Zum Glück kam am Ende dieser fünfzehnminütige, stumme Epilog. Hier konnte sich die Musik von Olga Neuwirth endlich entfalten, ja sie erzielte mit ihren kalkuliert „falsch“ gestimmten Instrumenten, dem Amalgam aus Fetzen von Schuberts Fantsie in f-Moll für (ebenfalls falsch gestimmtes) Klavier zu vier Händen und Klangflächen aus dem Graben und der zusätzlichen Klangebene aus Drumset, Saxophon, Bass- und Kontrabassklarinette sowie E- Gitarre eine betörende Wirkung, welche diese „Göttinnen Dämmerung“ schon beinahe romantisierend-sinnlich machte. Ein filmisches Ende, das es in sich hatte: Die raffinierten Videos stammen von Jonas Dahl und Janic Bebi, zeigen den steigenden Meeresspiegel (vom „Wärmetod des Universums“ wird bereits im Prolog gesprochen), der selbst das Opernhaus Zürich untergehen lässt. Die Vampiretten Vampi und Bampi (Avatare von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth) treiben auf einem Floss dem kitschigen Sonnenuntergang entgegen. Das war stark und rettete einen Abend, der bis dahin eher zähflüssig gewesen war – nicht zuletzt wegen der unendlichen Textfluten, die schwer verständlich waren, so dass man die ganze Zeit mit dem Schnelllesen der Übertitel und deren gedanklicher Verdauung beschäftigt war. Auch wenn ich mir multitaskingfähige Eigenschaften zuschreibe, war das so anstrengend, dass ich die Musik zu wenig wahrnehmen und schätzen konnte.

Elfriede Jelineks Text – ähnlich wie in ihrem Schauspiel AM KÖNIGSWEG, das vor knapp 10 Jahren auch am Schauspielhaus Zürich zu sehen gewesen war – ist zwar sprachlich brillant (auch wenn sich ab und an einige Plattitüden und moralinsaure Belehrungen einschleichen), doch schlicht und einfach zu ausufernd für eine Oper, bietet keinen Raum zum Aussingen der Gefühle, Intentionen oder was auch immer. Der umfangreiche Text wird aufgeteilt auf zwei Avatar Paare der Schöpferinnen dieser Grand Guignol Opéra, wie die Autorinnen das Werk untertiteln. Wir sehen Vampi und Bampi also als Schauspieler und Sänger oftmals gleichzeitig auf der Bühne. (Kompliment an die Maske, welche diese vier Künstlerinnen tatsächlich so aussehen, lässt wie die Originale.)
Sarah Defrise mit ihrem lichten Sopran und Kristina Stanek mit ihrem wunderbar gerundeten Mezzosopran übernehmen die sängerischen Rollen der Avatare-Vampiretten, Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld den Part der Schauspielerinnen. Die Namen von Donald Trump und Konsorten fallen nie, aber rein von der Handlung her wissen wir, wer gemeint ist. Und der Regisseur Tobias Kratzer setzt in seiner von atemberaubender Virtuosität geprägten Inszenierung natürlich voll auf diesen Reality-Effect! (Bühne und Ausstattung dieses sehenswerten Varieté – Raumes stammen von Rainer Sellmaier, die Lichtgestaltung von Michael Bauer.) Da ist der aufgeblasene (im wortwörtlichen Sinne wird er in seinem aufblasbaren Kostüm immer dicker) König-Präsident, der Berge von Burgern vertilgt, sich immer wieder von seinem goldenen Klo im Oval Office erhebt, um sich am Cola – Kühlschrank eine neue Flasche zu holen. Er lässt sich primitive Acts vorspielen und drückt (wie bei der TV-Show America’s got talent) auf den X-Buzzer, wenn ihm etwas nicht gefällt. Und es gefällt ihm nichts, denn nur er ist der Beste.
Eine Anspielung auf Trumps Show THE APPRENTICE („You’re fired“). Neben dem Fenster steht eine Stehlampe in der Körperform von Melania, mit ihrem Hut mit breiter Radkrempe. Bald wird sie jedoch aus dem Oval Office geworfen und durch eines von den schulmädchenartig gekleideten Cheerleader Mädchen ersetzt (sie sprangen schon vor der Vorstellung mit ihren glitzernden Pompons im Haus herum), das beschämt, gedemütigt und missbraucht mit eingewinkelten Füssen und gefalteten Händen, die ihre Scham bedecken, von nun an Melanias Platz einnimmt. Robin Adams spielt und singt den narzisstischen Egomanen umwerfend gut, mit genau der richtigen Dosierung der Übertreibung! Assistiert wird er von zwei ihm hörigen Adlati-Witz-Comic-Figuren: Mickey (mit Mäuseohren, eines davon angeknabbert) und Tuckey.
Die beiden Countertenöre Andrew Watts und Eric Jurenas setzen dabei vokale Glanzlichter. Das Monster, entstanden aus einem Atomunfall und auf einem öden Eiland lebend, von wo aus es den Passagieren auf dem vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiff freundlich zuwinkt – Jurassic World lässt grüßen – , heißt Gorgonzilla und soll die Welt retten und von dem despotischen Riesenbaby in Feinripp-Unterhose befreien. Da das Monster mit elektronisch verfremdeter Stimme singt (Anna Clementi), ist man auch hier wieder extrem auf die Übertitel angewiesen und muss versuchen, trotzdem viel von dem Spiel des Monsters mitzubekommen, denn in dem Echsenkostüm steckt Vanessa Konzok, die dann auch mal den Dino-Kopf abnehmen und sich mit einer Eisflasche kühlen darf! Einen putzigen Auftritt hat der gigantische Grizzley im rosaroten Tutu: Ruben Drole singt dessen Angst, vom gierigen König-Präsidenten gefressen zu werden, mit profundem Bassbariton. Und dann ist da noch die Göttin. Ja es ist eine Frau, denn ein zentrales Anliegen der beiden Autorinnen ist es ja, gegen die „phallokratische Zerstörungswut“ in der „misogynen klassischen, neuen Musikszene“ (Neuwirth in ihrer ausführlichen Abrechnung im Programmheft) und das „phallozentristische System“ (Jelinek, auch im Programmheft) anzukämpfen.

Die Göttin ist keine geringere als die großartige Charlotte Rampling, welch ihre göttlichen Beobachtungen der Weltlage, die auch mal etwas platt daherkommen („Love is stronger than violence“) natürlich auf Englisch in den Raum wirft (Video). Aber die Frage muss erlaubt sein, ob man die Subventionsmillionen der Steuerzahler nicht auch als Gage für eine einheimische Schauspielerin hätte aufwenden können. Zombies, welche das Weiße Haus stürmen Klimakleber und Protestierende in den Proszeniumslogen (grandiose Leistungen des Statistenvereins am Opernhaus Zürich) füllen und bereichern die Szenerie, werden wie die Solisten oftmals von Live-Kameras begleitet. Es ist alles brillant in Szene gesetzt – und doch stellt sich der Schauer-Effekt nicht ein, den der Untertitel Grand Guignol verspricht. Es soll keine Komödie sein, sondern ein Horror-Theater. Doch die Realität der gegenwärtigen Welt ist noch furchtbarer, so dass die abgehobene Sprache Jelineks (zu Beginn wird z.B. immer wieder von Entropie geredet, aber erst zehn Minuten später wird uns ungebildeten Besuchern erklärt, was mit entropisch gemeint ist …, das ist nur sehr beschränkt lustig) nicht dagegen aufkommt, da sie es (im Gegensatz zu late night Comedians wie Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon oder Stephen Colbert) nicht schafft, ganz direkt mit bezwingender Schlagfertigkeit Treffer zu landen und so den Humor als Waffe einzusetzen.
Vielleicht ist Oper in ihrer viele Künste vereinenden Form dazu nicht das richtige Medium. Die Musik lag allerdings in besten Händen, denn Titus Engel hielt die Fäden der komplexen, viele Schichten und Stile aufweisenden Partitur mit offensichtlichem Brennen für diese Musik zusammen und das Orchester der Oper Zürich spielte all das Falsche vermutlich richtig. Erstaunlicherweise sind alle verbleibenden Vorstellungen nun ausverkauft. Das ist dem Haus und den Schöpferinnen zu gönnen. Der Applaus war freundlich, aber nicht überbordend enthusiastisch.
Kaspar Sannemann 18. März 2026
Monster´s Paradise
Olga Neuwirth
Opernhaus Zürich
Koproduktion mit der Staatsoper Hamburg
UA 1. Februar 2026 in Hamburg
8. März 2026
Regisseur Tobias Kratzer
Dirigat: Titus Engel
Orchester der Oper Zürich