Gelsenkirchen: „Tosca“, Giacomo Puccini

© Jochen Quast

Ein erstklassiges Sängerfest erlebte das Musiktheater im Revier bei seiner umjubelten Premiere des Politthrillers Tosca, an dem Wochenende, an dem in mehreren Ländern – Albanien, Frankreich, Italien, Serbien, USA – Menschen millionenfach auf die Straßen gingen, um, leider teils mit Gewalt, gegen verkrustete und zum Teil korrupte Regierungen zu demonstrieren. Wohin das führen kann, zeigen uns Puccini und der regieführende Intendant Frank Hilbrich, nämlich in die Reaktion eines autoritären Regimes. Während der Komponist noch einen konkreten Bezug hatte, nämlich Vorgänge in Italien um 1800 und tödliche Polizeigewalt gegen Linke und Liberale zur Zeit der Komposition, bleibt Hilbrich größtenteils neutral. Die extremen Slow Motion-Bewegungen der Bösewichter verbinden die verschiedenen Zeitebenen und wirken gleichzeitig bedrohlicher als hektisches Getue. Zwar sind die Kostüme von Gabriele Rupprecht jetztzeitig, aber man verzichtet erfreulicherweise auf Uniformen, Ledermäntel, Maschinenpistolen und ähnliches, mit dem sonst gerne diese Oper ausstaffiert wird. Cavaradossis Folter wird ebenso wenig gezeigt wie das finale Erschießungskommando. Zwei erkennbare, miteinander verbundene Zeitbezüge gibt es aber doch: Zwei Regimegegner werden während des Te Deums im ersten Akt aus dem Fenster geworfen, und gegen Ende wirbt Tosca mit einem Demo-Plakat wohl angesichts der drohenden Machtübernahme der völkisch-Nationalen für Kunstfreiheit. Ansonsten konzentriert sich die Inszenierung auf die Herausforderungen von Künstlern in einer Diktatur, und das gelingt ihr dank der hervorragenden musikalischen und darstellerischen Leistungen überzeugend.

© Jochen Quast

Mit Margarita Vilsone in der Titelrolle, sie singt alternierend mit Susanne Serfling, ist eine junge, attraktive Sängerin zu erleben, die weiß, wie eine Diva mit stolzem Blick und funkelnden Augen einfordern kann, was sie will, wie sie verführen und Eifersucht zeigen kann, und das nicht nur mit italienischem Temperament, sondern auch mit einer hell leuchtenden, schlanken, gleichwohl raumfüllenden Stimme, die Phrasen gestaltet und große Steigerungen aufbaut. Ihr ebenbürtiger Partner ist Abraham Bretón, der gleich bei seinem ersten Auftritt als Mario Cavaradossi mit südländischem Charme zu gewinnen weiß. Auch er weiß um Floria Tosca leidenschaftlich zu werben und ihre Eifersucht zu besänftigen. Dazu verfügt er über einen virilen, strahlenden Tenor mit festem Sitz, der auch das im Liegen herausgeschmetterte „Vittoria“ noch den oberen Rang erbeben lässt. Doch am Ende ist er der von der Folter gebrochene Künstler, der sein „E lucevan le stelle“ nur noch mit zittriger Stimme und ebensolchem Körper, in Handschellen und gebeugt auf einem Stuhl sitzend, anstimmt. Umso größer die Gänsehaut, wenn er sich noch einmal steigert und mit seinem edlen, glänzenden Tenor den Saal ausfüllt. Übrigens wird seine vorausgegangene Bitte um Stift und Papier mit einem höhnischen Achselzucken beantwortet; eines der sinnigen Regiedetails. Alejandro Lárraga Schleske singt und spielt den Baron Scarpia nicht als brutalen Polizeichef, sondern eher als subtil bedrohlichen Pate beziehungsweise Clanchef. Dazu passen sein weißes Outfit ebensowie sein dunkler, kräftiger, resonanzreicher Bariton, mit dem er belcantest seine Rolle gestaltet und souverän Autorität ausstrahlt. Ein Blick, ein Fingerzeig von ihm, und der Befehl wird wunschgemäß ausgeführt.

© Jochen Quast

Am Ende des ersten Aktes steht er auf dem Altar und lässt sich vom Chor der Gefangenen anbeten; auf dem gleichen Möbelstück triumphiert dann Tosca am Ende des zweiten Aktes.  Auf dieses Trio der Hauptrollen kann manch großes Haus nur neidisch sein! Trotzdem geizte das Premierenpublikum mit Zwischenapplaus, entlud seine Begeisterung dann um so enthusiastischer beim Schlussapplaus. Aber auch die Nebenrollen sind gut besetzt: Joachim Gabriel Maaß ist ein gealterter desillusionierter Mesner, der zwischen Unterwürfigkeit und trotzigem Humor schwankt. Leon Noel Wepner besitzt für den jungen Karrieristen Spoletta einen frischen Spieltenor, während Oliver Aigner den nötigen profunden Bass für den rücksichtslosen Sciarrone und Schließer besitzt. Yevhen Rakhmanin ist in der kleinen Rolle des Cesare Angelotti zu erleben. Die junge Yeeun Yeo singt etwas verdeckt aus der Seitenbühne den Hirtenknaben. Stimmgewaltig ist der MiR-Opernchor (Leitung: Alexander Eberle), und eine Freude der migrantisch bereicherte MiR-Kinderchor, der von Veronika Haller bestens vorbereitet ist. Musikalisch ist Tosca Chefsache, und Rasmus Baumann lässt die Neue Philharmonie Westfalen je nach Bedarf pastellfarben oder pastos aufspielen, mal kammermusikalisch nuanciert, mal üppig schwelgend , dabei stets sängerfreundlich. 

© Jochen Quast

Das Geschehen spielt sich auf einer zweckmäßig eingerichteten Bühne von Volker Thiele mit hellen, marmorierten Wänden und einer Decke mit einer großen runden Öffnung, die von den Rängen möglicherweise nicht sichtbar ist, ab. Der erwähnte Altar und spätere Tisch sowie einige umgestürzte Kirchenbänke im ersten Akt, die sich im wandlosen dritten Akt wiederfinden, lassen den Protagonisten genug Raum zur Entfaltung. Das überraschende Ende sei hier aber nicht verraten. Auffällig ist die differenzierte Beleuchtung von Thomas Ratzinger, die sowohl den Blick des Zuschauers lenkt als auch besondere optische Effekte erzeugt.

Für das Musiktheater im Revier ist diese Tosca erneut eine gelungene Opernproduktion und der Beweis, dass es in der ersten Liga der deutschen Opernhäuser mitspielen darf. Und daß unser Opernfreund weiterhin richtig liegt mit dem Kernziel (siehe unsere Statuten!) die mittleren bis kleinen Opernhäuser, wo große und lebendige spannende Oper stattfindet, in den Mittelpunkt zu setzen.

Bernhard Stoelzel, 21. Oktober 2026


Tosca
Giacomo Puccini
Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Besuchte Aufführung: 18.10.2026 (Premiere)

Regie: Frank Hilbrich
Dirigent: Rasmus Baumann
Neue Philharmonie Westfalen