Hagen: „West Side Story“, Leonard Bernstein

Die West Side Story von Leonard Bernstein zählt auch heute noch zu den bekanntesten Musicals überhaupt. Die Idee zum Stück stammt ursprünglich von dem Choreografen Jerome Robbins, der diese bereits 1949 hatte. Mit einer modernen Version von Romeo und Julia stieß er bei Leonard Bernstein für die Musik und Arthur Laurents für das Buch gleich auf Interesse. Das Projekt lief seinerzeit noch unter dem Arbeitstitel „East Side Story” und sollte die Beziehung eines irischen Katholiken und einer eingewanderten Jüdin im Osten Manhattans behandeln. Da die beteiligten Akteure aber zeitgleich anderen Aufgaben nachgingen, verzögerten sich die Arbeiten an diesem Stück immer wieder, sodass bis zur ersten Aufführung einige Jahre vergingen. Als man ca. sechs Jahre nach den ersten Ideen die Arbeit an diesem Musical wieder intensivierte, kamen Laurents und Bernstein aufgrund der aktuellen Berichterstattung in den Nachrichten auf die Idee, die Handlung zu einem Bandenkrieg zwischen puerto-ricanischen Einwanderern und polnischstämmigen Amerikanern zu ändern und den Ort vom Osten in den Westen New Yorks zu verlegen. Gleichzeitig verstärkte der seinerzeit noch junge Stephen Sondheim das Kreativteam und steuerte die bis heute zu großen Klassikern gewordenen Texte bei. Schon unmittelbar nach der Premiere der West Side Story setzte der große Erfolg dieses Musicals ein. Bereits im Jahr 1961 erfolgte eine erste Verfilmung. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 1968 in der Wiener Volksoper statt.

© Björn Hickmann

Seit dem 7. März ist die West Side Story in dieser Spielzeit nun nach vielen Jahren auch wieder am Theater Hagen zu sehen. Gespielt wird die deutsche Fassung von Frank Tannhäuser und Nico Rabenald, in der alle Lieder auf Deutsch gesungen werden. In den meisten Inszenierungen der letzten Jahre wurden die Songs (bis auf Officer Krupke) im englischen Original belassen und nur die Sprechtexte wurden auf Deutsch vorgetragen. Dies hat Vor- und Nachteile: Einige Lieder wirken mit der deutschen Übersetzung musikalisch etwas sperrig, während die Originaltexte sehr detailliert auf die Musik abgestimmt sind. Zudem bedeutet I Feel Pretty auch irgendwie mehr als nur Ich seh‘ gut aus. Andererseits ist beispielsweise bei Somewhere die Botschaft in deutscher Sprache für viele Zuschauer wohl besser zu verstehen. Im Rahmen der vorerst letzten Eutiner Festspiele im vergangenen Jahr war zu diesem Thema übrigens zu vernehmen, dass die deutschen Liedtexte inzwischen vom Lizenzgeber vorgegeben sind und die Entscheidung hierüber somit nicht mehr beim Theater liegt. Dem Theater Hagen kam hierbei nun zugute, dass Noah Steiner, der die Rolle des Baby John im vergangenen Jahr in Eutin verkörperte, aufgrund einer Erkrankung im Ensemble kurzfristig in dieser Rolle einspringen konnte. Besonders gut gelungen, wie man ihn bei den großen Choreografien geschickt an den Rand gestellt hat, ohne dass dies groß auffiel, wenn man nicht explizit darauf geachtet hätte. Allgemein setzt sich die Besetzung in Hagen zu großen Teilen aus dem eigenen Ensemble zusammen, das mit einigen Musicaldarstellern treffend ergänzt wird. Star des Abends ist hierbei zweifelsfrei Angela Davis in der Rolle der Anita. Seit der Spielzeit 2019/20 am Theater Hagen ist es unglaublich, wie sie die Rolle der wohl doch etwas jüngeren Puerto-Ricanerin verinnerlicht hat und das Publikum mit großartigem Schauspiel und Gesang begeistert. Brava!

© Björn Hickmann

Bei der Besetzung der beiden Hauptrollen ergibt sich bei Anton Kuzenok als Tony das Problem, dass er einfach zu „lieb” wirkt. Man nimmt ihm an keiner Stelle ab, dass er vor einiger Zeit die Jets als Straßengang zusammen mit Riff (stark: Robert Johansson) gegründet hat. Sein starker Tenor erklingt klar und deutlich, wirkt für diese Rolle aber vielleicht etwas zu klassisch. Ein Schicksal, das er mit Nike Tiecke in der Rolle der Maria teilt. Mit ihrem wunderschönen lyrischen Sopran singt sie ihre Lieder teilweise zum Träumen schön. Dennoch stehen Gesang und Sprechtexte hier etwas im Gegensatz zueinander. Dennoch ist die West Side Story für das Publikum aus Hagen und Umgebung grundsätzlich stark besetzt. Aus dem über 20-köpfigen Ensemble ragen zudem Richard van Gemert als Doc, Anna Hirzberger als Anybodys und Kenneth Mattice als Bernardo besonders hervor. Da verzeiht man der Produktion auch, dass einige Darsteller für die Rolle der jugendlichen Rebellen vielleicht doch etwas zu alt wirken.

© Björn Hickmann

Die größte Stärke der Hagener West Side Story ist die musikalische Darbietung des Philharmonischen Orchesters Hagen unter der fein abgestimmten Leitung von Steffen Müller-Gabriel. Die jazzigen Rhythmen und lateinamerikanischen Klänge erklingen sehr schwungvoll, während sich das Orchester bei den lyrischen Liedern gekonnt zurückhält. Eine musikalische Glanzleistung! Auch die Regie und die großen Choreografien von Yara Hassan wissen zu gefallen. Die Geschichte ist nach wie vor im New York der 1950er Jahre angesiedelt, was inzwischen wohl ebenso Vorgabe der Lizenzgeber ist. Das starke Schlussbild voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist ebenfalls sehr gelungen. Die Ausstattung von Mara Lena Schönborn ist als zweistöckiger Bau mit den typischen – in der West Side Story immer wieder gern genutzten – Treppen angelegt. Darüber hinaus bietet die Drehbühne genügend Möglichkeiten, die verschiedenen Räume wie Docs Drugstore, das Brautmodengeschäft oder Marias Zimmer darzustellen.

© Björn Hickmann

Am Ende der ausverkauften Vorstellung spendete das anwesende Publikum lang anhaltenden und lautstarken Applaus mit mehreren Vorhängen für alle beteiligten Künstler. Aufgrund der großen Nachfrage wurde vor wenigen Tagen eine Zusatzvorstellung am 27. Juni 2026 in den Spielplan aufgenommen. Für die vorherigen Vorstellungen sind nur noch vereinzelt Karten erhältlich. Vielleicht liegt der Erfolg der West Side Story gerade darin, dass in diesem Musical zwar eine uralte Geschichte zweier Liebender erzählt wird, die aufgrund gesellschaftlicher Zwänge nicht zu ihrem Glück finden,  diese Story aber dennoch zeitlos ist und sich heute noch genauso ereignen könnte wie 1957 oder zu Shakespeares Zeiten.

Markus Lamers, 30. März 2026


West Side Story
Musical von Leonard Bernstein (Musik), Arthur Laurents (Buch) und Stephen Sondheim (Texte)

Theater Hagen

Premiere: 7. März 2026
besuchte Vorstellung: 29. März 2026

Inszenierung: Yara Hassan
Musikalische Leitung: Steffen Müller-Gabriel
Philharmonisches Orchester Hagen

Weitere Aufführungen: 12. April, 8. Mai, 4. Juni, 6. Juni, 27. Juni und 19. Juli