CD: „Parsifal, arranged for two pianos“, Christiane Behn / Emiliano Ramniceanu

Kann man Wagner für das Klavier bearbeiten? Man kann – aber gelingt es so, dass man den Eindruck hat: Das genau ist Wagner?

Es gelingt – und es gelingt nicht, denn es liegt in der Natur der Sache, dass ein Perkussionsinstrument zumal Wagners späte Farbmagie nicht 1:1 zu reproduzieren vermag. Die Zahl der berühmten und unbekannt gebliebenen Klavier-Transkripteure ist zwischen Wagner selbst, Hans von Bülow, Claude Debussy und Konstantin Zvyagin, Legion, immer noch kommen neue hinzu. Unter den Bearbeitern nimmt Hermann Behn eine besondere Stellung ein: 1. weil er einen ungewöhnlich monumentalen Zyklus von Wagner-Sätzen für zwei Klaviere vorlegte und 2. weil seine Übertragungswerke zumindest teilweise eingespielt worden sind. So liegt derRing auf zwei CDs vor, bevor Tristan und Isolde, arranged for two pianos for four hands, 2020 eingespielt worden ist: von Cord Garben und Christiane Behn, der auch das neue Projekt ermöglichenden Urgroßnichte des Hamburger Musikers, der sich 1914 bis 1918 der Kärrnerarbeit widmete, Wagners Partituren dem Klaviersatz möglichst „werktreu“ zu überantworten. Nun also liegen 14 weitere Sätze aus den 50 symphonischen Sätzen aus Richard Wagners Meisterdramen, wie der Verlag Breitkopf & Härtel die Serie während des 1. Weltkriegs betitelte, auf einem Tonträger vor – nicht zu verwechseln mit Cord Garbens und Ana-Maria Markovinas Einspielung der vierhändigen Transkriptionen des Parsifal, die von Wagners Bayreuther Parsifal-Assistenten Engelbert Humperdinck erstellt worden waren. Bei Humperdinck heißen die 12 Sätze Das Heiltum, Das Liebesmahl, Charfreitagszauber und Die Erlösung, bei Behn I. Aufzug. Überleitung zur 3. Scene, I. Aufzug. Fragment der 3. Scene undIII. Aufzug. Überleitung zur Karfreitags-Scene, aber die Musik bleibt (fast) die Gleiche – nur, dass Behn beispielsweise das Vorspiel rundet, indem er es nicht wie in der Partitur vorgesehen, beendet, sondern das Finale des 3. Aufzugs mit dem Beginn des Musikdramas verkettet. Um den Beginn selbst, der in Bayreuth wie magisch aus dem verdeckten Orchestergraben klingt, zu realisieren, hat Behn, wie es im Booklet heißt, „den überlappenden, nicht bestimmbaren pianissimo Klang des Anfangs auf zwei Klaviere, die ja durch den Anschlag der Tasten immer einen perkussiven, präzisen Ton haben, zu übertragen gewusst! Er hat aus einem 6/4-Takt einen 4/4 gemacht und das erste Klavier mit übergebundenen 16tel-Triolen versehen bei gleichzeitig erklingenden 32teln in 4er-Gruppen im zweiten Klavier“. Christiane Behn spielt das zusammen mit Emiliano Ramniceanu so, dass tatsächlich ein latent verschwommener, dabei doch nicht diffuser Klang entsteht. Bei anderen Stellen ist der Eindruck naheliegend, dass eben nur der echte Wagner der wahre ist. Alle Sätze aber interpretieren ihn: so wie beim stampfenden Marsch-Rhythmus der Gralsritter, so wie bei der Aufregung der durch Klingsors Zaubergarten herumirrenden Blumenhühner. Plötzlich klingt die Musik wie von Mussorgsky ausbuchstabiert – und Kundrys Wiegenlied bekommt mit seinem Schlenderrhythmus plötzlich etwas extrem jazzmäßig Cooles. Das Ganze endet nicht mit dem Ende, sondern mit dem Karfreitagszauber.

Im Grunde aber ist es egal, ob Wagners Orchesterklang auf dem so ganz anders gearteten Instrument optimal oder weniger optimal reproduzierbar ist. Die symphonische und melodische Qualität des Originals wird an keiner Stelle angetastet, das macht: Die Qualität des pianistischen Satzes und seine Interpretation durch die beiden Spieler. Dass hier und da getrickst werden muss, liegt auf der Hand – so wie der Rheingold-Beginn mit seinen langen Noten auf keinem Klavier der Welt abgebildet werden kann, müssen die langen Liegenoten des Parsifal so gemacht werden, dass kein Bruch auffällt. Dass also relativ schnell musiziert wird, mag nicht nur mit der Erinnerung an die vergleichsweise schnellen Tempi von 1882, auch mit dem Zwang, eben jene langen Noten technisch zu machen, zusammenhängen. Was bleibt, ist eine knappe Stunde dramatisch-lyrischer Klavier-Parsifal, der, so gut ist das denn, wieder Lust macht auf den einzig wahren Parsifal.

Frank Piontek, 2. April 2026


Parsifal, arranged for two pianos
Christiane Behn / Emiliano Ramniceanu

Catate Musicaphon Records, 2025