Coburg: „Salome“, Richard Strauss

Was zeichnet eine gelungene Salome-Aufführung aus? Eine hervorragende Sängerin / Darstellerin der Salome. In Coburg gelang es.

In Coburgs Ersatzbau, dem Globe, steht mit Flurina Stucki eine Herodiastochter und Höllenrose auf der Bühne, die der Hauptsache – der stimmlichen Anforderung – in Allem so gewachsen ist, dass Fragen betr. möglicher szenischer Schwächen (auch in Coburg wird der Part, anders als in Plauen, nicht von der Titelheldin getanzt), erst gar nicht diskutiert werden müssen, an die man sich indes schon gewöhnt hat. Mit ihrem so leuchtenden wie in der Tiefe genügend dunklen und deklamatorisch klaren Sopran, der zumindest mich gelegentlich an den Stimmklang der großen Lucia Popp erinnert und das Dramatische wie das Emphatisch-Beseelte gleichermaßen nach außen zu bringen vermag, entzückt sie das Publikum, dem eine lokale Salome-Aufführung zwar nicht wie ein halbes Wunder, aber doch wie etwas Außergewöhnliches erscheinen muss.

© Konrad Fersterer

Dass mit dem Haustenor Gustavo Lopéz Manzitti ein Herodes auf der Bühne steht, der das Charakteristische des pädophilen Inzest-Psychopathen nach antiker Prägung perfekt transportieren kann, versteht sich von selbst. Dass Kora Pavelić eine gute Herodias ist, muss in Coburg niemanden überraschen. Als weiterer Gast aber steht, neben Flurina Stucki, ein Jochanaan auf der Bühne, nach dem sich manch größeres Haus die Finger schlecken würde. Leonardo Lee hat eine „Röhre“ (im, zugegeben, kleinen Globe), mit dem er die Partie, von der nicht ganz sicher ist, ob Strauß sie in ihrem Pathos gegenüber der aufreizenden fin de siècle-Dekadenz der Herodeswelt wirklich ernst gemeint hat, überwältigend stimmpotent und darstellerisch konsequent präsentiert. Dass Oscar Wilde sein Schauspiel nicht ganz ernst gemeint haben könnte: über diese These lässt sich trefflich streiten. Ob der Komponist Wildes Ironie zumindest im Fall des Propheten nicht auch als philiströses Gegenmodell zur lustvollen Welt des Sündenhofs konzipiert hat, ist hingegen vielleicht nur eine Vermutung, die mit dem Aufkommen kritischer Operndeutungen entwickelt werden konnte. In Coburg nimmt Lee den (in jedem Sinne blinden) Mann, der da aus der Zisterne steigt, blutig ernst. Im Prophéte könnte er mit seinem schwarzen Mantel gut und gern einen der Wiedertäufer singen; Gerhard Gollnhofers Kostümdramaturgie sorgt für einen einfachen wie sinnfälligen ästhetischen Gegensatz: Hier der Schwarze Mann, dort die goldgewandete, antik plissierte, also deutlich an eine ägyptische Gottkönigin erinnernde Frau. Bleibt unter den Hauptnebenrollen der gute Narraboth des Jaeil Kim und die Doppelrolle des Pagen und des Sklaven: Erst kürzlich war Emily Lorini die Fair Lady, nun ist sie als Page eine wahrlich schicke, einmal auch auf dem Seitenrang agierende Lady der vorletzten Jahrhundertwende – eben fin de siècle. Der Rest der Bagage, also die Juden, Soldaten, Nazarener und der Künstler, werden (fast alle) aus dem homogenen Ensemble besetzt.

© Konrad Fersterer

Der Künstler? Dem Regisseur Neil Barry Moss kam es auf die Metaphorik des Bildes an oder anders: Jede Epoche hat sich ihr Bild von Salome gemacht – der männermordenden, selbstbewussten, psychotischen, unschuldigen, missbrauchten Täterin, die zugleich, im Zeichen der Entdeckung der Kindesmisshandlungen (Herodes’ Absichten sind eindeutig zweideutig), ein Opfer ist: eine Frau und zugleich ein Kind, eine Liebende und eine Zerstörende, in summa eine Projektionsfigur für die unterschiedlichsten männlichen wie weiblichen Deutungen. Strauß hat aus der Figur ganz deutlich eine mehrdeutige Wiederspielerin des Jochanaan gemacht. Man kann es auch, wie der Dramaturg André Sievers, anders ausdrücken: „Die Handlung wird stärker auf extreme psychische Zustände konzentriert, während zugleich traditionelle ästhetische Ausgleichsmechanismen zurücktreten.“ Man könnte es sogar noch anders ausdrücken: Die Plot-Entwicklung akzentuiert vermehrt extreme psychopathologische Konditionen, wobei parallel traditionelle ästhetische Balancierungsmechanismen dekompensatorisch verlaufen“ – aber das wäre sicher ein wenig übertrieben.

Die Hauptsache bleiben, neben der geradezu vibrierenden Präsenz der Salome, die Bilder in Juliane Längins Bühnenbild. Die Juden, das sind in dieser Konzeption bildende Künstler, die nicht allein am Salome-Bild arbeiten, auch männliche Büsten herstellen, während Salome bewegungslos auf ihrer Bühne sitzt und später der versammelten Gesellschaft das letzte, tödliche Theater ihres Monologs vorspielen wird; auf Herodes’ finales „Man töte dieses Weib“ wird übrigens nicht reagiert. Unter den anonymen Künstlern erkennt man Gustav Klimt, also einen Zeitgenossen des Salome-Komponisten, Spezialist für goldene, schöne Frauenporträts. Daneben steht, wilde Bilder malend, ein quasi echter Künstler. Sven Elblinger – seine Malerei sei, lesen wir auf der Homepage des Theaters, geprägt von „locker-bewegter Linienführung und spontaner Farbsetzung“. Dabei überführe er klassische Bildthemen mit historischen Referenzen in eine zeitgenössische Form, die „ungezwungen und erfrischend anders“ erscheine –, der Künstler also malt am Abend groteske Ansichten der Herodesfamilie, die zu Straussens Musik einen durchaus amüsanten Kontrapunkt bilden. Kontrapunktisch ist auch das Ballett: Hier drei junge, schwarzgekleidete, flatterhafte Männer im Gleichschwang, dort eine namenlose Solistin des Balletts Coburg, die statt Salome zusammen mit den drei nun halbnackten Männern einen hochästhetischen, leicht dekorativ wirkenden und von Kevin O’Day choreographierten Tanz über die Bühne wirbelt, während Herodes, bis auf die mattgelbe Unterwäsche ausgezogen und genüsslich ein Ei pellend und verspeisend, dem Schauspiel eher entspannt zuschaut.

© Konrad Fersterer

Die Basis aber ist das Orchester. Das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg gibt unter dem Nachdirigenten David Preil alles: die Glut, die Farben, die Attacken, die schneidende Lyrik bis zur letzten eruptiven Note. Flurina Stucki heißt die bejubelte Königin des Abends, der die Musiker eine Unterlage geben, die sie meist hören lässt; unter den speziellen akustischen Bedingungen des kleinen Globe muss es als Glück empfunden werden, eine solche Salome in der Salome erlebt zu haben. Also: mitsamt der metaphorischen und leicht als Kopfgeburt bezeichenbaren, doch tragfähigen Interpretation, aber vor Allem dem schauspielerisch-vokalen Einsatz aller Sängerinnen und Sänger, eine wirklich gelungene Salome-Aufführung.

Frank Piontek, 7. Juni 2026


Salome
Richard Strauss

Landestheater Coburg

Besuchte Aufführung: 7. Juni 2026
Premiere am 2. Mai 2026

Regie: Neil Barry Moss
Dirigat: David Preil
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg