Pionteks Bayreuth: „Oxana Yablonskaya / Dmitry Yablonsky“

© Ole Muth

Elegant – dieses Wort fällt einem sogleich ein, wenn man Oxana Yablonskaya und ihren Sohn Dmitry zum ersten Mal hört.

Elegant – so könnte man auch den Saal bezeichnen, in dem das Gastspiel der beiden Künstler in Bayreuth stattfindet, auch wenn der Raum im neu eröffneten Jüdischen Kulturzentrum eher schlicht-schön aussieht. Die Hauptsache aber ist die Akustik; wenn die Pianistin und der Violoncellist zu spielen beginnen, wird schnell klar, dass wir es mit einem auch musikalischen Paar zu tun haben, das vollkommen aufeinander abgestimmt ist. Yablonskaya, deren Biographie die Verwerfungen der sowjetischen Nachkriegszeit spiegelt – sie emigrierte 1977 in die USA, nachdem ihr ihr Staat Auslandsauftrittsverbot erteilt hatte und Leonard Bernstein, Henry Miller und Jimmy Carter, um nur einige Prominente zu nennen, an die sowjetische Regierung appellierten, die Musikerin ausreisen zu lassen -, Yablonskaya spielt nach einem langen künstlerischen Leben so souverän, wie man es nur vorstellen kann. In Bayreuth gestaltet sie mit dem gleichrangigen Partner das zweite Konzert im Jüdischen Gemeindehaus, nachdem der Tonkünstlerverband sich einem anderen jüdischen Komponisten gewidmet hatte – denn Baruch Berliner ist schon der Zweite, den man nun in Bayreuth feierte.

Am Anfang aber steht Mendelssohn Bartholdy, dessen familienbedingte Konversion zum Christentum sein Judentum zu einem seltsam gebrochenen macht, wie er im Zwiespalt zwischen Paulus und Elias (dem er das künstlerisch überzeugendere Oratorium widmete) offenbar wurde. Seine Variations concertantes op. 17 aber sind die reinste, schönste und ein wenig vom Barock inspirierte Kammermusik, die 1829 zur Recreation der Gemüter möglich war. Die beiden Yablonskayas bringen sie unaufdringich, doch nicht emotionslos. Überhaupt ist der Stil der Musiker klar definierbar: voller Sentiment – doch nicht schmalzig. Das Violoncello singt also sanft, wenn das Kol Nidrei Max Bruchs ertönt, die drei Unterhaltungsklassiker Fritz Kreislers – Liebeslust, Liebesleid und Schön Rosmarin – sind süße, doch nicht allzu süße Wiener Bonbons, um einen Walzertitel von Johann Strauß zu zitieren. Liebeslust klingt unter den Händen der beiden Meistermusiker also frisch, Liebesleid bittersüß – als sähe der Komponist von außen auf das Gefühl – und Schön Rosmarin flott wie ein deutlich akzentuierter schnellerer Walzer. Dagegen verschwindet die Piccola Berceuse von Aldo Finzi schon schnell aus dem Gedächtnis, während man sich noch wundert, wie Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts noch eine derart traditionelle Musik gemacht werden konnte. Allein auch das Haupt- und Schlusswerk des Abends hat es mit einer musikalischen Überlieferung zu tun, die sich auf die Wurzeln einer etwas älteren Musik beruft.

Baruch Berliner, Jahrgang 1942, geboren in Tel Aviv, im Hauptberuf Nichtmusiker, kam eigens nach Bayreuth, um hier sein neuestes Stück – Abraham. Sonata Fantasia 2 – vorzustellen. Wüsste man es nicht, man käme nie darauf, dass es 2026 geschrieben worden ist. Die vier Sätze, weniger Fantasie als Sonate, sind deutlich der Tonalität verpflichtet, arbeiten oft mit modalen Tonarten und verarbeiten das thematisch leicht fassliche Material auf gelegentlich erwartbare, gelegentlich überraschende Weise. Strukturell gesprochen und für die sog. Ewigkeit notiert: Satz 1 – Der Vater (Terach) – bringt liedhafte Variationen auf ein so einfaches wie bedeutungsvoll-erratisches Motiv, das Hauptmotiv von Satz 2 – Zieh hin (…in das Land, das ich dir zeigen werde) – erinnert, in Variation einfacher Notenwerte, von fern an das Hauptthema des ersten Satzes, bevor die Pianistin über einem Ostinato ihre wirbeligen Sprünge entwickelt und der Satz mit einem leisen Cello-Gesang ausklingt, Satz 3 – Abraham (Vater vieler Völker) – variiert wiederum, nun sehr stark, das Hauptthema des ersten Satzes und bringt ein zweites, bewegteres und gleichzeitig selbstsicheres auf den Weg, und das Finale – Der Segen und der Bund – hat es von Neuem mit den Vierteln und den Halben zu tun: festgegründet, doch am Ende in einen für diese Sonate ungewöhnlichen Ragtime mündend. „Man kann es“, sagt Berliner dann, „vielleicht auch anders spielen, aber besser nicht“. Jüdische Musik heute ist, zumindest bei Berliner eine Sache zwischen Gestern und Heute oder, wie es in Anatevka so schön heißt: „Tradition!“

Was danach noch folgen kann, ist ein Epilog in dreifacher Ausfertigung: Baruch Berliners Epilog aus der Filmmusik zu The Address on the Wall (eine Auskoppelung aus seinem Oratorium Genesis), Anton Rubinsteins berühmtestes Stück, das beliebte Encore Melodie, schließlich, als Pianosolostück, Mendelssohns bekanntestes Lied ohne Worte op. 19/1, von dem der britische Musikwissenschaftler Wilfrid Mellers – kein Antisemit, sondern nur ein Exzentriker – 1957 behauptet hat, dass „die Schwächlichkeit der Melodik nur durch die Atmosphäre erlesener Gelöstheit und Entspannung gerechtfertigt“ werde. Erlesene Gelöstheit – das klingt schon fast wie „Eleganz“…

Dmitry Yablonsky hätte auch dieses Werk mit seinem Violoncelloton adeln können, musste es aber nicht. So blieb am Ende „nur“ die Feier einer Pianistin, die der musikalischen Welt nichts mehr beweisen muss und mit größter Sicherheit in Sachen Artikulation und unpathetischem Pathos ihr Bayreuther Publikum nichts als erfreute.

Frank Piontek 12. Mai 2026


Felix Mendelssohn Bartholdy: Variations concertantes op. 17
Max Bruch: Kol Nidrei
Fritz Kreisler: Liebesfreud, Liebesleid, Schön Rosmarin
Aldo Finzi: Piccola Berceuse
Baruch Berliner: Abraham. Sonata Fantasia No. 2
Baruch Berliner: Epilog zu Genesis
Anton Rubinstein: Melodie
Felix Mendelssohn Bartholdy: Lied ohne Worte op. 19/1

Jüdisches Kulturzentrum, Bayreuth
10. Mai 2026