So vielschichtig Shakespeares Tragödie angelegt ist, so überwältigend stark präsentiert sich Giuseppe Verdis musikalische Umsetzung des Otello. Egal, welche Fassette des psychisch aus dem Gleichgewicht geratenen Titelhelden und welches Problem der Handlung man in den Mittelpunkt stellt: Mit einer starken musikalischen Ausführung und einer nicht gerade absurd entgleisenden Inszenierung ist ein packender und gleichsam tiefgründiger Opernabend garantiert.

Und genau das lässt sich auch der Neuproduktion der Bonner Oper bescheinigen. Auch wenn der prominente Regisseur Leo Muscato einen wesentlichen Aspekt des Werks ausblendet, der heute unter dem Bann „kultureller Aneignung“ zwar nur ungern thematisiert wird, aber sowohl bei Shakespeare als auch bei Verdi und seinen Librettisten Arrigo Boito zumindest teilweise für die psychopathische Handlungsweise Otellos verantwortlich gemacht werden kann. Dass es nämlich Otello als Emporkömmling aus einer sozial und „rassisch“ diskriminierten Klasse als Schwarzer nicht nur zu einer militärischen Führungsfigur in Venedig, einer der reichsten und mächtigsten Republiken der damaligen Zeit, gebracht hat, sondern auch noch mit Desdemona eine der begehrenswertesten Frauen aus einer der nobelsten Familien der Stadt für sich gewinnen konnte. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb fühlt er sich als Fremdling Vorurteilen und Neid-Kampagnen ausgesetzt, was zu einer permanenten Angst führt, Desdemona verlieren zu können. Ängste, die sich letztlich zur todbringenden Eifersucht steigern.

Diese Fassetten der Figur interessieren den Regisseur nicht. Er stellt nicht die in Verlustängsten begründete Eifersucht in den Mittelpunkt. „Kein Ehedrama – ein Femizid“ heißt es im Programm-Flyer. Damit handelt Otello also ursächlich aus einem verletzten Ehrgefühl heraus. Das kann man so sehen. Allerdings besteht die Gefahr, die Handlung in die Nähe von Ehrenmorden zu rücken, die stark mit muslimischen Kulturen assoziiert werden. Auch wenn in dieser Inszenierung Otello nicht als „Mohr“ rassistische Klischees bedient, schleichen sich doch ungewollt Vorurteile gegen andere Volksgruppen ein.
Interessant, dass Leo Muscato der von Boito und Verdi fast unterwürfig dargestellten Desdemona das wehrhafte Selbstbewusstsein der Shakespeare-Version zurückschenken will. In Bonn ist Desdemona als Kriegsfotografin in unmittelbarer Nähe des Zypernkriegs der 70er-Jahre allgegenwärtig. Sie bezieht ihre Stärke nicht nur aus ihrer hohen sozialen Herkunft, sondern aus ihrer beruflichen Aktivität. Das überzeugt in weiten Teilen, auch wenn sie sich im „Lied von der Weide“ und dem „Ave Maria“ angesichts der berückend schönen und sanften Musik dann doch als ergebenes Opferlämmchen positionieren muss.

Das Ganze spielt in historischen, von der Zeit angefressenen und als militärische Kommandozentrale zweckentfremdeten Ruinen. Vor den bröckelnden Mauern lässt Bühnenbildnerin Federica Parolini kleine Kammern auffahren, mit denen sich die Szenenwechsel zwischen dem Fotolabor Desdemonas, dem Büro Otellos und dem finalen Schlafzimmer schnell und reibungslos abwickeln lassen.
Insgesamt enthält sich Muscato unangemessener Überinterpretationen und Eingriffe, sondern erzählt die Handlung mit der Hand eines exzellenten Routiniers nachvollziehbar und spannend nach. Wobei er sich auf ein stimmstarkes und spielfreudiges Ensemble verlassen kann. Imposant, mit welcher Kondition und Strahlkraft George Oniani die Kraftakte und Höhenflüge der Titelpartie bewältigte. Ihr Europadebüt gab die junge amerikanische Sopranistin Kathryn Henry in der Rolle der Desdemona. Zu hören ist eine sehr schöne Sopranstimme, die sowohl den zarten als auch den energischen Passagen der Partie gerecht wird, auch wenn mitunter ein leichtes Vibrato ein wenig Unruhe in die Stimmführung bringt.
Mit großer Stimme und viel Bühnenpräsenz überzeugte Simone Piazzola als Jago, der sich bewusst mehr als intelligenter Intrigant denn als dämonischer Bösewicht in Szene setzte. Ohne Fehl und Tadel ergänzten u.a. Vaughan Davies als Cassio, Tae Hwan Yun als Rodrigo und Susanne Blattert als Emilia das vorzügliche Ensemble.

Eine Sonderrolle kommt natürlich dem Chor mit seinem großen Part zu, der es auch nicht an dramatischer Schlagkraft fehlen ließ. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan ließ es im Orchestergraben auch mächtig krachen, aber nie unkontrolliert und stets mit großer Rücksichtnahme auf die Sänger.
Heftiger, aber erstaunlich kurzer Beifall des Premierenpublikums.
Pedro Obiera, 24. März 2026
Otello
Oper von Giuseppe Verdi
Oper Bonn
Premiere: 22. März 2026
Regie: Leo Muscato
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Beethoven Orchester Bonn
weitere Vorstellungen: 27. März, 4. und 26. April, 17. Mai sowie am 5., 18. und 28. Juni und am 6. Juli 2026