüm der Partitur gut dosiert und so zerstäubt, daß man seine Komplexität genießen kann. Die Premierenbesetzung der beiden Hauptpartien hatten wir vor vier Jahren als „sensationell“ bezeichnet, die CD-Produktion belegt diese Einschätzung. So ist es ein großes Glück, daß nun erneut Jennifer Holloway mit ihrem saftigen, in den Höhen leuchtenden Sopran als Grete und Ian Koziara mit seinem gut durchgeformten lyrisch-dramatischen Tenor als Fritz zu erleben sind.

Ian Koziara (Fritz) / © Barbara Aumüller

Neu und mindestens so gut besetzt wie in der Premiere sind zahlreiche Nebenrollen. Hier bietet die Oper Frankfurt wieder die erste Garde ihres Ausnahmeensembles auf. Erst zwei Tage zuvor stand Mikołaj Trąbka als Eugen Onegin auf der Bühne und gibt nun mit seinem kraftvollen Bariton in der Partie des Schmierenschauspielers mit überbordender Spiellaune dem Affen Zucker. Sehr gekonnt auch, wie Liviu Hollender als Graf die dunkle Ballade von der „glühenden Krone“ vorträgt, fabelhaft, wie Brian Michael Moore mit seinem gut fokussierten Tenor im Kontrast dazu als Chevalier sein Couplet vom „Blumenmädchen“ serviert. Es ist uns schon lange ein Rätsel, warum die Intendanz diesem vorzüglichen Tenor nicht endlich größere Aufgaben zuteilt. Auch mit ihren nur wenigen Tönen glänzen die Prachtbaritone von Iain McNeil und Danylo Matviienko, die in dieser Saison ihr Format in wichtigen Hauptpartien unter Beweis gestellt haben. Ein Gewinn ist Thomas Faulkners warmer Baß für die Partie des Dr. Vigelius. Freude bereitet das Rollendebüt von Clarry Bartha in der Partie der zwielichtigen Kupplerin. Juanita Lascarro hat als Mutter Graumann wenig zu singen, dafür einige Sprechanteile, die sie mit klarer Diktion darbietet. In der Rolle ihres derben Ehemannes hat sich schon im Premierenzyklus Magnús Baldvinsson bewährt. Ebenfalls in seiner Rolle bewährt ist Anthony Robin Schneider als Gastwirt.

Ensembleszene / © Barbara Aumüller

Über die szenische Umsetzung haben wir seinerzeit berichtet, daß sie mit sanfter Poesie die rauschhafte Üppigkeit des Klanges ausbalanciert. Dieser Eindruck hat sich beim Wiedersehen verfestigt. Das Bühnenbild (Paolo Fantin) ist schlicht, von transparenten weißen Schleiern gesäumt, die immer wieder als Projektionsflächen dienen, aber auch reale oder surreale Hintergrundszenen durchscheinen lassen. Schon hierin findet die Flüchtigkeit von Klang eine visuelle Umsetzung. Verstärkt wird dies durch Projektionen abstrakter Gebilde, wie sie in Lehrfilmen zur Darstellung von Schallwellen gebraucht werden. Der See in der Waldszene wird durch die Projektion von sich ausbreitenden konzentrischen Kreisen dargestellt. Zu diesem eher dekorativ-abstrakten Symbolismus kommen noch immer wieder von der Decke herabgelassene Musikinstrumente. Der Himmel hängt, nun ja, weniger voller sprichwörtlicher Geigen, als voller Harfen und Celli.

© Barbara Aumüller

Regisseur Damiano Michieletto arrangiert in dieser Kulisse die Handlung mit unangestrengter handwerklicher Souveränität. Verdopplung von Hauptfiguren, die in unterschiedlichen Altersstadien gezeigt werden, Traumsequenzen in Videofilmen, Surrealismus, Textprojektionen werden als Werkzeuge zeitgenössischen Musiktheaters plausibel und unaufdringlich eingesetzt. Sparsame Texteinblendungen zu Beginn jedes Aufzugs dienen der Gliederung. Sie führen poetisch mit der naheliegenden Metapher der Jahreszeiten durch das Leben eines tragisch scheiternden Paares, vom verheißungsvollen Aufbruch im Frühling bis zum allmählichen Verlöschen im Winter.

Das Geschick der szenischen Umsetzung läßt die Hauptschwäche dieses Stückes und damit einen wichtigen Grund für die stockende Schreker-Renaissance in den Hintergrund treten: Das vom Komponisten selbst verfaßte Libretto überzeugt hier wie in seinen anderen Opern weder in der Anlage noch in der Ausführung. Schreker verbindet ein Künstlerdrama um einen scheiternden Komponisten, der einem „fernen Klang“ nachjagt, mit dem Drama um eine vom Geliebten verschmähte und vom Vater als Wetteinsatz verschacherte Frau, die von der Edelprostituierten zur Straßendirne absteigt. Die Dramaturgie des Stückes ist ungeschickt. Naturalismus wird mit Symbolismus verschränkt, oft wird aber ein Kolportageniveau nicht überschritten. Die Sprache ist gespreizt und findet selten zu einem angemessenen Ton. Der Dichter Schreker steht dem Komponisten Schreker hier wie in seinem gesamten Schaffen im Weg.

Wenn dieser Produktion auch in der Wiederaufnahme der Rang des Außerordentlichen zukommt, liegt dies daran, daß sie musikalisch die Qualitäten der Musik mit einer Spitzenbesetzung zur vollen Entfaltung bringt und zugleich durch eine elegante und poetische Inszenierung die Textvorlage adelt.

Michael Demel, 8. Februar 2023


Franz Schreker: Der ferne Klang

Oper Frankfurt

Wiederaufnahme am 5. Februar 2023
Premiere am 31. März 2019

Inszenierung: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: Florian Erdl
Frankfurter Opern- und Museumsorchester