Freiberg: „Gianni Schicchi“, Giacomo Puccini / „Pagliacci“, Ruggero Leoncavallo

Lieber Opernfreund-Freund,

zwei Kurzopern hat das Mittelsächsische Theater zu einem Musiktheaterabend verwoben und dafür nicht nur zwei Regisseure beauftragt, sondern die Werke auch inhaltlich zu einem stimmigen Gesamtwerk zusammengeschustert: Zu Ruggero Leoncavallos Pagliacci wird nicht der vermeintliche Opernzwilling von Pietro Mascagni, sondern Gianni Schicchi aus Puccinis Il Trittico serviert. Der Abend gerät dabei zum Sängerfest auf höchstem Niveau.

© Detlev Müller

Um die Geschichte um den Gauner Gianni Schicchi, der den gierigen Erben eines reichen Florentiners – und sich dabei gleich mit – zu Wohlstand und seiner Tochter Lauretta zu ihrem Glück verhilft und Leoncavallo Bajazzo zu vereinen, haben der kroatische Gastregisseur Ivan Leo Lemo, Hausregisseurin Judica Semler und Dramaturg André Meyer die Idee gehabt, zum Vorspiel des Bajazzo gleich zwei Stücke anzukündigen: neben der Komödie der Colombina am Abend („a 23 ore“) wird nachmittags das Stück aus Dantes Göttlicher Komödie gegeben. Dazu hat Marie-Luise Strandt eine Art Podest auf die Freiberger Bühne gestellt, das im Gianni Schicchi als Schlafzimmer, im Bajazzo als Bühne auf der Bühne fungiert. Dieser Ansatz funktioniert sehr gut und treibt die Idee vom Spiel im Spiel auf die Spitze. Dabei arbeiten die beiden Regisseure so gut Hand in Hand, dass ein Musiktheaterabend aus einem Guss entsteht, ohne dass die beiden ihre individuellen Stile verlieren. Lemo, der für Gianni Schicchi verantwortlich zeichnet, überzeugt mit ausgeklügelten Choreografien seiner Protagonisten – fast, als käme er aus dem Tanzbereich. Gespickt mit allerhand urkomischen, nie platten Ideen, strukturiert er so das quirlige Puccini-Werk und verleiht ihm zugleich zeitgenössischen Witz.

© Detlev Müller

Judica Semler hat es bei Pagliacci naturgemäß mit mehr Drama zu tun: Canio – als unsympathischer Despot gezeichnet und scheinbar der Darstellerin der Lauretta im Schicchi amourös zugetan – ersticht seine Frau auf offener Bühne, weil sie ihn mit Silvio und in Freiberg überdies mit dem gemeinsamen Sohn (Moritz Winkler, der bei Puccini den Gherardino gibt) verlassen will. Durch einen gelungenen Einfall verhilft Semler den dreien sogar zu einem Happy End: Beppo (Frank Unger mit klangschöner Serenade im Kolumbina-Spiel) hatte das Unheil kommen sehen und das Messer, mit dem Canio auf Nedda einsticht, durch einen Theaterdolch mit versenkbarer Klinge ausgetauscht. Der Abend ist also voller gelungener Überraschungen und das gilt auch für die musikalische Seite.

© Detlev Müller

Allerhand Rollendebüts bescheren die beiden Werke dem durchweg jungen und dabei hoch talentierten Ensemble: Beomseok Choi ist ein stimmgewaltiger Tonio, der das kleine Freiberger Theater mit voluminösem und zugleich facettenreichem Bariton bis in die letzte Ecke ausfüllt und als Gianni Schicchi zusätzlich sein komödiantisches Talent unter Beweis stellt. Inkyu Park vereint die so gegensätzlichen Rollen des Rinuccio und des Canio. Während er im Gianni Schicchi noch viel Lyrik in seinen klangschönen Tenor legt, kommt er als Prinzipal der Komödiantentruppe mit imposanter Stimmgewalt und hochenergetischem Spiel daher. Dritter im Kampf um Neddas Herz ist schließlich der Silvio von Leonhard Geiger, der die Rolle mit viel Gefühl und einem samtenen Bariton meistert. Die Überraschung des Abends ist für mich Fernanda Allande als Nedda. Der Sopran der aus Mexiko stammende jungen Sängerin verfügt über unglaublich viele Farben, eine fast mezzohaft klingende Mittellage und feine Höhen. Sie vereint berührende Piani mit immensem Ausdruck und zeigt in der Schlussszene mit viel Volumen eine entschlossene Frau, die um ihr Glück kämpft. Volumen bringt auch Paola Alcocer als herrlich zeternde Zita mit. Ihr satter Mezzo dringt dabei fast ins Altregister vor, dazu verfügt die Bolivianerin über eine vorzügliche Mimik.

© Detlev Müller

Etwas weniger voluminös hätte ich mir dagegen die Lauretta von Julia Domke gewünscht, hätte doch ihr O mio babbino caro – und damit der Opernhit aus Gianni Schicchi – ein wenig mehr Piano gut vertragen. Doch das ist Jammern auf höchstem Niveau: bis in die kleinste Rolle und den letzten Chorsolisten besticht das Freiberger Ensemble mit überzeugenden Rollenportraits und ansteckender Spielfreude. Im Graben macht José Luis Gutiérrez die musikalische Seite des Abends rund: sein lebendiges Dirigat sprüht nur so vor Energie, die bis in den voll besetzten, am Ende des Abends frenetisch applaudierenden Zuschauerraum schwappt. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen hat mich – nach den Flensburger Carmélites – eine Produktion in der so genannten Provinz so richtig von den Socken gehauen!

Ihr
Jochen Rüth

10. Mai 2026


Gianni Schicchi
Oper von Giacomo Puccini

Pagliacci
Oper von Ruggero Leoncavallo

Mittelsächsisches Theater Freiberg

Premiere: 9. Mai 2026

Regie: Ivan Leo Lemo & Judica Semler
Musikalische Leitung: José Luis Gutièrrez

Mittelsächsische Philharmonie

weitere Vorstellungen: 16., 23. und 29. Mai 2026, als Wiederaufnahme in der kommenden Spielzeit sowie ab 7. November in Döbeln