DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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 http://www.bregenzerfestspiele.com/de/

 

 

BREGENZ 2017

Wow ! – was für ein CARMEN-Spektaculum

Aufführung am 1.8.2017

Wetter: Verregnet, stürmisch, aber die Hälfte der Zeit trocken

Wissen Sie, verehrte Leser, was der größte Blödsinn aller Zeiten ist? Ich sage es gleich vorweg: Fernsehübertragungen von Freilichtopern! Was für ein Mega-Schmarrn! Egal welcher Couleur und Größe. Egal ob, pars pro toto, aus der Arena di Verona, dem Steinbruch St. Pölten, aus rgendwelchen Höhlen oder aus Bregenz. Niemals wird man auch nur ansatzweise jenes Gefühl erleben, welches solche Abende zum echten Erlebnis werden lässt, an das man sich – ganz im Gegenteil zu den meisten Opernveranstaltungen – noch lange und nachhaltig erinnert. TV ist immer ein eindimensionales Bild mit meist schlechtem Ton und man sieht nur das, was die Bildregie für bedeutend hält. Leider ist das praktisch nie (ich spreche aus vielseitigen Erfahrungen) genau das, was wichtig ist, denn wir sehen nur, was ein Einzelner uns zeigen möchte. Und dies ist meist nur ein mikroskopischer Ausschnitt aus dem großen Ganzen.

Das Fernsehbild (selbst auf großformatigen Geräten) kann die Stimmung und Atmosphäre solcher Spektakel nicht wiedergeben. Den plötzlich startenden Regen oder weitere Unbill des Wetters in Sturm, Sonne und Wolken, die jede Aufführung anders einrahmen und begleiten. Und das Wichtigste: Das Musikerlebnis unter dem Motto „Oper für alle“ ist nicht auf dem Fernsehschirm reproduzierbar. Hier treffen sich normale Menschen und erfreuen sich an klassischer Opernmusik, lernen ggf. Oper überhaupt zum ersten Mal kennen oder einfach einen Abend mal anders genießen.

Oper in Bregenz ist stets ein Spektakel – ein musikalisch, zirzensisches Gesamtkunstwerk mit Feuerwerk, Wasser und atemberaubenden Stunts. Eine zauberhafte Erlebniswelt mit der Musik von Bizet tut sich vor den staunenden Augen der Zuschauer auf. Daß dies am Ende noch kaum etwas mit Bizets ohnehin meist völlig überschätztem Werk – Folklore hin, Tiefenpsychologie oder Seelendrama her – namens „Carmen“ zu tun hat, ist völlig egal! Darum geht es ja auch gar nicht, denn auf der Giganto-Bühne ist Carmen ein kleiner roter Punkt und Don José ein kleiner gelber im wilden Wirrwarr einer Hundertschaft höchst mobiler Statisten, Künstler und Protagonisten. Hier will man das Publikum auf höchstem technisch zu realisierbarem Niveau, mit phänomenaler Tontechnik und unglaublichen dreidimensionalen Bühnenbildern einfach nur unterhalten und begeistern.

Um 7000 Leute zusammenzuhalten, muss das Ganze in zwei pausenlosen Stunden zu bewerkstelligen sein (das sind gerade einmal 2/3 vom ersten Akt der Götterdämmerung), also kürzt man die Originalopern – Gott sei Dank! Für mein Empfinden könnte man speziell dieses Werk noch mehr kürzen. Wie genial dieser Zeitrahmen ist, zeigt sich jedes Jahr aufs Neue bei diesem Erlebnis-Event, wo alle durchhalten, egal welche Überraschungen der Wettergott parat hat. Man müsste diesem tollen Publikum danken für soviel Durchhaltevermögen, oder ist es die Musik, die so fesselt, das Ambiente? Egal was, wo, wie und warum: Bregenz muss man live erlebt haben. Bitte schauen Sie es sich nicht im Fernsehen an, fahren Sie hin! Ich kenne keinen, außer ein paar esoterisch weltfremden und sauertöpfigen Opernkritikern, die hinterher nicht begeistert waren. Gönnen Sie sich einmal im Leben die Bregenzer Festspiele auf der Seebühne!

Man kann am Ende nur alle loben – dabei ist es relativ egal wer singt, denn die Mikroporttechnologie bringt stets saubere Töne rüber, solange ein bestimmtes hohes Niveau vorhanden ist, und da liegt Bregenz ganz weit vorne bei den Festivals. Wer das erste Mal dabei ist, bei dem werden die Ohren Augen machen (alter Werbespruch ;-), wenn die ersten Orchestertöne - gerade bei Bizet besonders furios - förmlich explodieren, denn was an millionenschwerer HiFi-Opern-Air-Tonanlage hier installiert ist klingt besser als manch gute Heimanlage mit Riesenboxen; und das Wunderbare, man sieht die Lautsprecher nicht. Orchester und Techniker sitzen zwar im Trockenen, aber alles kommt eins-zu-eins live rüber. Die Arbeit der grandiosen Tontechnik erlaubt es sogar die Sänger in dem Riesenbild genau zu orten.

Wenn also Micaela ganz oben in 50 Metern Höhe auf dem Finger der Kartenspielerin erscheint und singt, dann hört man sie auch von oben. Natürlich wird sie für den spektakulären Abstieg gedoubelt, was der überwiegende Teil des Publikums kaum merkt, denn das ist so perfekt gemacht, wie der Austausch der singenden Carmen in die optisch gleiche Stuntfrau, die sich dann auf der Flucht ins Wasser stürzt und davon krault. Und wenn am Ende Carmen im seichten Wasser strampelnd mit dem Gesicht nach unten solange heruntergedrückt wird, bis sie zu Tode erschlafft, dann leistet die jeweilige Sängerin Gewaltiges und selbst der abgebrühte Rezensent konnte keinen Austausch wahrnehmen; offensichtlich arbeitet man hier mit Tauchern und nicht sichtbaren Atemgeräten. Ein sensationeller Schluss.

Wie es gelingt, auf über 50 Spielkarten der Größe 4x8 Meter noch Bilder und Videos (Luke Halls) zu projizieren, bleibt auch mir ein Rätsel. Wenn sich dann auch noch einige dieser Riesenkarten bewegen und verschieben, dann ist die bühnentechnische Zauberwelt vollendet. Absolut geniale Bilder, vor allem wenn am Ende die Kartenbilder wegfließen, wie vom realen Regen verwaschen. Das passt als wenn Unwetter eingeplant wären. Auch ist es schön, wenn die Sänger hier auch wie bei Pop-Events großflächig live erscheinen. Das grandiose, wie eingefroren wirkende Bühnenbild der die Karten hochwerfenden Hände (Es Devlin) ist Oscar-preiswürdig, wäre es ein Film. Immerhin gilt Devlin schon jetzt als Megastar des Bühnenbildes und hat eine Weltkarriere bereits hinter sich – neben diversen Opernproduktionen an großen Häusern gestaltete sie 2012 die Abschlussfeier der Olympischen Spiele in London, Bühnenshows internationaler Popkünstler und Modezaren bedienen sich regelmäßig ihres Genies (u.a. Louis Vuitton, Kanye West, Lady Gaga, Beyonce…)

Kaspar Holten (Regie) trägt die Gesamtverantwortung und zeigt, dass er in der über dreijährigen Vorbereitungszeit perfekt gearbeitet hat. Die Integration von Musikdramaturgie, Ballett, Bewegungschor, Stunt-Action und Lichtkonzept ist mehr als gelungen.

Wer in Bizet Oper Tiefe, Psychologie, Seriosität, Stimmporno und Reflektion sucht, ist in Bregenz so fehl am Platz, wie der Partitur-Mitleser oder der Schellackplatten-Sammerl und Venylkenner. Die Bregenzer Carmen ist einfach nur wunderbare Unterhaltung für alle auf durchaus akzeptablem Opernniveau. Und die Geschichte wird weder verfremdet noch unwerktreu gespielt.

Ein herrlicher Abend.

P.S. an alle Besucher

Vergessen und ignorieren Sie jede Form von Wetterbericht. Wenn Sie Ihr persönliches Bregenz-Bündel geschnürt haben (Sitzkissen, Regenjacke, Mütze, festes Schuhwerk) können Sie beruhigt und frohen Sinnes sich auf den Weg machen. Und wenn es dann los geht gilt das Motto „Don´t worry be happy“ und „Never give up!“

Bilder (c) Karl Foster

 

Urlaubsgrüße aus Bregenz               

sendet Ihr                    

Peter Bilsing

 

 

Credits:

 

 

 

 

 

BREGENZ 2016

Ein unbekanntes Werk im Festspielhaus

HAMLET von Franco Faccio

& die Wiederaufnahme der erfolgreichen TURANDOT

Premiere HAMLET am Mittwoch dem 20.6.2016

Wa-Premiere TURANDOT am Donnerstag 21.6.16

Leider kein Vergleich zu Verdi

Oh ihr Opernkomponisten – mein Appell bevor Modernisten jetzt (eine „Hamletmaschine“ gibt es ja schon) auf eventuell falsche Ideen kommen - lasst doch bitte den Shakespeare "Hamlet" weiterhin auf der Sprechtheaterbühne; da gehört er hin und da möge er bitte auch für immer ohne Musik bleiben. Als große Opera scheint er mir nicht geeignet, was heuer in Bregenz viele allerdings anders sahen.

Das Premierenpublikum jubelte überschwänglich – aber das ist Zeremoniell. Die Leute haben Premierenkarten ergattert, sie wollen dafür eine Sternstunde, gar eine Sensation erleben - man will ja etwas haben für sein Geld und man feierte sich, wie jedes Jahr, auch ein bisschen selbst. Einen Reinfall jedenfalls haben sie keinen erlebt. Das war eine durchaus passable Eröffnungsoper…

…für Bregenz – wohl angemerkt!

Sie wird allerdings nicht mehr als eine sprichwörtliche "Eintagsfliege" bleiben, denn von einer substanzreichen Opern-Entdeckung kann meines Erachtens keine Rede sein. Allzu schwach ist dieser Mix aus Verdi, Boito und Ponchielli: Kaum nachhaltig in Erinnerung bleibende Arien, unkomplizierte einfache Ensembles und immer wieder große Chor-Auftritte, ob es handlungsdramatisch Sinn macht oder nicht. Das gilt übrigens sowohl für das Stück als auch die Inszenierung, die ziemlich überladen daherkommt. Immerhin aber gab es Einiges fürs Auge.

Vielleicht liegt es auch am Stoff, denn so ein textlastiges Stück zu veropern ist von je her problematisch. Auf der Opernbühne konnte bisher nur die französische Veroperung HAMLET von Ambroise Thomas aus dem Jahr 1868 in die Annalen der Opernhistorie wenigstens ein bisserl überzeugend eingehen. Man bringt sie ja auf deutschen Bühnen gelegentlich zur Repertoire- und Kenntnis-Anreicherung. Dass dies durchaus gelingt liegt daran, dass Thomas´ kammermusikalische Formgebung dem ursprünglichen Shakespeare sicherlich näher kommt als Faccios Grand-Opera-Version mit Ballett und Riesen-Chor.

Olivier Tambosis Inszenierung versucht die Quadratur des Kreises – wobei er Kreis und Kreisen inszenatorisch sehr real nimmt und umsetzt, denn die Drehbühne bewegt sich unentwegt. Am Anfang sieht es noch toll aus, dann dreht es sich tot, und auch die permanent dazwischenhüpfenden und tobenden Ballett-Hexen (eine Art Ping, Pang, Pong des Tanzes) retten das Stück nicht.

Am Anfang steht ein ziemliches Gewimmel und Gewusel - später im zweiten Teil wird es besser, es wird ruhiger und konzentrierter. Irgendwie entstand bei mir der Eindruck, daß der Regisseur selber die Schwäche der Oper erkannt hat und nun versuchte, das ganze quasi durch übersprudelnde Regieeinfälle und übervolle Bilder etwas zu kompensieren - was immerhin unter dem Aspekt des "Musiktheaters" durchaus gelungen ist.

Tatsächlich fehlt dieser Oper der musikalisch große Bogen, es mangelt an Raffinesse, und die Aktschlüsse sind so wuchtig wie simpel und vorhersehbar. Wer dann am Ende ein großes Opernfinale erwartet, wird noch mehr enttäuscht. Ich glaube nicht, dass irgendein Intendant dieses Stück ins Repertoire nehmen wird. Dafür gibt es zu viele, zuviele sehr gute italienische Opern. Und echte Entdeckungen! Nehmen wir, pars pro toto, nur Riccardo Zandonais CAVALIERI DI EKEBU. Ich hätte noch einige weitere mit Substanz im Angebot ;-))

Immerhin war Franco Faccio ein durchaus intelligenter und mit der Fähigkeit zur Selbstkritik ausgestatteter Künstler, denn er ließ dem Scala-Debakel seines AMLETOs dankenswerterweise keine weiteren Opern mehr folgen, war er doch ein vom großen Maestro Verdis hochgeschätzter und bevorzugter Dirigent – egal ob für AIDA, DONCARLO oder OTELLO. Dort war er der richtige Mann am richtigen Platz.

Die musikalische Interpretation von Paolo Carignani mit den Wiener Symphonikern war adäquat; wuchtig, subtil schön und stellenweise sogar ziemlich beeindruckend; sinnlose Plage, Müh ohne Zweck - mehr als dieses Siegfried-Zitat möchte ich dazu ironisierend nicht anmerken.

Frank Philipp Schlößmanns Leuchtbirnchen-Reihen umrahmen den klassischen tiefroten Theater-Vorhang als optischen Rahmen; im Hintergrund ein zweiter Rahmen. Merke: Wir spielen also Theater im Theater – immerhin eine klare Ansage und wesentliches Handlungsmoment. Das Erscheinen des Geists von Hamlets Vater gemahnte mich zum zweiten ironischen Wagner-Zitat: selige Öde auf wonniger Höh.

Das alles hat in der gleissend hell illuminierten Stein- bzw. Eiswüste zuviel eines plakativen Kinobildes. John Boormanns „Excalibor“ lässt grüßen oder war es der „Highlander“? Zuviel der Effekte… zu kitschig theatralisch für meinen Geschmack. Beleuchtung: Manfred Voss. Für die  wirbelnde Choreografie zeichnetet Ran Arthur Braun verantwortlich,und die durchaus beeindruckende Couture entwarf Gesine Völlm.

Auch die unendlich gähnend langen Fechtszenen – schön nach alter Musketier-Manier (Klasse Arbeit der Fechtmeister) – auf langen Tischen in wilder Action inszeniert, hätte mehr auf die Seebühne gepasst, doch da gibt es ja schon das Kung-Fu-Fighting-Ballett.

 Womit ich bei der diesjährigen TURANDOT, die sich heuer ins zweite Aufführungsjahr sehr erfolgreich begibt, wäre. Fast alle Vorstellungen sind wieder ausverkauft; ein wichtiges Kriterium für eine beliebte Volksbühne.

Immerhin bekommt Bregenz kaum Zuschüsse, wenn man es z.B mit Wien oder Salzburg vergleicht. Auch kleinere Inszenierungs-Retuschen (die meine glaubwürdige Kritikerkollegen festgestellt haben), ändert nichts am Folkloristischen Grundkonzept, auf welches ich schon im letzten Jahr ausgiebig hingewiesen habe.

Marco Arturo Marelli bedient weiter alle chinesischen Klischees: es gibt es die putzige, aber dennoch respektable China-Legoland-Mauer, weiterhin beeindruckt die allgegenwärtige von innen beleuchtete Terrakotta-Armee (einmal oben auf der Mauer platziert und parallel halb im Bodensee versunken), es gibt vielfältige Drachen und Lampions, die üblichen Wasserspiele und Feuerwerk, schöne Balletteinlagen und aus Japan importierte Kungfu-Fighting-Tänzer. Disneyland-Atmosphäre. Also alles Dinge, die das Publikum erfreut und die man liebt. Ein kritischer Sitznachbar nuschelte mir ins Ohr: Genauso so stellt sich bestimmt der typische Amerikaner China vor. Ja... dem könnte man zustimmen.

Musiktheater gibt es natürlich auch, da sind die kommentierenden Handlungsträger Ping, Pang und Pong trefflich angelegt. Und sporadisch bricht auch mal eine überraschend auftretende Schickimicki-Party-Gesellschaft die sonst oft etwas statisch wirkende Atmosphäre auf.

Nicht zu vergessen: Puccini, der große Maestro, spielt auch selbst mit. Anfangs sitzt er in seinem Arbeitszimmer und komponiert – dort wird er dann in der Folterszene auch wieder ans sein Bett gefesselt. Sterben wird er natürlich nicht, als Liu sich umbringt – er muss ja noch das große Alfano-Finale singen - sonst wäre die Oper sogar zurecht und biographisch begründet ad hoc und an dieser Stelle zu Ende gegangen. Mehr hat Puccini, wie man weiß, partiturmäßig nicht niedergeschrieben. Das kann man aber eigentlich keinem Publikum der Welt antun…

Sic! Auch ich gebe offen zu, ja eigentlich auch nur wegen der schönen Arien und eben diesem grandiosen Schluss in dieses Monster-Werk zu gehen ;-) Obwohl man nicht das ganz großen Alfano-Finale spielt, sondern eine passable, aber durchaus wirkungsvolle Reduzierung.

Eine kleine ketzerische Anmerkung für unsere jungen Opernfreunde und alle Opernanfänger: „Nessun dorma“ ist nicht von Pavarotti (!) und auch nicht von Paul Potts (!!) obwohl es viele viele Monate auf Platz eins in den Charts der großen Hitparaden war. Ersterer damals übrigens als quasi Leitmotiv zur Fußball-WM; allerdings erheblich länger als letzterer, der aber auch eine Menge CDs verkauft hat.

Zu den Sängern im HAMLET

Ein beachtliches Sängerensemble war zu hören. Überragende Tenorleistung von Pavel Černoch - immerhin hat er diese stimmmordende Partie (er ist fast permanent auf der Bühne und hat auch viel Text zu singen) bravourös, intelligent und überzeugend durchgestanden. Trefflich besetzt Claudio Sgura als dänischer König Claudio und Dshamilja Kaiser in der Rolle der Königin Gertrude, Hamlets Mutter. Iulia Maria Dan als Ofelia begeisterte das Publikum ebenso wie Paul Schweinester als Laerte, Sohn des Polonio und Bruder der Ofelia.

Gianluca Buratto war ein überzeugender wuchtiger Geist des ermordeten Königs und Eduard Tsanga als Hofmarschall Polonio überzeugte ebenso wie Yasushi Hirano als Totengräber. Insgesamt eine durchgängige Top-Besetzung für diese Rarität. Ebenso prächtige aufspielend in diesem Vielpersonenstück auch die Comprimarii: Sébastien Soulès als Hamlets Freund Orazio, Bartosz Urbanowicz als Offizier Marcello, Jonathan Winell als König Gonzaga, Sabine Winter als dessen Gattin.

Als besonderes Highlight des Abends empfand ich den Prager Philharmonischen Chor (Leitung: Lukáš Vasilek), verstärkt mit Mitgliedern des Bregenzer Festspielchors (Einstudierung: Benjamin Lack) - wobei letzterer für mich ohnehin zu den Spitzenchören Europas zu zählen ist, was sie auch wieder bei der TURANDOT unter Beweis stellten.

Die stimmliche Beurteilung der TURANDOT-Sänger

möchte ich mit einem durchgehenden Lob versehen, wobei sich eine genaue Differenzierung durch die via Microport individuell verstärkten Stimmen als schwierig darstellt. Insgesamt war der Klangeindruck natürlich auch durch die geniale Tonstudio-Regie und die über 500 perfekt in die Chinesische Mauer integrierten Spitzenlautsprecher wieder eine Wucht - klanglich steht das alles für eine Open-Air Bühne an der absoluten Weltspitze. Bisher unerreicht das "Maß der Dinge"!

Wobei mich immer wieder die phänomenale Arbeit der Ton-Ingenieure beeindruckt, die es tatsächlich schaffen, jeden Sänger auf den Meter genau ortbar erklingen zu lassen. Auch wurde wie immer die Differenzierung des Chores durch das 360-Grad Raumklang-Prinzip zu einem Sensourround-Erlebnis erster Güte.

Die Wiener Symphoniker unter Paolo Carignani brillierten in vollendetem HiFi und die schon erwähnten Chöre aus Bregenz und Prag sind ein Erlebnis. Die weiteren Credits finden Sie hier.

Ihr Peter Bilsing 29.7.16

Bilder (c) Bregenzer Festspiele

 

P.S. Ein Opernfreund-Reisetipp

Und wiederum mein persönlicher TIPP für alle Bregenz-Fans und Reisende mit dem Auto oder Motorrad. Bitte bleiben Sie etwas länger vor Ort!

Tun Sie sich nicht die quälenden Temperaturen unten am Bodensee an (locker mal 36 und mehr Grad - da kann man nachts kaum schlafen!). Weiter oben in der BREGENZER WALD Region ist es bis zu 10 Grad kühler und man findet für 50 Euro in herrlichen Pensionen und Hotels Unterkunft (ein Fünftel dessen, was man teilweise in Bregenz vor Ort verlangt). Und ab drei Tagen gibt es die Gästekarte Region-Bregenzer-Wald, wo sie alle 10 Luftseilbahnen, sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel, Schwimmbäder und Museen gratis haben.

Auf die köstliche Gastronomie (Bild oben: Vorarlberger Kaasknödel) muß ich nicht noch extra hinweisen, oder? Aber die exzellenten Wandermöglichkeiten in hochalpiner Wegevielfalt, die möchte ich noch extra erwähnen, denn Vorarlberg ist immer und jederzeit ein Reise wert; auch für Familien mit Kindern noch bezahlbar ;-)

 

 

BREGENZ 2015 - QUO VADIS ?

TURANDOT auf der Seebühne für Folklore- und Varietéfreunde

Kitsch as Kitsch can

 

Mit der neuen Intendantin

Elisabeth Sobotka deutet sich eine Ära an, die sich anscheinend dem aktuellen Zeitgeist verbunden sieht, dass auch in der Opernszene der tausenden von Sommer-Festivalitäten primär das Geldverdienen im Vordergrund stehen muss. Verständlich aus Sicht der Politik und der Kämmerer. Aber muß man dafür wirklich ab sofort auf der traditionellen Bregenzer Seebühne die künstlerischen Ansprüche der letzten 20 Jahre quasi tief im Bodensee versenken?

 

Zumindest erweckte die Produktion vom "Bebilderer" Marco Arturo Marelli bei mir diesen Eindruck. Dass er sich auch als Regisseur bezeichnet - der Begriff des Bühnenbildners wäre für mich ja noch in Ordnung - ist schon fast eine Beleidigung gegenüber heutigen Musiktheater-Regisseuren, die an den meisten europäischen Bühnen spannende Oper, also wirkliches MusikTHEATER professionell unterhaltsam auf die Beine stellen.

Natürlich darf man hinterfragen, ob solches Musiktheater auf eine Show-Bühne wie Bregenz überhaupt möglich ist. Ich kann dies aus meiner Erfahrung - zumindest der letzten 12 Jahre - eigentlich nur bejahen; durchaus anspruchsvolle Produktionen.

Bisher gab es keine puren Rampensteher-Zirkus-Abende, nie sah ich so ein albernes Kung Fu-Fighting Gehoppse, seltes gab es früher derartig völlkig sinnlose Statistenaufmärsche oder solch nichtssagendes Folkloreballett - alles Ingredienzien wie sie z.B. bei den Volksfest-Veranstaltungen wie in der Arena di Verona natürlich einfach dazu gehören, bisher in Bregenz aber nicht als Selbstzweck erschienen. Immerhin verkauft man während der Aufführung auf der Bregenzer Seebühne weder Gelato noch kühle Getränke; dies könnte allerdings zukünftig Einiges an Zusatz-Gewinn einbringen. Oder der Salzburger Fächer mit dem jeweiligen Jahresmotiv - das wäre auch eine schöne Einnahmequelle und Souvenir fürs Volk.

Die diesjährige "Turandot" ist nun leider nicht mehr als eben eine weitere Folklore-Veranstaltung im unseligen Reigen der Sommerfestivalitäten in Steinbrüchen, Amphietheatern, auf Ritterburgen, Schiffen oder an größeren Badetümpeln. Eigentlich könnte man diese Produktion auch als  "Oper für Kinder" untertiteln.

Uncharmant hölzerner teurer Budenzauber, besser zu betiteln als "China-Zirkus", der reichlich wenig Platz für Puccinis Operndramaturgie und Spannung zulässt, auch wenn anfangs mit riesigem Feuerzauber die Enthauptungs-Säbel textgetreu geschliffen werden; schon kurz danach wird eine simple Schaufensterpuppe recht läppisch vom Turm ins Bodenseewasser geworfen - da haben wir schon besseres und überzeugendere Wasser-Actionen auf dieser Bühne gesehen. Cheforganisator Marelli zeigt einen Chinawaren-Großhandel schlimmen Kunstgewerbes: eine verkleinerte Chinesische Mauer, viele Lampions, permanent illuminierte Papp-Drachen; natürlich darf auch die legendäre Terrakotta-Armee nicht fehlen - ein Teil taucht sogar aus dem Wasser des Bodensees wieder auf. Das ist China, wie es sich klein Fritzchen oder, mit Verlaub, der klassische Amerikaner vorstellt.

Dabei hätte es durchaus Sinn gemacht diese Mauer, quasi als Schutzschild jener eisumgürteten Prinzessin, tatsächlich am Ende sinnvoll aufzubrechen, nämlich dann recht passend, wenn ihr vereist kühles Herz im Finale durch Kalafs Liebe auftaut - doch nein...

...mit viel Donner, Rauch und Getöse öffnet sie sich schon zu den ersten Takten, nur um einer gläsernen Terrakotta-Armada Platz und Sicht zu bieten, deren tönerne Soldaten im weiteren Verlauf der Oper dann kitschig von innen illuminiert und sukzessive nach vorne geschoben werden - beleuchtet jeweils im Sinne einer Lichtorgel, also passend zur entsprechenden Situation auf der Bühne.

Allerdings fragte mich, warum beim "Spiel am See" sich dann Liu doch höchst theatralisch das Messer gibt, - statt einfach dem Ambiente der Schwimm-Insel entsprechend - als eventueller Nichtschwimmer vom Rand ins Wasser zu springen und zu ertrinken. Was hätte der große David Pountney daraus Tolles gemacht...

Genug der Unsäglichkeiten; dies ist halt eine Produktion fürs Kirmesvolk und für Menschen, die außer "Nessun dorma" (von Pavarotti einst in der Hitparade und später von Paul Potts ähnlich revitalisiert) nie mehr von dieser Oper gehört haben und nun endlich einmal schauen können, was urtümlich dahinter steckt. Alles in Ordnung, wenn man es musikpädagogisch, quasi als Einstieg in die Oper für die MacDonalds Generation betrachtet. Da schalte ich mich allerdings dann aus...

Bregenz bleibt bei den Preisen durchaus relativ volkstümlich; immerhin sind weiterhin tolle Karten (mein Geheimtipp: Kategorie 5 f/g für Schwindelfreie mit wahnsinnigem Blick über den Bodensee !) möglich. Vorbildlich: Für Schüler und Studenten gibt es eine Ermäßigung von 75 % - das ist Weltklasse! Wann gibt es das in Bayreuth und Salzburg?

 

HERHEIMS ERZÄHLUNGEN

im Festspielhaus

Kommen wir nun zum Festspielhaus 2015. So sah die Historie der letzten Dekade aus, man gab Werke, die das Herz nicht nur jedes Opernfachmanns höher schlagen ließen, sondern hier wurde man auch der hohen musikhistorischen und kulturellen Verantwortung eines ernst zu nehmen subventionierten Opernhauses gerecht. Immerhin ein ausgewogenes Programm für anspruchsvolle Musiktheater-Liebhaben und aufgeklärten Entdecker, deren musikalischer Erlebnishorizont sich nicht auf die gängigen 20 omnipräsenten immer gleichen Alltagswerke von "A" wie Aida bis "Z" wie Zar und Zimmermann beschränkte. Was waren das für JUWELEN:

Geschichten aus dem Wiener Wald  Karl Gruber (2014)

Der Kaufmann von Venedig André Tschaikowsky (2013)

Solaris Detlev Glanert (2012)

Achterbahn UA Judith Weir (2011)

Die Passagierin Mieczysław Weinberg (2010)

König Roger Karol Szymanowski (2009)

Karl V. Ernst Krenek (2008)

Tod in Venedig Benjamin Britten (2007)

Der Untergang des Hauses Usher Philip Glass (2006)

Maskerade Carl Nielsen (2005)

Der Protagonist und Royal Palace  Kurt Weill (2004)

Die bisherigen Aufführungen im Festspielhaus waren eine exzellente und anspruchsvolle Auswahl fabelhafter neuer oder auch völlig vergessener Werke; regelrechte Meilensteine in der Inszenierungsgeschichte. Damit war für echte Opernfreunde über die letzten zehn Jahre zumindest das Bregenzer Festspielhaus eine Verpflichtung, obwohl Menschen über 172 cm Größe kaum ordentlich sitzen können. Nun hat sich der Kurs geändert - ab sofort heißt es auch im Festspielhaus

"Eviva l´opera populare"

Hic et nunc gab man erst einmal Hoffmanns Erzählungen - weltbekanntes, beliebtes und an fast allen Opernhäusern dieser Welt bisher regelmäßig präsentes und vom Abovolk heißgeliebtes Werk.

Um sich nun nicht ganz so direkt der simplen Opern-Volksanbiederung auszusetzen, hat man immerhin mit Stefan Herheim einen großen Namen aus dem Bereich des Regietheaters engagiert. Wie zu erwarten, zeigte uns Regisseur Herheim, daß wir natürlich alle bisher diese Oper in den letzten 100 Jahren völlig falsch verstanden haben, denn der Protagonist, nämlich unser Künstler Hoffmann (es geht ja in der Geschichte um sein Leben und die Liebe zu vier Frauen) ist eigentlich schwul; eher gar eine Transe mit Strapsen, welche heuer auch die Rolle verschiedener anderer Figuren übernimmt - sind sie nun Teil der Oper, oder vom Regisseur hinzu erfunden. Genauso wie der Stuntman, der sich am Anfang eine große Revuetreppe zur Verblüffung des Publikums herunterstürzt, wie einst Belmondo in dem Filmjuwel Ein irrer Typ (1977). Passt zwar nicht zum Libretto, war aber zumindest für mich die einzige unterhaltsame Sequenz an diesem Abend.

Und erneut die Marotte Herheims (jüngst bei Manon Lescaut in Essen zu goutieren)  tritt der Komponist in einer stumme Rolle - hier also Jacques Offenbach -  ständig auf,  dirigiert das Orchester mit oder freut sich kindlich am schönen Gesang. Auf- und Abtritte aus dem Publikum bzw. organisierte Zurufe von einem vermeintlich empörten Besucher:

"Schluss mit dem schwulen Scheiss!"

sind eingebaute Koketterie des Regisseurs bzw. Reminszenzen an Konwitschny und die Regie der  80-er Jahre; alte Opernsuppe lange überholt und schon fast gähnend déjà vue. Immerhin war die Beschaffenheit des Bühnenbildes, nämlich jene schon angesprochene Riesen-Showtreppe als Kernelement, ein praktikabler Einfall, denn so konnte man recht sinnvoll bei Dauerregen bzw. Gewitter (also dem Abbruch auf der Seebühne) problemlos die semikonzertante Turandot-Weiterführung für die teuren Karteninhaber ebenda ohne Umbau präsentieren. Leider war die Riesentreppe, die für die Akte 2-4 sich in der Mitte öffnen sollte mit technischen Antriebs-Mängeln behaftet - eine Riesenpeinlichkeit für eine Organisation wie die Bregenzer Festspiele, die gerade ihre hochgradige perfekte Technik bei jeder Gelegenheit zurecht loben lässt und deren technische Effekt-Zauberkasten sich auf der Außenbühne bisher meist vorbildlich und einmalig unter Beweis stellte. Die Treppe öffnete sich nur halb, was eine kurze Unterbrechung zur Folge hatte - Probleme, deren man schon bei den Proben gewahr wurde, ohne sie abstellen zu können. Ein Debakel! Da sucht der geplagte Kritiker lieber Zuflucht oben in den wunderbaren Bregenzer Wald Bergen.

Dass die künstlerische Seite nichts an Format und Qualität verloren hatte, lesen Sie bitte in den unteren Kritiken der Opernfreund-Kollegen nach. Für mich gilt leider, auch angesichts des Programms der nächsten Jahre  ("Olé"  - man bringt doch 2017 schon wieder das völlig unbekannte Bizet-Werk Carmen) ein vorläufiges Good-bye Bregenzer Festspiele. Eine tolle Kirmes habe ich auf der Düsseldorfer Rheinwiese praktisch vor der Tür und ärgerliches selbstsüchtiges werkentstellendes Regietheater gibt es in NRW auch genug.

 

Dennoch wird meine Liebe zur Region Bregenzer Wald mit ihren wunderbaren Bergen und den vielen selbst im Sommer in der Hauptsaison nie überlaufenen Wandermöglichkeiten im Hochgebirge nicht sterben...

 

P.S. noch ein persönlicher Tipp für Festspiel-Reisende

Wohnen Sie nicht in Bregenz in viel zu überteuerten Hotels! Ein bisserl weiter oben im Bregenzer Wald gibt es, auch ohne Vorbuchung, immer schöne Zimmer ab 29 Euro. Im 4-Sterne-Hotel in Damüls zahlte ich dieses Jahr 49 Euro. Und man hat, ab drei Tagen Aufenthalt über die Gästekarte alle Seilbahnen, Schwimmbäder + Busse der großen Region Vorarlberg gratis. Wo gibt es so etwas denn sonst noch?

Bilder: Bregenzer Festspiele /  Anja Köhler / Bil priv.

Schönen Sommer-Urlaub

wünscht

Ihr

Peter Bilsing 29.7.15

 

 

 

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

23.7.15 Premiere

mit zu vielen Strapsen

Eine große Neudeutung zeigte der Regisseur Stefan Herheim nicht, aber ein nicht uninteressantes Puzzle der Teile des eigentlich unvollendeten Werks. Bis zur Pause war dies alles auch recht gelungen. Ein eindrucksvolles Vorspiel auf dem Theater, die Bühne beherrschend eine große „Hollywoodtreppe“, die sich dann öffnete und den Blick auf Luthers Weinkeller in Berlin freigab. Technisch alles ausgezeichnet und auch optisch sehr schön. Das wirklich geglückte Bühnenbild schufChristof Hetzer. Nach einer kurzen technischen Panne ging es in das Physikalische Kabinett in Paris, also zu Olympia. Bis dahin war alles toll durchdacht und so ging man wirklich positiv eingestellt in die Pause. Danach wurden es dann allerdings der Strapse zu viel. Von Spalanzanis Haus, in dem  noch zum Teil die Akteure auf der Bühne liegen, wechselte die Drehbühne zum Haus des Geigenbauers Crespel in München. Die Erscheinung der Mutter (diese ausnahmsweise nicht in Strapsen !) war wieder auf der Hollywoodtreppe und sah wie Marylin Monroe aus.

Nach Antonias Tod bestieg der Diener Franz eine Gondel und ruderte mit der Schreibefeder des Komponisten Offenbach zu Fragmente eines Liebestodes in Venedig. Giuliettaakt ohne Schlehmil und ohne Pitichinaccio. Dem Ende entgegen drehte sich noch einmal die Bühne, die Treppe schloss sich wieder zum Nachspiel auf dem Theater. Optisch, wie schon erwähnt, vom Bühnenbild prächtig, die Kostüme von Esther Bialaswaren teilweise sehr schön, besonders gut getroffen die Dienerrollen Andres, Cochenille und Frantz, alle in der gleichen Maske als Jacques Offenbach. Die Damenrollen, wenn deren Darstellerinnen nicht gerade in Mieder und Strapsen haherkamen, präsentierten sich  im Einheits-Hollywood-Look (blonde Perücke und Silber-Fummel-Flitter). Auch die Chorsänger, Damen und Herren abwechselnd Frack, Strapse und Mieder. sind von der Maske einheitlich als Hofmann-Klone angelegt. Sehr gut vom Kostüm gelungen waren die Gruppen bei Spalanzani als hopsende Marionetten.

Die Beleuchtung von Phoenix alias Andreas Hofer war allererste Klasse.

Gesungen wurde insgesamt gesprochen wirklich gut, wobei die Damenrollen ordentlich durchgemischt wurden. So gab es je zwei Giuliettas, Olympias und Antonias. Die Mutter/Stimme aus dem Grab und Muse-Niklas waren einer  Sängerinanvertraut.  Als Hoffmann hört man den jungen Schweden Daniel Johansson. Eine sehr geglückte Wahl für diese Rolle und diese doch leicht ungewöhnliche Regie. Die Stimme ist wirklich klangschön, sehr tragfähig und der Künstler kann auch prächtig phrasieren. Auch er musste bei Antonia Mieder und Strapse tragen. Sein Gegenpol war der großartige Michael Volle. Eine wunderbar volle schöne Stimme mit viel Ausdrucksstärke. Seine große Arie war sicher der Höhepunkt des Abends. Er war nicht nur in den vier Bösewichtpartien zu hören, sondern auch mit Schürze als Wirt Luther.

Eine Studie zwischen Einstein und Professor Ambrosius (Tanz der Vampire) war Bengt–Ola Morgny als Spalanzani. Einfach großartig.  Christophe Mortagne war der Offenbach in den drei Dienerpartien, auch gesanglich mit dem Lied des Frantz wirklich sehr geglückt. Als Giulietta mit hohen Tönen hörte man die Olympia der großen Arie Kerstin Avemo. Eine wahre Meisterin der Koloratur, die auch während ihrer halsbrecherischen Kadenzen  noch ein tolles Spieltalent zur Schau stellt. Mandy Fredrich war Antonia und Giulietta. Ihre Antonia war hervorragend mit viel lyrischen Phrasen wunderbar gesungen, warum man ihr so ein unvorteilhaftes Kostüm antun musste, Mieder und Strapse ? Ein Negligé drüber wäre sehr angebracht. Rachel Frenkel von der Wiener Staatsoper war Niklas/Muse und Antonias Mutter mit schönem Mezzo im Anzug und Glitterkostüm.

Ketil Hugaas war ein schönstimmiger Crespel, Nathanael, Hermann und Wilhelm waren Hoel TroadecJosef Kovacic und Petr Svoboda. Stella war Pär Pelle Karlsson, natürlich gestrapst.

Für eine sehr gute musikalische Umsetzung sorgte am Pult Johannes Debus und leitete gut durch dieses Puzzle, in dem man sich nie so ganz auskannte. Warum Schlehmil gestrichen wurde, verstehe ich nicht, ist diese Szene doch nahezu das Kernstück des Giuliettabildes.

Der Prager Chor sang wunderbar und stimmstark unter Lukas Vasilek. Das Festspielorchester, wieder die Wiener Symphoniker lieferten bemerkenswerte Klangschönheit.        

Elena Habermann 24.7.15

Bilder: Karl Forster

 

 

Das schreiben die Kollegen

"Schluss mit dem schwulen Scheiss!"

Oper als Genderdiskurs (Die Welt)

Ein Käfig voller Narren (Der Tagespiegel)

Herheims Erwägungen (Der Standart)

Transsexueller mischt Show auf... (Heute)

 

 

 

TURANDOT

Premiere am 22. Juli 2015

Chinesische Klischees…

Genau zu den Auftaktakkorden von Giacomo Puccinis Meisterwerk „Turandot“, mit welchem die diesjährigen Bregenzer Festspiele unter der neuen Intendantin Elisabeth Sobotka gestern Abend begannen, stürzt ein Teil der chinesischen Mauer ein, die Marco Arturo Marelli, Regisseur und Bühnenbildner zugleich, mit 72 Meter Länge auf die Seebühne gestellt hat. Dieser Teil der chinesischen Mauer ist den berühmten chinesischen Drachen nachgebildet - mit riesigen Kurven scheint sich der 335 Tonnen schwere Koloss aus Stahl und Holz (etwa das Startgewicht eines Jumbojets B-747) über das Wasser zu schlängeln. Hinten ist er 20 Meter hoch, etwa so hoch wie das Heck des Jumbos, vorn gar 27 Meter mit einem roten Teehaus auf höchster Höhe.

Die gesamte Front ist mit 650 Mauersteinen aus rötlich-orange wirkendem Holz verkleidet, die sich für allerhand effektvolle Lichtspiele eignen und später auf großen Bannern in Kalligraphie die Lösungen der drei Rätsel zeigen. 59 Lautsprecher sind allein in diesen Mauersteinen versteckt, um den ebenso bekannten wie bewährten Bregenzer Sound sicher zu stellen (Ton: Gernot Gögele und Alwin Bösch). Über steile Treppen können die Akteure auf die Plattform aufsteigen. Später wird dort der persische Prinz geköpft – seine allzu puppenhaft wirkende Leiche wird einfach ins Wasser des Bodensees geworfen, wo sie wie ein Korken davondümpelt... Im Zentrum des Mauerdrachens befindet sich eine zylinderartige Drehbühne, die sich bis zu einem gewissen Grad in die Höhe schrauben lässt Sie hat einen Deckel hat, der sich bisweilen wie der einer Konservendose hebt, eine neue Szene freigibt - so den Auftritt des Kaisers von China im Rollstuhl - und der als Projektionsfläche für allerlei assoziative Bildeinfälle (gelungen die Bilder des Schmerzes der Ahnin) und -verirrungen dient.

Aber zurück zum Mauerfall, der bekanntlich immer nachhaltigen Wandel mit sich bringt – somit eine gute Idee mit einem effektvollen Beginn, der Erwartung auf mehr in diesem revolutionären Sinne schürt. Es wird zumindest nichts beim Alten bleiben, erst recht nicht, was Turandots ewigen Schwur besiegelt, all jene Freier enthaupten zu lassen, die ihr aus drei Fragen bestehendes Rätsel nicht zu lösen vermögen, um das fatale Ungemach, welches eine ihrer Vorgängerinnen erleiden musste, an den Männern zu rächen, die sie nun pauschal dafür verantwortlich macht. Aber das wussten wir ja schon vorher.

Was der vor allem und wie so oft bei Marco Arturo Marelli auf schöne und gefällige Bilder setzenden Inszenierungen fehlt, ist eine den inneren Spannungsbogen stets aufrecht erhaltende Dramaturgie und Personenführung (Dramaturgie: Olaf. A. Schmitt). Es wird zuviel Wert auf visuelle Effekte gelegt, die zudem in erster Linie chinesische Klischees bedienen, eben das, was man so weiß, wenn man das Land noch nie bereist hat. Sicher wirken die 205 der Terrakotta-Armee in der alten Kaiserstadt Xi´an nachempfundenen Krieger im Zentrum den Bühnenbilds, die aus dem Wasser vorn auf steigen und hinten schwindelnde Höhe erreichen, optisch eindrucksvoll. Sie werden auch effektvoll beleuchtet, oft vom Inneren der transparenten Plastikkörper. Sie wie so manches andere wirken sie aber eher rein dekorativ, stehen nicht stringent in Bezug zur Handlung auf der Rundbühne. Es werden bunte Drachen bemüht, wie man sie auch von Umzügen zum chinesischen Neujahrsfest Mitte Februar kennt. Oft wirbeln Akrobaten heftig mit Stoff- oder Papiergirlanden herum, als ginge es um eine Goldmedaille in der ähnlichen olympischen Disziplin. Mit Feuerringen bekränzt vollziehen Feuerkünstler vermeintlich "brandgefährliche" Drehungen.

Dabei schien ganz zu Beginn mit dem unisono in Mao-artig grauen Kostümen und Masken (Kostüme meist geschmackssicher: Constance Hoffmann) erscheinende Volk eine politische Komponente ins Spiel zu kommen, die aber wie manch anderer interessanter inszenatorischer Ansatz nicht weiter dramatisiert wurde. Auch die durchaus überraschende und offenbar unkontrollierbar gewordene Aktensammlung aller Enthaupteten und ihre in Chloroform eingelegten Köpfe in einer Vertiefung der Drehbühne sowie das schmutzige Geschäft der drei Minister, zunächst zivil in grauen Business Suits und dann in weißer Schlachterschürze mit roten Handschuhen, die neuen Opfer-Häupter hier einzuordnen, war eine interessante Idee für sich.

Sie stand aber in keinem Zusammenhang mit dem historisierenden Ansatz, der beispielsweise durch den Auftritt des Kaisers von China mit seinem zeitgemäßen langen Bart vermittelt wurde. So kam es immer wieder zu Spannungsabfällen, enttäuschten Erwartungen auf wirklich Neues und Spannendes, zumindest einer dramaturgisch konsequenten Kontinuität - und man konzentrierte auch auf die sängerischen Zuckerln. Konsequenterweise erschöpfte sich die Regie in den bekannten Topoi des Chinas was man landauf land ab seit Jahren kennt, ohne es je selbst gesehen zu haben - eine Stereotyp reiht sich an das nächste Klischee, und am Schluss ist man sich gar des Kitsches nicht zu schade, wenn der ganze Drache in einem bonbonfarbenen Wassernebel aus Fontänen angekühlt wird (Licht: Davy Cunningham; Video: Aron Kitzig). Wo bleibt Pudong, wo auch nur der Bund…?!

Nun ist natürlich dem Spiel auf dem See zugute zu halten, dass man hier vor einem breiten Publikum spielt, welches nicht unbedingt zum Stammpublikum der Oper zählt und auch die Details der Werke nicht vollständig kennt. Sogar bei „Andrea Chenier“ gab es ja bereits Zweifel an der Aufführung auf dem See. Schon aufgrund der Größe der Seebühne und der Entfernung zwischen Publikum und Aktion sind also - durchaus auch für sich allein stehende - Effekte von einer gewissen Relevanz. Dennoch haben die Inszenierungen gerade von „Andrea Chenier“ und „Tosca“ zusammen mit anderen der letzten Jahre gezeigt, dass auch auf der Bregenzer Seebühne spannendes, ja aufregendes Musiktheater möglicht ist, bei dem man auch nicht auf die Idee kommt, mal zwischendurch auf die Uhr zu schauen…

Sängerisch gab es ebenfalls Licht und Schatten. Zum Licht gehörte ganz sich die junge Chinesin Guanqun Yu, die die Liù nicht nur mit großer Empathie spielte und einer mitnehmenden Sorge um Calaf und Timur spielte, sondern sie mit einem klangvoll und warm timbrierten Sopran auch bestens sang. Herrlich ihr Piano mit anschließender Steigerung am Schluss der berühmte Arie…

Ebenso auf der Habenseite die drei Minister, Andrè Schuen als Ping, Taylan Reinhard als Pang und Cosmin Ifrim als Pong. Sie waren hervorragend choreographiert und belebten somit das Geschehen erheblich. Insbesondere Andrè Schuen konnte mit seinem prägnanten und gut geführten Bariton überzeugen, aber auch die beiden anderen gaben den Ministern viel stimmliche und darstellerische Überzeugungskraft.

Michael Ryssov war ein mit balsamischem Bass wohlklingend singender Timur. Er spielte den alten Mann sehr zurückhaltend. Der Japaner und auffällig auf Chinese getrimmte Yasushi Hirano sang in buntem Gewand den Mandarin mit prägnanter und Ehrfurcht gebietender Stimme. Kaiser Altoum wurde von Manuel von Senden verkörperte und konnte stimmlich mit seinem etwas morbid klingenden, aber gerade deshalb zur Rolle passenden Tenor weitgehend überzeugen. Es zeigte viel Emotion bei seinen Versuchen, Calaf vom „heiteren“ Rätselraten abzuhalten.

Riccardo Massi gab den Calaf. Wie schon am Vormittag bei der feierlichen Eröffnung, als er „Nessun dorma“ zum Besten gab, konnte er belegen, dass er die Rolle beherrscht und ihr vokal voll gerecht wird. Mit einer kräftigen Mittellage und guter Tiefe ist er höhensicher und meistert auch den Beginn der Rätselszene im 2. Akt mit Bravour, wenn seinem Tenor auch der letzte Glanz fehlt. Allein, es mangelt Massi am nötigen Charisma und Engagement, um ganz als unbekannter Prinz überzeugen zu können. Meist stand er allzu steif auf der Bühne herum.

Mlada Khudoley, die der Rezensent 2003 als recht gute Sieglinde unter V. Gergiev in der „Walküre“ in St. Petersburg erlebte, wagte sich nun an die Turandot. Die Rolle ist für sie einfach eine Nummer zu groß, wird doch hier wirklich einmal ein hochdramatischer Sopran benötigt. Und den hat Khudoley einfach nicht. Selbst Birgit Nilsson soll einmal gesagt haben, dass die Turandot wirklich schwer zu singen sei… Mit der Verstärkung ging es so grade, aber ohne diese wäre Khudoley als chinesische Prinzessin wohl auf verlorenem Posten. In den Höhen wurde es stets zu eng, und die Stimme ließ die so erforderliche Durchschlagskraft - beispielsweise einer Ghena Dimitrova - vermissen. Auch darstellerisch wirkte einiges zu stereotyp.

Der Prager Philharmonische Chor und der Bregenzer Festspielchor machten unter der Leitung von Lukás Vasilek und Benjamin Lack ihre Sache gut und effektvoll. Sie wurden sowohl stimmlich wie vom Engagement auf der Bühne her der Choroper „Turandot“ gerecht.

Paolo Carignani dirigierte zum ersten Mal das Spiel auf dem See in Bregenz, und man merkte in dieser Premiere, dass mit der klanglichen und lautstärkemäßigen Ausgewogenheit in den Folgevorstellungen noch Luft nach oben ist. Während die ruhigeren Phasen mit den Wiener Symphonikern sehr gut und einfühlsam gelangen, klang im forte, zumal mit den Chören, oft einiges zu laut und auch etwas verwaschen. Hier könnte weniger wohl mehr sein und die Bemühung um mehr Transparenz in den Gruppen einiges verbessern. Insgesamt jedoch war der musikalische Vortrag von guter Qualität für die gegebenen Verhältnisse, bei denen das Orchester ja im Festspielhaus agiert.

Der Applaus hielt sich, möglicherweise auch wegen des immer wieder einsetzenden Sprühregens, etwas in Grenzen, wenn man es mit anderen Abenden und Inszenierungen am See vergleicht.

Klaus Billand, 23.7.2014 

Bilder: Karl Forster              


     

                                                                                                                           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein wiedergefundener Schatz

DER KAUFMANN VON VENEDIG

(André Tschaikowsky)

Premiere der Uraufführung am 18.07.13

 

 

Das Herzstück der Bregenzer Festspiele 2013 ist sicherlich die Uraufführung der Oper "Der Kaufmann von Venedig" von André Tschaikowsky aus dem Jahr 1978, fertiggestellt bis auf achtundzwanzig Takte der Orchestrierung. Hatte ich anläßlich der Entdeckung von Weinbergs spannender Oper "Die Passagierin" vor zwei Jahren schon gefragt: "Kennen Sie Weinberg ?", so gilt das ebenso für dem Komponisten André Tschaikowsky (1935 - 1979), zu Lebzeiten sicherlich bekannter als Pianist, denn als Komponist. Eigentlich lautet sein Geburtsname Robert Andrzej Krauthammer, geboren in Warschau, lebte er mit der früh geschiedenen Mutter und seiner Großmutter ebendort. Schon beim Kleinkind zeigte sich Sprach- und Musikbegabung, als die Nationalsozialisten die Familie im Warschauer Ghetto gefangen hielten, seine Großmutter schmuggelte ihn unter dramatischen Umständen aus dem Ghetto, während die Mutter bei ihrem neuen Ehemann zurückblieb und ermordet wurde. Nach dem Krieg machte der Hochbegabte unter den Fittichen seiner Großmutter mit neuem Namen bald als Klavierwunder Karriere und studierte ebenso Komposition. Sein nicht einfacher Charakter, wen wundert es nach einer solch` schrecklichen Kindheit, schuf ihm immer wieder Probleme. Seine letzten Jahre verbrachte Tschaikowsky als gefeierter Virtuose in Frankreich und England. Als skurriles Vermächtnis erbte die Royal Shakespeare Company seinen Schädel für Hamlet-Aufführungen, so geriet er sogar noch auf eine englische Briefmarke.

 

Es ist nicht zu hoch zu bewerten, daß David Pountney und sein Team jetzt endlich seinen "Kaufmann von Venedig" zur Uraufführung brachten. Schon die als Komödie veranschlagte Shakespeare-Vorlage hat es mit der schwierigen Figur des Juden Shylock in sich, denn diese Figur an sich ist schon als antisemitische Karikatur zu werten, wer also, wenn nicht ein Komponist jüdischer Abstammung, würde sich nach dem Holocaust an ein solches Sujet wagen. Das Werk selbst trägt in seinen vier Akten schon einige dramaturgische Schwächen in sich; die Handlung setze ich hier einfach mal als bekannt voraus, denn die Auflösung geschieht eigentlich schon im dritten Aufzug, während der vierte wie ein Appendix daranhängt und mit seinen drei Paaren und der buffonesken Liebesprobe, wie dem melancholischen Ende, ein wenig an "Cosi fan tutte" erinnert. Doch gerade dieser Akt mit seiner wunderbaren Reflexion über die Musik bildet die kompositorische Keimzelle, die Tschaikowsky zur Vertonung inspiriert hat. Hier findet sich auch wundervoll lyrische Musik, die über die grausamen Geschehnisse einen versöhnlichen Schimmer wirft. Tschaikowskys Musik ist für mich nach dem ersten und einmaligen Hören, nicht ganz leicht zu beschreiben: gediegen moderne Töne ohne für die Kompositionszeit (1964-78) avantgardistisch zu sein, das dramatische Geschehen wird auf emotionalem Weg gut unterstrichen, es gibt Anklänge an Alte Musik, wie an die Tonkunst britischer Komponisten des Zwanzigsten Jahrhunderts, ohne nachzuahmen, irgendwie damit sogar eine kleine Hommage an den Jubilar Benjamin Britten. Auf jeden Fall eine sehr bühnenwirksame Musik, besonders packend der dritte Akt mit dem Gerichtsurteil. Ein Werk, dem man in den Spielplänen gerne wiederbegegnen möchte.

Keith Warner siedelt die Handlung im 19.Jahrhundert an; Ashley Martin-Davis`Bühnenbilder wirken mit ihren Anspielungen auf das Bankenwesen dieser Zeit manchmal etwas unterkühlt, seine Kostüme zeigen gesellschaftlichen Rahmen auf, ohne irgendwie zu karikieren, ebenso wirken die ersten Akte in der etwas oberflächlichen Inszenierung leicht aufgesetzt, manchmal streifen sie gar den Slapstick wie in der Kastenprobe des zweiten Aktes. Im dritten Aufzug wird das Spiel dann wirklich konzentriert und packend, während sich der lyrische Finalakt mit den träumerisch surrealistischen Bildern passend absetzt.

Erik Nielsen am Pult der Wiener Symphoniker läßt die "Neue Musik" leuchten, man möchte am liebsten zu den Orchesterkonzerten, die thematisch diese Uraufführung rahmen, noch bleiben, wenn man könnte. Geschickt, ohne larmoyant zu wirken, gibt Adrian Eröd mit ernsthaftem Gestus und männlichem Bariton den Shylock; ihm gegenübergestellt ist der andere Außenseiter; Antonio, der Kaufmann von Venedig, verpflichtet sich ihm mit Leib und Leben für seinen Freund einzustehen, ein unglücklich liebender Homosexueller, der für die melancholische Trübheit und den fast todessüchtigen Gestus einsteht; Christopher Ainslie singt diese zentrale Figur mit lyrischem Countertenor, auch hier eine nicht outrierende Gestaltung. Kathryn Lewek ist mit jugendlichem Sopran die selbstbewußte Tochter Shylocks und nimmt ihres Lebens Fäden in eigene Hände, Jason Bridges als Lorenzo mit leichtem Tenor der passende Partner. Charles Workman ist mit deutlicherer Tenorpräsenz das für Antonio unerreichbare, heterosexuelle Liebesobjekt, Bassiano, gerät an die schelmische Portia, Magdalena Anna Hofmann mit leicht spröden Sopranhöhen. Ihre Vertraute Nerissa, mit angenehmem Mezzo-Timbre Verena Gunz, gerät an Gratiano in Gestalt von David Stouts körnigem Bass-Bariton. Richard Angas als Doge von Venedig, Adrian Clarke als Salerio und Norman D. Patzke als Solanio geben ihren Rollen hervorragendes stimmliches wie szenisches Profil. Hanna Herfurtner punktet mit schönem Sopran als namenloser Knabe. Julius Kubiak und Elliot Lebogang Mohlamme dürfen als Prinzen von Aragon und Marokka für die skurilen Faxen zuständig sein. Der Prager Philharmonischer Chor wirkt als Ensemble wie in den Chorsoli überzeugend.

Insgesamt ein sehr überzeugendes Profil mit einer im Laufe des Abends immer besseren Inszenierung. Ein wichtiges Werk des zwanzigsten Jahrhunderts wurde wiederentdeckt und harrt jetzt darauf von anderen Bühnen nachgespielt zu werden, es würde sich sicherlich lohnen. Da Bregenz medial stets gut vernetzt ist; Ö 1 und ORF 3 live übertragen haben, wird es sicher auch Möglichkeiten geben, diese musikalische Großtat nachzuerleben.

Herzlichen Glückwunsch auch an David Pountney, der für sein Engagement für die polnische Musik (Szymanowski, Weinberg und A. Tschaikowsky), vom polnischen Staat verdientermaßen geehrt wurde.

Martin Freitag, 08.08.13

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Premiere am 17.07.13

 

Drei Monschterle im See

 

 

Jedes Jahr, wenn die Festspiele in Bregenz eine neue Seeproduktion herausbringen, kann man gespannt sein, was einen für Aufbauten erwarten. Dieses Jahr hatte man sich für Mozarts "Die Zauberflöte" entschieden, was dazu führte, daß schon vor der Premiere sämtliche Aufführungen ausverkauft waren. Intendant Pountney wird seiner Nachfolgerin also ein finanziell sehr solides Fundament hinterlassen.

 

Ja, was sticht nun ins Auge des Betrachters? Das sind zunächst einmal drei riesige, bunte Skulpturen mit gewaltigen Fletschzähnen, die mich zunächst an die Kinderbuch-Monster aus "Wo die wilden Kerle wohnen" erinnern, in ihrer bunten Farbigkeit vielleicht noch an die großen Nana-Figuren von Nicki de Saint-Phalle, alle drei verbunden durch zwei Hängebrücken. Steht man dann vor der Bühne sieht man auf eine grüne Insel in Schildkrötenform mit riesigen Grashalmen, die durch ein Gebläse bis auf sechs Meter Höhe gepustet werden und so den Wald für Papageno darstellen können. Johan Engels Bühne kann dieses Jahr (zum ersten Mal) auch gedreht werden und ermöglicht so die schnellen Szenenwechsel in die goldene Tempelwelt Sarastros oder auf das blaue Auge des Mondes, aus welchem die Königin der Nacht in den Himmel steigt. Schon zur Ouverture schwimmt eine Barke mit dem Leichnam von Paminas Vater in den Vordergrund, nachdem Sarastro den Sonnenkreis und Pamina geraubt hat, kommt es gleich zu einem aktionslastigem Handgemenge der Parteien, der jedem Fantasy-Film zur Ehre gereichen würde, samt Pyro-Effekten, was jedoch aufgrund Geschrei auch zu Lasten der Musik geht. Spektakulär auch die jagende Schlange, wie die riesigen Puppen der drei Damen auf ihren leicht urtümlichen Reittieren, die von jeweils drei Spielern bedient werden und wie Marionetten die Münder zum Gesang öffnen. Marie-Jeanne Lecca versetzt den Zuschauer mit ihrer Phantasie bei den Puppen und den Kostümen ins Staunen der Kindheit. Die drei Knaben auf der seetauglichen, kleinen Schildkröte, wie die Geharnischten sind ebenfalls Figuren und werden gesanglich aus dem Festspielhaus dazugesteuert. Besonders gut gefallen mir die Kostüme von Papageno aus Putzutensilien und leeren, farbigen Plastikflaschen, wie Papagena als alte Kantinenkraft. Zum Schluss gibt es noch einmal eine finale Schlacht, die lediglich das hohe und das niedere Paar überleben, das alte System hat sich verabschiedet. Ansonsten wird mit Effekten nicht gespart, atemberaubende Action-Stunts, Feuerwerke, und, und, und.....da geraten die zweieinviertel Stunden Spieldauer recht kurzweilig. Ja, wahrscheinlich eine der kürzesten Zauberflöten! Dafür hat man nicht nur die Dialoge verknappt, sondern auch gehörig an der Musik geschnippelt: Dritte Papagenostrophen, die zweite "Heilge-Hallen"-Strophe, große Teile des ersten Finales, das "Weibertücken"-Duett (nicht so schade), das Terzett "Soll ich dich Teurer nicht mehr seh`n" (musikalisch sehr schade). Ist es nötig dem Publikum so sehr entgegenzukommen? Wo sind die Zeiten mit dreieinhalb Stunden "Porgy uns Bess"? Das Hinterherlaufen hinter dem Zuschauer senkt, meines Erachtens, das Niveau und die Aufnahmefähigkeit nur noch weiter. Letztendlich bleibt auch die Frage im Raum stehen, was sollen die drei Höllen-Drachenhunde (laut Programmheft) wirklich darstellen? Ist das nur eine nette Deko oder steht da noch etwas dahinter ? Übrigens nicht nur eine Frage, die sich der "Zauberföten"-erfahrene Kritiker stellt, sondern auch der einfache Nicht-Opern-Gänger, wie ich das vernehmen musste. Vielleicht ist diese "Zauberflöte" doch zu sehr auf Show gebürstet, etwas was die anderen Seeproduktionen nie so auffällig aufwiesen.

Patrick Summers unterstützt mit den Wiener Symphonikern in leicht historisch gefärbtem Spiel mit gesanglichen Kadenzverzierungen den Soundtrack zur Show. Daniel Schmutzhard ist als menschlich sympathischer Papageno, natürlich mit Dènise Becks süßer Papagena an der Seite, der Empathieträger des Abends, sein Bariton klingt maskulin, wie geschmeidig. Leider gefällt mir gerade das hohe Paar nicht so recht: Norman Reinhardt springt für den erkrankten Rainer Trost als Tamino ein und singt die Partie mit unsicheren Übergängen. Gisela Stilles Pamina läßt das lyrische Leuchten vermissen, stimmlich ist sie mit den leicht geschärften Höhen schon mehr ihm jugendlich-dramatischen Fach angesiedelt. Für mich ist Ana Durlovski, die ich nur aus anderen Kritiken kannte, eine echte Entdeckung, denn ihre Königin der Nacht wartet nicht nur mit blitzend sauberen Koloraturen (Triolen!) auf , sondern gibt durch ihr dunkel getöntes Stimmfundament der oft sehr eintönig gesungenen Partie eine dramatische Vielfarbigkeit, eine der interessantesten Stimmen, die ich in letzter Zeit gehört habe. Bei Alfred Reiters sattem Basso cantante fehlt die zweite Hallen-Strophe um so schmerzlicher. Martin Koch ist ein recht unbuffonesker, ernstzunehmender Monostatos. Magdalena Anna Hofmann, Verena Gunz und Katrin Wundsam als die drei Damen, wie Laila Salome Fischer, Eva Dworschak und Dymfna Meijts als drei Knaben singen ohne Fehl und Tadel aus dem Festspielhaus. Eike Wilm Schultes Bassbariton als erster Sprecher läßt eine der Partie angemessene Reife anklingen. Der Prager Philharmonische Chor unter Lukas Vasilek ist, wie immer, eine sichere Nummer. Gesanglich also ein sehr gediegenes Niveau.

Als Abschluss, nachdem passend zur Wasserprobe ein leichter Sommerregen einsetzte, großer Premierenjubel. Was mir allerdings auffiel: immer wenn die Aufführung sich auf die Musik verließ, wurde das Publikum ruhiger, je mehr "Action" auf der Bühne war , um so mehr wurde geschwätzt, leider auch fotographiert, machte sich eine Unruhe bemerkbar. Vielleicht sollte man doch mehr auf die positiven Aspekte einer Verlangsamung der Zeit, eines größerem Vertrauens in die Musik, einer geringeren Überreizung unser Sinneswahrnehmungen setzen?

Martin Freitag, 07.08.13

 

 

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