Riccardo Mutis einzigartiges Chorfestival mit 3600 Teilnehmern
Seine Arbeit als Musiker lässt sich zusehends weniger von seinen humanistischen und sozialen Idealen trennen. Riccardo Muti nutzt seinen Ruhm, seinen Einfluss, Kapital und gute Kontakte, um im größeren Stil für Frieden, Freundschaft, Harmonie und Liebe einzutreten. Seine Konzertreihe „Roads of Friendship“, die ihn seit 1997 immer wieder in Krisengebiete führt, auf dem Balkan ebenso wie im Nahen Osten, steht dafür ebenso exemplarisch wie seine Auftritte in Gefängnissen, wo er mit seinem Luigi Cherubini Orchester zu Beginn des Jahres für die Häftlinge spielte.
Muti ist nicht die erste Lichtgestalt in der Welt der klassischen Musik, aber seit dem Tod des Cellisten Mstislaw Rostropowitsch und der schweren Erkrankung Daniel Barenboims der letzte verbliebene, der die nötige Energie für entsprechende Projekte aufbringen kann. Und es voller Leidenschaft und Freude tut.

Das Chorfest „Cantare amantis est“, benannt nach einem Zitat des Heiligen Augustinus benannt und Teil des Ravenna Festivals, bewegt sich allerdings mit 3600 Mitwirkenden aus rund 460 Chören in einer bislang unübertroffenen Größenordnung. Die noch junge zweite Ausgabe widmete Muti mit Don Giovanni Minzoni einer historisch bedeutsamen Persönlichkeit, die sich als Pfarrer gegen den Faschismus in Italien positionierte und im Zuge dessen 1923 ermordet wurde. Exzeptionell ist dieses Festival aber vor allem auch in der Weise, wie sich Muti als Redner und Lehrer einbringt, mit spannenden Details zu Interpretation, Rezeptions- und Musikgeschichte sowie lustigen Anekdoten. Es wird viel gelacht an den beiden Tagen. Schon für die erste erfolgreiche Ausgabe 2025 gab es mehr als 10.000 Bewerbungen. Und ein wenig schmerzt es Muti, dass er aus Kapazitätsgründen nicht allen zusagen konnte. Eine Fortsetzung musste es deshalb unbedingt geben. Den nötigen Sponsor hat er auch gefunden: „Cantare amantis est“ wird von der Autoreifenfirma Pirelli finanziert. Die Teilnahme ist für Sängerinnen und Sänger kostenlos, sie zahlen nur für ihre Reise und Unterkunft.

Wie einen Popstar empfängt die Menge Muti in der ehemaligen Sporthalle, mit einem Beifall, der ein Beben auslöst. Die Euphorie lässt nicht nach, als Muti das Singfest mit Mozarts Motette „Ave verum corpus“ eröffnet. Der Maestro trägt hohe Ansprüche an die Teilnehmer heran. Er verlangt, dass sie an Stellen im Piano und Pianissimo – und davon gibt es in allen vier ausgewählten Stücken sehr viele – entsprechend leise singen. Und immer noch leiser. Kann denn das bei einer solchen Masse gelingen, wenn alle singen? Binnen Kürze hat Muti meine Bedenken zerstreut, er findet die richtigen Worte, um seine Vorstellungen auf die imposante Phalanx zu übertragen. Dem reinen Höreindruck nach würde man nie und nimmer denken, dass 3600 Menschen an dem Gesang beteiligt sind, alles tönt sehr homogen. Pure Magie liegt im Raum, so wie das Kollektiv unter des Maestros Händen auch einen Ausschnitt aus Verdis Requiem beseelt durchlebt, angefacht von dessen spiritueller Energie. Und wie es binnen kürzester Zeit immer mehr an Feinheiten und Details umsetzt, auf die sie Muti hinweist, der vielfach am Flügel vormacht, wie er sich ein Crescendo oder Decrescendo vorstellt oder ein Ritardando bei einem Übergang.

Wenn Muti dirigiert, wechselt Davide Cavalli an die Tasten, ein versierter Korrepetitor, der schon seit vielen Jahren für und mit ihm arbeitet. In der berühmten „Casta Diva“-Arie aus Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ singt der Chor freilich nicht allein. Als Solistin brilliert hier die Sopranistin Maria Grazia Schiavo, gesegnet mit sicherer Höhe, Expressivität und schlanker Stimmführung.
Am zweiten Tag gesellt sich mit Isabella Lozzi noch eine feinfühlige Musikerin des Luigi Cherubini Orchesters für das Flötensolo dazu. Unter spannungsvoller Stille in der weiten Arena sind dann berührende Momente kammermusikalischer Intimität zu erleben. Und die vermittelt sich bis in die hintersten Reihen der ehemaligen Sporthalle. Dies freilich auch dank der ungeheuren Disziplin, die alle mitbringen. Niemand stört, es ist kein Husten und kein Gebrabbel zu vernehmen, selbst die Kinder –die jüngsten sind sechs und sieben Jahren alt – konzentrieren sich auf das Geschehen auf der Bühne. Auch in dem kurzen Ausschnitt aus dem Verdi-Requiem singt Schiavo mit großer Zärtlichkeit und Spitzentönen von luzider Schönheit den Sopranpart. Die Empfindsamkeit ihres Vortrags färbt dabei unüberhörbar auf den Gesang des Kollektivs ab.

Einige Male lässt Muti die Chorphalanx auch die Nationalhymne singen. Sie steht in Italien freilich in ganz anderer Tradition als in Deutschland, wo sie allenfalls bei Sportereignissen ertönt. In Italien ist die Hymne Teil der nationalen Identität, lernen die Kinder die Verse schon in der Schule. Und an einem nationalen Feiertag wie dem 2. Juni, dem Festa della Repubblica – gehört sie unweigerlich dazu. So brüchig wie zur Inaugurazione der Mailänder Scala, wo sie stets vor Beginn der Aufführung ertönt, sollte sie allerdings nicht gesungen werden, lehrt Muti, der nicht müde wird zu betonen, dass die italienische Sprache eine Legato-Sprache sei. Da gehört Note dicht an Note. Und so tönt es dann schon wenige Augenblicke später.
Als schwierigstes Stück erweist sich der Gesang „Ave Signor degli angeli dei santi“ aus dem Prolog zu Arrigo Boitos Oper „Mefistofele“, der bei den Sopranen in überirdischen Sphären bis zum zweigestrichenen As hinaufreicht. Da treten einmal die hellen Kinderstimmen als Engelschar besonders hervor. Was für eine Harmonie, welche Schönheit, was für eine Mystik und Magie! Und mit jedem weiteren Durchlauf vertiefen sich die Sängerinnen und Sänger unter Mutis Anweisungen immer noch stärker in die Partitur mit all ihren genauen Vortragsbezeichnungen. Man mag sich gar nicht satt hören an diesen ätherischen Klängen, die Sorgen und Nöte für ein paar Stunden vergessen lassen.
Ob ich annehmen würde, dass sich „Cantare amantis est“ auch anderswo realisieren ließe, fragt mich Muti. Das wäre freilich großartig und der Zustrom in anderen Ländern gewiss nicht geringer. Ohne ihn lässt sich das in Ermangelung anderer solch großer Persönlichkeiten allerdings schwer vorstellen. Am Ende, nach Mutis letzten Worten, brandet noch einmal große Euphorie im Pala de André auf. Nach dem Fest ist vor dem Fest. Schon jetzt freuen sich die Mitwirkenden auf nächstes Jahr. Alle, die ich darauf persönlich angesprochen habe, wollen wiederkommen.
Kirsten Liese, 6. Juni 2026
Chorfestival „Cantare amantis est“
1. und 2. Juni in Ravenna, Italien