Aspects of Love
Lange habe ich mir überlegt, welchen Bezug die drei in diesem abwechslungsreichen Programm gespielten Werke zueinander haben könnten. Dann kam mir plötzlich auf dem Heimweg dieser Titel eines Andrew Lloyd Webber Musicals in den Sinn. Ja, alle drei Werke beleuchten je eine andere Art von Liebe: Richard Strauss komponierte als feuriger Jungspund in seiner Tondichtung eine Hommage an das promiskuitive Lieben des DON JUAN, der wie ein fleißiges Bienchen von einer Blüte zur nächsten, noch schöneren fliegt, Tschaikowsky hingegen setzte dem unsterblichen Liebespaar Romeo und Julia in seiner Fantasie-Ouvertüre das tragische Denkmal einer reinen Liebe, die sich in einer Welt voller Hass nicht behaupten konnte. Aber welchen Aspekt der Liebe beleuchtete Bohuslav Martinů in seinem Cellokonzert, das doch gar kein Programm hat, als einziges der drei Werke für das Genre der absoluten Musik steht? Für mich kommt darin Bohuslav Martinůs Sehnsucht nach seiner böhmischen Heimat zum Ausdruck, eine Vaterlandsliebe zu einem Land und seiner Musiktradition, das er nach seinem Exil in Frankreich, den USA und der Schweiz auch nach dem Krieg nicht mehr besuchen konnte/wollte.
Die Solistin in diesem Konzert war die diesjährige Fokuskünstlerin des Tonhalle-Orchesters Zürich, Sol Gabetta. Mit farbenreicher Eleganz, zupackender, rhythmischer Kraft und fantastischer Expressivität verlieh sie den Anklängen an die Volksmusik Böhmens und der Sehnsucht nach der Heimat Ausdruck. An gewissen Stellen vermeinte man gar eine klangliche Referenz an Leoš Janáčeks Zwischenspiele aus DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN zu vernehmen. Mit perfekter Akzentuierung raste Sol Gabetta durch die vertrackten Staccati-Sechzehntel-Passagen, erfüllte das lyrische Seitenthema und vor allem den zweiten, langsamen Satz mit gefühlvoller Melancholie, ja gar mit Wehmut. Stimmungsvoll begleitete das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada. Einen Höhepunkt bildete die virtuose Kadenz von Sol Gabetta im zweiten Satz, zu welcher sich am Ende auch die Solobratschistin gesellte und mit Sol Gabetta in einen spannenden Dialog trat. Beschwingt stiegen die Solistin und das hervorragend spielende Orchester in den dritten Satz ein, traten in einen fast trotzigen Dialog miteinander, wobei das Solo-Cello stets den Lead beibehielt. Nach wunderbar zarten Kantilenen im Mittelteil, gespickt mit einer kurzen Kadenz und Synkopen reicher Rhythmik schloss der Satz mit orchestralem Witz. Sol Gabetta bedankte sich für den begeisterten Applaus mit einer innig interpretierten Zugabe der Sarabande aus Johann Sebastian Bachs 2. Cellosuite, welche klanglich auf den polyphonen Concerto-Grosso-Ansatz Martinůs Bezug nahm.
Ganz anders der Beginn des Konzerts, die rauschhaft, ja geradezu orgiastisch explodierende Tondichtung DON JUAN von Richard Strauss, ein knapp zwanzigminütiger orchestraler Orgasmus, brillant orchestriert, mit zart-erotischen Seitenthemen, wenn eine neue Geliebt auftaucht. Der Held, der mit seinem eingängigen, Rondo artig mehrfach aufschimmernden Thema immer wieder „zu neuen (Schand-)Taten“ – um es mit Wagner zu sagen – aufbricht, wird von Strauss vermutlich als neidvoll betrachtetes Alter Ego geschildert, das freie Liebesleben muss dem 25jährigen Richard Strauss als sehr erstrebenswert erschienen sein. Andrés Orozco-Estrada und das fulminant auftrumpfende Tonhalle-Orchester Zürich faszinierten mit einem mitreißenden, soghaften Orchesterklang, wunderschön intonierten solistischen Passagen (u.a. durch die Solovioline des Konzertmeisters Andreas Janke) und begleiteten den „Helden“ bis zur finalen Erschöpfung und den (letzten?) Schlägen seines Herzens. Wobei nicht so ganz sicher ist, ob sich dessen Trieb nicht nochmals aufrichten wird.
Bei Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre ROMEO UND JULIA hingegen war man sich der Tragik von Beginn an bewusst. Die schwermütige Einleitung verwies bereits auf das traurige Ende. Dunkel dräuten die Klarinetten und Fagotte, schmerzliche Trübungen der Streicher und bewegende Arpeggien der Harfen (sie war für einmal prominent ganz links am Rande des Podiums hinter den ersten Violinen platziert und deshalb ganz besonders gut hörbar!). Plastisch und wuchtig setzten die Clan-Kämpfe der verfeindeten Familien ein. Da ließen es Orozco-Estrada und das Tonhalle-Orchester Zürich so richtig krachen, man wurde beinahe klanglich erschlagen. Das aus diesem Gerangel aufsteigende Liebesthema mit den sordinierten Streichern vermochte sich nur teilweise durchzusetzen, denn die erneut ausbrechenden Kämpfe erstickten die Liebe des Paares, machten die bewegende Emphase zunichte. Am Ende stand ein ermatteter Bläserchoral und führte zu einer vom Orchester erhebend intonierten Verklärung einer Liebe, die nie eine Chance gehabt hatte. Paukenwirbel, ein düsterer Schlussakkord und begeisterter Applaus für alle Ausführenden beschlossen ein bewegendes, begeisterndes Konzert über individuell empfundene Aspekte der Liebe.
Kaspar Sanneman 13. Juni 2026
Richard Strauss: Don Juan,
Bohuslav Martinů: Cellokonzert Nr. 1
Piotr I. Tschaikowsky: ROMEO UND JULIA, Fantasie-Ouvertüre
Zürich: 6. und 7.Juni 2026
Tonhalle Zürich
Cellist: Pierre Fournier
Sol Gabetta und Andrés Orozco-Estrada
Tonhalle-Orchester Zürich