
Bei dem Label C-major ist ein Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper von Mozarts Cosi fan tutte auf Blu-ray-Disc erschienen. Aufgenommen wurde eine Aufführung vom Juni 2024. Um das Fazit einmal vorwegzunehmen: Diese hochkarätige Blu-ray-Disc ist voll und ganz empfehlenswert. Das Niveau ist in jeder Beziehung ausgesprochen hoch. Das beginnt schon bei der gelungenen Inszenierung von Barrie Kosky in dem Bühnenbild und den Kostümen von Gianluca Falaschi. Kosky gibt dem Affen Zucker und punktet mit einer modernen, sehr kurzweiligen und von einer stringenten Personenführung geprägten Regiearbeit. Gekonnt siedelt er die Handlung in einem Theater auf dem Theater an. Das ist zwar nicht mehr neu, aber immer wieder effektiv. Dieses kleine Provinztheater hat indes schon bessere Tage gesehen, es wirkt etwas heruntergekommen. Der erste Akt spielt sich im Probenraum des Theaters ab. In zweiten Akt kommt dann die Drehbühne häufig zum Einsatz. Auf diese Weise werden immer wieder schnelle Wechsel zwischen Garderobe und Bühne möglich. Hier wird eine konventionelle Produktion von Mozarts Cosi fan tutte geprobt. Als Regisseur fungiert der ältliche Don Alfonso, der während der Proben seine zeitgenössisch gekleideten Schauspielpärchen Fiordiligi und Guglielmo sowie Dorabella und Ferrando mit seiner frauenfeindlichen Philosophie ganz schön nervt. Beim näheren Hinsehen entdeckt man, dass er einen Ring am Finger trägt. Er ist anscheinend verheiratet und hat in seiner Ehe offensichtlich nicht die besten Erfahrungen gemacht. Seinen Frust darüber lässt er nun an den Schauspielern aus. Zur Seite steht ihm Despina, die hier mehrere Funktionen erfüllt. Sie fungiert sowohl als Regieassistentin als auch als Inspizientin. Die Kopfhörer nimmt sie nur ab, wenn es unbedingt sein muss. Köstlich sind ihre Verkleidungsszenen. Im Finale des ersten Aktes erscheint sie als Rettungssanitäterin, die die beiden angeblich vergifteten Männer mit Hilfe von im Intimbereich angesetzten Kabeln in das Leben zurückholt. Ungemein köstlich mutet auch ihr Auftritt als Notar im zweiten Akt an. Es ist ein bitterböses Experiment, das Don Alfonso da mit seiner Schauspieltruppe vollführt und bei dem die Grenzen zwischen Spiel und Realität fließend sind. Alle wissen Bescheid, spielen aber dennoch mit. Wenn die verkleideten Herren am Ende des ersten Aktes ihre Masken abnehmen, ist das nebensächlich, weil die Damen sich ja über alles im Klaren sind. Dieser Fakt verleiht dem Ganzen einen gehörigen Schuss zusätzlicher Spannung. Teilweise tragen die Frauen Hosenanzüge. Im zweiten Akt, in dem die Proben in traditionellen Kostümen der Mozart-Zeit stattfinden, tragen die Liebhaber auch mal Frauenkleider. Einen Großteil des zweiten Aktes bestreiten die Liebenden in Unterkleidern. Allmählich werden sie sich der Fragwürdigkeit des Experiments, deren Mitspieler sie sind, bewusst und versuchen, an einer auf der Hinterwand des Theaters auf dem Theater angebrachten Feuerleiter aus diesem auszubrechen. Dieser Versuch ist aber zum Scheitern verurteilt. Sie haben auch nicht damit gerechnet, dass sich aus diesem anrüchigen Versuch Don Alfonsos bei ihnen echte Emotionen entwickeln. Am Ende wissen die beiden Paare nicht mehr ein noch aus und wechseln ständig untereinander die Plätze. Wer zu wem gehört, bleibt unklar. Eine gemeinsame Zukunft gibt es weder für Ferrando und Dorabella noch für Guglielmo und Fiordiligi. Zum Schluss gehen sie auf die Barrikaden, weigern sich vehement, an dem Spiel weiter zu partizipieren und knallen dem nun altmodisch gekleideten Regisseur Don Alfonso ihre Klavierauszüge vor die Nase. Das ist alles sehr überzeugend und ungemein kurzweilig umgesetzt.
Von Fortepiano, das er selbst spielt, aus animiert Philippe Jordan das bestens disponierte Orchester der Wiener Staatsoper zu einem präzisen, intensiven und farbenreichen Spiel. Der Dirigent legt ein treffliches Gespür für die verschiedensten Nuancen an den Tag und wartet zudem mit einer ausgeprägten Farbpalette auf.
Ebenfalls auf hohem Niveau bewegen sich die gesanglichen Leistungen. An erster Stelle ist hier Christopher Maltman zu nennen, der mit bestens fokussiertem, kraftvollem und ausdrucksstarkem Heldenbariton einen ausgezeichneten Don Alfonso singt, den er zudem überzeugend spielt. Ein tadelloser Stimmsitz ist Federica Lombardi zu bescheinigen, die das gesamte Gefühlsspektrum der Fiordiligi grandios zur Geltung bringt. Lediglich die Koloraturen sind etwas verbesserungswürdig. Eine recht burschikose Dorabella ist Emily D`Angelo, die ihrem Part mit voll klingendem Mezzosopran auch gesanglich sehr gerecht wird. Ihre Stimmfachkollegin Kate Lindsey geht voll und ganz in der Rolle der Despina auf. Schon darstellerisch ungemein aufgedreht und fetzig, vermag sie auch vokal mit ihrer schön und rund klingenden Stimme sämtliche Register ihrer Rolle zu ziehen. Einen hellen, geradlinigen und ebenmäßig geführten Tenor bringt Filipe Manu in die Partie des Ferrando ein. Als Guglielmo gefällt mit vorbildlich fundiertem, intensivem und farbenreichem Bariton Peter Kellner. Gefällig präsentiert sich der von Martin Schebesta einstudierte Chor der Wiener Staatsoper.
Ludwig Steinbach, 27. April 2026
Blu-ray-Disc: Cosi fan tutte
Wolfgang Amadeus Mozart
Wiener Staatsoper
Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Best.Nr.: 771004