DER OPERNFREUND - 49.Jahrgang - Europas Nr. 1
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http://www.komische-oper-berlin.de/

 

 

 

Marius Felix Lange

DAS GESPENST VON CANTERVILLE

Premiere am 2.11.2014

Große Oper für die Kleinen

„Alles“, hatte der zehnjährige Timon auf die Frage, was ihm an der Premiere von „Das Gespenst von Canterville“ Im November 2014 gefallen habe, geantwortet. Differenzierter äußerte sich bei der Wiederaufnahme am 13.3. die achtjährige Charlotte, die ebenfalls gebannt der etwas abgewandelten Handlung von Oscar Wildes Erzählung, von Marius Felix Lange zu einer „Gruseloper“ verarbeitet, gefolgt war. „Die unheimliche Bühne mit viel Nebel und Feuer, die beiden lustigen Brüder von Virginia, der Tanz der Geister und ihre tollen Kostüme. Sehr lustig fand ich die Ratte mit den Feueraugen.“ Nicht zugesagt allerdings hat der jungen Zuschauerin die Tatsache, dass in der Oper die Mutter der drei Kinder verstorben ist, so dass Platz für eine skrupellose Geliebte des Vaters geschaffen wurde und so zusätzliche Konflikte die Handlung bereicherten.

 Viel für ihre ganz jungen Zuschauer tut die Komische Oper Berlin, indem sie nicht nur alljährlich eine Neuproduktion einer Kinderoper herausbringt, sondern weitere Kinderopern, die in vergangenen Jahren Premiere hatten. auf dem Plan hat. Gruselig zu geht es mit der deutschen Erstaufführung von Marius Felix Langes „Das Gespenst von Canterville“, deren Uraufführung, allerdings in einer Fassung für Kammerorchester, in Zürich stattgefunden hatte. Die Optik hatte man in Berlin aus der Schweiz übernommen, die Orchesterfassung ist neu, und auch inhaltlich gab es außer der erwähnten weitere kleine Änderungen, so wenn die Familie, die in das Gespensterschloss einzieht, aus Berlin kommt.

Gegenüber der Erzählung von Oscar Wilde ist die Handlung erweitert, wenn es zwar immer noch um die Erlösung des Geistes vom ewigen Spukenmüssen geht, aber mehr noch um die Rettung des Schlosses vor einem Schicksal als Halloween-Event-Location. Das ist der Plan der Sekretärin und Geliebten des Vaters, seines Zeichens Immobilienhändler. Zusätzlich ist die Personenliste um eine Haushälterin und den eigentlichen Schlosserben erweitert, der sich aber erst am Schluss der Handlung. die glücklich mit einem Toten, dem vom Umhergeistern erlösten Gespenst, und vielen lebenden zufriedenen Schlossbewohnern endet, als solcher herausstellt. Die Gruselhandlung und die politisch-soziale Komponente verbinden sich auf das Glücklichste und ohne den Einsatz eines ideologischen Holzhammers. Selbst eine ganz zarte Liebesgeschichte passt gut in den Gesamtzusammenhang.

Auch bei mehrmaligem Besuch weiß man die Regieleistung von Jasmina Hadziahmetovic zu schätzen, die angenehm die Balance zwischen Schauergeschichte, Parodie und romantischen Elementen hält, so wenn der jungen Virginia, die schließlich die Erlösung des Gespenstes durch Mitleiden und Beten (!) erreicht, die sanft tröstende Stimme der verstorbenen Mutter erklingt (Jana Reh)). Das wunderbare, weil äußerst atmosphärereiche Bühnenbild, ein Rittersaal mit sich bewegenden Rüstungen, wandernden Ohrensesseln und flackerndem Kaminfeuer stammt von Paul Zoller, der es richtig gruselig werden lässt, wenn Fledermäuse durch die Luft flattern oder am Schluss sich die Rückwand lichtet und den Blick auf einen alten Friedhof freigibt. Herrlich sind auch die Kostüme von Gideon Davey einschließlich und besonders das des kettenrasselnden Gespenstes, aber auch der Hofgesellschaft, wenn er als eifersüchtiger Sir Simon die Gattin während eines Balls ersticht oder wenn die Schar der Mitgeister ohne Kopf oder mit einem Hackebeil in demselben, mit Hirschgeweih an ungewöhnlicher Stelle oder den Richtblock mit sich herumschleppend den Saale bevölkert. Natürlich hat auch die Lichtregie (Diego Leetz) bei einem derartigen Sujet einiges zu leisten. Gern hätte man auch gewusst, wer die zauberhafte Ratte mit rotglühenden Augen war, die die Zuschauer sogar während der Pause erfreute.

Bei Tom Erik Lie, seit langem Stütze des Hauses, war die Titelpartie in den besten Schauspielerhänden und auch auf die richtigen Stimmbänder komponiert. Er machte aus dem Gespenst eine vielschichtige Figur, die vielerlei unterschiedliche Gefühle erwecken konnte. Seine Erlöserin Virginia wurde von Alma Sadé einfühlsam gespielt und sehr angenehm gesungen, selbst die Extremhöhe schien ihr keine Schwierigkeiten zu bereiten.. Köstlich waren die beiden so nervigen wie komischen Zwillingsbrüder Stephan Witzlinger (Leon) und Fabian Guggisberg (Noel). Carsten Sabrowski gab mit markantem Bariton den Vater und Immobilienhändler. Christiane Oertel konnte sich als warmherzige Haushälterin Cecilia Umney über einen zarten Wangenkuss des Herrn freuen, den sie sich mit angenehmem Mezzogesang verdient hatte. Nicht ganz an die Leiszung ihrer Vorgängerin 2014 kam Cornelia Zink als mondän-tückische Assistentin und mehr des Maklers heran, während Johannes Dunz als unverhoffter Schlosserbe trotz der Verstärkung der Stimmen erkennen ließ, welches Potential in ihm ruht. Kristiina Poska führte wieder mit sicherer Maestra-Hand durch die Partitur, die sich nie beim Musical anbiedert, nie gefällig wirkt, sondern durch den charakterisierenden Einsatz der unterschiedlichen Instrumentengruppen und durch eine feine Zeichnung der Personen und Situationen in moderat moderner Manier zu überzeugen versteht. Allen Sängern ist dafür zu danken, dass sie sehr textverständlich singen.     

Mit dem Programmheft kann man das sehr poetische Buch des Verlagshauses Jacoby und Stuart erwerben, das die Geschichte Wildes vereinfacht erzählt und das hübsch illustriert ist Die Produktion dürfte noch auf Jahre hinaus den Spielplan der Komischen Oper bereichern und wie an diesem Nachmittag stets ausverkauft sein.

 Fotos Iko Freese/drama-berli.de

13.3.2016  Ingrid Wanja

 

DER FEURIGE ENGEL

am 10.1.2016

Grandiose Oper viel zu selten gespielt

Prokofiews noch immer viel zu selten gespielte Oper DER FEURIGE ENGEL in der Komischen Oper Berlin - das bedeutet zwei pausenlose Stunden intensivster Spannung, packende Musik aus dem Graben, eine geradlinige, schnörkellose und stringente szenische Realisierung und eine überragende Besetzung mit exzellenten InterpretInnen.

Svetlana Sozdateleva als vom Dämon Madiel besessene Renata verfügt über eine grandiose Stimme: Zwar durchschlagskräftig und über schier unendlichen Kraftreserven verfügend, und doch mit der notwendigen Sensibilität eingesetzt, nie ins gellend Hysterische abgleitend, kontrolliert und doch mit bezwingender Intensität in ihren Monologen. Dazu gesellt sich eine darstellerische Präsenz, welche die unheimliche, beängstigende Obsession glaubhaft über die Rampe bringt. Eine Obsession, welche ihren Ursprung wohl im dezent (durch Vervielfachung der Figur) angedeuteten Missbrauch als kleines Mädchen hatte. Damit wurde sie der Möglichkeit beraubt erwachsen zu werden, sucht immer noch Zuflucht im pinkfarbenen Lolita-Kleidchen, ihr damaliger „Erzieher“ Heinrich beherrscht ihren Geist nach wie vor, sie kann sich von ihm nicht lösen, auch ihre sexuelles Begehren ist auf ihn, den feurigen Engel, fixiert.

So ist es nur schlüssig, dass er es dann am Ende auch ist, der in der Gestalt des Inquisitors wieder auftaucht (Jens Larsen singt und spielt das mit seinem voluminösen Bass großartig). Doch Renata entreißt ihm den Benzinkanister, übergießt sich selbst mit dem Inhalt und erlöst und emanzipiert sich durch diesen Suizid von der teuflischen Besessenheit – ein starkes Ende eines nicht minder starken Abends. Fantastisch auch die Interpretation des Ruprecht durch den Bariton Evez Abdulla, dieses Getreuen, der in einem Hotel zufällig als Zimmernachbar in den Bann der Renata gerät und sie auf diesem Höllentrip begleitet. Auf diesem Passionsweg begegnen sie auch einem desillusionierten, passiven Faust (Alexey Antonov), einem hämisch grotesk agierenden Mephistopheles (Sergej Khomov mit grandios schneidendem Tenor), dem zwielichtigen Buchhändler Glock und dem Magier Agrippa von Nettesheim (beide prägnant dargestellt und gesungen von Christoph Späth) und einer Wahrsagerin (Xenia Vyaznikova, welche ihre hochinteressant timbrierte Altstimme auch der Äbtissin leiht). Als Wirtin und Wirt/Knecht haben Christiane Oertel und Hans-Peter Scheidegger einen starken Auftritt. 

Henrik Nánási am Pult des mit begeisternden Klangfarben spielenden Orchesters der Komischen Oper Berlin schält die lautmalerischen Aspekte der Partitur, das Gleissende und das Groteske, aber auch das schon beinahe Filmische und Übersinnliche gekonnt heraus, lässt das Orchester insbesondere natürlich bei den mitreißenden orchestralen Zwischenspielen herrlich aufpeitschend aufblühen.

Johannes Schütz hat die sich unermüdlich drehende Bühne mit flexibel versetzbaren grauen Wandelementen ausgestattet. So schafft er es gekonnt, die Illusion des Unentrinnbaren, des Schwindels zu evozieren und schnelle Veränderungen der Schauplätze und Handlungsorte zu realisieren, vom Hotel über Straßenszenen zum Wirtshaus, zu Heinrichs Schloss, zu den Klosterzellen. Victoria Behr hat die Menschen auf der Bühne in heutige Kostüme gesteckt, viel Rosa und Flieder für Renata, Gelb für die Ordenstracht der Nonnen, Grau für die Anzüge von Faust und Mephisto, warmes Orange-Braun für Ruprecht. Wenn Renatas sexuelles Begehren nach dem feurigen Engel überhandnimmt, entledigt sie sich jeweils ihres Lolita-Kleides, windet sich im Spagetti-Träger Unterrock, genau wie die von ihr „infizierten“ Nonnen im Kloster. Ohne dieses seidene Dessous scheint in heutigen Inszenierungen kaum eine weibliche Frauengestalt auf der Opernbühne - von Violetta über Carmen zu Salome und Katerina Ismailowa - mehr auszukommen ... .

Dem Regisseur Benedict Andrews gelingt eine starke Personenführung und eindringliche Charakterisierung der Protagonisten. Gekonnt, aber unaufdringlich, spielt er mit Assoziationen an Filme (Friedkins THE EXORCIST, Donners THE OMEN) und mysteriöse TV – Serien (TWIN PEAKS). Besonders hervorzuheben ist auch die faszinierende und die Intentionen der Regie beeindruckend unterstützende Lichtdramaturgie von Diego Leetz.

Kassar Sannemann 22.1.16

Bilder KO Berlin / Iko Freese

 

ORPHEUS 

Besuchte, achtzehnte Aufführung am 22.02.15

(Premiere am 16.09.12)

Triumph des Musiktheaters 

Das Monteverdi-Projekt, alle drei Opern des Altmeisters an einem Tag, war der Auftakt von Barrie Koskkys Intendanz an der Komischen Oper, der "Orpheus" als älteste, gespielte "Repertoire-Oper" natürlich zu Beginn. Es galt gleichzeitig als Uraufführung, denn die Komponistin Elena Kats-Chernin hatte die drei Werke, jedes davon etwas unterschiedlich, in Orchestrierung mit ungewöhnlichen Instrumenten, die eigentlich eher in ethnologischer Musik verwendet werden, wie in Rhythmik modernerer Musiken unterlegt. Das Ergebnis bei "Orpheus" klingt ein bißchen wie die Gruppe Quadro Nuevo vermischt mit vorklassischer Musik, da reibt sich die alte Gesangslinie schon einmal an Tangorhythmen, manchmal klingt es sogar wie Balkan-Folklore, eine wilde, lebendige Mischung, da mag mancher Alte-Musik-Purist die Nase rümpfen, doch dem Publikum gefällt es, Monteverdi ist es trotzdem auch noch.

Auch optisch wird geklotzt, denn der Chef arbeitete wieder mit dem Choreographen Otto Pichler zusammen, das erinnert durchaus an die späteren Operetteninszenierungen der beiden, bleibt aber dem Werk treu und liefert absolutes Augenfutter, wenn der Vorhang über Arkadien aufgeht. Katrin Lea Tag und Katharina Tasch sind für die opulente Ausstattung zuständig, da bordet die Bühne über vor Kunstbäumen und -blüten, Faune, Nymphen und Satyrn springen und tanzen durcheinander mit den tierhaften Fabelwesen des Chores, Vögel fliegen durch den Zuschauerraum, es ist einfach so mitreißend, wie ich es schon lange nicht mehr auf und im Theater erlebt habe. Einfach schön. Siehe die wunderbaren Produktionsbilder!

"La Musica" wurde umgedeutet in "L`Amore", der schillernde Charaktertenor Peter Renz kommt in kurzer Toga in Rosa mit passendem Blumenkranz im Haar als Amor auf die Bühne und begleitet die Handlung auf sehr menschlich-göttliche Weise. Orpheus selbst, attraktiv und eindringlich vom Bariton Dominik Köninger gestaltet in schwarzem Anzug und weißem Hemd, ist Künstler und Kunstprodukt in einem, denn er wird vom Puppenspieler Frank Soehnle mit seinen Figuren gleichzeitig gedoubelt. Mirka Wagner mit leuchtendem Sopran ist seine Nymphe Eurydike, die ihn nach einem vertanzten, tragischen Mänadenfinale, vokal im Duett als Apollo in der Apotheose erlösen darf: die Liebe als Auslöser für alle Kunst. Theresa Kronthaler gefällt in dem Lamento der Sylvia, wie als Proserpina, mit schlankem Mezzosopran. Yakov Strizhak als Pluto und Stefan Sevenich als Charon grundieren mit schönem tiefen Gesang in ihren Partien.

Unter Andrè de Ridders Leitung scheint alles in Sicherheit und Takt durch den kurzweiligen Abend zu schweben, das Orchester der Komischen Oper mischt sich in den diffizilen Aufgaben trefflich mit den "exotischen" Instrumenten wie Akkordeon, Bandoneon, Cimbalom und Djoze. Der Chor der Komischen Oper beweist im Musikalischen und Szenischen hohe Kompetenz und Spielfreude, sicherlich einer der besten deutschen Opernchöre. Die Tänzer und Tänzerinnen gestalten einen beträchtlichen Teil der Szene mit, das es wirklich zu einem Gesamtkunstwerk wird.

Wenn ein durchaus sprödes Stück, wie Monteverdis "Orpheus" nach drei Jahren Spielzeit immer noch ausverkauft wird, spricht das deutlich. Ich habe den Abend genossen. 

Martin Freitag 5.3.15

Dank für die schönen Bilder an: Iko Freese/drama-berlin.de

 

 

 

 

BALL IM SAVOY

Besuchte fünfzehnte Aufführung am 10.01.15 (Premiere am 09.06.13)

Berliner Jazzoperette

Paul Abrahams "Ball im Savoy" wurde als letzte Blüte des Genres vor dem Dritten Reich am 29.12.1932 in Berlin uraufgeführt und zu einem rauschenden Triumph für das Autorenteam Abraham / Alfred Grünwald / Fritz Löhner-Beda; seitdem gab es in Berlin keine eigenständige Produktion des Werkes. Für Barrie Kosky, Regisseur und Intendant, der perfekte Anfang für seine Operettenreihe an der Komischen Oper, jetzt als Wiederaufnahme zu den Operettenwochen pünktlich ins Repertoire der Komischen Oper zurückgekehrt. Mit Otto Pichler als Choreographen gelang der erste große Erfolg des Traumduos. Schon die musikalische Einleitung wird durch einen wunderbaren Trickfilm von Klaus Grünberg und Anne Kuhn unterstützt, die die einjährigen Flitterwochen des Ehepaares Faublas optisch darstellen. Die Handlung um den einstigen Lebemann und seine emanzipierte Angetraute, die sich für den Fehltritt auf dem besagten Ball Aug`um Aug`, Kuss um Kuss rächt entspricht ganz dem aufgekratzten Lebensgefühl der endenden Zwanziger Jahre mit Libertinage und sexueller Freiheit, weiblichem Selbstbewußtsein und sich mischenden Geschlechterrollen. Abraham hat dazu eine unglaublich schmissige, jazzlastige Musik komponiert, von den Melodien sind das "Toujours l`amour" und "Es ist so schön am Abend bummeln zu geh`n " immer noch bekannt, doch der Rest ist nicht schlechter. In der rekonstruierten, freien Orchesterfassung; so war der authentische Umgang mit dem musikalischen Material in dieser Zeit eben, treibt Adam Benzwi am Pult des funkenschlagenden Orchesters jeglichen Muff aus Nachkriegsbearbeitungen aus.

Klaus Grünberg ist für die effektvolle Ausstattung mit ihren verblüffend einfachen Bühnenlösungen, geraffte Vorhange mit effektvollen Beleuchtungen, ein wenig verspätetes "Art Deco" verantwortlich, in der Kosky mit Pichlers spritzigen Tänzen ein optisches Feuerwerk gelingt, das gleichzeitig den "Tanz auf dem Vulkan", das gedrängte Lebensgefühl vor dem damaligen Umschwung spüren laßt. Zu Beginn klingt noch ein wenig eine Bemühtheit an, die sich im Laufe des Abends, vor allem nach der Pause, völlig verliert. Esther Bialas Kostüme bilden dazu ein wilden Mischmasch der Ursprungszeit mit Anklängen an das Club-und Partyleben der heutigen Großstadt.

Die charmante bis ruppige Madeleine de Faublas, die sich mit einem Pseudoseitensprung rächt, ist eine Paraderolle für "La Manzel", mal gefühlig, mal flapsig, mal sentimental, mal burschikos weiß sie alle ihre Register zu ziehen, doch erst zum ernst genommenen Schluß findet sie ganz zu sich selbst. Gesanglich jodelt sie vom Koloraturgesang bis zu rauhen Tönen des Chansons, immer sie selbst, doch auch in der Rolle "drin", das muß man erst einmal so können. An ihrer Seite mit passender Ausstrahlung und recht schmachtendem Operettenton Christoph Späth als unschuldig-schuldiger Ex-Lebemann und Seitenspringer. Sarah Bowden übernimmt mit treffender amerikanischer Attitude die Geschlechterrollen sprengende Daisy Darlington, als erfolgreicher Jazzkomponist Josè Pasodoble sich "outend", tänzerisch und optisch ein Genuss, gesanglich stets auf den Punkt.

Das Schätzchen der Aufführung jedoch ist der wahrlich nicht mehr junge Helmut Baumann, doch was für eine Präsenz, was für ein Gefühl für das richtige Setzen einer Pointe, transparenter Texttransport, eine wundervolle Einteilung der Kräfte zwischen dem vielen Tanzen und den häufigen Gesangseinlagen, da sieht man echtes Theaterblut auf den Brettern, womit ich nicht meine, daß die anderen keines besäßen, doch hier findet sich besondere Güte und Fülle davon. Vom jugendlichen Altherrencharme gar nicht zu sprechen. Eine besondere Besetzung ist auch Agnes Zwierko als Tangolita, optisch eine Anna Netrebko ohne Diätplan, musikalisch zwischen großer Opernattitude und chansonhaftem Zarah-Leander-Gesang, stimmlich eigentlich ein dramatischer Alt, der Dialog dazu zwischen Polnisch und witzig radebrechendem Operettendeutsch. Peter Renz und Christiane Oertel brillieren jiddisch übersetzten "Pardon Madame", nur einer der zusätzlichen Abraham-Einlagen, als menschlich angenehmes Dienerpaar kommt hier ein wundervolles Innehalten im Bühnentempo zustande. Dennis Dobrwolski gefällt in der kleinen Partie des Cèlestin Formant. Das Lindenquintett Berlin erinnert gesanglich als Savoy-Boys an die unvergesslichen Comedian Harmonists. Die Nebenrollen, das Tanzensemble und natürlich der immer atemberaubende Chor der Komischen Oper unter David Cavelius sind nur die Kirsche auf der Sahne auf dem Eisbecher.

Eine wundervolle viel zu selten gespielte Operette wird hier auf die besondere Art der Komischen Oper zum Leben erweckt und macht dem voll besetzten Auditorium große, große Freude, deshalb entsprechender Applaus. Man sieht: es ist immer Zeit für eine gute Operette, wenn man sie sorgfältig, ernsthaft und mit viel Liebe zum Genre aufführt.

Martin Freitag 15.1.14

 

WEST SIDE STORY

Besuchte 24. Vorstellung am 12.11.14                     (Premiere am 24.11.13)

"Brush up your Bernstein" 

Immer wenn man in die "West Side Story" geht sieht man fast automatisch die Fünfziger Jahre Kostüme mit den New Yorker Backsteinfassaden vor den geistigen Augen. So überrascht die letztjährige Neuinszenierung mit einem (leichten) Traditionsbruch. Als Regisseure sind Intendant Barrie Kosky und Choreograph Otto Pichler gleichwertig genannt, denn die Verschränkung von Musik und Handlung, von Dialog und Tanz sind in diesem Werk unabdingbar. Bühne und Kostüme von Esther Bialas sind recht reduziert, denn auf der fast leeren Bühne mit den schwarzen Brandmauern reichen wenige Anspielungen, eine Leiter mit Balkonsatz aus dem Schnürboden, ein Bett oder ein Gemüsekasten über die Drehbühne, ansonsten nur die Darsteller und das Licht. Doch etwas noch , eine kleine Orgie von Diskokugeln, die die Tanzschule, wie die Utopien der Jugendlichen andeuten. "That``s all!".

Kosky und Pichler sind ein "Dreamteam" und in fast rasanter Fahrt nimmt die Romeo-und-Julia-Handlung ihre dramatische Fahrt auf, Hoffnungen und Ängste der jungen Menschen leuchten schlaglichtartig auf ; der individuelle Mensch wird gegen den Gruppenzwang gesetzt. Pichler hatte auch die Möglichkeiten, sich von der Original Jerome-Robbins-Choreographie zu entfernen, was er unter großem Respekt und feiner Behutsamkeit wagt, am auffälligsten sind da die "Moves" aus dem heutigen "Street-Dance"-Stil. Denn die Kostüme sind aus unserer Zeit, die Unterschieden zwischen Jets und Sharks, zwischen Weißen und Puertorikanern, nur noch marginal, wie die Jugendgangs unserer Zeit trägt man "cooles Streetwear-Outfit", Jogginghosen und Muscleshirts, die Körper der mitreißenden Tänzer werden mit aufgesprühten Tätowierungen verziert. Die Animositäten der Gangs werden nur noch durch den Tanz deutlich. Die Tänzer und Tänzerinnen sind einfach hinreißend und sexy anzusehen und anzuhören, denn wer hier singt, tanzt auch und umgekehrt.

Natürlich müssen die Hauptpartien von Tony und Maria mit geschulten Stimmen besetzt werden. Katja Reicherts Maria besticht jederzeit durch Natürlichkeit zwischen Pathos und Einfachheit, die Sopranstimme wirkt nie zu groß. Tansel Akzeybek hat da etwas mehr Schwierigkeiten, denn Tony wird normalerweise mit einem hohen Bariton besetzt, der Darsteller ist jedoch ein richtiger Tenor, was zu leuchtenden Höhen in der Maria-Arie führt, doch die tieferliegenden Stellen unter Druckkontrolle setzt, egal Akseybek ist ein wundervoller und glaubwürdiger Tony. Robin Poell (Riff), Kevin Foster (Bernardo), Terence Rodia (Chino), sowie die rassige Sarah Bowden als Anita sind dazu die passenden Musicaldarsteller für die anderen Hauptrollen. Auch wenn ich die anderen Einzelpartien jetzt nicht mit Namen bezeichne, sie sind alle auf den Punkt besetzt. Vor allen die "Officier-Krupke"-Nummer wird neben vielem zu einem echten Höhepunkt.

Großen Anteil daran hat auch Kristiina Poska und das Orchester der Komischen Oper, vielleicht entdeckt man kleine Fehler beim Hinhören, doch aus dem Graben klingt ein überraschend frischer Bernstein mit großer Nähe zu den Zeitgenossen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Nie kommt irgendein sämiger Musical-Kitsch auf, den man bei manch`anderer Interpretation der Schlager des Werkes gewohnt ist zu hören.

Eigentlich müßte diese Aufführung ob ihrer mitreißendem, in allem gelungenen Arbeit noch nachträglich den Opernfreund-Stern verliehen bekommen, zumal das Meisterwerk wie mit dem Staubsauger durchgebürstet wirkt, ohne die Traditionalisten zu kurz kommen zu lassen. Doch die Aufführungen sind stets ausverkauft, das Publikum reagiert mit entsprechendem Jubel, also hieße Werbung dafür machen, Eulen nach Athen zu tragen. Die Komische Oper und die Berliner Bühnen haben mit dieser "West Side Story" sicherlich eine ihrer besten Produktionen auf den Brettern.

Martin Freitag (25.11.14)                              

Fotos Iko Freese/drama-berlin.de

 

 

DIE SCHÖNE HELENA

Besuchte, sechste Aufführung am 15.11.14     (Premiere am 11.10.14)
 
Väter der Klamotte
Als Auftaktinszenierung der Saison hatte Intendant und Regisseur Barrie Kosky sich für den Vater der Operette, Jaques Offenbach, und dessen nicht einfache, aber musikalisch meisterhafte "Die schöne Helena" entschieden. Heikel, weil das Werk in seinen Anspielungen sehr seiner Zeit verhaftet ist, die Mythe als solche lediglich eine nette Geschichte ist. Ein Vorhang wie aus den Zwanziger Jahren zeigt Leda mit einem schwarzen Schwan, die Musik setzt betörend ein, doch dann öffnet sich der Vorhang: keine Antike, in Rufus Didwiszus  sparsamem Bühnenbild ein wenig Anspielungen auf das Second Empire, doch turbulent wälzt sich ein bunt kostümierter Haufen Choristen und Tänzer an die Rampe, Buki Shiffs Kostüme zitieren alles und bildet trotzdem eine Einheit an hedonistischer Gesellschaft. Ein grotesk ausgestopfter Kalchas in klerikalem Schwarz rast über den Orchestersteg ans die Zuschauer und platzt mit dem Dialog ins Publikum. Da muß man erst einmal durchatmen, denn Zeit wird einem nicht gelassen, der Abend rast los und das Tempo wird kaum einmal nachlassen. Offenbachs rasante, beschwingte, nie gefühlige Melodik wird von Kristiina Poska und dem Orchester der Komischen Oper trefflich ausgeführt, nie entstehen Lücken zwischen Dialog , Handlung, Tanz und Musik . Das "Timing" gelingt perfekt und läßt drei Stunden nicht nach, bis es plötzlich zu Ende ist.

Das Wort "Tanz" ist gefallen, denn zu Regisseur Kosky hat sich der absolut gleichwertige Choreograph Otto Pichler gesellt, an der KOM kann man bei beiden durchaus schon von einem Traumduo sprechen, denn Spiel und Tanz, mit nur sechs zusätzlichen, grandiosen Tänzern, durchdringen sich ständig; Solisten, Chor  und Tänzer lösen die musikalischen Nummern ständig in kleine Ballette auf, da rasen sogar die Solisten auf Rollerbladern um die Rampe und leisten Artistik. Kosky bringt den Dialog auf ein kurzes, geschicktes Maß, setzt ständig einsetzende Zitate anderer Komponisten zur amüsanten Reflektion dazwischen. Da wird durchaus übertrieben gegurrt, gemeckert, getuntet und getuckt, die Beine geschwungen, die Körper gezeigt, mal sexy, mal grotesk, das Zepter der Zote geschwungen, doch stets damenhaft. Eigentlich ist die ganze Inszenierung ein einziges Bacchanale des Unsinns.

Im Auge des Sturms steht Nicole Chevalier in der Titelrolle, sie polyglottet sich den Abend durch Deutsch, Englisch und Französisch, wechselt die Attituden von drastisch über komisch bis heroisch mit einer Verve und Körpersprache ohnegleichen, singt in allen möglichen Körperhaltungen, scheut dabei nicht den "schönen Ton" ihres hellen Sopranes für den Ausdruck zu opfern, darin der unvergessenen Fritzi Massary gleich. Bis sie zum Finale bekommt, was sie will: ihren Paris. Tansel Akzeybek singt die anspruchsvolle Partie mit ansprechendem Tenor ganz hervorragend, wirkt dabei als Außenseiter zwischen den ganzem Verrückten beinahe normal. Zweites Zentrum des entfesselten Orkans ist Stefan Sevenich als bassprofunder Priester Kalchas, trotz falstaffesk ausgestopfter Maße trotzdem voller Anmut und Liebreiz im Tänzerischen, ob auf Füßen oder Rollen. Eine grandiose Rampensau, muß man voll Respekt sagen .Peter Renz als bodenlos harmloser Trottel Menelaus behauptet sich mit sicherem Tenor und stringenter Gestaltung dagegen, keine einfache Leistung. Theresa Kronthaler wechselt mit sattem Mezzo als Orest ständig sämtliche Geschlechtsattituden. Dominik Köninger trumpft dann als Agamemmnon im Trio Heroique im dritten Akt dazu auf. Die beiden Ajaxe reizen ihren Aufgaben gewieft aus, Tom Erik Lie und Philipp Meierhöfer machen das ausgezeichnet. Uwe Schönbeck  läßt als Achill den kruden Wahnwitz von Felsensteins König Bobeche (Ritter Blaubart) aufblitzen. Dazwischen flirren Hakan T. Aslan als schwules Bacchis und das grotesk grandiose Brieftäubchen Venus`von Karlheinz Oettel. Der Chor mischt sich bunt, musikalisch trefflich und körperbetont ins Spiel und schließt die Lücken zwischen Solo und Masse auch in vielfältigen, tänzerischen Aufgaben.
 
Offenbach gut aufzuführen gehört stets zu den schwierigen Aufgaben des Theaters, hier ist es gelungen. Vielleicht als einziger Kritikpunkt wäre die deutsche Textfassung von Simon Werle, da gibt es eindeutig witzigere, geschmeidigere und vor allem sanglichere. Trotzdem für mich eine der besten Inszenierungen des Pariser Meisters, der Erfolg mit vielen ausverkauften Vorstellungen, die vielen Zwischenappläuse, die finalen Schlußovationen bilden den absolut verdienten Beifall von viel harter Arbeit, einem enormen Einsatz und strikter Disziplin. Ich will das noch einmal sehen!

Martin Freitag (16.11.14)                               

Fotos Iko Freese/drama-berlin.de

 

 

 

DAS GESPENST VON CANTERVILLE

Besuchte Vorstellung am  09.11.14              (Premiere am 02.11.14)
 
Gruseloper ab ?
Die Komische Oper betreibt seit Jahren das Genre Kinderoper mit großem Aufwand und brachte die Berliner Fassung von Marius Felix Langes "Das Gespenst von Canterville" als Koproduktion mit der Zürcher Oper, wo letztjährig die Uraufführung stattfand, heraus. Immerhin zwei pralle Stunden Musiktheater für die lieben Kleinen ab sechs Jahren, laut Ansage. Natürlich ist es schwer bei so einem Werk eine Altersempfehlung zu geben, denn gerade Kinder unterscheiden sich deutlich in ihren Auffassungsmöglichkeiten voneinander. Mein persönlicher Eindruck wäre bei einer "Gruseloper" wie dieser ab acht Jahre, denn es gab genug Eltern deren Philipp-Emanuel oder Clara-Tabea so hochbegabt waren, daß sie schon mit vier Jahren in die Oper gezerrt werden, was unzufriedene, überforderte Kinder zur Folge hatte, einige wenige, aber immerhin.
Die Oper spielt nach dem bekannten Märchen von Oscar Wilde, in Michael Frowins Libretto etwas zeitgemäß aufgemotzt. Da wird Vater König, Carsten Sabrowski mit sonorem Bassbariton, zum Immobilienmakler aus Berlin, der sich seine neue Lebensabschnittspartnerin eine unsympathische Glitzerschnake von der Alster gleich mitbringt, von Adela Zaharia mit stupendem Koloratursopran und unbändiger Lust am Outrieren bühnenprall gegeben. Die Kinder sind nach dem Tod der Mutter noch etwas verstört: Alma Sadè als bezaubernde Virginia die Sympathieträgerin der Oper, die beiden Zwillinge Leon und Noel mit rappenden Reimen sehr frech und jungenhaft von Stephan Witzlinger und Fabian Guggisberg präsentiert, was bei den Kinder besonders gut ankommt. Im Schloß trifft man auf die Haushälterin Mrs.Umney und ihren schottenrocktragenden Sohn David, Christane Oertel mit mütterlicher Ausstrahlung und Johannes Dunz mit angenehmem Tenor, da wird dann gleich noch eine Liebesgeschichte zwischen denn Jugendlichen hineingesponnen. Und da fehlt ja noch wer, richtig, das Gespenst "himself", Tom Erik Lie stattet es mit starkem Bassbariton und immer feinerer Menschlichkeit aus, ihm zur Seite steht noch die übergroße Ratte, die den Spukgestalten, die sonst schon recht blutrünstig von der Statisterie durch das Anwesen ihr Unwesen treiben, die empatischen Gestalten in den Vordergrund.
Gleich zu Beginn des Stückes kommt die große Spukszene mit viel Nebel, flackendem Feuer und wankenden Ritterrüstungen, Jasmina Hadziahmetovic hat das in dem Canterville-Schloss von Paul Zoller, mit den passenden Kostümen von Gideon Davey, mit viel Liebe inszeniert; ein besonderes Lob natürlich auch der Maskenabteilung der Komischen Oper.. Was man sich jedoch besser wünscht, wäre doch eine stringentere Dramaturgie der Oper, gleich mit allen Effekten ins Haus zu fallen, nimmt zum einen viel von der Spannung, wenn man das Original von Wilde mit der Bühnenversion vergleicht hätte etwas mehr Demut vor der Vorlage auch nicht geschadet, denn zu viel Klamauk und kindgerechte Unruhe, nehmen dem Stück manchmal die Gradlinigkeit der Erzählung. Man merkt auch, daß die Kinder entspannter werden, wenn die Musik ihre Ruhepunkte setzt.
 
Langes Musik ist gegenüber seiner Kölner Schneewittchen-Kinderoper zum einen symphonischer geworden, er hat der großen Orchesterbesetzung da nicht widerstehen können, im Gegensatz zur fasslicheren Kammermusik des Grimmmärchens. Was nicht immer zum Vorteil gerät, zum einen wegen der Textverständlichkeit, zum anderen wegen einer für die Kinder einfacheren fasslichen Melodik. Kristiina Poska gibt mit dem Orchester der Komischen Oper jedenfalls, was sie zu geben hat.
 
Insgesamt eine beachtliche "Familienoper", bei der ich jedoch Verbesserungsmöglichkeiten sehe. Die Vorstellung mit ihren zweieinhalb Stunden für manche Kinder doch eine Geduldsprobe, optisch und von der Emphase des Ensembles getragen schon eine Klasse für sich. Am Schluss jedenfalls begeisterter Jubel.
 
Martin Freitag 15.11.14                                                
 

 

 

CLIVIA

Besuchte Vorstellung am 26.10.14

Eine ganz wichtige Schiene der Komischen Oper ist die Operette geworden, die hier, im positiven Sinne, sehr ernst genommen wird. Nico Dostals "Clivia" wurde am 26.12.1933 in Berlin uraufgeführt und ist eine der letzten Blüten des Genres, die an die wilden Revueoperetten der Zwanziger anknüpft. Die Handlung spielt im erfundenen Staat Boliguay und stellt ein Filmset mit der Diva Clivia Gray gegen ein Operettenputschgeschichte, also Pseudopolitik gegen Scheinwelt, ein perfektes Thema für eine Operette. Dostals Musik kommt frisch und beschwingt daher, setzt angenehm emotionalen Schmu gegen flotte Tanznummern, da ist eigentlich jede Nummer gelungen und ohrwurmverdächtig. Man hatte sich der musikalischen Kabarettgruppe der "Geschwister Pfister" versichert, um das selten gespielte Operettenjuwel zum Funkeln zu bringen. Da alle drei keine klassischen Opernsänger sind, wird, wie bei Musicalaufführungen, mit Stimmverstärkung gearbeitet. Kai Tietje, der musikalische Leiter der Produktion hat dazu eine eigene musikalische Fassung erarbeitet, die jedoch mit wirklich brillianten Orchestrierungsideen ganz im Sinne des Originals arbeitet. Das Orchester der Komischen Oper wird auf die Drehbühne des Hauses plaziert zum zusätzlichen Akteur und serviert schwungvoll die Melodien Dostals.

War die Titelpartie der Clivia ursprünglich für die Koloratursopranistin Lillie Claus , die spätere Frau Dostals geschrieben, so singt jetzt mit Christoph Marti ein Bariton en travestie die Titelpartie, nicht unbedingt von schöner Stimmfarbe, bringt Marti die Partie exakt auf den Punkt und läßt in seiner Ernsthaftigkeit fast vergessen, daß da ein Mann auf der Bühne steht. Tobias Bonn singt den tenoralen Part der Liebespaares, den General und Präsidenten Boliguays Juan Damigo, was mit seinem Tenor im Revellertimbre, einer durchaus der Zeit angemessenen Stimmfarbe, ganz hervorragend gelingt. Dritte im Bunde der Pfisters ist Andreja Schneider, die Soubrettenpartie der Militäramazone Jola liegt ihr nicht so perfekt in der Kehle, was sie jedoch durch Charme und Präsenz wettmacht. Die Pfisters bilden da durchaus ihr eigenes musikalisches Universum und machen das auf sehr charmant professionelle Weise.

Peter Renz als Tenorbuffo schafft als Reporter Lelio Down einen echten Komikercharakter dieser Zeit, Christoph Späth als Berliner Erfinder Gustav Kasulke hat natürlich die Lacher auf seiner Seite, Stefan Kurt bringt als amerikanischer Bösewicht Potterton wundervoll eigene Farben in Spiel und Gesang, so wie die vielen Nebenrollen aus Chor und Ensemble ganz hervorragend besetzt sind. Ein ganz wichtiges Element der Aufführung ist überhaupt der engagierte Chor der Komischen Oper, sowie die ebenfalls mitsingenden Tänzer, die den vielen Tanznummern revuehaften Zauber geben.

Überhaupt ist diese ganze Inszenierung ein echter Operettenrausch, den Stefan Huber unglaublich professionell und mit hervorragendem Handwerk gleichsam mit leichter Hand auf die Bühne stellt, wieviel Arbeit hinter der Leichtigkeit steckt, vermag man sich vorstellen. Danny Costellos Chreographie, die das ganze Ensemble umfasst, muß als dazu gleichwertig genannt werden. Dazu kommt die fabulöse Ausstattung mit dem Bühnenbild Stephan Prattes` ;da kippt die quietschige, exotische Kulisse zur eleganten Revueausstattung, deren zentrales Thema glamurös glitzernde Clivia-Blüten bilden, ebenso wie die farbenfrohen, stilvollen, wunderschönen Kostüme von Heike Seidler. "So was Schönes" kriegt man bei Operettenaufführungen nicht allzu oft geboten. Dementsprechend sind bisher auch sämtlich Aufführungen ausverkauft, zum Teil mit operettenfreudigen, älteren Semestern, zum Teil mit Fans der Geschwister Pfister, beide Gruppen werden blendend unterhalten, was zum Schluß natürlich zu stehenden Ovationen führt.

Martin Freitag 30.10.14                                    

Fotos Iko Freese/drama-berlin.de

 

 

EIN SOMMERNACHTSTRAUM

Aufführung am 15.10.14                                   (Premiere am 15.09.13)

Repertoirepflege mit klassischer Moderne

Es ist als Kritiker recht interessant einen Revierwechsel durchzuführen, so bin ich aus den überbordenden Musiktheatermöglichkeiten des Rhein-Ruhr-Gebietes für etwa vier Monate in die deutsche Hauptstadt mit seinen drei Opernhäusern und freien Produktionen. Die Staatsoper spielt immer noch im Ausweichsquartier des Schillertheaters, die neue "Tosca" hatte ich dann verpasst, doch in  der Werkstatt nebenan gab es eine kleine, feine Produktion von Karl Amadeus Hartmanns "Simplicius Simplicissimus" in der selten gespielten Urfassung, die für mich spröder, aber auch überzeugender als die Spätfassung wirkte. Auch die Deutsche Oper hält ihre Pforten wegen Renovierung bis Ende November geschlossen, bot aber Konzertantes in der Philharmonie. Meyerbeers "Dinorah" zum Auftakt einer mehrjährigen Beschäftigung mit dem Berliner Komponisten war leider vor meinem Aufenthalt, doch eine Strauss`sche "Ariadne auf Naxos" war ein schöner, lohnender Abend. Der Friedrichstadtpalast mit seiner neuesten Revue war eine Erfahrung für sich, unglaubliche technische Möglichkeiten Tanzrevue und Akrobatik bieten ein doch überwältigendes, wenngleich nicht immer ganz zusammenpasssendes Amalgam. Die Kostüme von Thierry Mugler sind immerhin eine Augenweide, die Girlreihe sucht ihresgleichen, die Möglichkeiten der Bühne schlagen buchstäblich Kopf. Ein Besuch dieser Institution gehört zu Berlin.

Bleibt im Augenblick vor allem die Komische Oper, deren Intendant, Barrie Kosky, gerade eben seine Verlängerung bis 2021 zugestanden bekam. Zurecht, denn Koskie ist ein Glücksfall für Berlin, die Auslastung der Komischen Oper wurde in den letzten Jahren um rund ein Viertel gesteigert, sein Programmmix aus Mozart, Barock, Spieloper, anspruchvoller klassischer Moderne, anspruchvoller Familienoper und klassischem Musical und Operette kommt beim Publikum hervorragend an, so ist selbst mitten in der Woche Brittens "Sommernachttraum", nicht unbedingt ein Kassenknüller, gut besucht und man sieht auch viele junge Gesichter . Inszeniert hatte Viestur Kairish, der in der letzten Saison in Köln den "Freischütz" spektakulär versenkt hatte. Doch bei Britten geht sein Konzept weitgehend auf: Ieva Jurjäne hat ein sehr plastisches Naturbühnenbild gestaltet, das freilich auch ein bißchen an einen Affenfelsen im Zoo erinnert, ihre Kostüme gehen durch mehrere Epochen des Zwanzigsten Jahrhundert, parallel zu den inszenierten Zeit- und Altersebenen der Regie, während die Liebenspaare rapide im Laufe des Stückes aus der Hippiezeit bis Heute altern, verjüngen sich Oberon und Titania in ihrem Geschlechterkampf; die Elfen sind dagegen zeitlos alte Geschöpfe, der excellente Kinderchor spielt das ganz tapfer durch den Abend mit Plastikmasken verkleidet. Die Idee die Hochzeit dann wieder als recht albernen Kindergeburtstag zu inszenieren schadet der Grundidee.

Musikalisch beginnt Kristiina Poska den Abend mit recht handfesten Tempi, den sie im Laufe der Vorstellung dann zu den verträumten Elfenmusiken Brittens zu wenden vermag. Was leider nicht so aufgeht, an diesem Abend jedenfalls, ist der Anspruch der Textverständlichkeit in der deutschen Übersetzung. Gerade bei der Sprechrolle des Puck fällt das sehr ins Gewicht, Gundars Äbolins besitzt zwar eine tolle Körpersprache, doch als nicht Muttersprachler ist er vom Text überfordert. Brigitte Gellers Titania gefällt durch bodenhafte Ausstrahlung und ungewohnt irdischen Sopranklang für diese Partie. Terry Wey ist ein sehr ätherischer Oberon, dem ein wenig Durchschlagskraft bei seinem zarten Countertenor nicht schaden würde. Die beiden Liebespaare sind annähernd gleichwertig besetzt, wobei die dunklen Stimmen von Annelie Sophie Müller (Hermia) und Günter Papendell (Demetrius), die vokale Nase etwas vor Adrian Strooper (Lysander) und Mirka Wagner (Helena) haben.

Ein absolutes Zentrum der Aufführung ist Stefan Sevenich als Zettel, der einfach ein Erzkomödiant und mit charaktervollem Bassbariton gesegnet ist, um ihn herum die ebenfalls sehr effektvollen Handwerker von Jens Larsen, Thomas Michael Allen Hans-Martin Nau, Johannes Dunz und Nikola Ivanov. Alexey Antonov und Christiane Oertel als Theseus und Hippolyta, sowie die Solisten des Kinderchores in ihren Partien komplettieren.

Insgesamt ein gelungener, runder Opernabend mit Brittens, in andere Welten entführendem, Meisterwerk und Shakespeares wundervoller Phantasterei, die uns Menschen doch immer wieder zu treffen weiß.

Martin Freitag 30.10.14                                            

Fotos Iko Freese/drama-berlin.de

 

 

Gastspiel der Komischen Oper Berlin im Rahmen des Mannheimer Mozart-Sommers

Im besten Sinne animiert

DIE ZAUBERFLÖTE

Nationaltheater Mannheim 15.07.2014      (Premiere in Berlin Nov. 2012)

Ein bejubelter Markstein in der Zauberflöten-Rezeption

Die Zauberflöte ist die weltweit meistgespielte Oper in deutscher Sprache, wahrscheinlich das meistgespielte Stück in deutscher Sprache überhaupt. (In Deutschland selbst gebührt dieser Titel allerdings Humperdincks “Hänsel und Gretel“.) Tausende von Malen ist das Werk inszeniert worden. Auch bis in die Jetztzeit nicht abreißend immer wieder als Zauber- oder Märchenoper für Kinder und Greise, aber auch zunehmend von Regisseuren, denen dazu nichts mehr einfiel, als Psychologie- oder Gesellschaftsstück oder gleich ganz dekonstruiert. Der Regisseur Barrie Kosky, auch Intendant der Komischen Oper in Berlin, hat für sich noch nie eine wiederkehrende Regiemasche entwickelt, sondern nimmt sich seiner Stücke immer von einer anderen Seite an. Er macht völlig abstrakte Arbeiten, von ausgelassener komödiantischer Fantasie sprudelnde Inszenierungen, aber auch provokante Produktionen. Da konnte man  sehr gespannt sein, wie er mit seiner Co-Regisseurin Suzanne Andrade von der englischen Theatergruppe 1927 (www.19-27.co.uk/) an die Zauberflöte herangehen würde. Denn eine neue Zauberflöte ist heute - zumindest im deutschsprachigen Raum – immer ein Wagnis. 

Kosky und Andrade haben in ihre Zauberflöte äußerlich Elemente der Zwanziger Jahre einfließen lassen und in der Ästhetik des Stummfilms inszeniert und dabei ganz moderne surrealistische Effekte und Fantasy-Elemente eingemischt. Eine Bühne im eigentlichen Sinne gibt es daher nicht; nur eine riesige bühnengroße Projektionswand mit Drehtüren oben und in bis über drei Meter Höhe, in welchen die Protagonisten hereingedreht werden. Somit gibt es auch keine klassische Bewegungsregie, denn die Akteure sind jeweils in diesem zweidimensionalen Bild fixiert. An deren Mimik und Gestik werden dementsprechend erhöhte Anforderungen gestellt. Und noch höhere Anforderungen an die Interaktion der Darsteller mit den sie umgebenden Animationen, in die sie eingebunden sind. Das muss räumlich und zeitlich genau stimmen, damit der Effekt nicht verloren geht. Daher ist der Einsatz der Protagonisten ganz nah an der Projektionswand erforderlich, damit dem Zuschauer nicht durch das Entstehen von Parallaxen die Illusion genommen wird. Technisch wirkt das frontal alles ganz einfach; aber die Einstudierung der Oper hat fast die doppelte Probenzeit wie üblich benötigt. 

Die Königin der Nacht, Tamino

In der Ästhetik des Stummfilms also, aber nicht als Stummfilm mit Gesang. Filmische Elemente in der Oper und Opernheroinen und –heroen im Film: ein Gesamtkunstwerk. Da passen natürlich die ausufernden Schikaneder-Dialoge nicht, die zudem heute ohnehin nicht mehr sehr geschätzt sind, so dass mancher Zauberflötenregisseur sie in Ermangelung von etwas besseren schon ersatzlos gestrichen hat. Kosky hat sie auch weggelassen, aber durch ganz erfrischende Zwischentitel-Projektionen - in Jugendstilmuster eingerahmt – ersetzt. Knapp und bündig wird so die Handlung mit Halbsätzen vorangetrieben. Wie im alten Kintopp kommt dazu natürlich eine Klavierbegleitung, aber nicht vom schrägen Otto, sondern von Bonnie Wagner, der zu den Titeltexten auf dem Hammerklavier zwei Moll-Fantasien (KV 397 und 475) von Mozart aus dessen gesellschaftlich glücklichsten Jahren in Wien intonierte. Diese gekonnte Lösung bewirkte ohne jeden Substanzverlust eine erfrischende Kürzung des Stücks von etwa 15 Minuten. Eine weitere Übertitelung unterblieb. 

Aus gutem Grunde wurde als „Dialog-begleitende“ Musik nicht etwa eine Klaviertransposition der Maurerischen Trauermusik gegeben, die ja viel zeitnäher zur Entstehung der Zauberflöte liegt. Denn von diesen belehrenden und immer wieder in die Zauberflöte hineininterpretierten Elementen wollten Andrade und Kosky eben nichts wissen. Vielmehr schöpften sie bei der Zeichnung der Figuren aus dem Vollen der auch von Schikaneder gehobenen Volksmytholgie und Theatergeschichte und steckten sie nebenher noch in die Rollen von Stummfilmstereotypen bzw. Sarastro und die Eingeweihten in die 1927 obsolet wirkende Kleidung einer Gelehrtengesellschaft der Jahrhundertwende mit Zylinder, Gehrock und Monokel. Was für ein Witz, dass die Eingeweihten die kecke Pamina (wie ein Charleston-Püppchen herausgemacht mit einem Pagenkopf à la Pola Negri) zwischenzeitlich in ein Tournürenkleid à la Cosima steckten. Überhaupt die Welt der Eingeweihten: Fantasietiere von einer Mechanik angetrieben, wie sie sich dr. Spalanzani hätte ausdenken können (alles Animationen!), aber auch (aus 1927er Sich) science-fiction-Technik; davon die gelungenste eine am Fließband arbeitende Hähnchen-Bratmaschine, mit dessen Produkt Papageno (trat auf wie Buster Keaton) sich sehr gerne genährt hätte... Im großen Denkkopf eines Eingeweihten erspäht man dann doch noch Moral: Weisheit, Wahrheit, Arbeit sind dort eingeschrieben. Ohne das geht es nun doch nicht. Die zu Inszenierung perfekt passenden Kostüme sind von Esther Bialas. 

Zauberflöte, Tamino

Viele der Regieeinfälle würden auch zu einem normalen dreidimensionalen Bühnengeschehen passen, aber mit wie viel größerer Leichtigkeit geht das auf dem Riesenschirm ab! Keine der Ideen verkommt zum Mätzchen, kein déjà vu und keine Provokation bei der Inszenierung, die letztlich mit vielen witzigen Zutaten immer ganz nah am Libretto bleibt. Die Animation steht ganz im Vordergrund und wird nicht wie häufig bei einem dreidimensionalen Bühnendesign zu einem lästigen Geflimmer im Hintergrund oder noch schlimmer auf einem Schleiervorhang vorne. Bei der Flut von Einfällen und Zitaten dieser Inszenierung kommt einem dann auch noch die Zauberflötenbekanntheit zugute. Man muss nicht immer bei jedem Takt genau hinhören, kann sich dem kreativen Bühnengeschehen zuwenden und indigniert sich nicht über die dauernden Lacher, die die Regie auf ihre Seite bringt, denn die Musik kennt man ja sowieso, Takt für Takt – und geht doch immer wieder hin. 

Pamina, Papageno

Die musikalische Seite des Abends war indes auch weniger brillant als die szenische. Selten ist es geworden, dass man wie hier die Ouvertüre als reines Musikstück bei geschlossenem Vorhang hört.  Die estnische Dirigentin Kristiina Poska stand dem Nationaltheaterorchester Mannheim sowie den Solisten und Chören der Komischen Oper vor. Da hat es doch noch das eine oder andere Mal in der Koordination zwischen Bühne und Graben gehakt, was wohl dem anderen Umfeld und begrenzter Probenzeit geschuldet ist. Mit dem Orchester allein wurde hingegen ein klarer transparenter und vielfach kammermusikalischer Ton getroffen, in welchen viele saubere Bläsersoli eingebettet waren. Als Zauberflöte hatte der Animateur eine Libelle vorgesehen; zu den guirlanden-ähnlichen Flötenmelodien zog dieses Insekt – wie ein Guirlande – den in Wellen wabernden Notentext hinter sich her, womit – ganz nebenbei – noch ein wesentliches Element der Inszenierung zur Geltung kam: nämlich die Harmonisierung von Bewegung (echt oder als Animation) mit der Musik. Die Chöre (Einstudierung: David Cavelius) wurden teilweise zugespielt. Da eine zweidimensionale Chorentfaltung schwierig ist, saß der Herrenchor zu Anfang in zwei halb erleuchteten Kästen an der Seitenwand vor der Bühne; beim Bühnenauftritt dann Aufzug im Gänsemarsch  ganz eng am Schirm bis zum kurzen grandiosen Schlusschor.    

Die Solisten agierten in den Türen des großen Schirms oder unmittelbar davor auf der Bühnenebene, aber auch auf winzigen Podesten in über drei Metern Höhe an der Wand. Zwar waren sie dort gesichert, aber das Singen bringt in dieser Exposition sicher mehr Anspannung. Dennoch gelang es den Solisten fast durchweg, diese Anspannung auszublenden. Mit Nicole Chevalier war eine warmtönige Pamina besetzt, deren Höhen indes etwas eng klangen. Auch Andreas Stroopers Tamino (wie ein Conférencier im Smoking) konnte in der Höhe nicht mit schönem Stimmsitz überzeugen, verfügte aber über eine gediegene bronzene Mittellage. Beate Ritter als Königin der Nacht brachte aus einer warmen, runden Mittellage ihre kalten, klaren und genau konturierten Koloraturen. Vielleicht war sie die einzige (ganz oben auf der Bühne über grässlichen riesigen Spinnenbeinen), die dabei etwas angespannt wirkte; ob wegen der fordernden Koloraturen oder der exponierten Positur, mag dahin gestellt sein. Mit Bogdan Talos, der in der Premiere noch einen Geharnischten gesungen hat, stand für den Sarastro (und zugleich den Sprecher) ein mächtiger Bass mit eleganten Höhen und überzeugenden sonoren Tiefen zur Verfügung. Adela Zaharia gefiel stimmlich und darstellerisch als quicklebendige Papagena, die als Zirkusprinzessin zu verstehen war. Mit Peter Rens war ein ungewöhnlich dunkler Tenor als Monostatos besetzt. Das Terzett der drei Damen (Mirka Wagner, Theresa Kronthaler und  Caran van Oijen) wirkte ausgesprochen stimmschön und homogen. Die drei Knaben stellte wieder einmal der Tölzer Knabenchor. (Julian Höflmaier, Toni Schäffler und Samuel Baur mit erstaunlicher Stimmfestigkeit) 

Das Nationaltheater Mannheim hat (natürlich!) auch eine eigene Zauberflöte im Repertoire, scheute aber sich nicht, eine „Konkurrenzproduktion“ einzuladen und lag damit beim Publikum genau richtig. Zwar wurden nach der Pause einige wenige Plätze von Besuchern frei, denen das nicht so gut gefallen hatte, aber der übergroße Rest des vollen Hauses spendete begeisterten Beifall, was das Applaus-Management dazu bewegte, selbst bei hochgefahrenen Lichtreglern im Saal den Vorhang noch einmal aufzuziehen. Fazit: Jederzeit wieder! 

Manfred Langer, 16.07.2014                    

Fotos: Iko Freese /drama-berlin.de

 

Noch zur Produktion: Der Name der Gruppe „1927“ bezieht sich auf die Jahreszahl, in welcher zum ersten Mal ein Tonfilm erschien. In dieser historischen Ästhetik hat die Gruppe ihr Theaterschaffen entwickelt und sich nun zum ersten Mal an einer Oper versucht. Kosky hat die Gruppe2008 kennengelernt, und in diesem Jahr wurde auch die Idee zur Zusammenarbeit bei einer Opernproduktion geboren. Fast fünf Jahre lang wurde geplant vorbereitet und gearbeitet, bis die Zauberflöte im November 2012 an der KO in Berlin herauskam. Allein eineinhalb Jahre wurden für die Herstellung der Video-Animationen benötigt. Paul Barritt hat diese mit durchaus künstlerischem Anspruch gestaltet und immer wieder angepasst; auch den vielen Gastspielen und Auslizenzierungen, die diese Produktion schon erfahren hat: sie war z. B.  schon in Los Angeles zu sehen und ist nun auch zum Edinburgh Festival eingeladen. Ein weiterer Triumph für „Barrie“, unter dem die KO Berlin vom Magazin die Opernwelt zum Opernhaus des Jahres nominiert wurde, er selbst für die Auszeichnung vom  seriöseren International Opera Award als bester Regisseur des Jahres nominiert und auch gewählt worden ist und ganz nebenher die Besucherzahlen im Haus an der Behrenstraße in Berlin um 20 % gesteigert hat.

 

Besprechungen älterer Aufführungen befinden sich ohne Bilder sich auf der Seite der KO Berlin imArchiv

 

 

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