Kontrapunkt: „Weißt man, was daraus wird?“, Gerüchte um Ersan Mondtag als Ring-Regisseur in Wien

Angesichts der zwar noch nicht bestätigten, aber scheinbar ernsthaft im Gespräch befindlichen Ernennung des jungen und bei Richard Wagner noch weitgehend unerfahrenen Regisseurs Ersan Mondtag zum Regisseur des neuen Wiener Ring des Nibelungen im Jahr 2028, erscheinen einige Überlegungen weiterreichender Art angebracht.

Was sich hier als allbekannte und -backende Regisseurstheater-Plattitüden zeigte, wie Polizeiuniformen und Putzkolonnen, lassen nichts Gutes erhoffen. Im Vorfeld der Neuinszenierung der Perlenfischer von Georges Bizet konnte man in der Wiener „Bühne“ ein Titel-Interview (mit Cover-Bild) und auch in anderen einschlägigen Publikationen bereits ein Hype-artiges Hochloben von Ersan Mondtag beobachten. Ähnliches war vor längerer Zeit bei der Sopranistin Ausrine Stundyte mit ebenfalls einem groß aufgemachten Titel-Interview in der Zeitschrift „Opera!“ zu erleben, dem dann sängerisch doch eine gewisse Ernüchterung folgte/folgen musste. Es ist nie gut, wenn potentielle Aspiranten auf eine große Karriere schon im Vorfeld allzu sehr hochgepriesen werden, oder um es im journalistischen Jargon zu sagen, „hochgeschrieben“. Es geht dann oft nach hinten los und schadet am Ende den Betroffenen angesichts dann enttäuschter Erwartungen mehr als es ihnen nutzt.

Manuel Brug kommentierte in der WELT „Ersan Mondtag ist jetzt in der Champions League – und erlebt ein Desaster“, womit er wohl dessen Perlenfischer-Inszenierung in Wien meinte. Die Wiener „Bühne“ bezeichnet Mondtag gar als „Regie-Rockstar“, was immer das in musiktheatralisch qualitativen Dimensionen heißen soll. Mit der Champions League wird die Wiener Staatsoper also offenbar mit der höchsten Fußball-Spielklasse assoziiert, was sie, nach – nicht nur in Wiener Opern-Kreisen – weitgehend unumstrittener Beurteilung der Regiearbeiten der letzten Jahre – zumindest im Wagner-Fach – längst nicht mehr ist.

Zu stark ist doch die oft recht einhellige Kritik an von der gegenwärtigen Intendanz des Hauses beauftragten und in Szene gesetzten Neuinszenierungen von Kennern im Wagner-Fach wie bei Parsifal (Knast-Ästhetik, Gurnemanz als Drogen-Versorger, Kundry als Redakteurin eines Mode-Magazins, die Klingsor als Chefredakteur erschießt, und ähnliche Abwegigkeiten…), Lohengrin (in dem Elsa als Mörderin Gottfrieds die Böse und Ortrud wie Mutter Teresa die Gute ist, obwohl sie „Entweihte Götter…“ und „Fahr heim…“ zur entsprechend dramatischen Musik singen muss!) sowie Tristan und Isolde (u.a. mit einer Brangäne, die in Gummistiefeln zwei Fische ausnehmen muss, wo im 2. Aufzug unter die Musik störendem Krach alles kurz und klein geschlagen wird und im 3. zig nackte Statisten-Hintern gefühlt stundenlang am Rande eines Trümmerfelds stehen müssen). Aber auch Neuinszenierungen von Verdis Don Carlo, Luisa Miller und La traviata, sowie einem „Puppen-Fidelio“ sowie einigem anderen.

Man hat damit oft den Eindruck, dass die gegenwärtige Intendanz eher Regie-Arbeiten nach den klassischen Kriterien des Stagione-Theaters vergibt, also eine Vergabe-Politik verfolgt, die völlig angemessen und somit zu Recht im Theater an der Wien betrieben wird – recht erfolgreich sogar. Die Wiener Staatsoper ist nun aber ein typisches Repertoire-Theater mit weltweit an Zahl wohl einzigartigen über 50 Titeln pro Saison, welches fast jeden Abend auch etwa 30 Prozent Touristen anzieht, nicht immer Kenner der Opern-Materie. Bei denen steht die Staatsoper wie die Hofburg auf der To-See-List. Auf dem Stehplatz ist dieser Tagesordnungspunkt in der ersten Pause vor allem bei jungen Touristen oft schon abgearbeitet.

Wenn man als Liebhaber des Wagnerschen Oeuvres Interpretationen wie die drei oben genannten selbst bei der phantastischen Musik des Bayreuther Meisters nicht mehr ansehen kann, bedeutet das schon etwas für einen. Denn man wird/muss mit solchen Inszenierungen im Rahmen des Repertoirebetriebs viele Jahre leben, zehn bis zwanzig Jahre! Das ist vor allem von großer Bedeutung, wenn man in Wien wohnt und eine solche Produktion nicht nur eine Saison, wie im Stagione-Betrieb oder wenige Jahre bei einem Opern-Festival, gezeigt wird.

Es ist schon interessant, dass ausgerechnet die Neuinszenierung eines Werkes von Richard Wagner, seine Meistersinger von Nürnberg, von der zielsicheren Hand eines Regisseurs und Altmeisters des Wagnerschen Musiktheaters, Keith Warner, inszeniert wurde, der auch noch mit dramaturgischer Unterstützung keines Geringeren als Barry Millington arbeiten konnte. Der Premiere war ein riesiger Publikumserfolg beschieden und diese Produktion zur bisher anerkanntesten aller Wagner-Neuinszenierungen der letzten Jahre am Haus. Und dabei war zu hören, dass Keith Warner diese Meistersinger ursprünglich für das Prager Opern-Theater Narodny divadlo konzipiert hatte, wo sie nicht realisiert werden konnten. So wurden sie von Wien übernommen, wo ursprünglich ein anderer Regisseur vorgesehen gewesen sein soll…

Was waren aber die bisherigen Berührungspunkte vom potentiellen Wiener Ring-Regisseur 2028 Ersan Mondtag mit Richard Wagner? Er ist ein deutscher Theaterregisseur und bezeichnet sich als „Interdisziplinärer Künstler, insbesondere auf dem Feld der bildenden Künste, dem Theater und der Oper“. Er inszenierte bisher an Häusern wie dem Thalia Theater Hamburg, beim Schauspiel Frankfurt, am Schauspiel Köln, am Theater Dortmund, am Maxim Gorki Theater Berlin, am Residenztheater München, an den Münchner Kammerspielen, und beim „Radikal Jung“-Festival in Frankfurt. Also bisher nicht schwerpunktmäßig an Opernhäusern.

Zu lesen ist im Netz auch, dass er 2021 am Berliner Ensemble eine radikale, vierteilige Schauspielüberschreibung des Ring des Nibelungen unter dem Titel Wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood) in einer Fassung von Thomas Köck, bisweilen auch mal als Stücke-Zertrümmerer bezeichnet, mit Musik von Max Andrzejewski inszenierte (https://www.berliner-ensemble.de/making-of-ring-backstage). Statt einer klassischen Opernfassung war Mondtags Arbeit eine spartenübergreifende Sprechtheater-Adaption, wie man weiter lesen kann. Das Projekt dekonstruiert den Mythos, um ihn mit der heutigen Zeit, Kapitalismuskritik und ökologischen Fragestellungen (die Zerstörung der Natur durch Industrialisierung) zu verknüpfen. Die Inszenierung verzichtet bewusst auf Wagners großen orchestralen Klang; stattdessen kommentiert ein Kammerensemble bestehend aus klassischen Instrumenten, E-Gitarre, Synthesizer und Elektronik die Szenerie. Das scheint bisher der einzige Berührungspunkt mit der Tetralogie des Bayreuther Meisters zu sein, nicht gerade im Sinne seines Musiktheaterschaffens.

Nun soll eventuell ein Regisseur, zudem nach den Erkenntnissen mit der, zwar im Prinzip nachvollziehbaren Handlungsübertragung der Perlenfischer in die Gegenwart, aber mit musiktheatralisch fragwürdigen Ergebnissen in der Ausführung und unübersehbaren handwerklichen Fehlern gleich das größte Werk der Opernliteratur Der Ring des Nibelungen am größten Repertoiretheater der Welt inszenieren. Das erinnert sofort an den letzten Ring in Bayreuth 2023, wo nach dem Absprung der ursprünglich bestellten Regisseurin nach etwa zwei Jahren der Festspielleitung nur noch neun Monate bis zur Premiere blieben und so ad hoc ein recht unerfahrener junger Regisseur aus Österreich für den Ring bestellt wurde, der gerade einmal den Grazer Ring-Award gewonnen hatte. Obwohl ein Ring in Bayreuth in der Regel fünf Jahre dreimal pro Saison gespielt wird, also 15 Mal insgesamt, kam dieser mit nur noch zwei Aufführungen nur ins vierte Jahr und muss nun im eigentlichen fünfte Jahr durch eine Brückeninszenierung bis zum neuen Ring 2028 mit V. A. Barkhatov in Bayreuth als Regisseurstheater-Regisseur ersetzt werden. Der hat immerhin aber schon mal einen Tannhäuser inszeniert! Der Valentin Schwarz-Ring in Bayreuth schaffte es nur auf elf statt der üblichen 15 Aufführungen…

Will man im Repertoirehaus Wien, wo ein neuer Ring schon allein aus finanziellen Überlegungen 15 bis 20 Jahre im Repertoire bleibt, ein solches Risiko wirklich eingehen?! Sollte man nicht gerade bei diesem großen und komplexen Werk, welches doch eine enorme Kenntnis des Wagnerschen Kosmos‘, seines Konzepts des Gesamtkunstwerks, wobei die Musik im Mittelpunkt steht, sowie auf entsprechende Kenntnisse beim Regisseur und auch die entsprechende Erfahrung an Bühnenarbeit Wert legen sollte? Angesichts dieser Überlegungen und der jüngsten Erfahrung in Bayreuth denke ich, dass die Wiener Staatsoper es sich sehr gut überlegen sollte, wen sie als nächsten Ring-Regisseur bestellt. Oder will man dem Reigen der gescheiterten drei Wagner-Neuinszenierungen ein weiteres, und dann noch viel schwereres Glied hinzufügen?! Mit diesem neuen Ring werden die Wiener Opernfreunde dann wahrscheinlich noch viele über die Zeit der derzeitigen Intendanz hinaus reichenden Jahre leben müssen. Das sollten sich ALLE Verantwortlichen gut überlegen.

Ersan Mondtag jedenfalls spielt seine Salzburger Ariadne auf Naxos im Sommer auf dem Mars! Elīna Garanca hat – aus welchen Gründen auch immer – bereits abgesagt. Käme Mondtags Ring dann auf den Mond, an einem Mondtag sozusagen? Da waren die US-Amerikaner immerhin schon – man kennte sich etwas aus!

Klaus Billand, 13. Juni 2026