Parsifal als superkatholisches, spektakelhaftes Kirchen-Weihfestspiel
Fast vier Jahrzehnte nach der letzten Dresdner Neuinszenierung hob sich der Vorhang für eine neue Parsifal-Produktion in der Semperoper Dresden. Unter der musikalischen Leitung von Daniele Gatti feierte Wagners ‚Bühnenweihfestspiel‘ seine mit Spannung erwartete Premiere. Floris Visser gibt mit seiner Regiearbeit in Dresden sein Hausdebüt. Der Niederländer gehört zu den gefragtesten Regietalenten seiner Generation. Das Bühnenbild gestaltet der ebenfalls international renommierte Künstler Frank Philipp Schlößmann. Gemeinsam mit dem Bühnen- und Kostümbildner Jon Morrell entwickelt das künstlerische Team eine Lesart von Wagners letztem Werk, auf die man gespannt war.
„Bühnen-Weihfestspiel“ nannte Richard Wagner sein letztes Werk. In der Semperoper Dresden wohnt man allerdings einem superkatholischen Kirchen-Weihfestspiel bei, das allzu dick aufgetragen, die Grenze zum Kitsch deutlich, ja unerträglich überschreitet. Wagner dreht sich sicherlich im Grabe um. Er hat zwar christliche Riten zitiert, auch Buddhistisches und Indisches einfließen lassen, eindeutig Konfessionelles, zumal Kirchliches lag ihm allerdings fern. Seine kirchenkritischen Bekenntnisse sind klerikalen Invektiven sind bekannt. Alles „Pfäffische“ war ihm zutiefst zuwider.

Gleichwohl sieht man in Floris Vissers Inszenierung nichts weniger als ein pfäffisches Panoptikum, wo nicht Pandämonium der Frömmelei, eine katholische Show, ein Glaubens-Spektakel sondergleichen: Präraffaelitische weiße Engel mit Kelch und Longinus-Speer, Dämonen mit schwarzen Flügeln, Nonnen und Mönche in braunen Kutten (Gralsbrüder), die unentwegt beten oder sich bekreuzigen, treten auf. Es gibt Gesten und Tableaus, wie man sie einst in Oberammergau sah, Prozessionen mit geschwenkten Weihrauchfässern und Kruzifixen. Der Regisseur schämt sich nicht, sogar die als lebende Bilder nachgestellten Passionsstationen Christi, vor allem Kreuzigung und Kreuzabnahme auf der Drehbühne währen der zweiten Verwandlung zu zeigen. Frank Philipp Schlößmann (Bühnenbild) hat eine zwar eindrucksvolle Ruine einer gotischen Kirche auf die Bühne gestellt, deren Säulenreihen sich bei den Verwandlungsmusiken drehen können, Adam und Eva sowie die Heilig-Geist-Taube erscheinen in den Kirchenfenstern, dazu Schneetreiben. Doch über fromme Dekoration fragwürdiger Rituale geht das nicht hinaus. Man zelebriert eine katholische Sakralshow, unter die sich linksalternative Demonstranten mit klimabewegten, antikapitalistischen und endzeitprophezeienden Plakaten mischen, aber auch Touristen, Schwerstkranke in Krankenhausbetten, die hereingefahren werden, wie auch Rollstuhlfahrer. Alle pilgern sie in die fiktive „Abtei Sankt Parsifal“, ein zweites Lourdes, in dem die Schwerstbeladenen, Behinderten und Kranken, aber auch die Gaffer und Neugierigen Sensationen, Heilung, ja Erlösung suchen und am Ende doch nicht finden. Ein Kind, ein kleiner Doppelgänger Parsifals, durchwandert die Aufführung mit einem dicken Buch, in dem er Parsifals Wanderung und Läuterung vom tumben Tor zum Welthellsichtigen kindlich zu verfolgen und zu begreifen sucht. Was bringt das? Kundry tritt auf wie Irma La douce, als Prostituierte in knielangen roten Lackstiefeln mit kleinem schwatzen Rock und Felljäckchen, später wird sie zur Quasinonne gemummt. Parsifal tritt in blauem Strickpullover, weißem Hemd und grauer Hose auf. Alle übrigen Personen des Stationen-Dramas sind Mönche in Kutten, auch Amfortas und Gurnemanz. Die Blumenmädchen (prachtvoll singend) sind Nonnen, die sich entblättern, um sich in aufreizenden Dessous über Parsifal herzumachen, obwohl er doch keusch ist wie ein Heiliger. Mal darf er als vollgepanzerter Ritter in Rüstung auftreten, man teilgepanzert, mal in Räuberzivil (Kostüme Jon Morell). Die Friedens- und Klimabewegten tragen alternative casual wear.

Alles in allem eine geschmacklose Veranstaltung und ein grobes Missverständnis des Werks. Von szenischen Ungereimtheiten, inszenatorischen Dummheiten, albernen Gags und verbrauchten Ausdrucksplatitüden (pathetischen opernhafte Gesten und Gänge) ganz abgesehen. Am Ende Umarmungen Versöhnungen, Barmen und freudig aufgerissene Augen, Parsifal macht sich aus dem Staube, Kundry sinkt erlöst zu Bodem, darf aber wieder aufstehen, Friede, Freude, Eierkuchen.
Musikalisch ist die Aufführung grandios, obwohl Daniele Gatti einer strapaziösen „Zeitlupenheiligkeit“ (Wieland Wagner) huldigt und sich durchgängig einer Lautstärke befleißigt, die es den Sängern schwer macht. Doch die Dresdner Staatskapelle spielt zum Niederknien klangprächtig, präzise und kraftvoll in den opulenten Verwandlungsmusiken, zauberhaft impressionistisch bei den Blumenmädchenauftritten und im Karfreitagszauber, bei dem Laub fällt und ein Osterglockenwunder stattfindet. Selten hat man das Werk musikalisch so bewegend (wenn auch anstrengend) erlebt.

Sängerisch ist die Aufführung durchwachsen. Georg Zeppenenfeld als Gurnemanz ist eine singschauspielerische Autorität erster Güte, auch Oleksandr Pushniak als Amfortas und Albert Dohmen als Titurel sind großartig. Doch Eric Cutlers Parsifal singt mal zu leise, mal zu laut und stemmt dann schwerverständliche Heldentortöne. Der Klingsor von Scott Hendricks ist sängerisch eindrucksvoll, darstellerisch aber blass. Im dritten. Akt hängt er (im Priestergewand) aufgehängt an einem Gerüst hinter der Kiche. Im zweiten Akt darf man seiner Selbstentmannung zusehen. Auch die Kundry von Michèle Losier ist eine äußert farblose, ja harmlose „Höllenrose“. Mit schön geführter Stimme zwar, doch alles Dämonische, Expressive, Interessante bleibt sie der wohl vielschichtigsten weiblichen Figur Wagners schuldig. Selbst an unbedeutenderen Häusern hat man schon ausdrucksstärkere Sänger gehört. Zuverlässig singen die Chöre der Semperoper. Sie wenigstens erweisen dem traditionsreichen Haus alle Ehre.
Dieter David Scholz, 24. März 2026
Parsifal
Richard Wagner
Semperoper Dresden
Besuchte Premiere: 22. März 2026
Inszenierung: Floris Visser
Musikalische Leitung: Daniele Gatti
Dresdner Staatskapelle
Nächste Aufführungen: 22., 25., 31. März, 3., 6. April 2026