„Manche Züge der Musik der letzten anderthalb Jahrzehnte wurden von Mahler vorausgenommen… die Emanzipation der Klangfarbe…ferner die Diskontinuität, das Zerbrechen des Zusammenhangs in Stücke, die bei scheinbarere Divergenz und Unverbundenheit dennoch rätselhaft aufeinander bezogen sind und schließlich der Hang, Bruchstücke der niederen Musik in die artifizielle einzufügen…, also die Grenze zwischen der Musik als Kunst und der Trivialmusik, wie sie in der Sprache ihrer Verächter heißt, nicht zu respektieren“ (Carl Dahlhaus).

Gustav Mahler führt mit seinen sinfonischen Kompositionen die klassisch-romantische Tradition von Beethoven, Schubert und Bruckner zu ihrem Höhepunkt und gleichzeitig zu ihrem Abschluss. Dabei steht in seinen Sinfonien das ständige Ringen um die grundlegende Frage nach dem Sinn des Lebens im Mittelpunkt, eines Lebens mit all seiner Grausamkeit, der Liebe und seiner Schönheit, dem Glauben an ein himmlisches Jenseits und der Sehnsucht danach. Auch für Mahler gilt das Beethoven‘sche Prinzip: Von der Dunkelheit zum Licht – per aspera ad astra. Ländler, Lieder, Märsche durchbrechen immer wieder die sinfonische Entwicklung: es entsteht ein Nebeneinander von Humoristischem und Gefühlvollem, von Sarkasmus und „bitterster Verzweiflung an den selbstgesteckten Idealen“ (Jost Hermand) – eine Reaktion auf seine persönliche Situation und die gesellschaftlichen Widersprüche der Zeit. Eine beklemmende Parallele zeigt sich später im Schaffen von Dmitri Schostakowitsch.
Gustav Mahler (1860-1911), in Böhmen geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen. Schon früh zeigt sich seine ungewöhnliche musikalische Begabung. Bereits im Alter von fünfzehn Jahren kommt er an das Wiener Konservatorium, studiert Klavier, Komposition und Dirigieren, studiert einige Semester Archäologie und Musikgeschichte (bei Eduard Hanslick) an der Universität und nimmt Unterrichtsstunden bei Anton Bruckner. Als Neunzehnjähriger tritt er seine erste Kapellmeisterstelle an. Nach mehreren Stationen wird er 1888 in Leipzig Theaterkapellmeister. In seiner Kreativität beflügelt durch eine leidenschaftliche Affäre mit Marion von Weber, der Frau des Enkels von Carl Maria von Weber, schreibt er für ihre Kinder die ersten Wunderhorn-Lieder, komponiert die Erste Sinfonie und den späteren ersten Satz der Zweiten, damals noch unter der Überschrift Todtenfeier, zunächst noch als sinfonische Dichtung konzipiert. Dann geht Mahler als Erster Kapellmeister an das Stadttheater Hamburg und ist mit Operneinstudierungen, Dirigaten von Vorstellungen und Konzerten voll beschäftigt. Für das Komponieren bleiben nur die Sommerferien vom „Theater-Höllenleben“ (Gustav Mahler). In Hamburg vollendet Mahler seine Sinfonie Nr. 2 c-Moll.
Das noch in Leipzig skizzierte Andante und der dritte Satz werden 1893 fertig, und 1894 kann Mahler das Werk mit Urlicht und dem Finale abschließen. Ein Versuch, 1893 den Dirigenten Hans von Bülow mit den auf dem Klavier vorgetragenen ersten Sätzen für sein neues Werk zu interessieren, endet nach wenigen Takten damit, dass dieser sich die Ohren zuhält und ausruft: „Wenn das Musik sein soll, dann verstehe ich nichts mehr von Musik“. Im Jahr darauf verstirbt Hans von Bülow und im Begräbnisgottesdienst in der Hamburger St. Michaelis-Kirche singt der Chor von der Empore den Klopstock-Hymnus Aufersteh‘n wirst du. Das wird die Inspiration für den Finalsatz! „Wie ein Blitz traf mich dies, und alles stand klar und deutlich vor meiner Seele!“ (Gustav Mahler). Es ist interessant, dass Mahler dann für das Finale seiner Sinfonie nur die ersten zwei Verse der Ode Die Auferstehung von Klopstock nutzt. Den dann folgenden Text, beginnend mit O glaube, mein Herz, o glaube! hat der Komponist selbst verfasst – seine persönliche Sicht auf das Thema der Erlösung und Auferstehung. In einem Brief an seinen Freund Max Marschalk vom 20. März 1896 verweist Mahler auf das innere Programm der Sinfonie. Die eigenen nachträglichen, poetisierenden Auslegungen (so in einem Brief an Alma im Jahr 1901) zieht er später jedoch wieder zurück.
Mit seiner Sinfonie Nr. 2 c-Moll (Unter Bezug auf den Finalsatz hält sich bis heute der nicht autorisierte Zusatz Auferstehungssinfonie) schreibt Gustav Mahler eine in die Zukunft weisende Komposition über Leben, Tod und Erlösung und sprengt alle Konventionen, alle Grenzen: Sie ist mit 90 Minuten Spieldauer eine der längsten Sinfonien überhaupt, die Besetzung mit ca.115 Musikern, Gesangssolisten, Chor und Orgel ist gewaltig, statt der bisher üblichen vier Sätze schreibt Mahler fünf, auch in den Ecksätzen hält er sich nur lose an die bislang gängige Sonatenhauptsatzform. „Bisher glaubte ich, dass Richard Strauss das Haupt der Umstürzler sei, nun sehe ich aber, dass Mahler der König der Revolutionäre ist“ (Johannes Brahms).

Die großzügig angelegten Ecksätze bilden den kompositorischen Rahmen der Sinfonie. Der 1.Satz: Allegro maestoso mit durchaus ernstem und feierlichem Ausdruck ist ein Trauermarsch für den Helden der Ersten, dem in Mahlers Worten in der Zweiten die Totenfeier bereitet wird. Nach dem dramatisch unerbittlichen, an den Anfang von Richard Wagners Walküre erinnernden Beginn in den tiefen Streichern entwickeln Oboen, Englisch-Horn und Klarinetten das Thema. Lyrische Phrasen, eine kurze choralartige Passage, eine harmonische Wendung nach lichtem C-Dur, können sich gegen den Marsch nicht lange behaupten. Mit dem schmerzlichen kleinen Sekundintervall e-es endet der Satz. Die existentielle Frage: „Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? Ist das alles nur ein großer furchtbarer Spaß?“ (Gustav Mahler) findet ihre Antwort im monumentalen 5. Satz: Im Tempo des Scherzo. Wild herausfahrend, der noch einmal die Kämpfe des ersten Satzes reflektiert. Noch einmal erscheint die Passage mit der düsteren Dies irae-Sequenz aus dem ersten Satz, jetzt aber im Kontrast mit dem strahlenden Auferstehungsmotiv in den Posaunen. Wechsel der Harmonien, das häufig wiederkehrende seufzende kleine Sekundintervall, das Ermüden der dynamischen Steigerungen – das Bedrohliche des ersten Satzes verliert mit Einsatz des Fernorchesters an Schärfe. Der Chor beginnt Langsam. Misterioso fast unhörbar mit den Worten Friedrich Gottlieb Klopstocks „Aufersteh‘n, ja aufersteh‘n wirst du“. Mit dem hervorleuchtenden Sopran „Du wardst nicht umsonst geboren, hast nicht umsonst gelebt, gelitten“, dem innigen Zwiegesang der beiden Solistinnen, der ständig zunehmenden Intensität, der hinzukommenden Orgelendet das Werk in einem triumphalen Finale Mit höchster Kraft in Es-Dur.
Nach dem gewichtigen Beginn verlangt Mahler fünf Minuten Stille. Der 2. Satz: Andante moderato. Sehr gemächlich ist ein an Schubert erinnernder, von den Streichern vorgetragener Ländler, eine wehmütige Rückschau auf die glücklichen Momente im Leben des verstorbenen Helden. Ein von Triolen geprägter Teil löst den Ländler ab. Bei der Rückkehr zum Anfang wird das Thema in den Violinen von einer schwärmerischen Kantilene der Celli umspielt. Noch einmal folgt eine Unterbrechung, diesmal wird das Anfangsthema über die Triolen gelegt. Nach einer dramatischen Steigerung kommt der Ländler noch einmal im Pizzicato der Streicher zurück. Die Holzbläser übernehmen das Thema. Mit einem sehnsuchtsvollen Abgesang endet der Satz. Der folgende 3. Satz: In ruhig fließender Bewegung ist ein Scherzo im Dreiertakt, das auf dem Wunderhorn-Lied Des Antonius von Padua Fischpredigt basiert. Die Melodie wirkt zunächst harmlos, bis ein groteskes Motiv der Klarinette die Entwicklung zerflattern lässt – ein Sinnbild für das Leben als sinnlose Tätigkeit und trügerisches Treiben. Auch mit dem 4. Satz „Urlicht“ Sehr feierlich, aber schlicht choralmäßig übernimmt Mahler ein Lied aus der Wunderhorn-Sammlung: ein kurzes Lied für die Alt-Stimme, das in kindlichem Glauben den Wunsch nach Erlösung ausdrückt: „O Röschen rot! Der Mensch liegt in größter Not! Der Mensch liegt in größter Pein!“. Nach einem bewegten, spielerischen Mittelteil findet die Musik wieder zur Schlichtheit des Anfangs zurück. Die mehrmaligen Wechsel von Dur und Moll, die sehnsuchtsvolle Stimmung führen attacca in den 5. Satz.
Einer Erstaufführung der Sätze 1-3 am 4. März 1895 folgt am 13. Dezember desselben Jahres die Uraufführung der vollständigen Sinfonie in Berlin. Nahezu alle Kritiker urteilen verständnislos, mit Spott oder feindselig. Das Publikum aber belohnt die Aufführung mit langanhaltenden Ovationen. „Hier in Berlin nun hatte er im Grunde sein künftiges Schicksal als Komponist unter schweren Opfern auf eine Karte gesetzt (…). Aber doch war der Eindruck von der Größe und der Originalität des Werkes, von der Gewalt des Mahler‘schen Wesens so tief, dass man von diesem Tag an seinen Aufstieg als Komponist datieren kann“ schreibt der Dirigent Bruno Walter am 13 Dezember 1895.
Nach Jahren der Ächtung und der Ressentiments findet die eigentliche Rehabilitierung und Wiederentdeckung der Musik von Gustav Mahler erst in den sechziger Jahren statt, nämlich nach der Rede von Theodor W. Adorno zum 100. Geburtstag des Komponisten und durch den vehementen Einsatz von Leonard Bernstein für das Werk.
Sir Simon Rattle, heute Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, ist seit 2008 regelmäßiger Gastdirigent an der Berliner Staatsoper. Erst im Februar dieses Jahres konnte er mit der Premiere Das schlaue Füchslein seinen vielbeachteten Janáček- Zyklus beenden.

Nach einem Konzert mit Mahlers 2. Sinfonie entschloss sich der jugendliche Simon Rattle, Dirigent zu werden. Mit dieser Sinfonie verbindet ihn bis heute ein besonderes Verhältnis. Er dirigiert das 90minütige Werk auswendig und schafft mit seiner Interpretation eine große Erzählung. Rattle findet trotz der gewaltigen klanglichen Eruptionen, die selbst die Berliner Philharmonie zu sprengen drohen, immer wieder in ein differenziertes, durchsichtiges, ergreifendes Musizieren zurück. Geradezu liebevoll fordert seine linke Hand die kompositorisch wichtigen Orchestergruppen: es gelingen wunderschöne Übergänge in zartestem Pianissimo. Nur zuhörend, mit einer großen innerlichen Ruhe genießt er die Pizzicato-Variante des Ländlers im zweiten Satz – in gegenseitigem Vertrauen mit dem Orchester. Die Musiker folgen ihrem Dirigenten mit größtem Einsatz, mit Aufmerksamkeit und Hingabe. Die Berliner Staatskapelle leistet Außerordentliches. Sie kann glänzen mit ihrem warmen, vollen Klang, ihrer transparenten Spielkultur und dem Können ihrer Spieler, mit herrlichen Soli, mit der großartigen Gruppe der vier Posaunen und Tuba und, und, und.
Eine Starbesetzung auch bei den Gesangssolisten. Die britische Altistin Karen Cargill ist eine international renommierte Wagner- und Mahler-Interpretin und gastiert regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern und bei den Orchestern der USA und Europas. Auch als Liedinterpretin ist sie erfolgreich unterwegs. 2017 engagierte Sir Simon Rattle die Sängerin für Schönbergs Gurrelieder zu den BBC-Proms. Für das Urlicht ist sie mit ihrer innigen, anrührenden Stimme, dabei immer deutlich in der Deklamation, eine ideale Interpretin. Zu ihr gesellt sich im letzten Satz die Sopranistin Christiane Karg. Neben ihrer Gasttätigkeit an verschiedenen Opernbühnen ist sie eine gefragte, mehrfach ausgezeichnete Konzert-, Lied- und Oratoriensängerin mit einem weitgespannten Repertoire. Die Solistinnen und der Staatsopernchor und der Jugendchor der Staatsoper, Einstudierung Dani Juris, vom Beginn aus dem Nichts bis zur Steigerung in den Schluss mit höchster Kraft klanglich stets ausgeglichen und sorgfältig abgestimmt (aber leider wenig textverständlich!), sorgen für ein großartiges Finale.
Nach einem Moment der Ergriffenheit bricht ein Begeisterungssturm los: Standing Ovations, langanhaltender stürmischer Applaus eines dankbaren Publikums, der erst endet, als sich der Dirigent und die Solistinnen noch einmal auf dem bereits geräumten Podium zeigen.
Am Abend zuvor, nach dem Konzert in der Oper, ernannte die Staatskapelle Berlin im Beisein von Christian Thielemann, der Intendantin der Oper und Kultursenatorin Sir Simon Rattle zum Ehrendirigenten, hoch verdient, in einer Reihe mit Otmar Suitner, Pierre Boulez, Zubin Mehta und Daniel Barenboim.
Anmerkung: Die Fotos stammen von der ersten Aufführung am Vortag in der Staatsoper.
Bernd Runge, 10. März 2026
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 2 c-Moll
Philharmonie, Berlin
10. März 2026
Christiane Karg, Sopra
Karen Cargill, Alt
Dirigent: Sir Simon Rattle
Staatskapelle Berlin