Wien, Ballett: „Manon“, Kenneth MacMillan

13 Jahre ist die letzte Aufführungsserie von Kenneth MacMillans „Manon“ her. Umso höher schlägt das Herz eines Ballettfans, dass diese Produktion wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts steht. Die 74. Vorstellung hatte mehrere gelungene Rollendebüts zu verzeichnen und lässt die Zuschauer durch Bühnenbild und Kostüme von Peter Farmer in eine andere Welt eintauchen. Für die Einstudierung zeichnen Gregory Mislin und Laura Morera verantwortlich, Ballettdirektorin Alessandra Ferri (selbst eine fabelhafte Manon in ihrer aktiven Zeit als Primaballerina) coachte das Ensemble.

© Ashley Taylor

Die romantische Musik von Jules Massenet hat mit dessen gleichnamiger Oper keinen Takt gemeinsam, Martin Yates orchestrierte und arrangierte einige andere Werke Massenets zu einer Ballett-Manon. Das Orchester der Wiener Staatsoper unter der bewährten Leitung von Ermanno Florio zeigt vor allem in den Streichergruppen (bravouröses Violoncello-Solo!) wohlige Klänge, verfrühte Einsätze in der Holzbläsergruppe fängt Florio bei der Wiederholung geschickt ab. Auch ist lobend zu erwähnen, dass die Dynamik vielseitig bleibt – oftmals erlebt man ja bei Ballettvorstellungen, dass das Orchester in der Lautstärke „badet“.

Erstmals gemeinsam in einem Handlungsballett tanzten Elena Bottaro und Victor Caixeta. Er war bereits in einer vorherigen Vorstellung als Des Grieux zu erleben, sie tanzte ihre erste Manon. Es dauerte daher ein wenig, bis sich die berühmte Chemie einstellte, ab der Mitte des 2. Aktes war aber alles wunderbar. Bottaro ist seit 12 Jahren am Wiener Staatsballett engagiert und hat es vom Corps de Ballet zur Ersten Solotänzerin geschafft. In den letzten Jahren wurden ihr vermehrt dramatische Partien anvertraut und sie zeigt als Manon nicht nur eine selbstbewusste junge Dame, sondern vor allem die Zerrissenheit zwischen der (toxischen) Liebe zu Des Grieux und der Sucht nach Luxus. Wenn eine Manon nämlich nur die schwärmerische Verliebtheit spielt, kann man als Zuschauer schwer nachvollziehen, warum sie ihre große Liebe verlässt.

Bottaro hingegen gelingt es vorzüglich, die Diskrepanz glaubhaft zu machen, zudem spielt sie im 2. Akt überzeugend das gelangweilte It-Girl, welches von ihrem Verehrer großzügig an mehrere Herren „verliehen“ wird und dafür ein weiteres schillerndes Schmuckstück bekommt. An dieser Stelle überzeugt Bottaro auf ganzer Linie, wie sie die Gier nach Reichtum vermittelt. Dies macht den Pas de deux in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes auch plausibel, wenn sie spielerisch mit dem neuen Armband tänzelt und Caixeta auf einmal andere Saiten aufzieht und geradezu Anflüge von Gewalttätigkeit bekommt, um Manon zu „erziehen“. Da dürfte klar sein, selbst wenn Manon jetzt nicht verhaftet werden würde und den 3. Akt überlebt: diese leidenschaftliche Beziehung hätte aufgrund ihrer unschuldig-provozierenden Art und seiner plötzlichen Cholerik keine längere Zukunft. Sehr stark gelingt den beiden der Pas de deux im 3. Akt, wo Bottaro die Erschöpfung überzeugend darstellt und gleichzeitig in virtuosen Hebefiguren durch die Luft gewirbelt wird und Caixeta über Manons Tod verzweifelt zurückbleibt.

© Ashley Taylor

Als Lescaut debütiert der souveräne Duccio Tariello, als dessen Geliebte ist, die temperamentvolle Sinthia Liz erstmals zu erleben, die von einem Fan im Publikum für jedes Solo mehrere Bravorufe erntet. Der Pas de deux mit Liz und Tariello sorgt für allgemeine Erheiterung, beide sind auch darstellerisch eine sehr gute Wahl. Eno Peci, welcher früher selbst oft Lescaut getanzt hat, und immer schon durch Charakterstärke für zahlreiche gelungene Vorstellungen garantierte, zeigt auch als Monsieur G.M. eine unumstrittene Bühnenpräsenz. Kongenial dazu: Céline Janou wieder als Madame.

Ein weiteres Rollendebüt gibt Solotänzer Vladyslav Bosenko als brutaler Aufseher, und bei den brillant tanzenden Kurtisanen sind mit Chloe Colter und Milda Luckuté ebenfalls zwei Rollendebüts vermerkt, während Laura Cislaghi, Iulia Tcaciuc und Chiara Uderzo bereits als solche zu erleben waren.

Das Corps de Ballet ist vielversprechend auf hohem Niveau, großer Applaus für alle Beteiligten.

Katharina Gebauer 11. Juni 2026


Wien
Ballett Manon
Wiener Staatsoper

9. Juni 2026

Choreografie: Kenneth MacMillans
Dirigat: Ermanno Florio
Orchester der Wiener Staatsoper