
Das Drama The Wreckers der englischen Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) scheint sich zu einem Repertoirestück zu entwickeln, erscheint es doch in letzter Zeit gelegentlich auf deutschen Bühnen und findet zu Recht großen Zuspruch. Dabei hätte es längst ein Repertoirestück sein können, denn der bedeutende Dirigent Arthur Nikisch setzte die Uraufführung in einer deutschsprachigen Version unter dem Titel Strandrecht für 1906 in Leipzig an. Sie wurde ein großer Erfolg, doch nicht Nikisch dirigierte – er wurde vorher abberufen – sondern sein Nachfolger Richard Hagel. Dieser nahm ohne Rücksprache mit Smyth Kürzungen und Änderungen vor. Die erboste Smyth nahm kurzerhand alles Notenmaterial an sich, und so blieb es bei dieser einen Aufführung. Die spätere englischsprachige, von der Komponistin autorisierte Fassung (die erste war auf Französisch) kam 1909 in London auf die Bühne und wurde gelegentlich bis 1939 gespielt, wo der junge Benjamin Britten sich von ihr inspirieren ließ und dessen Opernerstling Peter Grimes nun das neue Küsten-Operndrama werden sollte. Ethel Smyth hat das Material für ihre Oper an den Küsten Cornwalls gesammelt. Auch dort galt das allgemein übliche Strandrecht: Was nach einer Schiffshavarie ans Ufer gespült wird, gehört dem Finder, solange die Schiffsbesatzung keinen Anspruch darauf erhebt. Da passierte es schon mal, dass die Küstenbewohner diesen Anspruch unterbunden, indem sie die Schiffbrüchigen ermordeten (auch aus Sylt gibt es Berichte hierüber). Auf Anregung Smyths schuf der Schriftsteller Henry B. Brewster (Schwager der mit Smyth befreundeten und mittlerweile verstorbenen Gattin des Komponisten Heinrich v. Herzogenberg) ein Libretto, in dem sich Liebe, Eifersucht, eheliche Untreue, religiöser Fanatismus, Massenhysterie und Zivilcourage zu einem großen Drama verdichten. An der kargen, mit gefährlichen Klippen versehenen Küste Cornwalls leben die Dorfbewohner von angeschwemmtem Strandgut. Dabei glauben sie, indoktriniert von ihrem Pastor Pascoe, Gottes Willen zu folgen, wenn sie Schiffe vorsätzlich zur Havarie brächten und, als „auserwähltes Volk Gottes“, deren ungläubige Besatzungen umbrächten. Pastor Pascoe hat eine viel jüngere Frau, Thirza, die mit dem Fischer Mark ein geheimes Verhältnis pflegt.

Mit dem hatte auch einmal Avis eine kurze Affäre, aber er macht ihr klar, dass die vorbei sei, was Avis sehr erzürnt. Thirza wiederum missbilligt die von ihrem Mann gepredigte mörderische Praxis des Strandraubs, womit sie zur Außenseiterin des Dorfes wird. Jack, der Sohn des Kneipiers Tallan, ist in Avis verliebt. Dies ist die entscheidende Personenkonstellation in The Wreckers. Die Figur der Thirza trägt autobiografische Züge, denn Smyth war eine sehr widerständige Frau, die für ihr Engagement in der Frauenwahlrecht-Kampagne ins Gefängnis ging. Bemerkenswert ist die Stimmfach-Aufteilung: Thirza, „die Gute“, ist ein Mezzosopran, Avis, „die Böse“, ein Sopran. Der Junge Jack ist eine Hosenrolle mit einem Mezzosopran. Sonst ist es bei den Männern wie üblich: Mark, der Held, ist ein Tenor. Die Oper beginnt damit, dass sich das Volk zum Missfallen des Pfarrers betrinkt, weil zuletzt nichts Brauchbares an Bord der verunglückten Schiffe war. Der Leuchtturmwärter Lawrence (Avis‘ Vater) beobachtet jedoch ein anderes Lichtsignal, das Schiffe vor den Klippen warnt. Avis behauptet, den Verräter zu kennen, doch Lawrence hält sie zurück und verlangt Beweise. Thirza eröffnet ihrem Mann ihre Ablehnung der mörderischen Praxis, was diesen erschüttert. Avis erkennt seine Verzweiflung und verdächtigt ihn des Verrates. Doch ihr Vater teilt nicht ihre Meinung. Man will die Verursacher dieses Signals ausfindig machen, wozu Avis den sie anbetenden Jack mitnimmt. Im zweiten Akt lernt man Mark als Verursacher des Leuchtfeuers kennen. Thirza warnt ihn vor dem Suchtrupp. Sie vergewissern sich ihrer Liebe und beschließen zu fliehen. Zum Abschied entzünden sie ein großes Feuer. Pascoe überrascht sie, sieht den Verrat seiner Frau an seiner Ehe und an seinem Glauben und wird ohnmächtig. Das Paar verschwindet; der Suchtrupp findet Pascoe am verlöschenden Feuer und hält ihn für den Verräter. Im dritten Akt tagt das Dorfgericht, um Pascoe zu verurteilen. Der ist so anständig, Thirza zu schützen, und verteidigt sich nicht. Aber Avis nutzt die Gelegenheit, ihre Konkurrentin um Mark auszuschalten und verdächtigt deshalb Thirza, ihren Mann verhext zu haben. Um sie und Pascoe, dem das Todesurteil droht, zu retten, tritt Mark vor und bekennt sich schuldig, und Thirza bekennt sich zu Mark. Zwar versucht Avis noch, Mark zu retten, indem sie ein falsches Alibi vorgibt – er sei die ganze Nacht bei ihr gewesen. Doch Thirza hält zu Mark, und beide werden zum Tod in der steigenden Flut verurteilt.

Zu der Vielschichtigkeit des Dramas hat Smyth eine abwechslungsreiche, farbige Partitur geschaffen. Die Kraft des Meeres kommt in ihr genauso zum Ausdruck wie die in schmachtenden Harmonien und hymnischen Verläufen charakterisierte Liebe zwischen Thirza und Mark. Anlehnungen an Kirchenchoräle und Volkslieder umgeben die Dorfbewohner, solange sie nicht aufgewiegelt sind, denn dann lässt die Grand Opéra grüßen. Es ist weniger eine kompositorische Geschlossenheit als die Expressivität und Situativität der Musik mit überraschenden Wendungen und die virtuose und vielfältige Orchesterbehandlung, die die Zuhörer fesseln. Natürlich schimmern gelegentlich Wagner oder Gounod durch, aber die haben ja auch ihre Inspirationsquellen gehabt. Schon das Vorspiel lässt verschiedene Motive und Stimmungen flüssig aufeinander folgen, was wie erst später entstandene Filmmusik klingt. Insgesamt besticht die orchestrale Ausführung dieser Aufführung durch natürlichen Fluss und Transparenz. Der Detmolder GMD Per-Otto Johansson erzeugt mit dem Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold eine fast schon französische Eleganz anstatt sich zu knalligem Auftrumpfen verleiten zu lassen. Nie übertönt es die Solisten, nur die Aktschlüsse hätten mehr Emphase vertragen können. Auch sängerisch bewegt sich die Aufführung auf hohem Niveau. Marcel Brunner ist der einzige Gast auf der Bühne und verleiht mit seinem ebenso schlanken wie ausdrucksvollem Bassbariton dem Pascoe Würde und Autorität. Seine Frau Thirza wird von Lotte Kortenhaus mit lyrischer und weicher Stimme sehr sympathisch gezeichnet. In der Auseinandersetzung mit Pascoe beeindruckt sie mit herausgeschleuderten Spitzentönen, in den Szenen mit Mark mit großen, leuchtenden Bögen. Ihr Mezzo passt gut zu dem baritonal gut fundiertem Tenor von Ji-Woon Kim. Mit seiner heldischen, gleichwohl belcantesten Stimme zeigt er, dass man mit der Besetzung des Mark stimmlich nicht zu sparsam sein sollte, indem man etwa einen lyrischen Tenor oder Charaktertenor nimmt. Kortenhaus und Kim sorgen sängerisch somit für das, was man von gemeinhin von einem großen Opernabend erwartet, so leidenschaftlich besingen sie ihr Schicksal. Die Gegenspielerin Avis ist bei Johanna Nylund ideal aufgehoben. Trotz ihrer Enttäuschung in der Liebe und ihrer Verruchtheit im sozialen Gefüge behält sie ihren leuchtenden Sopran bei und verfällt nicht ins Keifen, wenn sie ausdrucksvoll Verzweiflung oder Attacke zeigt. Gleichwertig sind auch die anderen Partien besetzt: Jonah Spungin singt mit seinem mächtigen Bariton den Lawrence, der trotz seines schändlichen Abdunkelns des Leuchtfeuers, für das er Verantwortung trägt, moralische Autorität besitzt und die Anschuldigungen seiner Tochter entschieden zurückweist. Sein Schwager Harvey wird von Jaime Mondaca Galaz mit wuchtigem Bass gestaltet. Der Wirt Tallas ist Nikos Striezel mit klarem und hellem Tenor und Jack die muntere Franziska Pfalzgraf. Der Opernchor, dem in den Außenakten eine tragende Rolle zukommt, beeindruckt durch weite Dynamik, ausdrucksvolle Phrasierungen und sichere Intonation. Chordirektor Francesco Damiani hat hervorragende Arbeit bei der Einstudierung geleistet.

Für die Intendantin Kirsten Uttendorf ist The Wreckers ein Wunschstück und sie ist für die Inszenierung und die Regie verantwortlich. Sie will das zeitlose Thema einer in festen Strukturen lebenden Gesellschaft zeigen, die von Gier angetrieben wird und in den nur einzelnen Individuen ein Gewissen besitzen. Dazu liefert sie bestenfalls eine einfache Darstellung des Inhalts. Dass mehr Durchdachtes nicht zu erwarten ist, zeigt sich gleich zu Beginn, als die Dorfbevölkerung statt angesichts fehlender Beute zu hungern sich fröhlich und entspannt unterhält und vom erwähnten Bier keine Spur zu sehen ist. Der gröbste handwerkliche Fehler offenbart sich im zweiten Akt, wenn der Suchtrupp von der Seite auf die Bühne kommt, in die eine Sekunde zuvor Thirza und Mark geflohen sind. Das Ganze ist ziemlich statisch geraten. Lediglich Johanna Nylund ist mit ausdrucksvoller Bewegung, Gestik und Mimik ein Aktivposten. Sie ist eindeutig die die Handlung vorantreibende Figur. Das Bühnenbild von Jule Dohrn-van Rossum besteht aus einer Holzkonstruktion mit Steg und Rampe. Angeblich haben die Dorfbewohner es aus Treibgut errichtet, es sieht aber aus wie frisch aus dem Baumarkt geholten gleichgroßen Latten gezimmert. Vor der nächsten Aufführung sollte es dringend in den Malersaal! Aus dem Baumarkt sind auch die Kanthölzer, mit denen das Volk sich für die Suche nach dem Verräter bewaffnet. Oder will man damit andeuten, dass wir alle, die wir ja Baumarktkunden sind, eine gierige, ausbeuterische, mörderische Gesellschaft sind? Oder sind wir der stumme Seebär, der nahezu unbeteiligt und beobachtend die gesamte Aufführung über am Rand sitzt? Glaubwürdiger sind die auch für den Chor individuellen Kostüme von Claus Stump,deren Farblosigkeit für die tote Gesellschaft steht. Ihnen nimmt schon eher ab, dass sie größtenteils aus Strandgut bestehen. Pascoe gönnt sich einen eleganten Gehrock und Avis betont ihre Aufmüpfigkeit mit einem Pelzjäckchen und einer für das Dorf gewagten Frisur. Warum Jack zwar ein Oberlippenbärtchen, aber auch einen braven Mittelscheitel mit Zöpfchen trägt, bleibt unklar, und netter-, aber überflüssigerweise tragen Thirza und Mark das gleiche Medaillon um den Hals. Das Feuer, das Mark im zweiten Akt entzündet, gereicht dem Götterdämmerung-Finale zur Ehre. Aber die finale, tödliche Flut (oder, um beim Vergleich zu bleiben, das über die Ufer Treten des Rheins) darzustellen ist man nicht in der Lage. Stattdessen singt das Liebespaar seine Abschiedsworte händchenhaltend vor dem geschlossenen Vorhang, der Text hierzu liegt dem Programmheft bei. Am Ende scheint The Wreckers somit zu einer tragischen Liebesgeschichte verkommen zu sein. Von den enthaltenden und aus der aktuellen Weltlage zu entnehmenden Möglichkeiten zur Inszenierung, etwa die Brutalität der moralisch verkommenen, religiös indoktrinierten Gesellschaft oder der Kampf um knapper werdende Ressourcen angesichts der Klimakrise wurde in dieser Inszenierung leider kein ersichtlicher Gebrauch gemacht. Das Detmolder Premierenpublikum ließ sich davon nicht beirren und bejubelte die Aufführung und bewies damit, dass The Wreckers ins Repertoire gehört.
Bernhard Stoelzel, 7. März 2026
The Wreckers
Ethel Smyth
Landestheater Detmold
6. März 2026 (Premiere)
Inszenierung: Kirsten Uttendorf
Musikalische Leitung: Per-Otto Johansson
Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold