Das Teatro Regio di Torino eröffnet die Opern- und Ballettsaison mit einer neuen Tetralogie zur Wiederentdeckung der Wurzeln des modernen italienischen Melodrams: Das Verismo-Festival bildet den ambitionierten Auftakt zur neuen Saison unter dem Motto Fatale und zeigt vom 15. Oktober bis zum 22. November neben den Dauerbrennern Cavalleria rusticana und Pagliacci die Opernraritäten La Bohème von Ruggero Leoncavallo und Iris von Pietro Mascagni. Am Doppelabend werden Ritual und Aufführung zu Mitteln, mit denen die Gemeinschaft beobachtet, urteilt und Gewalt ausbrechen lässt. „Die Grenze zwischen Realität und Darstellung ist so dünn, dass sie gefährlich wird“, urteilt der ehemalige Leiter des Donizetti-Festivals in Bergamo und des Opernfestivals in Macerata, Francesco Micheli, über seine Pagliacci. Unser Redakteur Jochen Rüth hatte Gelegenheit, mit dem international gefragten Regisseur zu sprechen, und wird Ende des Monats auch von der Bohème-Produktion berichten.

Jochen Rüth, Der Opernfreund [OF]: Das Teatro Regio in Turin veranstaltet in diesem Herbst ein Verismo-Festival und Sie führen bei zwei der vier aufgeführten Werke Regie. Was ist für Sie das Besondere an der Periode des Verismo?
Francesco Micheli [FM]: Nach Mozart und der Belcanto-Ära wollte die Strömung des Verismo etwas Wahrhaftiges zeigen, echte, ungekünstelte Gefühle. Sänger zeigen dabei eher die Fähigkeit, Emotionen auszudrücken, als technisch ausgefeilte Gesangskunst zu präsentieren.
OF: La Bohème ist fester Bestandteil der Opernspielpläne weltweit – allerdings in der Version von Giacomo Puccini, die ein Jahr vor der Oper Leoncavallos uraufgeführt wurde. Was ist Ihrer Ansicht nach der wesentliche Unterschied im Charakter der beiden Vertonungen?
FM: In der Bohème von Henri Murger geht es um Jugend und Kunst im Allgemeinen. Doch während Puccini in seinen Opern wie Tosca, Madama Butterfly und in der Bohème mit Mimì von einer zentralen Figur erzählt, gibt es bei Leoncavallo keine wirkliche Hauptfigur. Alle Künstler stehen gleichberechtigt im Mittelpunkt der Geschichte.
OF: Gibt es auch inhaltliche Unterschiede in den beiden Libretti, die auf Henri Murgers Werk beruhen?
FM: Bei Puccini ist von Mimìs Auftritt an der Tod präsent. Leoncavallos Version hingegen zeigt in den ersten Akten ein ungetrübtes Künstlerleben voller Partys, erst im letzten Akt geht es um das tragische Ende Mimìs. Die ist von Anfang an mit Rodolfo zusammen und damit Teil der Künstlercommunity, ist nie das unschuldige Ding, als das sie bei Puccini die Szene betritt. Damit bleibt Leocavallo näher an der Murger-Vorlage als Puccini.

OF: Was hat die Leoncavallo-Bohème musikalisch, was der von Puccini fehlt?
FM: Leoncavallo nimmt einen regelrecht auf eine Reise durch die Musikgeschichte mit: im ersten Akt wird viel Musik aus dem 18. Jahrhundert zitiert – weil das natürlich eine Kritik am ancien régime ausdrückt, im zweiten Akt werden Walzer und Tanz zelebriert, während der dritte Akt auf Wagners Tristan Bezug nimmt. Im Finalakt herrscht dann eine Stimmung wie in einer Ibsenverfilmung von Ingmar Bergman – und hier steht dann der Tod im Vordergrund. Außerdem vertauscht Leoncavallo die Paarungen und schafft eine sehr moderne Version der Liebespaare: Mimì und Rodolfo sind Sopran und Bariton, Musetta und Marcello Mezzosopran und Tenor. So entstehen besondere harmonische Momente.
OF: Worauf haben Sie das Hauptaugenmerk bei der Inszenierung von Leoncavallos Bohème gelegt?
FM: Ich zeige die Geschichte nicht als eine, die sich im Zeitraum zwischen zwei Weihnachtsfesten ereignet, sie ist vielmehr ein komplettes Künstlerleben: Zu Beginn sind die Protagonisten superjung, vielleicht 20, im 2. Akt 40 Jahre alt, also gewissermaßen im Sommer ihres Lebens angekommen. Im dritten Akt sind sie in den 60ern, beide Paare haben eine Beziehungskrise. Und am Ende sind sie 80 Jahre alt; da bekommen dann Krankheit und Tod natürlich schon automatisch eine größere Präsenz im Leben.
OF: Nun zu Ihrer zweiten Arbeit: Cavalleria rusticana und Pagliacci werden in Turin, wie allgemein noch immer üblich, zusammen an einem Abend präsentiert – werden allerdings von zwei Regisseuren inszeniert: von Ihnen und Daniele Menghini. War es herausfordernd, einen Opernabend zusammen mit einem anderen Regisseur zu gestalten?
FM: Es war vor allem eine große Chance. Durch die gemeinsame Arbeit waren wir gegenseitig die ersten Kritiker der Ideen des anderen, weil wir der erste Zuschauer des anderen waren. Wir wollten aber auch beide bei unseren Teilen unsere jeweils eigene Handschrift behalten. Das war dann die Herausforderung.
OF: Haben Sie versucht, einen gemeinsamen Ansatz für Ihre Inszenierungen zu finden oder lassen sie beide Werke separat für sich stehen?
FM: Wir haben die Idee entwickelt, dass es in beiden Werken um Ausgestoßene aus der Gesellschaft geht. Und auch um katholische, italienische Rituale. In der Cavalleria ist das offensichtlich: an Ostern feiert die Dorfgemeinschaft die Auferstehung Christi und schließt im gleichen Moment Santuzza aus. Beim Bajazzo findet die Aufführung des Stücks im Stück am 15. August statt, einem in Italien bis heute hohen Feiertag, Mariä Himmelfahrt.
OF: Da wird auch Ferragosto gefeiert, oder?!
FM: Genau. Und da gibt es diese Geschichte einer jungen Frau vom Dorf, die von Canio vor dem Verhungern gerettet worden ist, und die singt von Vögeln, die wegfliegen – weil Nedda selbst fliehen möchte. Die Figur, die sie später spielt, heißt Columbina – also Täubchen… Die heilige Maria steigt in den Himmel und Nedda fliegt weg, weil ihr Partner sie umbringt.
OF: Und sie ist aus der Gesellschaft ausgestoßen?
FM: Die Clownstruppe gehörte damals sicher nicht zu den angesehensten Mitgliedern der Gesellschaft. Sie zogen umher, waren arm, einfach und vielleicht brutal, sie waren am unteren Ende der Gesellschaftspyramide. Aber in der Bibel steht: „Die letzten werden die ersten sein“

OF: Teilen Daniele Mengini und Sie sich ein Bühnenbild?
FM: Ja, Daniele [Menghini] hat seinen Bühnenbildner Davide Signorini mitgebracht und das ist ein echtes Geschenk für diese Produktion. In Cavalleria rusticana grenzt die Gemeinschaft Santuzza in den gleichen Kulissen aus, in denen die Clowns, die Ausgestoßenen, bei Pagliacci die vermeintlich anständigen Bürger unterhalten.
OF: Im vergangenen Jahr hatte Ihre Inszenierung von Cavalleria rusticana und Pagliacci an der Bayerischen Staatsoper in München Premiere. Wie war es, sich so bald erneut künstlerisch mit dem Bajazzo auseinanderzusetzen?
FM: Auf der einen Seite war es herausfordernd, aber ich mag es, auf das jeweilige Publikum zugeschnittene Produktionen zu erfinden. Große Opernhäuser wie die in Mailand, London, München sind auch Ausdruck des Geistes ihrer Besucher – und die sind unterschiedlich. Hier in Turin ist es uns dann gelungen, etwas für das italienische Publikum zu erschaffen, das auch heute noch sehr katholische sozialisiert ist.
OF: Also lohnt der Weg nach Turin auch für die, die Ihre Inszenierung in München gesehen haben.
FM: Gerade heutzutage ist es wichtig, auch jungem Publikum Neues zu zeigen. Ich wache manchmal morgens auf und denke, heute kann der dritte Weltkrieg ausbrechen, denn der Neofaschismus macht mir Angst – und gerade deshalb plädiere ich dafür, echtes Theater zu zeigen. Nach der Diva-Periode des 20. Jahrhunderts ist es Zeit, ein echtes Theater der Realitäten zu machen.
OF: Ich danke Ihnen für das nette Gespräch und wünsche Ihnen zwei erfolgreiche Premieren und ein tolles Festival.
Jochen Rüth
15. Oktober 2026